Spirituelle Walz
Eine unscheinbare Linie. Auf der Karte stand Ephemeral River. Ein Fluss, der selten fließt. Ich fand das poetisch. Sei wie das Wasser, sagt Bruce Lee. „Wasser lügt nicht“, sagtest du.
Der Canyon schmorte, das Licht überflimmerte Farne und Lianen und etliche Pflanzen, die ich anachronistisch mit meinem Bestimmungsbuch identifizierte. Ohnehin hatten wir keinen Empfang. Ich registrierte Protea- und Euphorbien-Arten, knorrige, stachelige Pflanzen wie Leucadendron spissifolium und Euphorbia triangularis, die sich trotzig an die Hänge krallten. Zwischen Felsen wuchsen Lithophyten und Sukkulenten, wie Crassula perfoliata und Aloe ferox.
Der Umzimkulwana River rauschte leise. Ich beobachtete eine Geste stieriger Unbeholfenheit bei einem der Holländer aus dem Camp. Er erinnerte mich an ein anderes Du, an eine Geschichte, die ich noch nicht erzählt hatte. Ich entzog mich dir gedanklich und rauschte in meinem Reminiszenzexpress ab.
Der Finke Gorge National Park schmorte in der Sonne, das Licht überflimmerte eine Spinifexsteppe. Der Finke River - oder Larapinta, wie ihn die Arrernte nennen - ist einer der ältesten noch erkennbaren Flüsse der Erde. Drei- bis dreihundertfünfzig Millionen Jahre soll er alt sein. Damals lag Australien im feuchten Tropengürtel. Jetzt zieht er sich wie eine geologische Narbe durch das aride Zentrum des Northern Territory, ein ephemeres Flusssystem, das episodisch Wasser führt. Nur punktuell erscheint der Finke als Kette von Wasserlöchern. Die ökologischen Refugien sind oft spirituelle Spot. Die Pfützen spiegeln in der Hitze das Sonnenlicht und erzeugen die Illusion irrealer Flächen.
Es sind flüssige Täuschungen im Staub.
Die Ufer säumten grotesk verästelte River Red Gums. Du deutetest sie als Symbole einer urzeitlich-schwarzen Verzweiflung.
Wir folgten der sandigen Spur, die kaum mehr war als eine Ahnung von Bewegung, oder, um es groß zu fassen, ein vergessener Gedanke Gottes, oder, ein paar Etagen tiefer, ein gestrandeter Traum. Seine Reglosigkeit war eine totalitäre Kategorie. Seit über 100 Millionen Jahren hatte sich der Flusslauf kaum verändert. Es gab kein älteres Bett auf der Welt.
Über den staubigen Flussauen erhoben sich die MacDonnell Ranges. Massive, blankgeschliffene Schiefersättel. Alluviale Sedimente bedeckten den Talboden.
Aus meinen Notizen
Verwittertes organisches Material und fossile Überreste vorzeitlicher Vegetation.
Kiesel leuchteten wie versteinerte Tropfen.
Staub gewordenes Vergessen.
Ab und zu blitzen schwarze Einschlüsse auf, verkohlte Fragmente, in meiner Phantasie sind es Relikte aus der Zeit von Pangäa. Hat hier das Herz des Superkontinents geschlagen? Vielleicht ist dieses Flussbett eine Erinnerung der Erde an sich in einer ursprünglicheren Gestalt. Ein geologisches Eselsohr.
Unwissenheit und Ungeduld sind hier wie ungebetene Gäste.
Die trockene Gegend hat ihre eigene Balance, man muss aufmerksam sein, um nichts zu übersehen, was hier wichtig ist. Es erfordert Stille, bedachte Bewegungen zur richtigen Tageszeit und tradiertes Wissen. Diese Gegend verbirgt ihr Lebensspendendes in versteckten Oasen und fordert meine Resonanz- und Anpassungsfähigkeit bis an die Grenzen heraus.
Kostbares Wasservorkommen wird durch Pflanzen angezeigt, die es zu finden und erkennen gilt. Das Essbare ist oft verborgen unter der Erde.
Ich möchte erfahren, was noch an Wissen über die Zeit der Moderne gerettet werden konnte in der Abgeschiedenheit uralter Rituale zu Überlebenssicherungen. Eine Brücke in diese Art der Bewusstseinswelt zu bauen, erscheint mir hier wie ein Ruf, als eine Notwendigkeit für das, was in Zukunft auf mich wartete, zurück in Europa. Ein Sammeln der Eindrücke, die sich noch zu einem Bild fügen würden, zur rechten Zeit, am rechten Ort.
*
Das Licht flimmerte. Es war grell, unruhig. Die Luft vibrierte. Man sah, was nicht da war. Spiegelungen verzerrten das Gelände und leisteten allen möglichen optischen Täuschungen Vorschub. Auch der Elder tauchte wie eine Halluzination plötzlich vor uns auf. In einem Soliloquium erzählte er von seinem Walkabout vor einem halben Jahrhundert. Ich assoziierte Grand Tour und spirituelle Walz. Jeder Schritt sei ein Gebet gewesen.
Er sagte, dass man wisse, wo man sei, wenn man höre, was der Boden sagt.
”You don’t go for looking,“ sagte er. „You go for remembering.”
Für junge Aborigine-Männer vergangener Generationen war das Walkabout ein Initiationsritual des Übergangs ins Erwachsen-dasein. Dabei zogen sie allein, oft monatelang oder sogar jahrelang, zu Fuß durch das Land ihrer Ahnen. Ziel war es, sich mit der Traumzeit (Dreamtime), den heiligen Orten, Songlines und dem Geist des Landes zu verbinden. Es war eine spirituelle Reise, auf der man Identität, Herkunft und Verantwortung im kosmischen Gefüge suchte und fand.
Du sagtest nichts. Du wusstest, dass ich das allein durchleben musste. Und ich liebte dich dafür.
Botanisches Wunder
Der Elder verschwand wie eine Fata Morgana. Jedes Bild und jeder Eindruck verdunsteten. Nichts blieb haften außer dem Staub, der sich mit Schweiß zu einem Schmierfilm verband. Wir gelangten zur Finke Gorge. Die zerfurchte Schneise war älter als die Berge in ihrer Nachbarschaft.
Wir bestaunten eine Schneise, die der Fluss in Jahrmillionen gefräst hatte. Die Schlucht entsprach einem Schnitt durch die Erdgeschichte.
Verwitterte Quarzite und Sedimentschichten aus dem Proterozoikum.
Wir erreichten Palm Valley. Erinnerst du dich? Plötzlich Grün zwischen all dem Rostrot. „Guck mal, da sind sie. Das sind Red Cabbage Palms - Livistona mariae“, sagtest du. Du konntest dir sowas merken. Und dass sie nur in einer Schlucht vorkommen. Ein botanisches Wunder. Ich verstummte in Ehrfurcht.
Eine endemische Art, eingeschlossen in dieser Senke, abhängig von unterirdischen Quellen und dem seltenen Regen.
„Relikte“, sagtest du. „Wie Stimmen aus einer anderen Zeit.“
Ich frage mich heute, ob du es bemerktest. Dass dieser Ort etwas in mir aufriss.