Orthographische Nonchalance
Es passt zu Nana, dass sie an etwas so Abgeschmacktem und von Genrevorgaben stark Verengtem, wie den Simenon-Krimis ihr eigenes Vergnügen findet. Sie erkennt den lüsternen Autor in den gravitätischen Maigret-Avataren. Das ist eine philologische Passion.
Simenons Psychologie war einfallsreich im jeweiligen Genrerahmen, es sei denn, es ging um Frauen. Dann wurde er grob einfältig. Ich sehe Nana an einem antiken Institutsschreibtisch, vor dem Fenster uralte Bäume, sie schmökert in einer Schwarte, während ihr ein akademischer Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Dieses Schmökern gehört zu ihren Spielräumen. Von Beckett sagt man, er habe schließlich nur noch Kriminalromane gelesen.
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Dmitrij Medwedew offenbarte „die russische Sicht auf Europas Zivilisation, als er den Balten und letztlich allen Europäern (zurief): ‚Dass ihr in Freiheit seid, ist nicht euer Verdienst, sondern unser Versäumnis.‘“ Zitiert aus Michael Thumanns Alarmanalyse ‚Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat‘
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In einer frühen Analyse der englischen Klassengesellschaft (Culture and Anarchy) bezeichnet Matthew Arnold die Herrschenden seiner Zeit als „Barbaren“. Arnold unterscheidet sie nach einem schlichten Schema. Es gibt „schwerfällige“ und „gelöste“ Barbaren. Die einen lieben hoheitliche -, die anderen sportliche Auszeichnungen. Das bürgerliche Lager kommt bei Arnold nicht besser weg. In einem Klima bigotter Beschränktheit existieren Jahrhundertschriftstellerinnen wie George Sand und George Eliot stets dicht am Skandal. Bei Eliot zeigt sich das auch an den vielen Namen, die sie für sich verwendet. Ihren Durchmarsch zum Ruhm startet sie nach der dritten Umbenennung als Marian Evans. Marian Evans Lewes wagt eine wilde Ehe mit dem verheirateten Kollegen George Henry Lewes. Siehe „Die Physiologie des täglichen Lebens“. Die amtliche Gattin toleriert das Arrangement. Das Paar lebt vorübergehend in Weimar. Unter dem Pseudonym George Eliot verschafft sich Marian Evans literarischen Weltruf. Sie stirbt gediegen als Mary Ann Cross.
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„Die Lebensgeschichte von George Eliot liest sich wie ein Roman von George Eliot.“ Hans Mayer
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„Nie vergaß (Eliza Lynn Linton) ... ihr selbstgeschaffenes Selbst.“ George Eliot
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„Übrigens habe ich über (Uhlands) ‚Gedichte' kaum ein Urteil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vorneherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, dass mir das Weiterlesen verleidet wurde.“ Goethe zu Eckermann
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„Gewöhnlich schreibt man dem das Werk zu, der die letzte Hand daranlegte. Daher trägt ein Tölpel so oft den Preis davon, wenn er geschickt genug ist, zu einer Geige den mangelnden Bogen zu verfertigen.“ Ludwig Börne
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„In der Dämmerung war ich ein halbes Stündchen bei Goethe.“ Eckermann am Sonnabend, den 25. Oktober 1823
Verehrer aus der Geisterwelt
Das bibelfeste Latein und die gotische Handschrift sind Insignien eines besonderen Gottesdienstes. Jahrhundertelang entstehen in den Skriptorien der Klöster Abschriften bedeutender Werke der Christenheit in einer bis auf den letzten Punkt kodifizierten Praxis. Die Kopisten verrichten Frondienste des Geistes.
Unter dem Druck des Buchdrucks transformiert sich die mittelalterliche Überlieferungskultur. Verbesserte Verfahren zur Papierherstellung verdrängen das Pergament und erhöhen die Reichweiten von Bildungsgütern.
