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2026-02-08 11:23:32, Jamal

Verborgene Potentiale  

Unsere Vorfahren lebten in Verhältnissen, die ein extrem fein abgestimmtes Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewegung und neuronaler Steuerung erforderten. Jede Jagd, jede Flucht und jede Werkzeugnutzung aktivierte Sensitivitäten, die heute weitgehend ungenutzt sind. Tiere beherrschen Fähigkeiten wie Magnetfeldnavigation, Echoortung, elektro-taktile Wahrnehmung oder subtile Vibrations- und Richtungswahrnehmung auf höchstem Niveau – und wir tragen die gleichen archaischen Systeme in uns. Doch in der modernen Welt liegen diese Potentiale meist brach.

Das autonome Nervensystem wurde für eine andere Welt optimiert - eine Welt voller unmittelbarer Gefahren, in der Überleben von schneller und präziser Regulation abhing. Der Säugetiertauchreflex und die automatische parasympathische Rückkehr im Post-Alarmmodus sind evolutionäre Werkzeuge, die es uns ermöglichen, auch unter extremem Stress ruhig, koordiniert und leistungsfähig zu bleiben.

Die Chancen der Überbelohnung

Endorphine und Dopamin belohnen das Erleben von Ruhe und Schutz besonders stark nach Gefahrensituationen. Wer dieses Prinzip versteht, kann sein Nervensystem trainieren, Selbstregulation zu automatisieren und Stressreaktionen zu kanalisieren. So ergibt sich ein biologisch subversiver Effekt, der die üblichen Stress- und Manipulationsmechanismen außer Kraft setzt.

Die Nacht von Yucatán

Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.

Phonetischer Rausch

Manchmal fahren wir nach Frankfurt, um eine Gegend zu betrachten, die den Charme einer verbeulten Pizzaschachtel hat. Wir essen dann in einem Imbiss, in dem der Fernseher läuft und man ungefragt Brot in unglaublich schäbigen Plastikschalen vorgesetzt bekommt. Man kann bestellen, was man will, es gibt dazu Tee. Als Studentin habe eine Weile in der Nachbarschaft gewohnt, ich liebte es schon damals, mich in dem kleinen Theater im Gutleutviertel in den Labyrinthen irrsinniger Inszenierungen zu verlieren. Wird es uns zu blöd, ziehen wir uns hinter den Vorhang unserer Liebe zurück. Ich bin so glücklich wie noch nie, es ist beinah schmerzhaft.

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Wir essen bei Tiago. Tiago bewirtschaftet ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Kassel und Mannheim an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von 1974 linke Hoffnungen stärkte.

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Ariane Hagestolz kennt die Bedeutung ihres Familiennamens nicht. Eine Einfriedung lässt sich auch als Vride oder Hag bezeichnen. Um drei Ecken der Bedeutungsverschiebungen gelangt man so zum Burgfried (Turm) wie zu hager und Hagestolz. In Hagestolz steckt eine Bezeichnung für jenen Erben, der zwar einem bedeutenden Mann nachkam, aber von ihm bloß den Namen erbte. Daraus wurde der altgewordene (eingefleischte) Junggeselle. Mochte der Junggeselle auch einem ordentlichen Beruf nachgehen, als Zeugungsverweigerer blieb er dubios. Man beschrieb (markierte) ihn als kauzig. Über den Kauz in der Gemeinschaft wurde hinweggesehen. Das passt zu den Dimensionen von Hag. Das Wort bezeichnete mehr und mehr etwas Kleines und Entlegenes. Man findet Hagbauer als Familienname im Telefonbuch. Der Hagbauer war der Kleingärtner unter den Landwirten.

Auch die Hagebutte gehört zum Hag in der zweiten Bedeutung von stechen und stoßen. Indes führt die erste Bedeutung auch zu hegen. Ein Widerspruch vereint stechen und hegen in der (die Bedeutungen wieder zusammenführenden) verwehrenden (abwehrenden) Hecke.

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Goya und ich spazieren nachts in der Ederaue. Mein Wortschöpfungssinn verhakt sich im alten „au“. Das ausgesuchte Fremdwort „alluvial“ (angeschwemmt) entspricht dem französischen alluviale wie in forêt alluviale - Au(en)wald. Ich genieße einen phonetischen Rausch. Der Sprachmeister fühlt sich ausgeschlossen, da ich meine Gedanken fünf Minuten für mich behalten habe. Auch für mich kann sich so ein Rückzug wie Fremdgehen anfühlen. Ich schließe Goya in meine Arme und küsse ihn, bis er in die Vertrautheit wieder auf die exklusivste Weise zugänglich wird. Mein Liebreiz ist eine Macht. Im nächsten Augenblick spüre ich seine Lust.