„Die Kraft kommt aus der Situation.” Helga Schubert
Wenn wir die axiale Undulation und kognitive Modulation auf eine physische Heilpraxis übertragen, verlassen wir das Feld der bloßen Erholung und treten in den Bereich der biomotorischen Synergie ein.
Morning Flow – Anleitung für axiale Undulation & kognitive Modulation
Ziel: Schutzspannung senken, Sympathikus dämpfen, Nervensystem priorisiert axial-wellenförmige Bewegung, Einstieg ohne Belastung.
Vorbereitung – Aufmerksamkeit & Atmung
Auf dem Bauch, Augen schließen, Gewicht auf Unterlage spüren. Ich nenne es ©Normalkraftsaturierung. Tief und gleichmäßig atmen. Den Bauch entspannen. Die Wirbelsäule bewusst als „Wellenleiter” wahrnehmen. Gedanke: „Alles sicher, ich lasse los” – das Nervensystem reduziert Schutzspannung. Zur theoretischen Umgebung:
Alles, was kognitiv als Sicherheit erlebt wird, wirkt unmittelbar physiologisch.
Sobald sich die sympathische Dominanz mit einer Priorisierung von axialer Undulation und kognitiver Modulation dämpfen lässt, erleben wir Entspannung mit physiologischen und neurophysiologischen Effekten. Das Nervensystem arbeitet effizienter, Muskel- und Schutzspannung nehmen ab, und das System ist besser in der Lage, sensorische Muster zu verarbeiten.
Sympathischer Tonus und die Illusion der Entspannung in der Horizontalen
Die intuitive Annahme, dass der Körper in der Horizontalen automatisch in einen Zustand vollständiger Entspannung übergeht, erweist sich als physiologisch unzutreffend. Zwar reduziert das Liegen die mechanische Schwerkraftbelastung, doch der sympathische Grundtonus verschwindet nicht. Vielmehr bleibt eine kontinuierliche Aktivität bestehen, die für die Aufrechterhaltung zentraler Körperfunktionen notwendig ist.
Auch in der Horizontalen bleibt der Körper ein dynamisches System. Atembewegungen, Herzschlag und minimale Lageveränderungen erzeugen fortlaufend sensorische Signale, die verarbeitet werden müssen. Das vestibuläre System und die Blutdruckregulation überwachen kontinuierlich den Zustand des Organismus und greifen bei Bedarf regulierend ein. Solche Prozesse erfordern neuronale Kontrolle.
Axiale Wirbelsäulenwellen - Snake Moves. Die Übung beginnt mit der bewussten Erzeugung einer kinetischen Kette. Setze am unteren Ende deiner Wirbelsäule einen gezielten Impuls – eine kleine, beschleunigte Masse (den Impuls/das Momentum) –, den du nun wie eine Welle nach oben leitest. Jedes Wirbelsegment gibt den Schwung an das nächste weiter, sodass ein Kontinuum entsteht. Du erlebst hoffentlich, wie die gezielte Beschleunigung den Rücken förmlich auffüllt; es tritt ein Zustand der Sättigung ein. Bevor eine Welle verebbt, strömt bereits die nächste nach, bis das System einen Zustand erreicht, in dem der Impulsfluss vollkommen geschlossen und flüssig durch die gesamte Achse kreist. Was als mechanischer Stoß begann, wird durch neuronale Feinsteuerung zu einem stabilen, energetischen Kreislauf, in dem sich der Körper als Einheit selbst reguliert und trägt.
Du kehrst hierbei zurück zum ozeanischen Ursprung der Undulation – jener uralten, wellenförmigen Bewegung, aus der alles Leben im Wasser seine Kraft schöpft. Du spürst die basale Lebendigkeit in deinem Inneren. Es ist der Sex der Organe. Der Rumpf fühlt sich schließlich so aufgeladen und elektrisiert an wie ein springlebendiger Marlin, der durch das Wasser schießt. Später wirst du in der Vertikalen zum Luftfisch.
Die nächste Übung zielt auf die neurobiologische Asymmetrie und die Evolution unserer Fortbewegung ab. Die Lateralität (Seitenpräferenz) ist in unseren subkortikalen Arealen abgelegt, bei Fight/Flight/Freeze, dem Greifreflex, der Atmung, dem Herzschlag. Ich denke dann stets an den Urfisch.
