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2026-02-06 15:23:33, Jamal

Glänzender Paria

Stéphane Mallarmé unterscheidet Dichter, die Personen, Dinge und Szenen beschreiben, von solchen, die sich für die Frage qu'est-ce que ça veut dire interessieren. Die Frage entspricht einem oppositionellen Reflex. Das Gespräch über die Psychologie der Dinge ist ein Absonderungsprodukt. Der Künstler verliert zu Mallarmés Zeiten gerade seine bürgerliche Fasson. Als Flaneur wird er zum glänzenden Paria. Er exiliert in die Kunst und hasst die Bourgeoisie, deren Geschöpf er trotzdem bleibt.

Er verachtet den Gesellschaftsmotor Industrialisierung. Er besteht auf l‘art pour l‘art. Er führt sein Leben beinah frei von Erschütterungen. Globale Verwerfungen streifen ihn auf dem Weg zu einer abgewendeten Kasernierung.

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Nana findet es nicht zu wenig Anlass, Männer nur deshalb zu verführen, weil sie Worte benutzen, die sie nicht kennt. Das schafft Anson spielend. Nie würde sie es ihm gegenüber zugeben, aber manchmal perlt ein fremder Klang von seiner Zunge, der nicht zu seiner Legende passt. Aus dem Kontext versucht sie sich die Bedeutung verbaler Kleinode zu erschließen. Die Silbenlaute führen in ihr ein Eigenleben. Sie schmecken und riechen und wirken sich in Nanas empfindlichstem Organ aus. Zu Hause brütet sie heiß über Folianten aus der Enzyklopädisten-Ära. Das sind Überlebende von Zeitreisen. 

Altes Papier und neuer Wortschatz - oft reicht das. Mit Anson ist mehr möglich. Nana sitzt neben ihrem Animal-Move-Trainer im Café Schneider. In den sanften, nicht dauerhaften und doch stets zurückkehrenden Knieberührungen ihrer Schenkel maskiert sich ein wuchtiges Begehren. Ein Begehren, das Nana ehrt. Ihre Züge täuschen adorante Aufmerksamkeit vor. Die geweiteten Pupillen erzählen eine andere Geschichte. Sie ist jetzt schon so erregt, wie sie es mit den Anwärtern des letzten Jahres nie sein konnte. Nie bedeutet, auch beim Vollzug nicht. Ansons literarische Bezugnahmen schwappen in die Gegenwart zu Uwe Timm, dessen Protagonist sich in einem Roman als Libertin gebärdet. Nana ahnt, dass Anson Timm nur zitiert, weil er ein bestimmtes, von diesem Autor geschildertes Frauenbild von ihr repräsentiert sehen will: diese Mischung aus Unschuld und intellektueller Gefasstheit bei gleichzeitiger vollständiger Hemmungslosigkeit. Nana wird ihm den kunstvollen Aufbau des Settings mit Hingabe vergelten. Sie stürzt sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass Anson im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.    

Lüsternes Halbwissen

Eine Beobachtung, wie mit einem Skalpell aus dem Leben geschnitten - eine göttliche Offenbarung riss Nanas Freundin Lale einst aus dem Rinnstein und expedierte sie in die Küche des sagenhaften Vincent. Der Dinosaurier seines Fachs gehört einer Kohorte von Küchenrevolutionären an, die der molekularen Labor-Gastronomie den Weg wiesen. In der Handlungsgegenwart lässt sich der Veteran sogar in Ederthal nur noch historisch erklären. Vincent profitiert von dem Wunsch seiner Gäste, einen Helden am Herd zu verehren. Ihr kulinarisches Halbwissen interpretiert die Restaurantküche als Raubtierkäfig mit Greifern aller Größe. Vincent spielt in diesem Szenario den König der Tiere. In Wahrheit schmeißt Lale den Laden. So was sieht man nicht von außen. Das wäre geschäftsschädigend. Niemand fände es plausibel für die Tellerfertigkeit einer Drogenkranken, die sich täglich neu mit Rigorosität und Religion kuriert, seinen Namen auf Wartelisten setzen zu lassen und Vincents Preise akzeptabel zu finden. Der Gast zahlt für eine gelungene Täuschung. Vincent, längst vollkommen verschlissen, raucht über seinem Creuset-Equipment, der Schweiß überrennt das Donnerhaupt wie Schmelzwasser einen Stein. Asche und Schweiß fusionieren mit den Dingen in den Töpfen.

Es ist eine Schweinerei, die in einem Wunder der Suggestion zum magischen Vorgang transformiert. Nie sah ein Gast die Küche und den uniformierten Fleiß, die eiserne Routine der Mannschaft, die von Vincent manchmal wie Sklaven und manchmal wie Mitgötter behandelt werden.

Mise en place let’s roll.