Jürgen Ploog war ein Zaungast der Gegenwart, der die Zukunft schon literarisch bewohnte.
Schreiben als Stoffwechsel – Mehr zu Rolf Dieter Brinkmann und Jürgen Ploog
Die 106. Ausgabe der von Norbert Wehr herausgegebenen LiteraturzeitschriftSchreibheftwidmet sich Rolf Dieter Brinkmann und Jürgen Ploog. Beide Autoren stehen für Verdichtungen; exzessiv der eine, experimentell der andere. Diverse Nachlasssichtungen bestätigen Brinkmanns beschreibungsmonomanische Expression. Seine Prosa gestattet keine Immersion. Sie verweigert das Eintauchen in eine erzählte Welt. Vielmehr evoziert sie ein phantasmagorisches Feld, das die Stationen seiner Existenz einschließt. Permanente Überreizung diktiert den Modus Operandi der Texte. Eine ästhetische Strategie des Wüsten unterstelle ich Brinkmann nicht.
Schwerpunkte der Ausgabe
Zersplitterte Gegenwart (Rolf Dieter Brinkmann): In diesem Teil werden bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass von Brinkmann präsentiert. Die Zusammenstellung von Michael Töteberg und Norbert Wehr beleuchtet Brinkmanns Arbeitsweise und enthält visuelle Beiträge von Weggefährten und Fotografen wie Isolde Ohlbaum und Ralf-Rainer Rygulla.
Wortpilot. Bilderkapitän (Jürgen Ploog): Hier liegt der Fokus auf Ploogs „unkontrolliertem Tagebuch” aus den Jahren 1964 bis 2018. Es geht um die Verbindung von Reisen, Schreiben und der Beat-Generation. Ploog war eng mit William S. Burroughs befreundet.
Sprache in Bewegung (Cole Swensen): Ein Dossier über die US-amerikanische Lyrikerin und Übersetzerin Cole Swensen, zusammengestellt von Jürgen Brôcan. Es untersucht die Wechselwirkung zwischen Poesie und bildender Kunst.
Brinkmann bei Ploog: Ein Essay von Roberto Di Bella. „Mir ist klar, dass ich mit einem Toten spreche” thematisiert einen fiktiven oder „nachgeholten” Dialog zwischen den beiden Autoren. Er reflektiert Ploogs ausdauernde Auseinandersetzung mit Brinkmanns Werk. Di Bella beschreibt die Verbindung als eine „Beziehung der verpassten Gelegenheiten”.
Die Sprach- und Erfahrungsblockade nach 1945 wurde für viele Autoren zum initialen Reibungspunkt. Brinkmann und Ploog reagierten mit radikaler Subjektivität, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Es ging nicht darum, das Subjekt zu tilgen, sondern darum, das Ich als fixierte Instanz zu destabilisieren, um neue Erfahrungs- und Wahrnehmungsräume freizusetzen. Das Ich wird nicht gelöscht, sondern durchlässig gemacht. Bei Ploog ist das Ich eine Schnittstelle zwischen innerem Rausch und äußerer Übercodierung (Technik, Kontrolle, Sprache). Auch wenn ein Text fragmentarisch, sprunghaft oder assoziativ ist, kommunizierter. Aber nicht unbedingt eine klar umrissene Botschaft. Die Mitteilung ist hier eher eine Erregung, ein Sog, ein Impulsraum.
Das Fragment wird zur Form. Es entsteht eine Atmosphäre der Gegenwärtigkeit, die oft performativ wirkt - also so, als würde der Text im Moment des Lesens gerade erst entstehen.
Brinkmann und Ploog artikulieren auf radikal unterschiedliche Weise eine gleichermaßen ästhetische und existenzielle Reaktion auf die Sprach- und Erfahrungsblockaden des westdeutschen Nachkriegsdiskurses. Ihre Texte verheißen keinen souveränen Autor. Sie sind Durchgangsstationen exzentrischer Subjektivität. Brinkmann und Ploog geht es nicht um die Mitteilung, sondern um den Prozess, nicht um Repräsentation, sondern um Präsenz. Während Ploog das Subjekt durch technische Verschaltungen, mediale Rhythmen und digitale Versatzstücke auflöst, bleibt Brinkmann dem Körperlichen, dem Zorn, dem erotisch getönten Erleben verpflichtet. Aber auch er entwirft eine Gegenfigur zum kontrollierten, sprachlich disziplinierten Nachkriegssubjekt. In beiden Fällen wird Erregung nicht bloß thematisiert, sondern performativ erzeugt - als einer Form literarischer Gegenwartsverarbeitung.