Ich sage mir „die bewegliche Wirbelsäule, der 400 Millionen Jahre alte Flossenschlag. Das älteste Bewegungsbild der Menschheit. This kind of movement creates explosive power.”
Bleib weiter auf dem Bauch, die Arme im rechten Winkel ausgestreckt. Werde dir bewusst, dass dein Gehirn zwei Hemisphären nutzt, um deinen Körper zu steuern. Die Bewegung, die wir nun wecken, stammt aus der Zeit, als wir uns noch seitlich im Wasser schlängelten. Du erzeugst wieder das Kontinuum, aber mit einer anderen Perspektive. Du spürst die Fließdifferenz zwischen deiner rechten und deiner linken Seite. Mehr sollst du nicht erleben.
To get good on the right, you need to get better on the left.
Lade die linke Seite (ich unterstelle dir Rechtshändigkeit) ein, sich dem Rhythmus der dominanten rechten Seite anzuschmeicheln. Nutze den Marlin-Impuls: Stell dir vor, du bist ein kraftvoller Fisch, dessen Rumpf ununterscheidbar kompakt ist. Durch das bewusste Durchsteuern dieser lateralen Wellen füllst du die unterrepräsentierten Stellen deiner kinetischen Kette auf.
Die nächste Übung: Die isolierte Muskelbewegung. Sie ist ein Stiefkind der Aufklärung und verdankt sich einem mechanistischen Bild vom Menschen als Maschine. Wer isoliert trainiert, glaubt, er habe sich vom horizontalen Betriebssystem emanzipiert. Doch das ist eine Illusion. In der Bauchlage entlarven wir diese anthropozentrische Hybris. Hier ist das Lehrstück zum Kontrast zwischen Muskel-Wille und kinetischem Momentum – zwischen Kontraktion und Transmission. Diesen Organisationswechsel erkläre ich dir noch mal gesondert. Strecke abwechselnd deine Beine hoch, du hast dabei einen guten Dehnungseffekt. Den nehmen wir mit. Und dann aktiviere wieder die kinetische Kette und du erlebst den reibungslosen Bewegungsfluss.
Löse dich von der Vorstellung, dass Arme und Beine isolierte Werkzeuge sind. In der Bauchlage ziehen wir nun die Knie seitlich hoch und legen die Fußsohlen nahe beieinander oder lassen die Unterschenkel locker nach außen fallen – die klassische Frosch-Position. Geh langsam in die Position, taste dich dehnend vor, bis du das Vollbild hast. Ich bleibe jetzt minutenlang so liegen. Dann bewege ich die Beine nur aus den Armen. Das heißt, ich mache die Welle, sie läuft durch den Rumpf und mobilisiert die unteren Extremitäten wie mit Zauberhand.
Jetzt drehst du dich auf den Rücken und wechselst so das Kraftfeld. Nun wirkt der Körper als Tensegrity-Modell, in dem die elastische Energie nicht mehr gegen den Boden kinetisch arbeitet, sondern im System gespeichert wird. Federung vs. Blockade - Die elastische Speicherung – Lade deinen Körper an der Hüfte und den Schultern, versteife dich kurz und hebe dann die Beine an. Schon müsstest du die Transmission erleben. Du hast den Impuls in deinen Sehnen, Faszien und Muskeln gespeichert. Der Impuls fließt und macht die Bewegung leicht. In dieser Resonanz speichert das Bindegewebe die Energie (Elastic Recoil). Der Körper fühlt sich federleicht an, fast autark vom Willen. Die kinetische Kette ist hier ein reines Leitungsmedium und völlig verlustfrei. Die Nagelprobe: Kontraktion statt Transmission - Wir führen das anthropozentrische Gegenexperiment durch. Halte das Schwingen abrupt an, indem du alle großen Muskelgruppen gleichzeitig hart anspannst. Verbeiße dich im Boden. Kontrahiere nach Kräften. Innerhalb von Sekunden bist du platt. Das ist ein mechanischer Totpunkt. Die Rückkehr zur kinetischen Gnade; löse die Kontraktion schlagartig auf und lass den Impuls wieder fließen. Beachte, wie gierig das System die Schwingung aufnimmt. Der Übergang von der harten Kontraktion zur fließenden Transmission fühlt sich an wie das Lösen einer Bremse. Der Körper erinnert sich an sein horizontales Betriebssystem. Und wieder bist du im ozeanischen Rhythmus.
