Geistige Atemzüge
In der geologischen Betrachtung ist das Brandbergmassiv (Omukuruwaro) ein Zeugnis vulkanischer Aktivität während der Kreidezeit. Es erhebt sich im Nordwesten Namibias aus einer Wüste und überragt seine Umgebung um fast 2500 Meter als Pfeiler einer vor ca. 120 - 130 Mio. Jahren im Zuge des Gondwana-Aufbruchs entstandenen Kaldera (Vulkanruine). Erosion legte den intrusiven Ringkomplex frei. Man sieht den Granitkern einer abgetragenen Magmakammer.
Samuel parkte den Wagen auf einem Platz am Ende der Zufahrtsstraße D2359. Der zivilisatorische Ausläufer zwischen Geröll und Dornbüschen und unweit eines trockenen Flussbetts diente als Ausgangspunkt für geführte Wanderungen, unter anderem zur „White Lady“. Wir sahen Menschengestalten mit überlangen Gliedmaßen. Jäger mit Bögen, Antilopen, Zebras. Manche Figuren schienen zu tanzen, andere zu kämpfen oder einen Gott zu beschwören. Nichts wirkte dekorativ.
Samuel erklärte wenig. Die Malereien waren Erzählungen. Sie handelten von Jagd und Trance, von Übergängen zwischen den Welten. Von Riten, die nie verschwunden waren. Die San überlieferten hier ihre Kosmologie. Die Weiße Dame hatte einen Penis.
Ich hatte erwartet, Relikte zu sehen. Was ich fand, war Gegenwart. Diese Linien hatten überlebt, weil sie nicht bloß abbildeten. Der Brandberg wurde zwar das Louvre der Felsmalerei genannt. Aber der Vergleich hinkte. Das, was wir sahen, war keine Museumskunst.
Was ich erwartet hatte, waren archaische Zeichen gewesen. Was ich fand, war Gegenwart. Die Linien atmeten. Ich assoziierte Landkarten, Gebete, gespeicherte Erfahrung.
Wir befanden uns an einem Ort von universeller Kraft und Geschichtsmächtigkeit. Der realmythische Monolith erhob sich wie ein schweigender Wächter aus der Wüste. Er war ein heiliger Ort für die Damara und San. Der Damara-Name Dâures bedeutet „der brennende Berg“ – wegen des Aufleuchtens im Abendlicht. Geschichten und Mythen sind mit dem roten Stein verwoben. Wir haben Informationen, die älter sind als die Menschheit - hier wird die Einsicht zur Binse. Die Herrlichkeit der Natur lässt den Menschen tief unter dem Felsen rangieren.
Der Sand unter meinen Füßen war glutrot. Ich hatte nie für möglich gehalten, dass eine Farbe so viele Töne in sich tragen könnte - von tiefem Ocker über rostiges Orange bis hin zu fast violettem Braun, wenn sich Schatten darüberlegten.
Wir folgten einem ausgeschilderten Pilgerpfad. Die Spur mäanderte in flirrender Hitze. Sie führte vorbei an Spalten und Höhlen, die in somnambulen Vorspürerlebnissen und anderen mehr oder weniger erträumten Antizipationen nicht vorgekommen waren. Das Massiv ist nicht erratisch, kein Findling, der in Prozessen glazialer Erosion aus einer fernen Ursprungsumgebung gerissen wurde. Er entstand an Ort und Stelle.
Erratisch funktionierte auch nicht als poetische Kategorie. Das war die eurozentrische Perspektive. In der Wahrnehmung der ursprünglichen Bevölkerung stiftete der Monolith die Signatur seiner Umgebung. In einer angenehm schattigen Felsspalte entdeckten wir ockerrote Linien, die sich über das Gestein zogen wie Erinnerungen, die nie verblasst sind. Hände, Tiere, Kreise, die sich öffneten wie Wasserstellen im Sand. Ich fragte, wie alt sie wohl seien - Jahrhunderte? Jahrtausende?
Samuel sagte: „Sie malen immer noch.“
Es bleibt gegenwärtiges Erzählen - Narration im Augenblick, mit der Aussicht, das Informationszeitalter zu überdauern. Ich konnte nur staunen und nach Worten suchen, die hoffentlich im Gedächtnis haften blieben. Ich wollte nichts, nein, ich durfte nichts vergessen. Die Motive transportierten afrikanische Dreamings.
Ich hatte erwartet, Relikte zu entdecken. Was ich fand, war Bewegung. Die Punkte, Linien und Muster waren geistige Atemzüge. Jeder Strich war ein Vers im großen Lied dieser Landschaft.
Der Stein, vor dem ich stand, war kein stummer Zeuge. Er hörte zu. Und die Malerei war seine Stimme.
Das waren Geschichten, die nicht uns gehörten. Ich wagte kaum zu sprechen. Samuel ging ein paar Schritte voraus, den Blick gesenkt, als folgte auch er einer inneren Spur. Ich fand nicht heraus, wie bewegt oder routiniert er auf all das reagierte. Indes beobachtete ich ihn bei keiner Eigenmächtigkeit oder sogar Überschreitung. Wir hielten uns alle an die Hinweise, die freundlich, aber bestimmt daran erinnerten, dass dies kein Schauplatz hemmungsloser Gipfelkreuzikonografie war, sondern ein Ort der Demut.