Poesie als sinnliches Ereignis - Brinkmanns Widerstand gegen die kanonisierten Lyrikbegriffe im Nachkriegskontext
Er repräsentiert exemplarisch eine radikale Neuausrichtung des lyrischen Schreibens im Zuge eines gesellschaftlichen Aufbruchs in den 1960er Jahren. Sein Werk reagiert kritisch auf ein Verständnis von Lyrik, das Gedichte primär als Erkenntnismedien gesellschaftlicher Wirklichkeit und als didaktische Instrumente begreift. In einer Zeit, in der die deutsche Literatur vielfach mit der historischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und den Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs beschäftigt ist, distanziert sich Brinkmann von einer Poetologie, die soziale Wahrheiten vermitteln will. In diesem Kontext dienen Gedichte der Aufklärung und einer moralischen Einordnung. Die historische Schuld und kollektive Traumata verdichteten sich zu einem eigenen Genre - der Bewältigungslyrik.
„Ploog, West End” - Texte von und über Jürgen Ploog
Der Sammelband eröffnet einen vielstimmigen Zugang zu einem Schriftsteller, der wie kein anderer für die deutsche Spielart des Cut-up steht. Ploogs Texte sind assoziative Transitprotokolle, seine Bilder ein Archiv körperlicher Intensität, seine Sprache ein Sensorium für Grenzzonen zwischen Realität und Halluzination.
Wolfgang Rüger und David Ploog, die Herausgeber von „Ploog, West End”, gelingt mehr als eine Werkschau. Der aufwendig gestaltete Reader versammelt erstmals bislang unveröffentlichte Materialien aus dem Nachlass: Tagebuchauszüge, Briefe, Collagen, Fotografien. Dazu kommen Erinnerungen von Weggefährten und literarische Reflexionen jüngerer Autoren, die Ploogs Werk neu vermessen.
Wolfgang Rüger, David Ploog, „Ploog, West End”, Westend Verlag, 347 Seiten, 25,00 €
Trotz gelegentlich fast ehrfürchtiger Tonlagen liefert die Sammlung ein erstaunlich lebendiges Porträt. Sie zeigt Ploog nicht nur als stilistischen Einzelgänger, sondern als figurativen Knotenpunkt einer literarischen Strömung, die sich lange unterhalb der Kanonschwelle bewegte - und heute eine neue Bewertung mit Renaissancecharakter erfährt.
Für alle, die sich mit der Geschichte der literarischen Avantgarde im deutschsprachigen Raum beschäftigen - oder den „Solitär des deutschen Undergrounds” zum ersten Mal entdecken wollen - ist die Publikation mehr als ein Einstieg, denn sie bildet ein poetisches Kompendium aus Sprache, Bild und Erinnerung, das Ploogs multimedial-anarchisch-kultivierten Zugriff auf Text, Welt und Körper eindrucksvoll überliefert.

Wolfgang Rüger und Jamal Tuschick zwischen einer vollständigen Sammlung der edition suhrkamp und dem Lesesessel von Marcel Reich-Ranicki
Der kontrollierte Radikale
Interview mit der Verleger, Autor, Herausgeber und Antiquar Wolfgang Rüger über sein Engagement als Promoter von Jürgen Ploog und dessen Werk
Tuschick: Brinkmann und Ploog - Wann sind Dir die beiden zum ersten Mal begegnet? Das waren bestimmt sehr unterschiedliche Erlebnisse. Auch wenn man heute die beiden so dicht beieinander mühelos stehenlassen kann, zu Brinkmanns rasch endenden Lebzeiten gab es bestimmt unüberwindbare Barrieren der Distinktion nicht zuletzt. Brinkmann war der Prototyp eines freien Autors, Ploog geradezu ein Antipode dieses Typus.
Rüger: Den Büchern von Brinkmann dürfte ich als Gymnasiast Ende der Siebziger begegnet sein. Er war für mich vor allem spannend, weil er als Außenseiter galt. Und daß ACID, das ich unbedingt lesen wollte, für mich in der hohenlohischen Provinz nicht greifbar war, erhöhte diesen Reiz sicher. 1980 habe ich den Paria Verlag gegründet und bin damit in die alternative Literaturszene gerutscht. Ich war dann mit meinen ersten zwei verlegten Büchern auf der Gegenbuchmesse in Frankfurt. 1982 habe ich mit dem Studium in Marburg begonnen und in der Zeit intensiv zu Brinkmann geforscht. Ich wollte einen Materialband zu ihm publizieren.
