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2026-01-29 11:02:44, Jamal

In der Blütezeit afrikanischer Expeditionen und spekulativer Ethnologie beschäftigte sich der Journalist Henry Mayhew (1812–1887) mit der Archaisierung der Armut direkt vor seiner eigenen Haustür. Er betrieb Ethnologie in den Gassen Londons und unterschied dabei zwischen Stämmen und Clans. Hunde-Dieb war zu seiner Zeit ein anerkannter Beruf, zumindest in bestimmten Kreisen.

Mit Dostojewski in der Badewanne

„Ich irrte spätnachts durch diese Mondlandschaft, wo die körperliche Begierde vollends jedes Gefühl ersetzt hat ...   (ich) vögelte mit der Wonne eines Kindes, das aus Versehen in einen Süßwarenladen eingesperrt wurde, und schrieb alles auf.“ Dies oft genug zu der Musik von Bob Marley.“ Dany Laferrière

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„Seltsam, wie sehr die schüchternsten Frauen sich von Ungeheuern angezogen fühlen.“

Laferrière stellt das in der U-Bahn von Montréal fest, angesichts einer „feingliedrigen Chinesin“, die Hemingway, „den alten Rohling“ liest. Der Autor pflastert die Erzählstrecke mit Unterstellungen. Manchmal folgen ihm Verehrerinnen nach kaum minutenlangen Erstbegegnungen, ohne Vorgespräch. Es kommt vor, „dass ich ein Mädchen mit zu mir nehme, ohne sie überhaupt nach dem Namen gefragt zu haben“. Trotzdem verbringt Laferrière die aufregendste und vor allem glücklichste Zeit mit Dostojewski in der Badewanne, das „vereiste Russland (und andere) mysteriösere Gegenden“ durchquerend. 

Frauen rennen dem Debütanten die Bude ein. In einer besonders anrührenden Szene platziert sich eine Nachbarin, die sich sonst stets nahezu nackt präsentiert, in einem Kleid auf dem Wannenrand. Sie hat sich nicht nur selbst eingeladen, sondern wirkt auch wie eine Gastgeberin. Sie bemüht sich um Laferrière mit „Austern, Zitrone, Salz, zwei Flaschen Wein und ...“ Resigniert schließt der Wannenleser die Augen. Es wird wieder einmal nicht ohne Sex abgehen. 

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„Hochzeiten sind Suff und Heiligkeit, Schweiß unterm Kleid, Buttercreme im Mund.“

In der Herbstsaison kursierten noch die besten Gründe, weshalb die Ehe ein Auslaufmodell sei, und im Jetzt des nächsten Frühjahrs sind alle wenigstens verlobt, die sich bis eben nie binden wollten. Das Hochzeitsfieber grassiert wie eine Epidemie in Freundeskreisen. In „Hochzeiten“ zerpflückt Leslie Jameson das Phänomen der hysterischen Bündnisbildung in typisch-neuenglischen Szenen, angefangen von der Trauung in einer antiken „Walfänger-Kirche am Nachmittag, eingesalzen und sonnenhell, in den beschwipsten Glanz einer alten Scheune“. Moby Dick lässt grüßen. 

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Von allen Varianten, die Leslie Jameson ins Spiel bringt, gefällt mir diese am besten: „Mitten in den Catskills* auf einer staubigen Straße vor dem Postamt auszusteigen und zu warten, bis jemand dich zur Lodge bringt. Es gibt immer eine Lodge. Es gibt immer Cocktails in der Lodge.“   

*„Seinen Namen erhielt der Bergzug von der Siedlung Catskill, gelegen an der Mündung des gleichnamigen Baches in den Hudson, die im Norden der einstigen niederländischen Kolonie Nieuw Nederland angelegt worden war.“ Wikipedia

Das Catskill Gebirge zählt zu den physiographischen Provinzen der Appalachen; Woodstock liegt da. Manche erklären den Namen mit Berglöwen, die in Aufzeichnungen niederländischer Pioniere des 17. Jahrhunderts Erwähnung fanden.  Abweichenden Schreibweisen wie Kaatskill und Kaaterskill sind noch im Umlauf. Sie erlauben es, über einen phonetischen Lapsus zu spekulieren. Catskill könnte aus einer verballhornten niederländischen Trauermarke hervorgegangen sein. Vielleicht fand vor Ort ein Verbrechen statt und so hieß es dann in der Gegend: Wo Kate getötet wurde - Waar Kate werd vermoord/Where Kate was killed.

Auch in den Catskill gibt es „ein Programm für die Gäste ... (und) eine Brautjungfer, die hektisch nach ihren Schuhen sucht“.