MenuMENU

zurück

2026-02-04 15:52:38, Jamal

Warum „Gefühlte Sicherheit“ funktional subversiv sein kann - Viele Manipulationsmechanismen wirken über Bedrohungsaktivierung, soziale Ausgrenzungsangst und Unsicherheitsinduktion. Wenn ein Nervensystem Bedrohung nicht automatisch hochskaliert, verliert diese Strategie Wirkung. Das ist autonome Reizklassifikation.

Van Diemens Traum

Manches Land wird in den Jahrhunderten zwischen Magellan und Cook mal von dieser, mal von jener europäischen Macht entdeckt und manchmal mehr als einmal von derselben. Australien ist bereits im 16. Jahrhundert ein europäisches Ziel, bleibt aber zweihundert Jahre lang Niemandsland in der europäischen Perspektive. Es gibt eine ozeanische Vergesslichkeit, die einsetzt, wenn kein Missionseifer und keine wirtschaftlichen oder strategischen Interessen Engagement fordern, wenn nicht Eifersucht und Konkurrenz zwischen Staaten der Alten Welt stimulierend wirken. Manchmal reicht ein missglückter Besiedlungsversuch, um eine Insel von der Karte zu nehmen.

Der niederländische Kapitän Abel Tasman bezeichnete die begehbaren Flächen im Pazifik als vorbewusste Räume der Welt. Er fand schlafende Länder, Stein- und Traumzeitreservate, die der Empfindung Vorschub leisteten: in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Er passierte Inselflure und beschrieb sie als poly nēsoi. 1642 erreichte Tasman Neuseeland, nachdem er das seit der Antike sagenhafte Südland (terra australis) umfahren hatte. Er segelte für die Dutch East India Company von Batavia aus, wieder ging es um Durchgänge und Abkürzungen ... während sich Colt Coogan - ein Urahne von Professor Goya - 1794 auf einem Schiff der British East India Company verleugnet. Er markiert einen Briten. Als erster US-Geheimagent kennt er das 1855 nach Tasman benannte Land noch unter dem Namen eines Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien - Van Diemen‘s Land (Vandiemensland).

Orientalische Troubadoure spielten die Musik eines Wüstenvolkes. Angeblich verkörperten sie eine Tradition vagabundierender Virtuosen, die einst Paläste abgeklappert hatten, so wie bei uns Minnesänger auf Burgen vorstellig geworden waren. Die „Uḍadē kārapēṭa” zogen mit zwei Tänzerinnen und einem Fakir umher. Der Fakir sah aus wie ein bulgarischer Ringer im Ruhestand. Jederzeit hätte er auch den Mörder in einem Remake von Agatha Christies Orient Express spielen können. Er schluckte Feuer, wälzte sich auf einem Scherbenbett bis zum blanken Grund und kratzte sich ausgiebig. Seine Fähigkeiten langweilten ihn offenbar. Vermutlich entstammte er einer Fakirfamilie und war vom Vater zur Ausübung seines Berufs gezwungen worden. Er trug weiter nichts als Schnauzbart und Lendenschurz im Stil von Tarzans Bademode. Ähnlich unverblümt brachten sich die Tänzerinnen ins Spiel, die Sache hatte Methode. Wahrscheinlich war das „Bett” deshalb so voll.

Eine Kneipe, die „Das Bett” hieß - auch das gab es in der kleinsten Universitätsstadt Deutschlands. Die Ederthaler Hochschule war aus einem von Philipp den Großmütigen in einem aufgelassenen, von Karl dem Großen gestifteten Kloster gegründeten Ritter Kollegium hervorgegangen und im Jahrhundert der Reformation in einem Wehrschloss etabliert worden. In der Gegenwart unserer Geschichte war bald ein Drittel an Anlage einsturzgefährdet. Die abgeriegelten Bereiche bildeten den Toten Trakt. Nana liebte es, im Schutt der Epochen erotische Scharaden aufzuführen. Sie hatte da mehr als einen Dozenten bis zur erotischen Weißglut gereizt. Nana zeigte sich stets unerschrocken. Sie entstammte einem Geschlecht Unsterblicher. Ihre Vorfahren wären markante hessische Persönlichkeiten gewesen und eben auch geblieben als Unsterbliche. Ernsthaft unterworfen war Nana nur dem kosmischen CC, der allerdings so sehr in sie verliebt war, dass er sie nur zum Schein schalt.

Im Augenblick der Ereignisse genoss Nana Professor Goyas Aufmerksamkeit. Mit ihm war sie im „Bett” - ein running gag auf den Institutskorridoren. Sich im „Bett” zu treffen, war der letzte Schrei. Die „Uḍadē kārapēṭa” stammten aus „Dynastien”, angeblich war ihre Heimat ein Schmelztiegel hinduistischer und islamischer Kultur. Das behauptete der Wirt. Leander war schon ziemlich hacke, aber Experte. Ferner behauptete er, barfuß und unblutig auf Scherben laufen zu können. Nana wünschte an dieser Stelle keinen Beweis. Ihr gefiel die ursprüngliche Trance Music. Es klang, als unterhielten sich Grashüpfer. Die Lieder wurden aus dem Gedächtnis gespielt, angeblich hielt man in ihrer Umgebung nichts schriftlich fest.

Das ausufernde Spiel der Tänzerinnen animierte Nana. Sie hatte ein offenes Ohr für Orgienwünsche; ein Organ für den Exzess. Das „Bett” verlor seinen Beatclubcharakter an Stimmungen wie in einem Animierschuppen. Im Trüben trieben Täuschungen auf, Halluzinationen, Simulationen, Narreteien. Nana dachte an den Regenbogen-Ragwurz. Die Lippe der Ophrys iricolor ist so gefärbt, dass man ein Insekt mit schimmernden Flügeln zu erkennen glaubt. Dem Irrtum erliegt nicht nur das menschliche Auge. Auch Bienen fallen herein. Die Rede ist von „Pseudokopulationen” mit fruchtbarem Effekt. Die Orchidee erhält sich so. Joris-Karl Huysmans nahm den Vorgang zum Beispiel für „Pflanzenintelligenz”. Marcel Proust verstand „die von sämtlichen Tollheiten der Vegetation” hochgejubelte „Königin des Treibhauses” als Parodistin der Dingwelt. In seinem Paris war sie eine Exilantin, die mit dem „falschen Äquator der Ofenheizung” vorliebnehmen musste. Nana wiegte sich in Goyas Armen. Sie verlangte von ihm nicht mehr als ihrem Verlangen zu genügen. Er zitierte Anne Sexton, die von „bösen Dingen träumte” und „in der schwarzen Nacht” umging als ihr eigenes Gespenst. Für sie zählte das Schreiben zur Schwarzen Kunst. Die Dichterin sah sich als Hexe, „mittelalt, ich”, das Gegenstück zu einem „wilden Mann”, der den Erdkreis „verschandelt”.