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2026-02-10 11:31:26, Jamal

Qi-Quickie und mythische Intimität

Das war kein gewöhnliches Begehren. Es war ein Echo aus früherem Leben - oder ein Versprechen, das die Zukunft gab. Ein kosmischer Strom der Lust drohte mich zu zerreißen ... ich erzähle dir die Geschichte als düster-modernes Märchen, in dem sich Mythen, Begierde und intellektuelle Obsession verweben.

„Zieh deinen BH aus und gib ihn mir“, verlangt Anson. Nana sieht sich um. Das Publikum konzentriert sie auf die Autorin. Nana befreit ihren Busen von den Halbschalen. Es ist ein Kunststück, erlernt und perfektioniert in Schwimmbädern und Turnhallen. Anson nimmt ihr das Stück ab und hält es sich andächtig unter die Nase. Natürlich bleibt das nicht unbemerkt, Anson scheint es egal zu sein. Seine rechte Hand fährt Nanas Schulterrelief ab. Die Hand gleitet über die Schlüsselbeine und unterstreicht Nanas Kinn. Sag, dass du mich liebst. Dass du mit mir zusammenbleiben und eine Familie gründen willst. Dass du jede Nacht bei mir liegen wirst, bis dass der Tod uns scheidet. Nana gebietet Anson keinen Einhalt, sich jeder Zustimmung gleichwohl enthaltend. Anson kommt in Frage, wie andere auch. Mehr lässt sich im Augenblick nicht sagen: das ist Nanas Standpunkt. Sie blendet die Umgebung aus. Ansons Hände besuchen ihren Busen, legen die Knospen frei und stimulieren die Spitzen. Nana stöhnt auf. In diesem Augenblick erwacht sie. Sie ist allein zuhause auf dem Sofa eingeschlafen und hat das alles nur geträumt. Enttäuschung beschleicht sie. Gleichwohl sind die Nippel bretthart und sie spürt das Ziehen im Unterleib. Unwillkürlich berührt sie sich selbst. In ihrer Phantasie …  

Sie wirft noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel und schwirrt dann ab. Auf dem Fahrrad fährt sie zur Uni.  

 Ah, ... ich liebe diese Szene mit dem sinnlichen Kuss im lichten Moment der beiden...!“ M.

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„Eine märchenhaft schöne Szene ist das, lieber .... ‚Qi ist Liebe in Bewegung‘.“ M.

Während das erste Tageslicht feindlich durch Ritzen rann und sich einer müden Gemeinschaft aufzwang, blieb Nana noch in einem beinah transzendentalen Rausch. Sie schwankte zwischen Ekstase und Erlösung - und zwar immer noch nach der Agenda einer Techno-Diktatur, die sich in den Körpern und Seelen der abgerockten Pilgerinnen herrschaftlich auswirkte. Endlich zog sie sich in eine Lounge-Ecke zurück.

Sie verkroch sich in einem kolossalen Fauteuil, vor hundert Jahren gebaut für die Ewigkeit. Die Absonderungen schweißnasser Haut so wie schaler Parfumarmomen unterlegten sich Nanas Reflexionen der vorangegangenen Stunden. Sie vernahm seine Stimme, Anson hatte sie gefunden. Das Timbre genügte, um Nana klarzumachen, dass sie noch immer vor Verlangen glühte.

Der Club hatte sich geleert, nur noch ein paar sinnlos krasse Mad-Max-Verschnitte irrlichterten auf der Tanzfläche. Anson half Nana auf und führte sie in eine sakrale Stille. Da erst fiel ihr auf, wie lange sie schon einen Moment der Ruhe entbehrte. Die Körper fanden zueinander in ewiger Zwiesprache.

Gemütlichkeitskeimzelle

In unbegreiflichen Prozessen schwarmintelligenter Zuwendung war die Mückenburg mit ihrem Hinterhof zur weit und breit beliebtesten Gemütlichkeitskeimzelle aufgestiegen. Vor Jahren hatte jemand die Pergola, den Rosenbogen und einen Zaun in den Raum gestellt, das Gitterwerk mit einer Kletterhortensie basisbegrünt und mit einer Kletterrose gepimpt. Inzwischen dramatisierten Blaue Prunkwinden, Schwarzäugige Susannen und ostindische Kirschen das Arrangement. Die Kulisse diente vorläufig geklärten Verhältnissen mit Sandkasten, Hüpfburg, Schaukel, Windeltisch und Kinderwagenparkplatz als Hintergrund.

Abends schalteten sich summend Lichterketten ein. Nana assoziierte elektrische Insekten und Glühwürmchen mit WLAN. Sie trat unter die Ranken, das Smartphone in der Hand. Das Display schimmerte. Sie beobachtete das Feld der Verführung. In einem Augenblick verschwammen die Akteure in einem Wimmelbild. Nana halluzinierte Spiralen, irisierende Muster. Sie evozierte Rotationen des Begehrens, das stete Spiel aus Nachahmung, Täuschung und Triumph.

In der Gemeinschaftsküche rivalisierten Diana und Malia. Sie trugen kaum das Nötigste im ewigen Sommer. Der Hausherr saß wie ausgeladen auf der Fensterbank. Trotzdem behielt er den Überblick. Die Generationsbesten haben längst ihre zwei Kinder und noch immer den ersten Mann. Der körperliche Abbau tarnte sich mit Lässigkeit, die Röcke wurden kürzer mit jedem Jahr über dreißig. Zweiunddreißigjährige verkleinerten die Maschen ihrer Netze und schmissen nicht mehr jeden knurrenden Zwerggurami oder Erbsenkugelfisch oder Blutsalmler gleich zurück in die Rinnsteinpfütze.

Sie ergründeten die Hierarchien in den Regierungsbezirken ihrer Stammitaliener und Lieblingsgriechen. Sie flirteten mit dem Personal, spielten beflissen mit in Kellnerkomödien. Sie waren reif für die Schmiere und das Knallchargenprogramm. Ihre Männer kamen spät, Familien und Freunde tummelten sich abends auf glühenden Gassen. Man prostete sich vor Jonnas kindgerechter Kneipe zu oder traf sich auf einen Wein im kinderfreundlichen Biergarten des Esoterikers Halif. Oder man begegnete sich vor der malerischen Pissrinne von Gretes Schwarzburg Zweiundachtzig.

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Die Herren von Loss vertraten Waldecker Interessen bis zur Fehde. Nur waren sie nicht bereit, sich gegen einen Landgrafen von Hessen aufzulehnen. 1408 öffnete Johann von Loss die Unterlossburg Hermann II. von Hessen als Zuflucht in arger Bedrängnis. Zum Dank erhielt er Ederthal zum Lehen und außerdem das Schloss Neukirchen, indem es seither spukt. Gerda von Loss war die letzte Mater des 1530 wegen Reformation abgesperrten Augustinerinnenklosters Fritzlar. 

Nana meditierte im Dōjō, in dem die Echos der Kommandos, Ermahnungen und Ermutigungen für sie in der Luft lagen. Eine andere hätte gewiss nichts vernommen in der Stille mit ihren Staubspiralen in Regenbogenfarben, aber für Nana war der Raum selbst eine Erfahrung. Hier hatte sie Disziplin gelernt und verstanden, dass ihr Verständnis für eine durchgreifende Entwicklung nicht ausreichte. Zeit ihres Lebens hatte sie einen Weg gesucht und nun war sie angekommen auf ihrem Weg, den Anson vorzeichnete. Die Kombination von Lust und Lernen wirkte wie ein Treiber.