Ploog war damals schon ein großer Name in der Alternativszene, aber ich kann mich nicht erinnern, welches Buch von ihm ich zuerst gelesen habe. 1985 bin ich an die Uni Frankfurt gewechselt und habe für verschiedene Stadtzeitschriften geschrieben. Da hat es nicht mehr lange gedauert, bis ich Ploog persönlich kennenlernte. Ich stieg schnell zum leitenden Feuilletonredakteur in der Stadtillustrierten Auftritt auf, und Ploog schrieb regelmäßig für mich. Ich wurde einer seiner Kleinverleger.
Brinkmann habe ich als Berserker wahrgenommen, der gegen Gott und die Welt wütete. Ploog war für mich eher der Theoretiker, ein intellektueller Kopf, der mit seinem singulären Schreiben den Literaturbetrieb aufmischen wollte. Die Lebensumstände der beiden spielten für mich damals keine Rolle. Ploog war für mich nie Pilot, er war ein verehrter Autor. Beide gehörten nicht zum Establishment, das war für mich das Wichtigste. Ich war abseits des Mainstreams unterwegs.
Tuschick: Ralf-Rainer Rygulla hat mal gesagt, dass damals, als er und Brinkmann die Begriffe des angloamerikanischen Undergrounds in Deutschland verbreiteten, es in den Ursprungsländern schon nichts mehr gegeben habe, was ernsthaft als vor-offizielle Literatur gelabelt werden konnte. Das war bestimmt eine Zuspitzung. Gleichwohl frage ich Dich, war dieser deutsche Literaturuntergrund nicht eine in der historischen Verspätung verrottende Angelegenheit?
Rüger: Ploog, im Dritten Reich geboren, hat sein ganzes Leben lang gegen die Nazi-Ideologie angeschrieben. Er hat große Hoffnung in die Studentenbewegung gesetzt und schon Anfang der Siebziger gesehen, daß das nichts wird mit der Implementierung der Beat-Philosophie. Wie wichtig das gewesen wäre, sehen wir heute. Die weltweite Hinwendung zu Autokraten zeigt ja nur, wie wenig sich politisch geändert hat. Und künstlerisch? Was kam denn wirklich Neues nach Brinkmann und Ploog? Nichts. Brinkmann ist literaturwissenschaftlich gut aufgearbeitet. Ploog hat man in die Schublade Burroughs-Epigone gepackt, sich mit ihm nicht beschäftigt, ihn nicht verstanden. Er ist der große literarische Kontinent, den es noch zu entdecken gilt.
Erstaunlich ist, daß die Beat-Bewegung auch die USA nicht radikal verändert hat, dort aber heute praktisch jedes Kind die Namen von Burroughs, Kerouac und Ginsberg kennt, während in Deutschland die Protagonisten des Undergrounds mehr oder weniger unbekannt sind.
Tuschick: Dass Brinkmann und Ploog ungleich gelabelt wurden, stimmt – Brinkmann wurde kanonisiert, Ploog eher marginalisiert. Aber zu sagen, danach sei „nichts Neues" gekommen, greift zu kurz. Autoren wie Oswald Wiener, Hubert Fichte, Rainald Goetz und Thomas Meinecke haben ästhetische Grenzen verschoben. 1960er-Underground und Pop kamen im Mainstream an, wurden absorbiert und Establishment-tauglich. Das sind normale Vorgänge. Deine enttäuschten politischen Wirkungserwartungen mit Bezug auf die ‚Beat Generation', die ja auch nur Getrude Steins ‚Beaten Generation' folgte, überlasten nach meinen Begriffen die Literatur. Literatur ist ein Spiel mit Möglichkeiten und keine Realo-Arena.
Die Popularität von Burroughs und Ginsberg in den Vereinigten Staaten verdankt sich als Phänomen einem popkulturellen Mythos. In Deutschland erreicht solche Amplituden niemand in diesem Segment. Das hat etwas mit gewiss verblasenen Hochkulturstandards zu tun. Die Vorstellung eines „unentdeckten literarischen Kontinents" ist reizvoll – aber sie sagt mehr über unsere Sehnsucht nach übersehenen Genies als über das tatsächliche Rezeptionsgeschehen.
