„Lieber Jamal, das sind zwei wunderbar reichhaltige Texte, danke. Ich werde mir beide, vor allem das Sprachschloss, morgen nochmal mit wacherem Geist durchlesen. Da sind einige Stellen hervorgetreten, zu denen ich dir etwas schreiben mag. Ich bin dir gerade sehr dankbar, dass du so im Schreibfluss bist und ich deinen Spuren im Textland ein wenig folgen darf in dieser Situation. Es sind Szenen und Augenblicke mit tiefen Atemzügen und einladenden Bildern.” M.
*
Adorno sagt: „Die Komplexion von handfestem Plot ... und destillierbarer Idee (trägt) Sartre den großen Erfolg zu und (macht) ihn, ganz gewiss gegen seinen integren Willen, der Kulturindustrie akzeptabel.” Sartre suggeriere, „dass auf den sozialen Kommandohöhen noch Leben sei”. Er verwebe „den Schleier der Personalisierung” mit der Geschichte zur Beruhigung seines Publikums.
*
Adorno bemerkt die „pubertär sich überschlagende Männlichkeit des jungen Brecht ... Ohren, die sich nicht die eigene Differenziertheit austreiben lassen, müssen hören, dass (Brecht) ihnen etwas aufschwatzen will”.
Brecht „wird vergiftet von der Unwahrheit seiner Politik.” Er agiert nicht als Geburtshelfer einer werdenden Nation unter sozialistischen Vorzeichen, sondern dient einer „Gewaltherrschaft”. Das alles sei abzusehen gewesen, sagt Adorno.
*
Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift of God, which is why we call it the present. Bill Keane
Mimischer Einwand
Alle bleiben verhalten, alles bleibt in der Schwebe. Eine ambivalente Gastgeberin gibt Sigmund Freud Gelegenheit, den virilen Konkurrenten intellektuelle Hörner aufzusetzen. Für Emilie sind die an ihrer Atterseer Gartentafel versammelten Habsburger Kultur-Haudegen Aufmerksamkeitsspender; Trophäen im Kampf gegen ein mittelmäßiges Leben. Freuds fleißig gesammelten und in Spielarten anekdotischer Evidenz illustrierten „Beispiele von Versprechen“ liefern Unterhaltungsstoff in der Sommerfrische. Freud entdeckte den „störenden Einfluss von etwas außerhalb der intendierten Rede“, so wie ein unbewusst gebliebener Gedanke, der sich vorgeblich zusammenhanglos einmischt.
Den Freunden erzählt er von seiner Tochter. Noch ist Anna ein Kind, und niemand weiß, dass sie ihre eigene Gravitation im epochalen Maßstab haben wird - ein Königreich des avancierten Selbst. Anna „schneidet ein garstiges Gesicht“ beim Biss in einen Apfel. Der Vater will den mimischen Einwand mit einem Reim quittieren:
„Der Affe gar possierlich ist, zumal wenn er vom Apfel frisst.“ (Warum nicht ist/isst?)
Freud kommt über Apfe nicht hinaus. Er doziert über den Wortbruch: „Dies scheint eine Kontamination von Affe und Apfel (Kompromissbildung) oder kann auch als Antizipation des vorbereiteten Apfels aufgefasst werden.“
Eine Wienerin möchte die Kritik an ihrer Familie mit einem Kompliment kaschieren. Doch offenbart sich die Abwehr im Versprechen. Freuds Patientin sagt, was sie meint, aber nicht zugeben will: „Man muss ihnen das eine lassen: sie haben alle Geiz“ (statt Geist).
Schön finde ich ferner den gescheiterten Versuch, der absichtlichen Zurückhaltung einer - nach den Begriffen der Zeit - Schlüpfrigkeit. Eine Touristin in den Dolomiten stellt im Rapport die Genüsse über die Entbehrung, dabei ihre Erfahrungen verleugnend. Die Urlaubsmärsche strapazieren sie. Angenehm wird es erst, wenn sie die „durchgeschwitzten“ Sachen ablegen kann. Ihren Darstellungsabsichten entsprechend, zählt sie Hemd und Bluse auf. Zurück hält sie Hose. Doch rutscht die Hose im nächsten Satz heraus: „Wenn man dann aber noch Hose kommt.“
Freud unterstellt der Sprecherin, dass sie Hose als „Verunstaltung“ von nach Hause erlebt.
Die phonetische Nähe von Geist und Geiz, Hose und Haus lockt mich auf eine Rennbahn des Assoziativen. Freud kommt mir wie ein erfreulich indiskreter, vor allem jedoch phantasievoller Erzähler vor.