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2026-02-07 17:11:45, Jamal

Zunächst unterstützte die Bundesrepublik Deutschland ihn, dann unterstützte Deutschland jene, die Schah Reza Pahlavi vom Pfauenthron stürzten. Frank Bösch beschreibt diesen historischen Wendepunkt als eine Zäsur der Weltgeschichte – und als Initialzündung der Gegenwart. Nichts von dem, was sich im Februar 1979 in Teheran ereignete, entsprach einer Vorzeichnung. Michel Foucault, der den landesweiten Aufstand fürCorriere della Serabeobachtete, schrieb: „Dies ist vielleicht der erste große Aufstand gegen die globalen Systeme.”

Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen hinweggefegt. Viele dürften den unheilvollen Charakter von Foucaults Iran-Berichten übersehen haben. Plötzlich drängten verschleierte Frauen in den Vordergrund und erklärten ihre „Ablehnung der westlichen Moderne” zur politischen Leitlinie. Die Botschaft verpuffte in einem Vakuum des Unverständnisses. Zukunft wurde allgemein als ein westliches Projekt begriffen. Wahrgenommen wurde eine „Rückkehr ins Mittelalter” unter der Ägide Ajatollah Khomeinis.

Siehe Frank Bösch,Zeitenwende 1979 – Als die Welt von heute begann

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„Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information.” Heiner Müller

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„Die wichtigste Ware, die ich kenne, ist Information.” Gordon Gekko

Naturnahe Weltferne

Sie folgen dem Unterlauf der Eder zum Bettelkopf im Kellerwald. Die ursprünglichen Kellerwälder Flur- und Ortsnamen enden germanisch auf a, mar, tar, loh. Das betrifft Flecken, die vor dem Jahr Achthundert in die Kultivierung gerieten. Der fränkischen Landnahme nach kam die Kolonisation unter gaugräflicher Aufsicht im Hochmittelalter. Die späten Gründungen fielen oft wüst, schlechter Böden wegen. Nana kennt einige Wüstungen, das entspricht einem entlegenen Wissen. Keine Ahnung beschwert sie, woher das Interesse an historischen Merkwürdigkeiten rührt. Wer weiß schon, was eine Wüstung ist?

Die Besiedlung der Gegend reicht in die Bronzezeit. Auf den Höhen findet man Hügelgräber und Schanzen. Kult und Kampf wurden auf einer Linie der Daseinsbetrachtung abgehandelt. Schon der erste Speer trug einen Darstellungswillen weiter. Jedenfalls behauptet das Goya. Nana weist auf Artefakte hin, die ein paar hundert Jahre unbeachtet geblieben sind. Da wollte ich gestern eine erotische Szene anpflanzen ... so schön auf Moosgrund, mit Vogelgezwitscher, den Aromen der Natur und traumhaften Lichteinfällen. Nana im Gegenlicht.

Nana und Goya erwandern ihre Heimat. Sie erreichen Maden an einem glühend heißen Nachmittag im Juli. Maden lag im Zentrum des Hessengaus. Heute ist Maden ein Stadtteil von Gudensberg. Bis ins 13. Jahrhundert war ein nachrangiger Landgraf von Thüringen stets auch Graf von Gudensberg. Nana und Goya kehren ein in das Wirtshaus Zum hessischen Jäger. Seit Generationen wird die Traditionsgaststätte von Nachfahren eines berühmten Hessen geführt. Johann Conrad Wilhelm Mensing (1765 - 1837) rettete den kurhessischen Staatsschatz vor Napoleon. Dafür wurde er von Wilhelm I. erhoben. Vor seiner Flucht hatte der Kurfürst die Verbergung eines märchenhaften Vermögens verfügt, das ihn schließlich in über hundert Truhen vollständig im Prager Exil erreichte. Man bedenke, wie viel Intelligenz, Findigkeit, Mut und restaurative Vaterlandsliebe bis zur Verbohrtheit dazugehörten, um sich dermaßen für einen Knilch ins Zeug zu legen, der auf die gekaufte Anrede Königliche Hoheit bestand und vom Absolutismus nicht lassen wollte. Dabei hatte Mensing keinen Grund, Wilhelm beizustehen. Der Sohn eines Karlshafener Schmieds war aus der Armut in die Armee geflohen und hatte die Not eines Mietsoldaten in Amerika und in Flandern erfahren.

Zur gleichen Zeit genießen Malia und Agravain einen Moment naturnaher Weltferne hinter einer Vogelbeobachtungspalisade im wurzelecht-weiterwachsenden Marschbacher Moor. Agravain entstammt dem Eder-Hessischen Geschlecht der Battenberg. Auch wenn mancher behauptet, das Geschlecht sei nach 1300 ausgestorben, man habe lediglich den Namen im 19. Jahrhundert wiederbelebt, weiß man doch als Enkel des Grafen Gudensberg, dass sich die Battenbergs mit allen Ansprüchen im Mannesstamm strikt vermehrten, Könige stellten, das Haus Hessen aus der Taufe hoben, sich den Fürsten von Lothringen-Brabant gegenüber loyal zeigten und sich britisch im Haus Mountbatten verzweigten.

Malia und Agravain schwingen nackt zusammen. Die Qi-Ströme vereinen sich im Bett der kollaborativen Erregung. Sie wiederholen sich im Ederthaler Forst auf einem Flecken, der um das Jahr 1100 bereits Eichwald hieß. Ein potenter Aberglaube schützte bis 1926 ein Hünengrab im Eichenkreis vor größeren Entnahmen.

Das Burgrecht machte einst Ruprecht von Gudensberg-Waldeck zum Richter von Ederthal. Seine Todesurteile vollstreckte er eigenhändig im Eichenkreis. Man sprach vom Galgenhurst. Hurst wie Gehölz. Das Wort setzte sich als Flurname nicht durch.

Der Eichwald war Königsforst. Ich kenne amtliche Bemerkungen zu wirtschaftlichen Eingriffen im Mittelalter. Eichen gaben gutes Bauholz, Eicheln taugten zur veredelnden Schweinemast. Kriegsbedingte Rodungen und natürliche Verheerungen verschonten die Population, bis schließlich von einem Altbestand erstmals die Rede war. Unter den Umfangreichen wurde Nana erstmals zur Liebe ermutigt. Der Eichwald ist von jeher ein Schauplatz geschlechtlicher Bekenntnisse. Jede Ederthalerin absolviert da Kür- und Cour-Termine, bevor sie achtzehn wird.

Die dramatische Kulisse öffnet sich zur Eder, die Klingenbacher Aue liegt im Rücken der Krimmer Trutz. Im Wuchs verstockte Kiefern charakterisieren jenes Regenmoor, in das sich Ritter Ruprecht flüchtete, als es ihm im 1073er Sommer an den Eisenkragen ging. Kein Stich überliefert die Erscheinung eines Haudegens, der sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben zu der Schmählichkeit einer aussichtslosen Flucht veranlasst sah. In diesem Wald hatten schon einige ihr Leben gelassen, denen Ritter Ruprecht auf einem sauren, bedenklich nachgiebigen, von Pfeifengräsern besiedelten Boden gefolgt war.