Würdest du sagen, dass unser Blick auf Literatur vielleicht zu stark von der Erwartung geprägt ist, dass Radikalität stets an einzelne, exemplarisch performende Protagonisten gebunden sein muss – und dass Ploog deshalb nach wie vor entweder überhöht oder übersehen wird, weil er mit seiner Weltmann-Attitüde die Vorstellungen von einem zeitgenössischen Spitzweg-Poeten untergrub und im Weiteren als sein Werk als Burroughs-epigonaler Abklatsch denunziert wurde?
Rüger: Ich kümmere mich ja in meiner Freizeit um das Werk von Ploog. Die Aufarbeitung dessen, was sich in seinem Nachlaß befindet, wäre eigentlich ein Fulltimejob. Im Moment bin ich der Einzige, der einen vagen Einblick in Ploogs Nachlaß hat. Und da kann ich nur sagen, je tiefer ich blicke, desto größer wird der Autor. Das ist ein unentdeckter Kontinent. Das bisher Publizierte zeigt nur einen Aspekt von Ploog, eben den Cut-up-Autor. Ploog hat Literatur mit politischer Message vehement abgelehnt. Und doch war er ein durch und durch politischer Mensch. Das wird in seinen – bisher überwiegend unpublizierten – Essays und vor allem in seinen Tagebüchern klar. Er wollte eine radikale Veränderung in allen Belangen des Lebens, die ich bei den von Dir genannten Autoren nicht erkennen kann. Vor allem müssen wir unser Bild von ihm revidieren, das für die meisten stark geprägt ist von seinen Attitüden, mit denen er in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Bisher wird er wahrgenommen als der Pilot, der nebenher schrieb. Ploog sah sich selbst aber seit der Pubertät ganz anders. Er war hundert Prozent kompromißloser Künstler, der wie die allermeisten nebenher jobben mußte, um sich seine Kunst leisten zu können. Viele verdingen sich als Taxifahrer, Lohnschreiber oder Nachtportiers. Ploog wurde zufällig Pilot. Sein Nebenjob war gut dotiert. Er darb fortan nicht mehr in materieller Not. Dieses Zubrot war aber gleichzeitig ein Stigma wie Hadayatullah Hübschs Konvertierung zum Islam.
Ich behaupte jetzt einfach mal: wäre er Taxi gefahren, würde er heute als einer der wichtigsten Avantgardisten der letzten Jahrzehnte dastehen. Das ist keine Sehnsucht nach einem übersehenen Genie. Ich bin kein Literaturwissenschaftler, ich bin nur ein Amateur. Aber ich habe Texte von Ploog gelesen, da ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen ob der intellektuellen Klarheit, der visionären Kraft, der philosophischen Tiefe. Bei Brinkmann verstehe ich jeden Satz, den er geschrieben hat. Bei ihm berührt mich sein Furor, seine Metaphern, seine Wut. Bei Ploog gibt es ganze Passagen, die ich nicht verstehe, weil sie intellektuell zu hoch für mich sind. Ich müßte mir auch Flusser, Virilio, Baudrillard etc. draufpacken, was zeitlich für mich nicht machbar ist, um ihm folgen zu können. In Rollercoaster No.6 unterhält er sich mit dem Hegel-Spezialisten Thomas Collmer auf Augenhöhe, und ich verstehe oft nur Bahnhof. Aber bei all dem Nichtverstehen, spüre ich doch, daß da nicht einer mit heißer Luft handelt, sondern eine große Substanz vorhanden ist.
Ich wollte in jungen Jahren den damals noch weitgehend unbekannten Kontinent Brinkmann erforschen, das haben in der Zwischenzeit andere getan. Jetzt sehe ich meine Aufgabe darin, Voraussetzungen zu schaffen, damit die Wissenschaft den gesamten Kontinent Ploog erobern kann. Er ist es meiner Meinung nach Wert, daß man sich mit seinem Werk auseinandersetzt, das zu großen Teilen noch gar nicht publiziert ist, und ihm dem ihm gebührenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte zuweist.
Tuschick: Gab es bei der Sichtung des Nachlasses einen Moment, in dem sich Dein Bild von Ploog und seinem Werk so radikal verschoben hat, dass man fast von einem Zusammenbruch der überkommenen Rezeption sprechen müsste? Eine kosmische Verschiebung gleichsam. Dein kopernikanischer Geistesblitz unmittelbar vor dem Kollaps des ptolemäischen Weltbildes.