Die Vorstellung ist die Software, die entscheidet, ob das System kinetisch sauber arbeitet. Wer lineare oder boxförmige Vorstellungen hat, sabotiert automatisch den Effekt. Wer spiralige, fließende Vorstellungen hat, lässt das Momentum organisch entstehen und kann es entsprechend in den Partner übertragen.
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Die Grundlage einer axialen Wirbelsäulenwelle liegt in der Masse des Brustkorbs. Sie ist das zentrale Gewichtszentrum des Körpers, das den ersten Impuls für das gesamte kinetische System liefert. Indem der Brustkorb rhythmisch in Bewegung versetzt wird, entsteht ein internes Momentum, das entlang der Wirbelsäule weitergeleitet wird. Diese Bewegung ist nicht einfach ein lokaler Kraftakt; sie erzeugt eine kontinuierliche Welle, die vom Rumpf aus durch die gesamte kinetische Kette läuft.
Lieber J., wunderbar, das ging ja richtig schnell, dankeschön - das liest sich sehr einladend und ich bin schon gespannt, wie das Ausprobieren bei mir laufen wird! In einer anderen Bewegungsvariation und Einbettung sind mir diese Wellenbewegungserfahrungen gut vertraut...
Deine weiterführenden Erklärungen machen daraus auch etwas intellektuell Spannendes, das man gerne weiter entdecken mag.
Der Einstiegssatz “alles sicher, ich lasse los” ist als Übungseinstieg sehr schön.
Ich habe zur Durchführung noch kleine Rückfragen an drei Stellen:
Zu 2: Vorab: “Der Sex der Organe” und “Luftfisch” gefällt mir als Beschreibung der Wirkung! Meinst du mit “mechanischem Impuls am Wirbelsäulenende” hier einen konkreten “hands-on”-Impuls?
J.: Die Art, wie eine Bewegung mental organisiert wird, beeinflusst maßgeblich, welche motorischen Programme dominieren. Die Vorstellung bestimmt indirekt, ob kinetisches Momentum frei durch den Körper übertragen werden kann oder ob es vorzeitig durch lokale Stabilisierung und Schutzspannung gedämpft wird.
Die Vorstellung beeinflusst also, ob Schutzprogramme frühzeitig aktiv werden. Im Körper existiert keine klare Trennung zwischen Bewegung und Schutzspannung. Sobald eine Bewegung mental als isolierter, lokaler Kraftakt organisiert wird, interpretiert das Nervensystem dies als riskant. Die Folge ist erhöhte Ko-Kontraktion und lokale Stabilisierung – der Impuls wird teilweise absorbiert, bevor er das Ziel erreicht. Wird die Bewegung als fortlaufende Welle, spiralförmige Rotation oder peitschenartige Sequenz organisiert, signalisiert die Repräsentation dem Nervensystem eine kontinuierliche dynamische Struktur. Globalere Koordinationsprogramme dominieren. Der Körper organisiert sich als kinetische Kette, in der Impulse sequentiell von größeren zu kleineren Segmenten übertragen werden. Der Impuls wird kontinuierlich vom Boden über Beine, Becken und Rumpf bis zur Kontaktzone weitergeleitet.
Warum bin ich so ausführlich? Weil ich nicht für dich entscheiden kann, wo die Bewegung beginnt. Das wird mir jetzt erst klar. Versuch es doch zuerst mit einem Impuls im Brustkorb. Du setzt Masse in Bewegung und die läuft dann axial in einem hydrostatischen Drucksystem durch das Kontinuum.
Zu 3: Werden die Arme dabei am Körper entlang oder im rechten Winkel ausgestreckt?
J.: Sie werden im rechten Winkel ausgestreckt.
Zur letzten Folge:” Beide Beine gleichzeitig oder wieder - wie in der Rückenlage - abwechselnd anheben? Durchgestreckt, leicht gebeugt, egal?
J.: Gleichzeitig und gebeugt. Ich habe dabei das Gefühl, ein vibrierendes Sprungbrett verschluckt zu haben.
Kinetische Gnade” im ozeanischen Rhythmus - hach ja, schön...