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2026-01-30 12:30:44, Jamal

Momentaufnahme im Fluss der Zeit

Ein magischer Moment auf der Gravel Road nördlich von Uis (in einer Gegend mit Wüstenelefanten), kurz vor Sonnenuntergang. Dieses seltsame Licht… irgendwie leblos. Ein Kippmoment. Wir fuhren endlos geradeaus. Wie aus dem Nichts kam uns plötzlich ein gigantischer Truck entgegen – eine Horrorfilmmaschine voller akustischer und visueller Effekte. Ein fahrender Rummelplatz mit einer gewaltigen Staubschleppe. Sardonisch grinsend erklärte Samuel. 

„Ghost train, Namibia edition.“

*

Du warst in deinem eigenen Film. Zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung war da eine äußere Kraft, die es vermochte, das unsichtbare Band zu sprengen, das uns bis dahin verbunden hatte. Wir streiften uns fürsorglich und vertrauten einander so weit, dass wir uns im Schweigen besser verstanden als in jeder Sprache. Dass wir uns so viel Raum ließen, war eine neue Erfahrung für dich und für mich.

Je näher wir dem Brandbergmassiv kamen, desto mehr verschwand alles andere. Der Monolith war eine gigantische Erfahrung. Rillen überzogen das Gestein wie Adern. In manchen Vertiefungen sammelte sich roter Sand - das Ergebnis eines, so dachte ich es animistisch, rituellen Zerfalls. Doch war es kein Verfall. Erosion ist Wandlung. Eine formgebende Kraft im Einklang mit den Elementen.  

Was wir sahen, war das Werk von Millionen Jahren aber kein Endzustand. Nur eine Momentaufnahme im Fluss der Zeit.

Samuel stellte den Motor ab, wir lauschten dem Knistern des abkühlenden Metalls und blickten hinauf zu rostrot glühenden Felsen. Ich sah Wellen aus Stein und erstarrte Flammen. Ein Panorama wie halluziniert.

*

Ein „yarn“ ist in der australischen Umgangssprache eine halbwahre Geschichte, oft aus dem Outback. Ein „bush yarn“ ist folglich ein „Outback-Märchen“. Auch Samuel unterhielt uns mit Bush Stories. So virtuos wie subversiv spielte er auf dem Klavier europäischer Erwartungen (und Vorurteile).

Die Karosserie seines Land Rover war ramponiert, der Motor klang oft kurzatmig, das Radio funktionierte nicht, und die Sitze war durchgesessen. Dafür lag ein Satellitentelefon in der Konsole.

Bei Samuel war alles Vertrauenssache. Wir waren meist viel zu reisefiebrig, um erotisch auszuschweifen, aber ab und zu berührtest du meine nackten Schenkel und dann lag ein Knistern in der Luft. Mein Verlangen erkundend, glitten deine Finger über meine Haut. Der Staubwind mischte sich mit unserem Atem. Deine Berührungen wurden beherzter, das unausgesprochene Liebesflüstern wurde lauter.

Samuel war unser Grillmeister. In Namibia (vor allem unter Afrikaans-Sprechern) sagt man genau wie in Südafrika „’n lekker braai“, wenn man ein gemütliches Barbecue meint. „Braai“ ist der Standardbegriff fürs Grillen, und „lekker“ heißt lecker.

„Kom ons maak ’n lekker braai vanaand.“      

Samuel sprach Deutsch, Englisch und Afrikaans oft durcheinander. Er verzapfte am liebsten Wüstengarn, sich über unsere skeptischen Nachfragen herrlich amüsierend. Er führte uns leidenschaftlich gern hinters Licht, und du erhobst keine Einwände. Deine abweisende Seite blieb Samuel verborgen.

Wir erkundeten das Brandbergmassiv. Die Hitze flimmerte über einer vegetationsarmen Landschaft, doch in felsigen Vertiefungen war die Luft oft kühl und feucht. Schatten fielen wie monumentale Kreuzgangbögen auf das Gelände. In Spalten und Mulden entdeckten wir endemische Pflanzen, die in der harschen Umgebung sonst kaum überlebten – Farne, sukkulente Euphorbien, Sträucher in Rissen der Granitwand.

Ich spürte die Zeit in diesem Raum anders. Jede Feuchtigkeit speichernde Delle wirkte wie ein verstecktes Reservoir des Lebens. Winzige Garden of Eden verbargen sich vor der allgemeinen Unwirtlichkeit. Fadenscheinige Feuchtbiotope waren in der lebensfeindlichen Umgebung Naturwunder. Wind, Regen und Temperaturschwankungen hatten Schluchten in das Massiv gegraben. Natürliche Abschattungen ließen Wasser langsamer verdunsten als in der Ebene. Die höhere Luftfeuchtigkeit schuf ein eigenes Mikroklima, das den Wuchs lebender Fossilien begünstigte. So ergaben sich urzeitliche Anmutungen.

„Da wächst seit Millionen Jahren Wüstenkohlrabi. Er hat in einer Welt überlebt, die schon lange am Verdursten ist.“

Ich unterschied mit meinem Erkennungsbuch Welwitschia mirabilis von Aloe asperifolia und Arthraerua leubnitzia, die Bleistiftpflanze, deren blattlose, grüne Stängel das Sonnenlicht reflektierten. Es war, als hielte die Zeit den Atem an. Ich deutete jedes sprießende Blatt als göttlichen Fingerzeig.  

Der Aufstieg war steil, für mich aber nicht herausfordernd. Ich bin im Himalaya geklettert. Du kamst kaum mit, verschleiert nahmen Samuel und ich Rücksicht. Ich wollte dich nicht aus dem Tritt bringen.   

Der erste Aufstieg raubte dir den Atem und beinah auch das Gleichgewicht.

Nicht nur wegen der Höhe schienst du verunsichert. Wir rasteten an einer Stelle, die aussah, als hätten Titanen eine Siedlung in Stein gekegelt. Unten uns lag ein vorzeitliches Refugium. Ein kleines Paradies, gesäumt von vernichtender Dürre.