Blauäugige Aufmerksamkeit
Für William Gaddis war Realität „nichts anderes als die umlaufende Rede“. Hanns Zischler spricht von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas“ habe Gaddis „hörbar“ gemacht. In den 1990er Jahren ging um die Etablierung eines weiteren Genies im deutschen Buchmarkt, man hatte sich auf Gaddis geeinigt wie in einem anderen Jahr auf Göttle, Gabriele, Gaddis kam zur Messe nach Frankfurt, Goya sollte ihn porträtieren. Der Gaddis-Klan war seit den Tagen von Peter Stuyvesant in New York tonangebend; jedenfalls war das die Suggestion. Gaddis repräsentierte seine Klasse bis zu den Ziselierungen. Er erschien als Klischee eines White Anglo Saxon Protestant mit Hosenträgern. Er sah aus wie eine Erfindung von Tom Wolfe.
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Charles Darwin glaubte an einen Swing von weiblichen Partnerwahlpräferenzen und männlichem Selektionsdruck. Der britische Statistiker und Evolutionstheoretiker Ronald Aylmer Fisher (1890 - 1962) griff Darwins Idee von einer natürlichen Optimierung auf, um ihr zu widersprechen. Fisher etablierte die sexuelle Präferenz als Komplementärkategorie zur natürlichen Selektion. Die Bevorzugung von Merkmalen führt nach der Sexy Sons Hypothesis zur Durchsetzung von männlich konnotierten Farben und Formen. Interessant ist hier die Geringfügigkeit eines Farbvorteils, der in evolutionären Prozessen mit aller Macht nach vorn getragen wird, ohne die Überlebenschancen der Merkmalträger zwangsläufig zu verbessern. Fisher nannte den kuriosen Vorgang Runaway Process. Auf dieser Strecke werden Selektionsnachteile (wie etwa ein beschwerlicher Federschmuck) so lange weitergegeben, bis vitale Beeinträchtigungen das Experiment stoppen.
So kann der weibliche Schönheitssinn in die Irre führen. Die pfauenprächtigen Gefolgsmännchen ihres Vaters lösen in Nana eine gesunde Skepsis aus. Die designierte Nachfolgerin und bestplatziert Kandidatin akademische Spitzenposition orientiert sich lustvoll an menschlichen U-Booten auf Schleichfahrt, die ihre Vorzüge in einem Schattenmantel verbergen.
Nanas Freundinnen favorisieren extrem auffällige Männchen, deren Performance auf optische und akustische Maximalreize ausgelegt ist. Die Präferenz einer Gefiederten für lange Schwanzfedern bewirkt die sogenannte positive Rückkopplung, die sich bald paradox auswirkt.
„Der Koppelungsprozess führt in kurzer Zeit zu extremer Merkmalsausprägung.“
Überzogene Federschwanzlängen wirken sich bei Pfauen so kostspielig aus, dass sie einen deutlichen Überlebensnachteil im Zuge eines hohen Energieverbrauch, und einer Beeinträchtigung der Mobilität darstellen.
Man spricht von Selbstverstärkung. „Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen (Axel Buether).“
Nana reagiert zuerst auf einen Geruch kurz vor Katzenpisse und dann erst auf die huskyblauen Augen des zweifellos amerikanischen, auf die skandinavische Art gutaussehenden Barmannes. Er beherrscht die Kaffeezubereitung nach dem Barista-Komment. Seinen Bewegungen fehlt aber das legendär Somnambule. Sein einheimischer Kollege wirkt wie von einer Kaffeemaschine gezeugt und lange gesäugt. Das ist eine ganz andere Performance.
Nana sucht die blauäugige Aufmerksamkeit. Sie schnappt den relevanten Namen auf - Clark. Die Philologin prüft das Silbenkleid von Clarks Anglodeutsch und vernimmt eine sie belustigende Freude an den fremdsprachlichen Schrunden. Stark angezogen fühlt sie sich von dem Spaß, den Clark hat. Zwei Stunden später weiß sie, dass er …
Nana ist intelligent, sieht gut aus, verdient gut, hält ihr Leben in Ordnung und hat viele Orgasmen. Sie schwimmt in einem Hotelpool. Das ist der letzte Schrei in der kleinen nordhessischen Universitätsstadt. Das Becken ist in einer Dachterrasse eingelassen. Die fünfzehn Non-Academic High Potentials vor Ort genießen die gute Aussicht. Nana balanciert auf einem Hochspannungsseil. Im selben Augenblick referiert Goya über frühe Darstellungen von Homosexualität. Er spricht über Balzacs schwachen Helden Pons (in „Cousin Pons“). Pons wird von seinen Angehörigen verachtet. Sie sehen in dem Repräsentanten einer nicht-hegemonialen Subkultur „einen Parasiten“ und halten sich mit Beleidigungen schadlos. Pons lebt persönlich bescheiden in Wohngemeinschaft mit dem deutschen Musiker Schmucke, den er zu seinem Erben bestimmt. Das ist die Schlüsselkonstellation. In ihr offenbart sich der Charakter einer Beziehung, die keine Aussicht auf Anerkennung hat.
Vor Goya sitzt Ariane und vergöttert ihn demonstrativ. Ihr Ausschnitt ist ein Blickfang erster Güte. Mit diesem Detail als erotische Beute zieht sich Goya in sein Büro zurück. Er kann Nana nicht erreichen, findet aber eine Nachricht von ihr:
„Ich will mich mit dir in den Chimären verlieren, die wir erschaffen haben.“
Goya denkt an Arianes Dekolleté und an den unverbindlichen Pornosatz: Bitte, spritz mich voll. Der Mix reicht für eine sofortige Entladung. Um die post-koitale Melancholie zu vertreiben, macht Goya Liegestütze und Klimmzüge. Aufgepumpt stellt er sich in einem Seminarraum der nächsten Gruppe angehender Philologinnen. Es geht um Samuel Beckett. In den 1950er Jahren beginnt Beckett das eigene Werk in seine Muttersprache zu übertragen. Er übersetzt sich selbst aus dem Französischen, so wie er sich in den 1920er Jahren ins Französische zu übersetzen begann. Er synchronisiert seine Denksprachen zunächst mit dem Ehrgeiz im Französischen völlig ungezwungen aufräumen zu können. Er sucht Wörter, die der Wirklichkeit gewachsen sind. Ornament und Verbrechen - Schiere Sprachmöblierungen sind ihm ein Graus. Er will die Schonbezüge von den Wörtersofas ziehen.
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Clark möchte „souveräne Monstrosität“ (Georges Bataille) auf Nanas Gesäß schreiben. Vielleicht würde ihr die Idee gefallen, aber Clark informiert sie nicht. Schließlich dreht sie sich um.