Zunächst unterstützte die Bundesrepublik Deutschland ihn, dann unterstützte Deutschland jene, die Schah Reza Pahlavi vom Pfauenthron stürzten. Frank Bösch beschreibt diesen historischen Wendepunkt als eine Zäsur der Weltgeschichte – und als Initialzündung der Gegenwart. Nichts von dem, was sich im Februar 1979 in Teheran ereignete, entsprach einer Vorzeichnung. Michel Foucault, der den landesweiten Aufstand für Corriere della Sera beobachtete, schrieb: „Dies ist vielleicht der erste große Aufstand gegen die globalen Systeme.“
Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen hinweggefegt. Viele dürften den unheilvollen Charakter von Foucaults Iran-Berichten übersehen haben. Plötzlich drängten verschleierte Frauen in den Vordergrund und erklärten ihre „Ablehnung der westlichen Moderne“ zur politischen Leitlinie. Die Botschaft verpuffte in einem Vakuum des Unverständnisses. Zukunft wurde allgemein als ein westliches Projekt begriffen. Wahrgenommen wurde eine „Rückkehr ins Mittelalter“ unter der Ägide Ajatollah Khomeinis.
Siehe Frank Bösch, Zeitenwende 1979 – Als die Welt von heute begann
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In unseren Zellen herrscht noch immer Steinzeit.
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„Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information.“ Heiner Müller
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„Die wichtigste Ware, die ich kenne, ist Information.“ Gordon Gekko
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„Ein Körper ist eine Überlebensmaschine für Informationen.“ Richard Dawkins
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„Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, blind programmiert, um die egoistischen Moleküle, genannt Gene, zu erhalten.“ Richard Dawkins
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„Man kann wissen, wie man siegt, ohne es tun zu können.“ Sunzi
Eine Rückblende auf das Jahr 20..
Die Gassen von Ederthal im späten Licht. Der Himmel füllt sich mit Rosenfarben. Die Eder-Aue leuchtet, als sei sie in flüssigen Bernstein getaucht.
Nana trägt einen Sombrero de Palma, einen breitkrempigen Strohhut mit einem schwarzen Seidenband. Das ist kein Hutband, sondern ein Band der Liebe und des Spiels. Mit diesem Band verbindet sie Momente intimer Verbundenheit mit ihrem Spielgefährten Anson. Es ist ein Signal ihres erotischen Expansionskurses.
Nanas smaragdgrünes Top ist aus Musselin; die schmalen Träger ruhen federleicht auf den Schultern, das Gewebe selbst ist kaum mehr als ein Hauch - ist gesponnenes Licht.
Ich erzähle kurz die Story ihrer Shorts.
Rückblende - London vor ein paar Wochen
In einem Schaufenster auf der Marylebone High Street sieht Anson ein Paar sandfarbene Leinenshorts. Er stellt sich vor, wie er die Shorts Nana auszieht, hört sie kichern, sieht sie im Slip, lässt sich ihre Verführungslust auf der Erinnerungszunge zergehen. Sein Glück liegt ihr am Herzen.
Der Laden riecht nach Leder und Patchouli. Die solistisch agierende Verkäuferin wirkt wie von einem anderen Stern. Als hielte sie sich zwischen den Stapeln versteckt, bis zu irgendeinem interstellaren Countdown. Anson bemerkt ein Nasenpiercing und tribalistische Tätowierungen, die ihn an Mad Max denken lassen.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragt sie spöttisch. Ihr Haar ist eine wilde Wolke aus silbrig schimmernden Strähnen. Anson deutet auf das Objekt seiner Begierde. Die Verkäuferin zeigt sich gnädig: „Sie wird darin wunderschön aussehen.“
Nana kennt die Londoner Phantasie. Sie liebt es, mit Genauigkeit die Aufmerksamkeit zu quittieren, die Ansons erotischer Einfallsreichtum zutiefst ist. Sie schmiegt sich an ihn, nimmt seine Hände und legt sie sich auf die Hüften. Sie küsst seinen Hals. Es beseelt sie, ihn so zu spüren, ich sage jetzt nicht wie. In Gedanken sagt sie dieses und jenes, um ihn noch heißer zu machen, aber noch traut sie sich nicht, die Worte auszusprechen, die so viel auslösen.
