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2026-04-12 17:29:45, Jamal

„Er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre.“ Heinrich von Kleist, „Die Marquise von O…“

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„Meinem Verständnis nach ist Sex eure einzige Energie.“ Osho

Verstohlene Liebeslärm - Mehr zu Persephone - Eine Episode außer der Reihe

Es war dieser eine Sommernachmittag im Garten ihrer Großmutter. Der Lavendel blühte überreich, und zwischen den Steinen wucherten Kapuzinerkressen wie kleine Flammen. Persephone war neunzehn. Alt genug für manches. Jung genug, um nicht zu wissen, was genau mit ihr geschah. Sie saß im Gras, das noch warm war von der Mittagshitze. Herzlich vertraut war ihr der Anblick eines versandeten Brunnens, dessen Rand von einem wilden Rosenbusch eingenommen worden war. Die Rosen verströmten einen schweren, fast betäubenden Duft.

Persephone beugte sich vor, und da geschah es. Die Welt wurde still. Eine Biene taumelte vorbei, der bewegte Schatten eines Blattes glitt über ihre bloßen Beine - und plötzlich spürte sie etwas. Es war ein Ziehen in ihrem Innersten. Ein Vibrieren, das ihre Schenkel erreichte. Sie berührte eine samtige Rosenblüte. Und etwas in ihr antwortete. In der Ferne schlug ehrwürdig eine Kirchturmuhr.

Die Sonne zeichnete auf dem Schreibtischholz. Persephones Blick fiel auf das Wort auf dem Post-it - Madeleine. Ein Wort wie ein Duft. Wie eine Glocke, die nur im Inneren läutet. Persephone kehrte zu Proust zurück. Der Künstler als temporär verwaister Knabe gab in der Sommerfrische den abgebrühten Beobachter. Er bemerkte „unfreundliche“ Hügel am Strand von Balbec. Den Bahnhofsvorsteher verortete er „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelte auf den „künstlichen Marmor“ der Monumentaltreppe im Grandhotel seines Aufenthalts herab. Den Direktor, „ein Fettwanst im Smoking“, verdächtigte er „einer kosmopolitischen Kindheit“.

„Nicht das ‚Ich' setzt sich zuerst ... sondern das ‚Nicht-Ich' ... als der Halt gebende und bergende Widerstand ... Der ‚haltende' Widerstand des Anderen ist älter als das ‚gegen' dieses ‚Andere' geborene ‚Ich'.“ Diese Klärung von Horst Tiwald bestätigt Marcel Proust auf jeder Seite der ausufernden Vorzeichnungen zur Recherche. Ohne die umfassende Gegenwart naher Verwandter drohte das Kind augenblicklich zu erlöschen. In der Sommerfrische diente eine Großmutter als Ambulanz gegen die Panik. Die Ahne verabredete mit dem leidenschaftlich Leidenden eine Reihe von Emergency Measures, darunter so archaische wie Klopfzeichen. Die Stunden der Abgeschiedenheit im Bett stellten für sich genommen bereits einen Notfall dar. Im Regime der Krankheiten war Marcel fern der Mutter stets nah dem Tod. Der Schlaf brachte die Gespenster der Angst.

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Persephone strebte nach ikonografischen Konstellationen. Während sie darüber nachdachte, wie sie einen begabten Gelegenheitsliebhaber am besten auf Linie brachte, trieb ihre Lust sie wieder die Wände hoch. Sie verbot sich, sich selbst zu berühren. Stattdessen strebte sie nach einer vollständigen Manifestation. Das gelang ihr zum ersten Mal. Persephone erlebte eine Premiere. Sie spielte nicht nur mit einem Gedanken. Sie gab nicht nur ihrer Phantasie Raum. Der Gedanke schaffte eine zweite Realität, in der das Subjekt glaubte, alles erleben zu können, was Menschen möglich ist. Der manifestierte Raum sah aus wie der reale.

Christliche Landnahme

Persephone kuratierte ihre Liebhaber nach deren magischen und literarischen Potentialen. Gleichwohl spielten Körper für sie eine große Rolle. Unwiderstehlich fand sie muskulöse Nerds. Ausstrahlung und Sprachmacht. Persephone sehnte sich nach einem einnehmenden Mann. Nach einem Mann, der sie aus den Angeln hob und aus der Fassung drehte. Sie wollte erhoben und … werden in Séancen zwischen Entrückung, Katharsis und kosmisch dimensionierter Erotik. Persephones stärkstes Begehren richtete sich auf CC. 

Sie traf ihn, inkarniert in der Gestalt eines Szenegängers der Money- & Art-Spielarten, in der Schneewittchen Lounge. CC trug einen taubengrauen Overall mit silbernem Reißverschluss. Selbstverständlich Designer Couture. Persephone erkannte auf den ersten Blick das Understatement und die Noblesse eines belesenen und kunstverständigen Herrn. Tödlich in einer verspielten Weise. Ein sehniger Hals und das kantige Profil erklärten Persephone, das dieser Mann entschlossen war, jeden Kampf zu gewinnen. Seine Persönlichkeit war ein Versprechen, sich und anderen niemals nachzugeben.

Seine Energie war nicht von dieser Welt. Es bedurfte keines weiteren Zeichens, um Persephone vor Glück aus allen Wolken fallen zu lassen. CC ließ sie kosmisch kommen, nach hundert - nie einem anderen erbrachten - Beweisen ihrer Ergebenheit. Der nordhessische Halbgott gab Persephone frei, beschwingt ging sie spielen zu wummerndem Techno. Wieder und wieder wurde sie angeschrien.

