Sympathie und das sympathische Nervensystem – Sprachliche Nähe und biologische Gegensätze
Sympathie und sympathisches Nervensystem - Beide Begriffe gehen auf die griechischen Wurzeln syn (zusammen) und pathos (Empfinden, Erleben, Leiden) zurück. Historisch spiegelt diese sprachliche Nähe eine frühe wissenschaftliche Intuition. Der Körper wurde als Netzwerk von Sympathien verstanden.
Die Neurobiologie zeigt jedoch einen deutlichen Kontrast zwischen Sprache und Funktion. Das sympathische Nervensystem hat nichts mit emotionaler Verbundenheit zu tun. Es ist ein Mobilisierungsaggregat. Es bereitet den Organismus auf Handlung unter Bedrohung oder Herausforderung vor. Herzfrequenz steigt, Blut wird in die Muskulatur umverteilt, Aufmerksamkeit fokussiert sich, Stoffwechselressourcen werden schnell mobilisiert. Das sympathische System steht fundamental für Aktivierung und Überleben durch Handlungsbereitschaft.
Das, was wir im Alltag als „jemanden sympathisch finden“ beschreiben, liegt biologisch viel näher an parasympathischer Regulation und sozialen Regulationssystemen. Gefühle von Vertrauen, Verbundenheit und zwischenmenschlicher Sicherheit gehen typischerweise mit reduzierter Abwehraktivierung, erhöhter vagaler Regulation und verbesserter sozialer Interaktion einher. In diesem Sinn ist emotionale Sympathie eher mit regulierter Offenheit als mit Aktivierung verbunden.
Dadurch entsteht eine interessante semantische Umkehr. Das Wort, das ursprünglich Verbindung beschrieb, bezeichnet heute das Aktivierungssystem. Und das Erleben von Verbindung findet vor allem in Regulations- und Integrationsnetzwerken statt, die außerhalb der klassischen sympathischen Stressaktivierung liegen.
Aus einer organisatorischen Perspektive wird dieser Gegensatz noch bedeutungsvoller. Sowohl sympathische Aktivierung als auch emotionale Sympathie sind keine „Energiephänomene“. Sie sind Formen von Ressourcenorganisation unter unterschiedlichen Umweltanforderungen.
Retrochic in Ederthal
Seit ein paar Monaten haben die Verschworenen einen neuen Spot. In der Heaven & Hell Bar sitzt man an Nierentischen. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den fiddler on the roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem extrem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf das akademischen Personal der Landgraf Philipp Universität, das in den campusnahen Schwemmen wie eh je Bandenbildung betreibt. Die transgenerationale Redundanz fällt keinem auf. Am Tresen renommiert ein markanter Repräsentant jenes Klans, der seit Jahrzehnten in Ederthal den Bürgermeister stellt. Inzwischen und schon in der dritten Generation die Bürgermeisterin. Ansgar Gerster ist ein Onkel der amtierenden Atlanta Gerster-Mansfeld. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, erstrebt der Fleischgroßhändler ausgerechnet von Nana ein gesteigertes Interesse an ihm.
Nana in ihren eigenen Worten
Ich bin ein Geschöpf der Gegend, geboren und aufgewachsen in Ederthal. Meine Mutter und Ansgar sind derselbe Jahrgang. Gerade erzählt er, wie er in den glorreichen Zeiten des Kalten Kriegs von Berlin-Schönefeld mit einer Iljuschin 18 zum Ausspannen und Ausspähen nach Burgas in Bulgarien geflogen ist. Die Riviera der DDR-Bürger liegt am Schwarzen Meer. Ansgar erkundete den bulgarisch-griechischen Grenzverlauf. In den türkischen Gebieten peilte er die Lage. Man folterte ihn mit Melonenschnitzeln und Rakı. Mit Wasser vermischt schwimmt der Anisschnaps als aslan sütü – sprich Löwenmilch - auf dem Gaumen. Ansgar geriet in einen mondsüchtigen Zustand und vergass seine Mission im Vollrausch unter Markisen. Sein Gewährsmann sah aus wie eine Vogelscheuche. Der Schrat lud Ansgar zur Schächtung eines Schafbocks ein. Das Tier verblutete auf einer bulgarischen Alm.
