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2026-02-01 13:22:59, Jamal

Selbsterschöpfende Intensität

„Die für die Steinzeit optimierten Anteile unseres Gehirns steigen bei Stress, Gefahr und Angst quasi unaufgefordert auf den Fahrersitz und übernehmen das Steuer.” Maren Urner

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„Weißt du, wie du Gott zum Lachen bringen kannst? - Erzähl ihm deine Pläne.” Blaise Pascal

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“A man who celebrates his excellence and leaves no detail out on the distinction keyboard.” I’m here for these heels. I want to cast them in amber and hang them on my walls. Maybe I’ll do that. Frame the best, most polished heels and hang them on the walls. With spotlights. And look up at them when I touch myself. Mirrored in the hall of mirrors of the word castle, soaring to new heights and manifesting another wish with every orgasm, making another impossibility possible. New words, new impulses, new narratives, new heights. Best sort of brainfuck. Ever.” Christine Zarrath

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„Im Gegensatz zu Essen und Sex kennt Klatsch keinen Sättigungspunkt.” Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden

Das Antichambre spielte keine Rolle. Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die Scham fordert. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen. Besucher geierten durch seine Schlafzimmer. Besonders schick war das Marmorbad im Superb der Orangerie. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen sicherte.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz alter Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio. Die bronzierten Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Experten“ laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof hielt Domestiken als Spezialisten-Darsteller für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Experten.

Unter jenen, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte der aus Ederthal gebürtige Ritter von Itter die aufwühlende Erscheinung mit Geniefrisur. Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. Ritter Itter lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen („die heitere Dinglichkeit des Pantoffels”) die weiterverbreitet werden bis auf den heutigen Tag.

Im Museum Fridericianum nahm Ritter Itter Notiz von jeder Säule, jedem Basrelief, jeder Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Herkules und Paris stauten sich Büsten von Homer, Seneca und Aristoteles.

Ritter Itter beschrieb die einseitige Bebauung der Bellevuestraße. Sie bot freye Aussicht nach der Orangerie, der Aue und dem Felde. Das Schloss bestand aus dem alten Palais eines zur Regentschaft nie berufenen und bedeutungslos verschiedenen Landgrafen Friedrich und zwei Häusern, die man architektonisch zur Einheit gepresst hatte. Die erweiternden Bauten waren Quartiere für die Schlosswache und die Besatzung der Sternwarte. Eine frey stehende Communikations=Arcade wünschte ihre Erwähnung. Die Arkade erlaubte den beschirmten Gang von einem Portal zum nächsten.

In der Oberneustadt nahm den ersten Rang unter allen Bauten sowohl in Rücksicht seiner Bestimmung als seiner inneren Pracht das Palais Seiner Königlichen Hoheit ein. Es lag am nördlichen Saum des Friedrichsplatzes. Das Palais kehrte seine Hauptfassade dem Platz zu, während die Seitenfassaden der Königs- und Karlsstraße bestaunte Begrenzungen boten.

Wie gesagt, Ritter Itter stammte aus Ederthal. Seine Geburtsgegend war Wüste und tropischer Regenwald gewesen, es war Stammesgebiet der Mescalero Apachen, bevor sie nach Indien weiterzogen. Da wurden die Apachen Indianer. Man kann keinem Kontinent verbieten, sich zu verschieben. Immer wieder tut sich die Erde auf, um über lächerliche Kernschmelzen zu lästern. Was eine richtige Kernschmelze ist, das hat noch kein Mensch gesehen. Bis 1782 wohnte der Weltgeist ständig in Ederthal, seitdem pendelt er zur Erweiterung seines Horizonts. Man wundert sich wohl, dass der Weltgeist Hesse ist.

Man sagt, Ederthal sei eine fränkische Gründung in der Reichsfrühzeit gewesen. Ab der ersten christlichen Jahrtausendwende gehörte sie zu Kurmainz. Erst als die Poesiealben des Deutsche Reichs Römischer Nation, dass mit der fränkischen Übernahme römischer Staatsbegriffe seinen Anfang genommen hatte, schon Makulatur waren, trennten sich die Ederthaler von den Mainzer Farben Silber und Rot. Die alte Verbundenheit zeigt bis heute das Mainzer Rad im Wappen.

Die alte Verbundenheit ließ Ederthal nie abfallen vom wahren Glauben. Irgendwann liquidierte eine Pest die Gemeinde bis auf ein wenige. Ohne Ausnahme entstammten sie dem althessischen Adelsgeschlecht der Itters, mit denen auch Cornelius von Pechstein entfernt verwandt ist. Dichter dran ist seine ehemalige Beinah-Verlobte Mathilde von Itter-Schauenburg-Löwenstein. Der vierte Knecht Ruprecht Ritter zum Löwenstein (Itter und Schauenburg waren noch nicht erheiratet) war gar kein Sohn seines Amtsvorgängers, sondern ein in den Sattel gehobener Günstling. Es hätte nicht viel gefehlt für eine mediokre Laufbahn unter ferner liefen. Die Backpflaume erbte mit dem Titel die Löwenburg über Ederthal. Gemeinsam mit Alwin von Bebra konspirierte er gegen einen königswürdigen Battenberg. Die Quittung stellte man ihm in einem Gebiet im Waldecker Land zu, das um das Jahr 1100 schon Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte Ruprecht zum Richter von Ederthal. Gehängt wurde im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war.

