Chronischer Stress kann zu Dauer-Sympathikus-Aktivierung oder parasympathischer Shutdown/Dorsal-Vagus-Dominanz führen. Bei Menschen unter Extremstress (Krieg, Katastrophen, Dauertrauma) beobachtet man oft reduzierte Startle-Reaktionen. Zu den Ursachen: Habituation - Reize werden als „bekannt, aber unvermeidbar“ klassifiziert. Allostatische Anpassung - Das System verschiebt seinen Normalzustand. Schutzdämpfung - Emotionale und sensorische Filter werden hochgesetzt. Von außen wirkt das wie Gelassenheit. Neurobiologisch kann es aber ein Kostenoptimierungsmodus sein. Der wichtigste Marker ist die Rekonfigurationsgeschwindigkeit. Die aktuell stärkste neurobiologische Perspektive auf Resilienz ist: Wie schnell kann ein System nach Stress wieder in funktionale Integration zurückkehren? Resiliente Systeme zeigen hohe Variabilität, schnelle Recovery und geringe Restaktivierung.
Erotische Startbahn
Vermutlich braucht die Erzählerin, die Worte fühlt, eine doppelte Imago. Ein furioses Gehirn, das bis auf ihr Skelett durchgreift und sie erschauern lässt wie in einem englischen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert, und jemanden, der eine Einladung in eine Eisdiele so unschuldig aussprechen kann, dass die Erzählerin sich in der Vorstellung verliert, er könne, während er über Oscar Wilde spricht, einen Schenkel so berühren, dass sie Gefahr liefe, den Strohhalm in ihrem Eiskaffee zu zerbeißen.
Für Nana ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Nana sitzt neben Goya und das löst genug aus, um komplizenhaft zusammenzurücken.
Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Nana nicht abheben kann.
Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.
Charles Baudelaire nannte George Sand eine „Spießerin der Unmoral“. Er unterstellte ihr die Urteilstiefe einer „Gardienne“. Darüber würde Nana kein Wort verlieren, wäre es nicht Baudelaire gewesen, der, so erklärt es Hans Mayer, „die Dialektik von Skandal und bourgeoiser Gleichschaltung im Fall George Sand“ aufdeckte.
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Aurora und Leopold von Sacher-Masoch sind gefragte Leute. Leopold steht als Skandalautor hoch im Kurs. Die originellsten Köpfe der Epoche pilgern zu dem Schreibritter nach Graz, ohne sich an dessen bodenständigen Überspannung zu stören. Bodenständig, so formuliert Nana, weil der räumliche Radius des Erotomanen einen stabilen Gegensatz zu seinen literarischen Ausschweifungen bildet. Das urbane Zentrum der Steiermark ist viele Jahre der Dreh- und Angelpunkt eines Autors mit europäischer Ausstrahlung.
Aurora begegnet Alberta von Maytner, die unter dem Pseudonym Margarethe Halm publiziert. Mit merkwürdigen Begründungen vermeidet die Schriftstellerin den öffentlichen Verkehr. Im Sommer ist es zu heiß, im Herbst zu kühl, im Winter zu kalt. Das Frühjahr bleibt in der Aufzählung außen vor.
Kälte macht „hässlich“. Besuch empfängt Maytner im Schlafzimmer. Ein mit Mullbahnen verhangenes Bett fungiert als pièce de résistance. So sagt es Aurora. Sie findet Maytner „noch ... hübsch genug“.
Im Bett trägt die Ultrahäusliche ein „Hofkleid ... (mit) ungeheurer Schleppe“.
„Ihr schwarzes Haar, das drei Tage in der Woche in Wickeln schmachten musste, war jetzt frei und flutete ihr in graziösen Wellen über den Rücken.”
Maytner betrachtet sich als Stammmutter einer neuen Menschheit. In ihrem Schlafzimmer empfängt sie göttliche Sendungen. Der angenehm skeptischen Aurora versucht sie esoterisch den Mund wässrig zu machen; während Leopold der Verstiegenen nach dem Mund redet. Ihm kann kein Mensch zu irre sein.
Zu den ausgefallensten Persönlichkeiten in Leopolds Dunstkreis zählt die Lektorin und Übersetzerin Anna-Catherine Strebinger. Sie lässt sich „selbst gekaufte Blumen oder selbst aufgegebene Telegramme ins Theater bringen”, um sie mit großartigem Erstaunen entgegenzunehmen.
Aurora nennt sie Kathrin. In Österreich erscheint Anna als Inbegriff einer Französin, obwohl sie das mit einem bayrischen Vater in dem aufgeheizten Postbellum-Klima nach 1871 so wenig sein darf, dass ihr Dauerverlobter, der leidenschaftliche Anti-Bonapartist und zeitweise als französischer Präsidentschaftskandidat gehandelte Marquis de Rochefort, von seinen Parteigängern vor die Wahl gestellt wurde, von Kathrin zu lassen, oder aber die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.
Das referiert Nana in Goyas Gegenwart. Er sitzt an ihrem Uni-Schreibtisch mit freiem Blick auf die Institutslinde vor dem Fenster.
Sie hört sich sagen: „Ich lass‘ dich nie mehr los.“
Am liebsten würde sie fürderhin nur noch ein reizendes Bild abgeben. Nana will ein unauslöschlicher Teil von Goyas innenweltlichen Bildergalerie werden. Er soll sie nie mehr aus dem Kopf kriegen. Für später merkt sie sich den Satz: Wir haben unsere Erregung verbraucht und sehen uns nun mit scheuen Augen an.
Wie gesagt, das ist eine Phantasie. Manchmal cruisen sie gemeinsam in Nanas restauriertem 68er-Mustang GT Fastback ... und Goya sieht auch ein bisschen so aus wie Steve McQueen als Lieutenant Frank Bullitt in der legendären Verfolgungsjagd auf den Straßen von San Francisco ... durch die nordhessische Savanne. Sie erreichen eine Aue in einem Fuldatal. Nana glaubt zu träumen, so blau liegt der See in der Grundmoränenlandschaft. Der See füllt eine través de glaciares, eine niedliche glaziale Rinne. Buben singen böse Lieder an seinem, von urweltlichem Wurzelwerk geäderten Ufer. Ihre Bestien liebäugeln mit Fahrradfahrerwaden.