Esoterische Torturen
Auch als Jäger blieb der frühe Mensch weiterhin Beute. Selbst Homo erectus musste sich gegen Raubtiere behaupten und verlor vermutlich oft Kämpfe um Beute an Löwen und Hyänen. Die Gleichzeitigkeit diametral entgegengesetzter Rollen schärfte Bewusstsein und Bewegungsökonomie. Die Kombination von Aufmerksamkeit, Kooperation, Timing mit dem kreativen Einsatz von Werkzeugen ließen den menschlichen Jäger in der Nahrungskette avancieren.
*
“A complete disconnection not only from the body but from our fundamental skills and ways of living connected to our embodied existence is starting to devastate at a population level. Social connection built on sitting in front of a screen together ...” palozzo.marcello, gesehen auf Instagram
*
„Die Sprache wird zum Nervensystem der Menschheit.” Horst Tiwald
*
Die Rekonstruktion prähistorischer Angriffstechniken früher Hominiden erfordert ein realistisches Verständnis ihrer biomechanischen Möglichkeiten. Anders als Raubkatzen verfügten Hominiden weder über Killerkiefer noch über extrakräftige Greifhände, die ein sofortiges Töten der Beute ermöglichten. Studien zur Biomechanik von Homo erectus und verwandten Arten zeigen, dass Beißkraft und Griffstärke im Vergleich zu Raubtieren gering waren. Daraus entwickelte sich eine Strategie, die den gesamten Körper als Werkzeug nutzte: Masse, Impuls, Hebelwirkung und koordinierte Bewegungen ersetzten Zähne und Krallen.
Ein zentrales Prinzip dieser Strategien liegt in der Nutzung kinetischer Ketten und rotatorischer Kraftübertragung. Die Wirbelsäule agiert als elastische Achse innerhalb einer Bewegungsabfolge, die Energie speichert und freisetzt, während die Rumpfrotation die Kraft kanalisiert und auf ein Ziel überträgt. In Kombination mit koordinierter Muskelaktivierung erlaubt dies explosive Bewegungen, die trotz relativer physischer Unterlegenheit Wirkung erzeugen – sei es, um Gegner zu destabilisieren, Abstände zu kontrollieren oder Werkzeuge effizient einzusetzen.
Diese Mechanik zeigt ein zentrales evolutionäres Prinzip: Der Mensch ist kein Fluchttier im klassischen Sinn, sondern ein Fluchttier mit außergewöhnlicher Fähigkeit zur Systemintegration. Effektivität entsteht aus Technik, Timing, Hebelwirkung, Kollektivität und Werkzeuggebrauch, während das Nervensystem die Risiken reguliert. Anders als ein neurobiologisch echtes Raubtier muss der Pseudoprädator Mensch nicht sofort töten oder maximal zuschlagen; seine Strategien sind auf Effizienz, Sicherheit und Energieökonomie ausgelegt – die evolutionäre Meisterleistung eines Fluchttiers, das dennoch an der Spitze der Nahrungskette steht.
Die evolutionäre Logik hinter diesen Strategien wird noch deutlicher, wenn man Bewusstsein und Angst in den Blick nimmt. Über Millionen von Jahren lebten unsere Vorfahren im permanenten Überlebensmodus. Raubtiere, klimatische Extreme, Nahrungskonkurrenz und interspezifische Konflikte bedrohten ihr Leben. In dieser Umgebung war Wachsamkeit entscheidend. Angst aktiviert den Sympathikus, steigert Herzfrequenz, Muskelspannung und Reflexgeschwindigkeit und schafft einen Zustand maximaler Reaktionsbereitschaft. Dieses Angstsystem koppelt sich an kognitive Prozesse. Wachsamkeit, Antizipation und strategische Planung greifen ineinander, sodass ein inneres Modell der Umwelt entsteht, das Handlungen präzise steuert – von Flucht über Jagd bis zu Werkzeuggebrauch.
Aus der permanenten Bedrohung entstand das menschliche Bewusstsein. Es ist ein adaptiver Mechanismus, der es erlaubt, Gefahren zu erkennen, Risiken zu vermeiden, Handlungen zu planen und Szenarien innerlich zu simulieren. Die Ambivalenz früher Menschen – zugleich Gejagte und Jäger – selektierte nicht nur körperliche Anpassungen, sondern auch mentale Flexibilität, soziale Kooperation und präzises Timing. Angst wird zur evolutionären Ressource. Sie bildet die Grundlage für Flucht, kognitive Kontrolle, strategisches Handeln und menschliche Innovationskraft.
Im Rahmen eines Initiationsgeschehens verbreiten die Orokaiva auf Neuguinea Angst und Schrecken unter ihren Nachkommen. Maskierte treiben die Kinder in die totale Panik. Sie erzwingen die Erfahrung, Beute zu sein. Die Torturen stellen den Auftakt umfangreicher Belehrungen dar. Am Ende erhalten die Initiierten ihre Zugangsberechtigung zur Jagdgemeinschaft.
„Die Verben des Kriegers (jagen, erlegen, kämpfen) sind das Vorspiel für sexuelle Beziehungen“, schreibt Pola Oloixarac in ihrem Roman „Wilde Theorien“. Die Familien- und Hausstandgründung erfolgt im nächsten Schritt.
Das Ego kommt mit dem Speer
Oloixaracs Helden Kamtchowsky und Pablo fragen sich: „Was befindet sich in den ältesten Kammern des Bewusstseins?“
Wo beginnt die Erinnerung der Menschheit?
Wenn man den Anfang mit einem Wort benennen möchte, dann ist Angst das Wort. Kamtchowsky bringt es auf den Punkt: Auf der Spur der Erinnerung erleiden wir noch heute das Grauen des fortgeschrittenen „Primaten, der im Übergang zum Menschen … zur Beute von Raubtieren wird“. Der Premium-Primat bleibt den tierischen Prozessen ausgeliefert, obwohl er ihnen entwachsen ist.
„Die Angst vor den Ahnen liefert uns Schlüsselbegriffe. Nachdem der Mensch über Millionen von Jahren ein untergeordnetes Element auf dem Speiseplan der Raubtiere war und sich deshalb ständig auf der Flucht befand, benutzt er ... Waffen, um der Macht der Bestien den ersten Schlag zu versetzen.“
Das Ego kommt mit dem Speer.
Bewegung und Bewusstsein sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Speer wird zum Ego. Ein guter Mann ist eine gute Waffe. Im entfesselten „Wir“ schafft der moderne Mensch Überlegenheit über das Tier. Doch ein unbezähmbarer Egoismus zwingt ihn immer wieder zur Isolation.
Bewusstsein und Beute
Feinberg/Mallatt entwickelten ebenfalls eine Theorie, nach der Bewusstsein eine Funktion der Jagd ist. Bewusstsein trat „dazu in Kraft, dass die ersten Raubtiere ihre Beute töten und die ersten Beutetiere ihnen entkommen konnten“.