Begehren als Erkenntnismedium
Die Athener folterten nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Zeugen. Unfreie Menschen mussten ihre Aussagen unter Folter wiederholen. Aus griechischer Sicht waren Sklaven unanständige Menschen. Ihr niedriger Status wurde mit einem verdorbenen Charakter in Verbindung gebracht. Wenn ein Sklave vor Gericht starb, konnte nur über eine Entschädigung verhandelt werden. Die Antike verband Unfreiheit mit der Schuld der Unfreien. Nana gefällt die Vorstellung, mit solchen atavistischen Ansichten umgehen zu können. Nach ihren eigenen Worten ist sie sowohl „Granit als auch Regenbogen“ (Virginia Woolf). In einer Phantasie erhält sie ihren ersten erotischen Kuss im Alter von siebzehn Jahren in einem Fischerdorf am Tyrrhenischen Meer.
Nana erobert keine Orte, und sie sammelt keine Männer als Trophäen. Sie lässt sich einnehmen – von Landschaften, Begegnungen, Intensität. Jede Reise hat ihre eigene Physik, und jeder Mann gehört zu genau dieser Konstellation aus Zeit, Körper und Raum.
Nana rechtfertigt sich nicht. Sie erklärt nichts, entschuldigt sich nicht, übersetzt ihre Intensität nicht in moralische Kategorien. Die Erfahrungen erscheinen weder als Bekenntnisse noch als Ansprüche. Gerade die Weigerung, sich zu legitimieren oder gefällig zu erscheinen, hebt den Journaltext. Er traut der Leserin zu, Ambivalenzen auszuhalten und unsichere Übergänge zu akzeptieren.
Begehren ist weder Ablenkung noch Exzess. Es ist eine epistemische Haltung. Im Begehren nimmt Nana präziser wahr. Atmosphären verdichten sich, Landschaften offenbaren sich, Körper werden zu Orientierungsinstrumenten. Jede Beziehung eröffnet einen Weltzugang. Mit jedem Mann wird etwas anderes möglich.
Die Männer fungieren als relationale Körper, als Katalysatoren, nicht als Zentren. Was bleibt, ist Nanas Fähigkeit, Allianzen einzugehen – erotisch, intellektuell, energetisch –, ohne sich zu veräußern. Ihre Produktivität, ihre Klarheit, ihre Offenheit nehmen zu. Bindungen beschränken sie nicht, sie setzen Kräfte frei.
Diese Form des Erzählens fordert das Publikum heraus. Sie verlangt Interesse an Unwägbarkeiten.
Hundert Kilometer am Tag waren längst genug. Eine Weile begleitete uns der Olifants River mit seinen Schilfelegien im Konzert mit Mandarinenplantagen und flimmernden Maisfeldern. Am Straßenrand reihten sich Verkaufsstände. Orangen und Naartjies in Plastikramschkisten. Avocados in desolaten Woolworths-Kartons. Privat geernteter Honig in Supermarkthoniggläsern. Biltong in wiederverwendeten Tüten. Die Preise handschriftlich auf Pappe. Von Krähen bewachte Metallkästen mit Münzeinwurf-Schlitzen an Holzpfosten – Honesty Boxes. Dazwischen wilde Oliven und Akazien. In der Ferne glühte der Cederberg.
Wir sahen labyrinthische Bewässerungssysteme, überschaubare Rinderherden und autonom wirkende Schaf- und Ziegenbanden.
Wir passierten Citrusdal. Ein überdimensionierter Discounter. Ein Laden für Farmbedarf mit verblasstem John-Deere-Schild. Vor der Tankstelle standen Geländewagen mit Jagdaufklebern. Vor dem Supermarkt saßen Männer auf umgedrehten Getränkekisten und tranken Castle Lite.
Hinter dem Ortsausgangsschild begann der Pass. Nach Tagen des Geradeausfahrens belebten uns die Kurven. Jenseits des Gipfels wurde das Land weit. Weizenfelder. Weiße Farmhäuser. Eine Ahnung vom Burisch-Ursprünglichen.
Am späten Nachmittag erreichten wir Goudkloof. Eine Kleinstadt, groß genug für mehrere Tankstellen, ein Krankenhaus, zwei Schulen - und eine bessere Absteige.
Goudkloof verdankte sich einem Goldrausch des 19. Jahrhunderts, so wie Barberton, Pilgrim’s Rest - Gauteng und Johannesburg, die als Boomtowns im Dunstkreis der Witwatersrand-Felder starteten. Goudkloof wirkte wie eine amerikanische Westernfilmstadt in den 1950er Jahren. Antike Fassaden mit verblassten Lettern, eine Bar namens World’s End und leere Straßen.
Wir checkten ein, die Herberge nannte sich Ou Transvaal Hotel. Es stank nach nassem Hund und Wandschwamm. Die Klimaanlage war verbrecherisch laut.
„Hot Meals - Cold Beer“ - Wir aßen im Pub gegenüber unserer Bleibe - Burger, Bier, keine Fragen. Die Leute zeigten sich desinteressiert in einer höflichen Spielart. Vielleicht kannten sie schon alle Geschichten. Die Jukebox spielte Afrikaans-Country, ein Neonlicht flackerte wie auf einem Gemälde von Edward Hopper.
Am nächsten Vormittag besuchten wir das Ortsmuseum. Vitrinen mit Trek-Wagen-Modellen. Rostige Büchsen. Bibeln mit verblassten Familiennamen. Karten, auf denen Linien quer durchs Land zogen - der Groot Trek als einer historischen Bewegung aus Staub, Hunger und Trotz.