Rüger: Das ist mir jetzt zu hochgegriffen. Ich wußte immer, daß Ploog außergewöhnlich ist. Aber wie ich schon öfter erwähnt habe, kannte jeder von uns nur einen Teil von ihm. Die komplette Lektüre seiner vorliegenden Tagebücher hat ihn mir sehr nahegebracht. Ich hatte fast zehn Jahre sehr intensiv mit ihm zu tun. Ich habe zwei Bitter Lemon Hefte mit ihm gemacht, er hat seine besten journalistischen Arbeiten für mich geschrieben, wir haben in engem Austausch das Polytexte-Festival und das Frankfurter 60/90-Treffen vorbereitet. Wenn Kathy Acker in Frankfurt war, hat sie bei mir gewohnt, und wir haben uns zu dritt getroffen. Ich würde sagen, wir haben uns gegenseitig gefördert und gefordert. Als ich Mitte der Neunziger mit dem Journalismus aufhörte, hat er das als eine Art Verrat empfunden. Ich habe an Bedeutung für ihn verloren. Anderen gegenüber hat er sich eher despektierlich über mich geäußert. Ich fühlte mich ihm weiterhin freundschaftlich verbunden und habe die persönliche Begegnung gesucht, wo immer es möglich war. Einladungen meinerseits hat er nicht wahrgenommen. Ich habe das respektiert. Zumal er immer sehr zugewandt war, wenn wir uns sporadisch bei Veranstaltungen getroffen haben.
Bei der Lektüre der Tagebücher habe ich sein Verhalten vollkommen verstanden: er hat seinem Alltag jede kostbare Sekunde für sein Werk abgerungen. Mit mir abends Essen zu gehen, wären wertvolle verlorene Stunden gewesen, in denen er nicht schreiben konnte. Das Pilotendasein hat er gehaßt, weil es zu viel Zeit fraß. Als er in Pension ging, schrieb er ins Tagebuch: jetzt fängt das Leben erst richtig an, jetzt geht es nur noch um die Kunst. Aber er war natürlich immer noch Ehemann, Vater und Opa mit all den sich daraus ergebenden Verpflichtungen. Schon ein Handwerkerbesuch konnte ihm den ganzen Tag versauen.
Ploog hat siebzig Jahre lang geschrieben. Schon als Pubertierender hat er jede Woche einen neuen Roman angefangen. Für ihn war schon mit 15 klar, daß er Schriftsteller werden wollte. Und dann hat er geschrieben und geschrieben, ohne vom etablierten Literaturbetrieb wahrgenommen zu werden. Und hat darunter gelitten. Was für eine Lebensleistung, trotzdem immer weiterzuschreiben. Ich habe gerade eine CD gefunden, auf der sich 3 fertige, unpublizierte Buchmanuskripte befinden, darunter der 500seitige Grips-Roman, für den ich vor 40 Jahren ein Gutachten geschrieben habe, mit dem sein damaliger Agent Roberto de Hollanda bei großen und kleinen Verlagen erfolglos hausieren ging.
Tuschick: Glaubst du, dass radikale künstlerische Konsequenz zwangsläufig einen zwischenmenschlichen Preis fordert? Ploog ist ja auch seiner Familie gegenüber distanziert geblieben. Vielleicht war die Unbedingtheit, etwas, dass ihn absicherte gegen alle Verdächtigungen, sich bürgerlich den Unwägbarkeiten einer radikalen Autorenexistenz entzogen zu haben. Das ist ein weites Feld. Genauso gut könnte man sagen: Da war einer, der nicht nur radikal schrieb, sondern zugleich im mehrheitsgesellschaftlichen Sinne funktionierte – als Ernährer, als jemand, der Verpflichtungen auf hohem Niveau nachkommen konnte. Ich glaube, ohne seine weiten Spielräume wäre Ploog von Burroughs nicht nobilitiert worden. Viele Autoren, die sich als Grenzgänger und Kontributionsverweigerer gerierten, haben gar nicht erkannt, was dazugehört, um in dieser Liga auflaufen zu können.