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Sie entscheiden sich für den Spanier am Rathausplatz. Sie bestellen Berenjenas con miel - frittierte Auberginen, goldbraun, hauchdünn aufgeschnitten, leicht gesalzen - mit einem Faden Miel de caña, Zuckerrohrhonig. Einen Fino vorweg, danach trinken sie Verdejo.
„Mineralisch. Andalusisch“, schmeckt Nana der Wein.
„Wie schmeckt andalusisch?“, fragt Anson.
Das schönste Spiel der Welt - Nana in ihren eigenen Worten
Da liege ich. Ein Tuch auf meinen Hüften, mehr habe ich nicht am Leib. Es steht so geschrieben im Drehbuch unserer Liebe. Du kriegst vom Arabeskenzauber nicht genug, und ich auch nicht. Ich verzaubere dich mit einer Wonne, die direkt aus den Genen kommt. Ich verdrehe dir den Kopf, krieche unter die Bettdecke … es ist das schönste Spiel meines Lebens. Die Wahrheit ist, ich habe es mit wenigen Männern gespielt. Die zuerst schüchterne und dann vernachlässigende Erregung der meisten und dein permanentes Feuerwerk ergeben einen krassen Gegensatz.
Ich danke dir jeden Tag für deine Liebe und für die Lust, die du mir so wunderbar ausdauernd schenkst. Du hast mich auf einen Trip geschickt, längst bin ich süchtig nach den Hormoncocktails, die wir uns gegenseitig immer noch raffinierter mixen.
Aus der Perspektive des Allwissenden
Nana liegt fast nackt auf dem Hotelbett. Ein Seidentuch mäandert über ihre Hüfte. Auch das Tuch hat eine Geschichte. Es ist ein Fundstück, das Nana auf einem Basar in Jaipur entdeckt hat - in einem Gewirr von Gewürzständen, Garküchen und anderen zünftig-ambulanten Verkaufsstellen. Kurkuma wurde wie Goldstaub abgewogen.
Das Tuch hat Farben, die an einen Sonnenuntergang in der Südsee erinnern: Karmin, Goldorange, ein Anflug von Violett an den Rändern, als hätte jemand den Horizont darin eingerollt. Der Händler sagte, es sei Bandhani - traditionelle indische Färbetechnik. Es war kaum mehr als Luft, schien aber Wärme zu speichern. Eine flüchtige Magie.
Die Magie verflüchtigte sich auf dem Heimflug. Nana trägt das Tuch manchmal in der Öffentlichkeit. Es gehört zum Spiel und kann deshalb auch als Zeichen eingesetzt werden. Zu einem anderen Mann hätte sie sagen können:
„Erinnerst du dich? Damals in Delhi - der Stromausfall - als ich es zum ersten Mal trug?“
Anson steht am Fenster. Seine Stimme erreicht Nana wie in einem Traum, obwohl er mit untergründiger Entschlossenheit von seinem neuen Roman spricht.
Der Roman handelt von einer Frau, die nicht weiß, ob sie das Echo ihrer eigenen Erinnerungen verfolgt - oder der Schatten eines Mannes, der einst die Hauptrolle in einer verpatzten, vielleicht auch verpassten Liebesgeschichte spielte.
„Erzählst du eine Gespenstergeschichte?“
„Nicht im klassischen Sinn. Eher eine Geschichte über das, was bleibt, wenn die Leidenschaft geht - und was zurückkehrt, wenn man es nicht erwartet.“
„Wo spielt die Geschichte?“
„Zwischen London und Cádiz. Sie ist Übersetzerin, er Ethnologe. Er verschwindet spurlos. Irgendwann beginnt sie in seinen Aufzeichnungen Sätze zu finden, die er nie geschrieben haben kann - die sie kennt. Weil sie ihr gehören.“