Der schwache Vater ist eine Erfahrung, die zur Chiffre wird. Heiner Müller verkennt vorsätzlich Machtverhältnisse, wenn er sein Verhalten während der Verhaftung des Vaters, ein Vierjähriger gibt vor, zu schlafen, als Verrat deklariert. Männer der Sturmabteilung holen den Sozialdemokraten Kurt Müller aus der Wohnung, Sohn Heiner datiert den Vorgang nach seinem Belieben auf den 31. Januar 1933. An diesem Tag klappen die Nationalsozialisten Weimar zu, Affe tot und Tschüss, der Schriftsteller Müller ermächtigt sich, den Symbolgehalt des Datums in seine Biografie zu gießen. Andere zerbrechen an seiner Stelle, auch ein sächsischer Schuhmacher, der als verdämmernder Großvater in Müllers Œuvre geistert, zerbricht, Müller bricht nicht. - Und verrät er den Vater nicht noch einmal mit seiner Entscheidung für die DDR als Schauplatz dauerhaften Aufenthalts? Jedenfalls geht ein Ehrgeiz dahin, für die Trennung vor den Eltern, dem KZ-gebeugten Kurt Müller droht im neuen Deutschland Hohenschönhausen, die läppischsten Erklärungen abzugeben. Müller ist der DDR willkommen mit seinen sozialistischen Hoffnungen. Er wähnt sich in den Reihen und auf dem Stand der Sieger. Er traut seinem Staat zu viel zu. Nach der ersten Aufführung der „Umsiedlerin” am 30.9.1961 an einer Karlshorster Studentenbühne setzt seine Stigmatisierung ein. Müller fliegt aus dem Schriftstellerverband. Er wird in der DDR zum ungespielten Autor und bleibt das zwölf Jahre.
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„Wirklich Kunst machen kann man erst in einer Gesellschaft, in der es den Warencharakter von Kunst nicht mehr gibt. Wo es uninteressant ist, wie viele Leute in einen Film gehen.”
Das notierte Thomas Brasch zu „Domino”. Der Film entstand unter einer dünnen Ausstattungsdecke. Brasch drehte viel in seiner Wohnung, er drehte mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach.
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Ministerpräsident Erdoğan bezeichnete die Protagonisten der Istanbuler Gezi-Park-Proteste als Plünderer - çapulcu. Aktivisten griffen das Wort auf und ließen es zirkulieren. Ein grafisch hundertfach variierter Titel der Solidarisierung lautet „EverydayI’m Chapuling”.
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„Wohooo! Was für ein grandioser Ausflug über die Botanik, Mimikry, die Welt der Bienen und Staaten - unglaublich, wo du da alles unterwegs warst! Deine gedanklich-literarische Spielwiese ist wirklich ein unglaublich riesiger, reichhaltiger Kosmos...” M.
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Christoph Konrad Sprengel, Direktor der lutherischen Realschule zu Spandau, entdeckte die Symbiose zwischen Blume und Biene in der Konsequenz einer Co-Evolution. Sprengel bemerkte, dass viele der spektakulärsten Orchideen gar keinen Nektar spendieren - die Natur als Ninja-Meisterin der Täuschung. Die Pflanze organisiert ihre Befruchtung, indem sie einnehmend wirkt. Der Fliegen-Ragwurz präsentiert sich als potenzielle Partnerin für Grabwespen. Er lädt die Wespe mit Mimikry zur Kopulation ein. Teilweise geht die Täuschung so weit, dass Bienenmännchen der Gattung Andrena die entsprechenden Ophrys-Blüten sogar einem Weibchen vorziehen. Solche überoptimalen Attrappen können auch bei unserer Gattung zur Verwirrung führen.
Duft als Belohnung - Das affizierte Insekt im Rausch der Sinne.
Das erste Informationszeitalter
Der Asket bringt die Bereitschaft mit, sich gegen seine Natur zu wenden. Wird diese Tendenz dynamisiert von Optimierungserwartungen, heißt Erziehung der Schlüssel zum Erfolg. Im 5. Jahrhundert breitet sich „eine geregelte, reflektierte und kontrollierte Praxis der Askese“ aus. Einen architektonischen Rahmen liefern Klöster. Die Wissensgesellschaft formiert sich. Das erste Informationszeitalter bricht an. Ihrem Wesen nach ist die mit sich selbst befasste Kirche eine Akademie und so auch ein Weltraumzentrum, in dem Himmelfahrten organisiert werden. Was ist erforderlich, dass du mitfliegen darfst?
Drei Begriffe greifen ineinander: Keuschheit – Reinheit des Herzens – geistiger Kampf. Die Keuschheit des Körpers koinzidiert mit der Keuschheit des Geistes. Die Gedanken sind nicht frei. Phantasie ist gefährlich. Die Erziehung bricht auf in der Zucht. Das Gegenstück: Unzucht; ein Wort, das sich lange hält und bis heute nach Urinstein, Waisenhaus und Jugendstrafvollzug stinkt.
Unzucht. Das Wort atmet in Nana. Sie will Unzucht treiben, wie soll das überhaupt gehen in einer säkularen Gesellschaft.
„Lass‘ uns heute Abend noch unzüchtig werden“, bittet Nana Cornelius via WhatsApp, während sie seine Lebensgefährtin Simone breit anlächelt. Die Frauen sitzen an verschiedenen Tischen und doch nah genug, um ihre Parfüms riechen zu können, im legendären ‚Da Vincent‘. Eine mörderische Spannung liegt in der Luft. Nana und Simone kennen sich aus einer öffentlich intimen Konstellation. Professor Cornelius von Pechstein hatte das Vergnügen Nana vor den Augen seiner Frau und einem großen Auditorium in einem Frankfurter Club …, und Simone hatte unterdessen das Vergnügen von Nana geleckt zu werden. Sie sprang gröber mit Nana um als der am Hintern der Graduierten klebende Grandseigneur, und auch wenn Simone sich im Zentrum eines überwältigenden Ereignisses wähnte, trägt sie Nana etwas nach.