Ansgar traf den Dänen Lars, eine großartig ramponierte Gestalt wie aus den Tagen von Dansk Vestindien. Lars gab den havarierten Kapitän mit furchtbaren Laderaumgeheimnissen. Zu Bella Ciao servierte er Kebaptscheta und Küfteta. Küfteta sind Frikadellen oder Buletten, ursprünglich Bouletten, wie der Berliner in der Mark Brandenburg zu der französischen Errungenschaft aus der Feldküche sagt. Zur Verdauung kommt ein Pyrus communis Destillat auf den Tisch. Plötzlich erschienen drei junge Frauen. Sie trugen Kopftücher und waren verheiratet.
In einem Trabi reiste die Gesellschaft Stunden später auf Schlamm in das Dorf der Frauen. Vor dem Nachthimmel zeichneten sich Erdölfördertürme wie Skelette vorzeitlicher Reptilien ab. Die Frauen wollten vor dem Einschluss in ihre häuslichen Verhältnisse noch mehr kichern und flirten. Lars verstand die Feinheiten des Spiels nicht, er wurde zudringlich. Ansgar ermahnte ihn mit der Faust.
„Die Nacht endete morgens um zehn“, erzählt Ansgar gemütlich. Er deutet meine Ausdauer falsch. Ich stehe hier nicht wegen ihm und seinen abgestandenen Stories. Ich warte auf dich. Und da bist du endlich, kaum verspätet, obwohl dir gestern noch auf einem anderen Kontinent das Kunststück gelang, meinen Kummer (ob deiner Abwesenheit) in Lust zu verwandeln. Der Himmel, durch den du mir bald darauf entgegengeflogen kamst, erschien mir dann nur noch wie eine göttliche Kleinigkeit. Ich fliege in deine Arme. Du wirbelst mich herum. Ich lasse dir Zeit, in meinen Augen deine Sehnsuchtsziele zu erreichen. In deinen Augen sehe ich einen Brand, der sofort gelöscht werden muss.
„Hast du hier noch was?” fragst du. Auch in der Liebhaberrolle steht dir ein Register voller Varianten zur Verfügung. Oh, wie ich es liebe, diese Übergänge zwischen Fachgespräch, Training und erotischen Horizonterweiterungen, auf die ich niemals verzichten muss, weil du so verdammt heiß auf mich bist. Geboren bin ich in einem Traum von dir. Ich übertreffe deine Erwartungen und düpiere deinen Realitätssinn. Ich erscheine dir so, wie du mich erkennst. Ich erlaube dir alles im Gegenzug für das Wunder, dass ich für dich sein darf. Du erlaubst mir natürlich auch alles im Gegenzug für das Wunder, dass du für mich bist. Ich könnte das nie mit einem Mann, ohne Sinn für die Poesie gegenseitiger Ergebenheit.
Wir überqueren den Campus, im Pavillon geht gerade das Licht aus. Der Garten dahinter ist um diese Zeit ein verwunschener Ort, ein stiller Raum der Abkehr von der Hektik auf den Vorplätzen der im Mittelalter als Ritterkollegium befestigt gegründeten Universität. Wollen wir das nicht, frage ich mit einem Blick. Es ist nicht nur Begehren, Liebe und die schiere Hautlust. Es ist auch Freundschaft, Verehrung, Bündnisfestigkeit und das bohrende Bedürfnis, mich von dir ohne Vorrede einnehmen zu lassen.
Du bist meine erfüllte Sehnsucht. In deinen Augen treffe ich dich noch einmal. Du und ich, wir erlauben uns, füreinander Wunder zu sein. Wir sind einander ergeben. Das ist unsere Poesie. Nein, du sagst es nicht, wenn ich dich so heiß gemacht habe, dass du es nicht mehr aushältst. Aber dein Körper kennt keine Zurückhaltung. Ich bin mit deinem Bewegungsapparat so gut wie kernspintomografisch vertraut. Ich erlebe dich in deiner ursprünglichsten Verfassung. Ein für mich genetisch aufgeschlossenes Wesen mit vibrierender Flanke - der Determination widerspricht der Wille in deinen Augen nicht mehr lange. Dann verschleiert sich der Blick und du beginnst mich mit der Stimme des vegetativen Seins keineswegs lautlos zu rufen. Ich schwäche die Zuspitzung ab und beobachte, wie ein gesellschaftsfähiges Selbst wieder die Regie übernimmt.