In den Eichwald flüchtete sich Ruprecht, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.

Von dem Suspekten nun stammt Mathilde ab. Das Licht der Welt erblickte sie im Stammschloss der Gudensberg. Der Marktflecken im Schlossschatten war keltisch, kattisch, fränkisch, bevor er hessisch wurde, um es für immer zu bleiben. Es liegt in einer heiteren Ordnung der Dinge am Fuß des Kellerwaldes, wo Wölfe und Bären heimisch sind. So dass es sich nicht empfiehlt, ohne Askari in den Wald zu gehen so wie das seit zwei Wochen verschollene Rotkäppchen es in seiner Unvernunft getan hat. Rotkäppchen war mit Mathilde verwandt. Es lebte mit der Oma zwei Häuser die Straße hinauf. Ich setze den Satz nur deshalb in die Vergangenheit, weil ich davon ausgehe, dass Rotkäppchen gefressen wurde.

Als Zauber gegen Anfechtungen der Schwäche trägt Mathilde einen Siegelring der Großmutter. Die Ahne lehrte, in der Ehe bloß eine Domäne der Pflichterfüllung zu sehen. Die Bewahrung der Haltung beweise den Charakter. Mathilde hat das alles schon hinter sich. Die Witwe entbehrt jeden Sinn für bürgerliche Stilfiguren, doch behält sie eine scharfe Witterung fürs Geschäftliche. Die im Keller gestapelten Rauschgiftpakete sind ein Thema für sich. Ihren Nachbarn erzählt Mathilde etwas von einem ayurvedischer Hausmannskost-Versand im Home-Office-Modus.

Zehn Mal hat sie im Reich der Sinne und zwölf Mal 9½ Wochen gesehen. Sexuell existiert sie in einem anachronistischen visuellen Echoraum. Sie surft Reizwellen ab. Sie braucht einen Mann für gewisse Stunden und nimmt dafür zurzeit den von Simone abservierten Ned. Ab und zu nennt Mathilde ihn mein Gott. Das Paar flüstert im Bett und verspricht sich Sachen ohne jede ernsthafte Absicht. Der Stimmung zuliebe wird gelogen, bis der Balkon abbricht. Die millionenschweren Kolonialwaren im Keller erhöhen den Sexdrive. Mathilde widmet einen Orgasmus ihrem verblichenen Gatten, einem aristokratischen Sexgott mit schwachem Herzen.

Das lebhaft wirkende Präparat einer Wildkatze auf dem Katheder im Antichambre, die geräumige Abgeschiedenheit des Dachgeschosses, das Kattenzeichen (Chattenzeichen) im Holzdruck, von dem Mathilde vielleicht doch eher listig als dumm behauptet, es sei nur ein Warägersymbol und das Relikt einer großväterlichen Mode. Doch kann sie Ned nicht hinters Licht führen. Eine Tanne vor dem Fenster verdunkelt den Raum. Eine Tageule spannt ins Schlafzimmer.

Mathilde ist Totholzfetischistin. Sie liebt Bestandsabfall und rühmt die Biomasse auf ihren Himmelfahrten zu neuen Aufgaben. Ihre Leidenschaft richtet sich auf das Kleine. Dem Fluchttier Pferd hält sie vor, bis zu tausend Kilo Fleisch zum nächsten Beutegreifer zu schleppen. Wo bleibe da die Raffinesse und das unvergleichliche Geschick etwa der Schaben, die lautlos den Planeten kolonisiert haben?

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In Mathildes Garten steht das marode Schildhäuschen einer abgegangenen Höhenburg aus dem 11. Jahrhundert. Ned begleitet die Adlige auf einem Spaziergang. Seit Jahren bleibt die Gegend im Zuge der Renaturierung sich selbst überlassen. Ihr Erscheinungsbild bestimmen Sturmschäden. Gestürzte und aufgerissene Stämme bilden Verhaue, in denen sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen. Mathilde führt Ned durch ein Tannenlabyrinth zu den Ruinen über der Achsenschlucht. Zwei Burgen standen einst auf den Höhen eines Berges. Drei Geschlechter mit einem gemeinsamen Ursprung, von denen wir zwei noch kennen, die Wolfen und die Groppen, vertraten so lange Mainzer Interessen, bis Heinrich I. von Hessen sie im 13. Jahrhundert entwaffnen und ihre Residenzen schleifenließ. Dies geschah mit solcher Gewalt, dass sich die Legende von einer titanischen Aktion verbreitete. Wieder ward ein hessischer Riese gesehen, wie er märchenhaft Großes vollbrachte. Die Sache lief aber banal ab. Else von Groppe, eine geborene von Salzmannshausen, ging fremd mit dem Burgherrn vis-à-vis. Das erboste den Gatten so sehr, dass er sein eigenes Verderben heraufbeschwor. Heimlich brach er ein Loch in seine Burg und lud den Feind zur Verwüstung ein.