Rüger:
Ich denke, wer ernsthaft schöpferisch tätig ist, wird immer ein Stück weit asozial sein. Große Kunst fordert Zeit, und die muß irgendwo herkommen. Wenn man sich auf familiäre Konstellationen eingelassen hat, wird die Familie zurückstecken müssen. Das führt natürlich zwangsläufig zu Konflikten. Nehmen wir die Ehe von Brinkmann: die war eine Katastrophe. Kurz vor seinem Unfalltod war die Witwe mit Kind bereits aus der Wohnung ausgezogen. Brinkmann hat rigoros sein Künstlerego ausgelebt. Er war lieber mit Rygulla und später mit Freyend unterwegs, als mit der Ehefrau. Maleen mußte zu Hause das behinderte Kind hüten, während er mit seinen Künstlerfreunden ins Kino oder zu Lesungen ging oder um die Häuser zog. Die Familie Brinkmann lebte in bitterer Armut, da stand der Gerichtsvollzieher alle paar Tage vor der Tür. Als Ernährer war Brinkmann ein Totalausfall. Ploog, fünf Jahre älter als Brinkmann, steckte da mehr in bürgerlichen Konventionen. Pilot ist er nur geworden, weil er auf der Suche nach einem Job war, der ein Auskommen garantierte. Ende der fünfziger Jahre lebte er auch mit kleinem Budget. Aber ein Leben in Armut wäre für ihn nicht akzeptabel gewesen. Ich sage mal so: Wenn du Geld hast, kannst du damit soziale Defizite ausgleichen. Ploogs Familie fehlte es materiell an nichts. Seine Ehefrau und seine Kinder haben ihn schon berufsbedingt nicht jeden Tag gesehen. Ploog entstammt einem gutbürgerlichen Elternhaus, seiner Kinderstube konnte er nicht entfliehen. Er war sich seiner Verantwortung als Ernährer der Familie bewußt und hat deshalb hier Kompromisse geschlossen. Zähneknirschend. Im Tagebuch klagt er immer wieder, daß sein sehnlichster Wunsch (Vier Wände, ein Tisch, ein Stuhl und unendlich Zeit) nicht in Erfüllung geht. Wenn man den Aussagen der Familienangehörigen glauben darf, war er ein fürsorglicher Ehemann, Vater und Großvater. Abstriche mußten alle außerhalb der Familie machen. Sein Umfeld hat er gnadenlos auf Abstand gehalten. Wen er nicht für nützlich hielt, wurde ignoriert. Anna, seine Frau, hat ihm in der Familie den Rücken freigehalten. Sie hat zu seinen Gunsten ihren Beruf aufgegeben. Das war damals Konvention, würde heute wahrscheinlich nicht mehr so ohne Weiteres gehen.
Im Moment ist das Ehepaar Auster/Hustvedt in aller Munde, ich habe den Film noch nicht gesehen, es würde mich aber schon interessieren, wer im Hause Auster gekocht, geputzt und den Abwasch gemacht hat. Große Kunst entsteht nicht in einem 9 to 5-Alltag und wird in der Regel von Menschen erschaffen, die dafür auch bereit sind, über Leichen zu gehen. Einfach, weil sie es machen müssen. In diesem Sinne war Ploog ein wahrhafter Schreiber. Er hat geschrieben, weil er ohne Schreiben nicht hätte leben können.
Tuschick: Jetzt habe ich einen Titel für das Interview: „Der kontrollierte Radikale“ - Das war Ploog. Jemand, der äußerlich funktionierte, sich aber innerlich jeder Einhegung entzog. Mich würde interessieren, ob hinter dieser Haltung nicht auch eine Form von Angst stand – weniger vor sozialem Scheitern als vor einer bürgerlich in Schach gehaltenen, vielleicht auch nur grundlos befürchteten inneren Haltlosigkeit. Ich meine, ich hätte Einschlägiges gelesen. Ploog war ja auch in seiner Anders- und Einzigartigkeit asozial im Verhältnis zu den konventionellen Interpreten der Kulturbetriebsgepflogenheiten. Es gibt da ein Wort von Flaubert über George Sand. Er fand ihre Amoralität spießig. Wahrscheinlich fand Ploog die Beat-Epigonen unserer Generation auch lächerlich angepasst an die Partynorm. Und waren sie das nicht auch mit ihrem Gesamtschulhorizont? War seine eigene Strenge auch eine Abgrenzung gegen solche Formen verkappter Bürgerlichkeit?
