Erotische Halbherzigkeit
Wir gingen zum Auto, sogar das Gehen fühlte sich falsch an. Als müsste ich mit allem noch einmal von vorn anfangen. Der Himmel war violettgrau, die Horizontlinie zeigte sich in einem Licht von nuklearer Helligkeit.
Ich blickte zurück. Der Elder saß unbewegt da, fast wie eine Wachsfigur. Als hätte er sich nur für mich in die sichtbare Welt eingefaltet. Ich erinnerte das Wort einer Anthropologin: „Die San bewegen sich nach ihrem Empfinden nicht in der Landschaft, sondern in dem Kosmos ihrer Auslegungen.“
Ich verneigte mich vor dem Elder, der mich gar nicht mehr beachtete. Ich gehorchte einem Bedürfnis. Vielleicht erfasste das eine markante Differenz zwischen meiner und seiner Wahrnehmung. Ich wollte sehen, spüren, begreifen. Er verkörperte das, was ich noch nicht einmal berühren konnte.
Im Wagen roch es nach Staub, Metall und aufgestauter Hitze. Du schwiegst. Vielleicht war ich dir in den letzten Tagen zu oft abgeschweift. Vielleicht wusstest du, wie bedeutsam die kurze Begegnung mit dem Elder für mich war. Ich sehnte mich nach einer Initiation im Geist seiner Kosmologie. Hätte er mich gerufen, wer weiß, vielleicht hätte ich dich allein zurückfahren lassen.
Du legtest deine Hand auf meinen Schenkel. Ich erlebte die Geste als erotische Halbherzigkeit. Vielleicht tat ich dir Unrecht. Vielleicht war es nur deine Art, mich in deiner Matrix zu verankern, während ich mich an die Vorstellung verlor, eine Chance der exklusivsten Wissensvermehrung vertan zu haben. Deine Finger bewegten sich nicht und bei mir rührte sich nichts.
Staub tanzte im Kegel der Scheinwerfer. Wir schwiegen. Deine Hand glitt zurück in deinen Schoß. Vielleicht warst du frustriert. Ich konnte dir nicht helfen. Es war, als hätten die Worte des Elders eine Schranke zwischen uns errichtet.
“You walk through history. Not your own.“
Wir waren nicht nur ahnungsarme Gäste auf diesem Kontinent, sondern auch in dem Narrativ von uns in Afrika. Du hieltest dich noch für einen Hauptakteur in deinem eigenen Stück, während ich mich als Randerscheinung in einem archaischen Drama erlebte.
Du sagtest:
„Es ist schön hier. Aber du bist woanders.“
Ich fand die Prise zu gewollt poetisch.
„Ich weiß“, sagte ich höflich.
Du drehtest dich zur Seite, blicktest aus dem Fenster. Der Himmel war schwarz bis zur andeutungsweise aufgehellten Horizontlinie.
Die Schlucht, die zuhört
Wir hoben ab, Windhoek unter uns. Dann waren wir über der Kalahari. Der Flug nach Durban dauerte zwei Stunden, Südafrika hatte einen ganz anderen Puls als Namibia. Wir mieteten einen giftgrünen Toyota Hilux, ich übernahm das Steuer. Unser erstes Ziel war der Oribi Gorge, ein Canyon mit Wasserfällen, die sich in einem smaragdgrünen Fluss ergossen.
Die langgestreckte Sandsteinschlucht war nicht nur geologisch spektakulär. Sie barg spirituelle Marker. Jede Wendung im Gelände, jede Steinnase und Felsnadel gehört zu einer Geschichte. Afrikanische Traumzeitlinien verbanden heilige Wasserlöcher, Zeremonienplätze, Übergänge zwischen dem Sichtbaren und „der Zeit davor“.
Ich war empfänglich für mythologische Alltagsüberschreibungen. Ich trug ein Kleid, das weniger wog als der flüchtigste Gedanke. Es war ein Fluss aus Baumwolle, elfenbeinfarben, mit kaum sichtbaren Stickereien entlang des Ausschnitts. Die Träger waren schmal, der Rücken frei. Der Stoff zeigte eine Tendenz zur Transparenz und schmiegte sich an die Taille wie eine zärtliche Hand. Das Kleid sagte: Ich kann es kaum erwarten.
In der Schlucht roch es nach Moos, das auf Klippen wuchs, Feigen, Schilf und dem Harz von Akazien. Ich atmete auf, nach all den namibischen Staub- und Durststrecken.