„Wie heißt du?“ .... „Tolles Outfit!“... „Woher kommst du?“... „Tanzt du mit mir?“

Die Anmachen ließen sie kalt, obwohl manche Körper ansprechend waren. Es liefen vampirische Beats; Persephone hatte gerade erst wieder einmal nostalgisch „Blade“ gesehen - unter freiem Himmel an der Eder. Das Open-Air-Kino im Yachtclub war leider kein Geheimtipp mehr. Wer zwischen Gießen und Kassel jung war, kannte den malerischsten aller hessischen Filmvorführspots. Die Boote dümpelten im Dunklen, ihre Rümpfe waren unruhige Schemen. Den Im Fluss sich spiegelnde Lichterketten überspannten den Schauplatz und seine plätschernde Peripherie. Die meisten Zuschauer lagen auf Decken im Gras. Das Instantvokabular einer passionierten Philologin von Phantasmagorisch über halluzinierend, lunar und surreal bis magisch passte in beliebigen Varianten zu den Szenen. Es war ein Abend für Bekenner gewesen; Leute, die sich etwas darauf zugutehielten, dem „Blade“-Original von 1998 den Vorzug zu geben. Wesley Snipes als Blade; ein Jäger mit besonderen Fähigkeiten.

Der schlecht ausgesteuerte Lautsprechersound konkurrierte mit Geräuschen der Nacht. Grillen zirpten. Kronkorken ploppten. Alles Mögliche knisterte. Die Flüsterbotschaften summierten sich zu einem lauten Wispern. Leute planschten in der Eder, und da war auch noch der verstohlene Liebeslärm separierter Paare. Im letzten Jahr hatte es das noch nicht gegeben. Wie auch immer der Trend in die Welt gekommen war; die einschlägige Parole hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Persephones Begleiter, der Germanist Vernon, Sie erinnern sich hoffentlich an den smarten Texaner, erkundete handläufig die Bereitschaft der schönen Wissenschaftlerin, ihm ins Uferunterholz zu folgen. Er erinnerte an Massentaufen in der Eder, im Rahmen einer irischen Mission sogar noch vor Bonifatius. Die christliche Landnahme im Chattengau begann nicht erst mit ihm. Bereits zuvor lassen sich Spuren einer Bekehrungspraxis erkennen. Eine iro-schottische Mission ging von Irland und dem westlichen Britannien aus und entfaltete seit dem 6. Jahrhundert eine rege Tätigkeit auf dem Kontinent. Nomadische Mönche vom Schlage eines Columban von Luxeuil gründeten Klöster, predigten den Untertanen merowingisch-fränkischer Könige und tauften die Bekehrten eben auch in der Eder, so wie über tausend Jahre später die Tunker, ihre sektiererische Eigenart mit rituellen Badefesten in unserem Fluss besiegelten.

Der antike Name der Eder lautet Adrana, auch Adarna. Er taucht in Tacitus‘ Schriften auf, im Zusammenhang mit den Feldzügen des Germanicus gegen die Chatten im Jahr 15 n. Chr. Etymologisch wird der Name oft auf die indogermanische Wurzel ad- oder ed- (fließen, Wasser) zurückgeführt. Er zählt zur alteuropäischen Hydronymie, einem System sehr alter Gewässernamen in Europa. Im Althochdeutschen wandelte sich die Bezeichnung zu Edera, woraus sich über die Jahrhunderte der heutige Name entwickelte. 

Die Tunker auch Dunker oder Dunkards bezeichneten eine pietistisch-täuferische Bewegung, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand. Ihr zeitlicher Ursprung datiert auf das Jahr 1708. Damals schlossen sich in der Ortschaft Schwarzenau Pietisten zusammen, die - geleitet von Alexander Mack - eine radikalprotestantische Religiosität anstrebten. Die an Hessen grenzende Grafschaft Wittgenstein tolerierte religiöse Splittergruppen. Das zog viele Hessen in den Kreis der Tunker. Sie kritisierten die etablierten Kirchen – sowohl die lutherische als auch die reformierte – als zu formal und zu wenig am ursprünglichen Christentum orientiert. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wanderten Nachkommen der Gründergeneration nach Nordamerika aus und ließen sich in Pennsylvania nieder. Da entwickelten sich ihre Gemeinden weiter und bestehen bis heute in verschiedenen Denominationen fort.

Auch in der Kinonacht an der Eder spürte Persephone vor allem die Verbindung mit CC. Über eine Standleitung setzte er sie unter Strom, während Vernon sich für den alleinigen Urheber ihrer Erregung hielt. So kann man sich irren.

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Kehren wir zurück ins Clubgeschehen. Wie ferngesteuert kletterte Persephone auf eine Empore über der Tanzfläche. Sie folgte CCs unheimlichen Anweisungen mit leidenschaftlicher Präzision. Ihre Bewegungen waren fließend, aber in jeder Regung lag eine Ahnung von Kontrolle. Professor Goya (vorgeblich zufällig, tatsächlich nachläuferisch zur Stelle) erkannte es in der Art, wie sie die Spannung hielt. Darin sprach sich einer Einladung zur Überschreitung aus - to whom it may concern.