Rüger: Da gehen wir jetzt tief ins Psychologische. Das kann ich eigentlich nicht beantworten. Vielleicht nur so viel: wie Burroughs hat er Gruppen generell abgelehnt. Die 60/90-Treffen zum Beispiel waren für ihn läppisch. Zeitverschwendung. Am 19.7.1989 notierte er im Tagebuch: „Daneben sind 60/90-Ansätze Störfelder. Vergangenheit ist nur lästig. Weg von ihr (übrigens waren meine frühen Jahre in D. geprägt vom: Weg vom Jetzt, weg vom Hier). Ein Zurückgehen gibt es nicht.“ Auch wenn er immer wieder klagte, keine wirklichen Freunde zu haben (was definitiv nicht stimmte, er hat sie nur nicht gesehen oder gelten lassen), war er ein Einzelkämpfer. Burroughs war umgeben von Leuten, die fast wie Kletten am ihm hingen, und doch war er mit keinem einzigen befreundet. Für ihn gab es keine Freunde, nur Komplizen. Diese Attitüde hat Ploog meiner Meinung nach auch gepflegt.
Gleichzeitig war er sich seines Status innerhalb der Szene bewußt und wollte dann doch dabei sein und sich programmatisch einbringen, weil er tatsächlich die meisten der Nachrücker für „kleinkariert“ hielt. Vermutlich hat ihm die Rolle des Vordenkers auch geschmeichelt.
Was ihm vollkommen fremd war, ist das Nostalgische. Er war total zukunftsorientiert. Über ein Treffen mit Hadayatullah Hübsch notierte er am 6.8.1990 im Tagebuch: „4 Stunden diskutieren wir in der Hitze des Bahnhofcafés Vitesse. Er enthüllt sein Motiv für ein Schriftstellertreffen als Herzenssache. Ein schlimmeres Motiv kann ich mir nicht vorstellen. Es ist, als wäre alles plötzlich stehengeblieben.“ In seinem „Statement zum Frankfurter Treffen 60/90“ hat er auf 3 Seiten seine Poetologie komprimiert zusammengefasst. Dort kann man lesen: „Das Set des realen Raums, die sogenannte Realität, in der uns die Realpolitiker, die Funktionäre, Technokraten wie in einem linearen Getto von Ursache & Wirkung festhalten wollen, ist abgegrast. Mein Ziel als Schriftsteller ist es, über diesen Raum hinauszudenken & mir ist jedes Mittel recht, um dieses Ziel zu erreichen....“ (der komplette Text findet sich in „Ploog West End“)
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine kleine Notiz, die ich im Nachlaß gefunden habe. Dort rechtfertigt er seine Teilnahme an den 60/90-Treffen folgendermaßen: „Wenn es einen Nenner für Treffen wie diese gibt, dann ist er im Verhältnis zur Öffentlichkeit zu suchen. Ohne Öffentlichkeit führt ein Autor eine sehr beschränkte Existenz, was wiederum eine verdammt ambivalente Aussage ist.“ Er charakterisiert sich in diesem Text als einen „Vertreter einer unsichtbaren Generation“, die hier die Chance hat, sich zu artikulieren. „Das Prinzip der Verweigerung hat viel für sich, aber es kann kein Programm sein. Es gibt einen Beitrag zur kulturellen Misere dieser Gegenwart, es kommt darauf an, ihn zu artikulieren. Jetzt oder nie...“
Tuschick: Lass uns mal kurz Abstand nehmen von den sehr interessanten psychologischen Ploog-Deutungen und uns der editorisch-kulturgeschichtlichen Verortung Deines gewissermaßen uferlosen Nachlasssichtungsprojekts zuwenden.
Was macht dieser Nachlass mit der Literaturgeschichte?
Das ist doch ein Abenteuer. Du kanonisierst einen Autor mit Potential. Es ist ja fast alles erst noch zu entdecken. Da wird einer nicht mit allen Ehren und für alle Zeiten beerdigt. Vielmehr läuft das, was Du da treibst, auf eine editorische Wiederauferstehung hinaus. Jeder einschlägige Vergleich kommt nicht aus mit einem Hinweis auf Max Brods Rettungen im Zusammenhang mit Kafkas Werk. So ein Liebesdienst macht vieles überhaupt erst sichtbar. Brod hat aus Kafkas Nachlass einen Kosmos geschaffen. Was versprichst du Dir von Deinen Bemühungen?
Wird an anderer Stelle fortgesetzt. Siehe 'Editoriale Auferstehung II'.