In diesem Spannungsfeld wächst Erasmus von Rotterdam als unehelicher Priestersohn auf. Sein Vater sorgt für die frühestmögliche Alphabetisierung des illegitimen Nachwuchses in einer Gesellschaft ohne Schulzwang. Unterrichtet wird Erasmus zunächst in der allgemein vernachlässigten Muttersprache. Orthografie und Grammatik unterliegen keiner Formalisierung. Die Verschriftlichung des Holländischen beschränkt sich vielfältig auf Zunftangelegenheiten. Vor allem geht es um die Lesefähigkeit künftiger Handwerker. Die kleinen Leute holzen. An die Unterrichtenden werden geringe Anforderungen gestellt.
Nana referiert. Sie trägt vor wie in einer Prüfungslage. Sie erklärt sich vor einem akademischen Alpengipfel. Sie verneigt sich vor dem Genie des Sprachmeisters Goya von Pechstein. Seine Huld schmeichelt ihr. Sie teilt mit ihm eine philologische Passion, die im Genitalen ausufert. Sie bewegt ihn mit Worten, so wie er sie mit Worten bewegt. Jetzt beschleunigt er ihren genitalen Puls und sie ist dieser Ermächtigung aufs Schönste ausgeliefert. Gemeinsam genießen die beiden das Terrassenflair auf einem Hoteldach. An der Horizontlinie unterscheiden sich Himmel und Meer dramatisch.
Spurenelemente von Blei, Gold und Radium. Das ist, was von uns übrigbleibt, abgesehen von Kohlenstoff. Wir sind Sterne. Wie andere Sterne bestehen wir aus Sonnenstaub. Der Mensch kommt aus der Sternenschmiede. Wir sind alle Kinder des Universums.
Warum haben wir das vergessen?
Jede Sublimierung steigert den Reiz. Die Lust, sich in schönen Kleidern zu zeigen, sich phantasievoll anzuziehen, verbunden mit der Liebe zu Worten - das sind ihre Ingredienzien der Lust. Nana stellt sich Goya als Adoleszenten vor - seine schamhafte Brunst; die grobe Einfalt der anderen. Aus dem Nichts materialisiert sich ein Verehrer aus der Geisterwelt in der Gestalt eines angetrunkenen Studenten. Nur Nana kann seinen Lichtgestaltmantel sehen. Er kehrt in die Unsichtbarkeit zurück, bleibt aber da.
Nana meidet Alkohol. In einer Bar lässt sie sich nur dann einen Cocktail servieren, wenn es in ihr Drehbuch passt. Wenn es für den Auftritt notwendig ist, raucht sie. Abgesehen davon hält sie Zigaretten für ein schreckliches Gift. Aber was zu einer Präsentation gehört, schadet nie. Auf dem Weg zum Greifswalder Bodden raucht sie auf einem Bahnsteig. Schließlich landen Nana und Goya auf einem Felsen im Meer. Die Insel Oie wurde bis ins letzte Jahrhundert forstwirtschaftlich genutzt. Das Paar flaniert unter Eschen, Eichen, Buchen und Ulmen von mitunter bizarrem Wuchs. So sieht ein Märchen- und Zauberwald aus. Ich liefere eine zusätzliche Perspektive. Von oben sieht Oie so aus wie ein kleines Neufundland, das man auf dem Weg nach New York überfliegt.
An einem anderen Tag in der vertrauten Umgebung von Ederthal
Nana im schwarzen Samtkleid, die rote Spitze ihres Büstenhalters illuminiert den Ausschnitt. Oben eng, fällt es wie ein Vorhang über den Hintern. Goya folgt ihr ins Wohnzimmer. Die Einrichtung erinnert an ein fürstliches Kabinett vergangener Zeiten ... an einen Schauplatz nobler Séancen und aristokratischer Pendel-Orakel-Befragungen.
Das Paar beim Kaffee in dem von einer griechischen Familie bewirtschafteten öffentlichen Wohnzimmer des Viertels. Nana ist vollkommen overdressed in dem griechischen Kiez-Asyl. Das ist ein Ort zwischen Wärmestube und Kindergarten. Ein öffentliches Wohnzimmer für die prekäre Nachbarschaft.