Rücksichtsvoller Vorwärtsdrang
Am Hof Ludwig XVI. verstand man das Geschäft des Speichelleckers als Lehrberuf. Unterwürfigkeit spielte mit Gelenkigkeit zusammen in Allianzen, die uns zwar nichts mehr sagen, den Damaligen aber bis zur Gleichgültigkeit geläufig waren und natürlich erschienen - da sie soziale Stoffwechselfunktionen erfüllten. Als dann die Revolution den Hof wegfegte, ergaben sich für seine Milieus oft nur Rinnsteinlösungen, wenigstens im Vergleich mit einem beim Sonnenkönig akkreditierten Speichellecker.
Wer zum Fintieren erzogen worden war, konnte sich als Spieler und Rummelplatzfechter durchbringen. Dealer ging auch, zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen rasend begehrte Gebrauchsgegenstände waren. In einem Beitrag vom 21. August 1793 rückte der Marquis …
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„Für den ekstatischen Mönch Luther ist jeder Gegner schon ein Sendling der Hölle, ein Feind Christi, den auszutilgen Pflicht ist, während dem humanen Erasmus selbst die tollste Übertreibung der Gegner höchstens ein mitleidiges Bedauern abnötigt.“ Stefan Zweig
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Es passt zu Persephone, dass sie an etwas Abgeschmacktem und von Genrevorgaben stark Verengtem, wie den Simenon-Krimis ihr eigenes Vergnügen findet. Sie erkennt den lüsternen Autor in den gravitätischen Maigret-Avataren. Das ist eine philologische Passion.
Simenons Psychologie war einfallsreich im jeweiligen Genrerahmen, es sei denn, es ging um Frauen. Dann wurde er grob einfältig. Ich sehe Simone an einem antiken Institutsschreibtisch, vor dem Fenster uralte Bäume, sie schmökert in einer Schwarte, während ihr ein akademischer Ruf wie Donnerhall vorauseilt. Dieses Schmökern gehört zu ihren Spielräumen. Von Beckett sagt man, er habe schließlich nur noch Kriminalromane gelesen.
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„Lieber …, Dankeschön für diesen neuen Text, da tut sich jetzt mit Hafis nochmal eine ganz spezielle Form der Liebesdichtung auf, das hat eine besondere Inspiration. Ich darf jetzt diesem Phänomen ein wenig nachspüren, wie sich das wohl zugetragen hatte mit Goethes 'Zwillingsliebe' zu einem mystischen Dichter und der literarisch fruchtbaren Liebschaft zu einer künstlerischen und liebes-empfänglichen Frau. Danke für den inspirierenden Austausch zu den vielfältigen Themen der heutigen Erzählreise. Dass wir bei Wolfgang und Marianne* gelandet sind, ist ein besonderer Zwischenstopp.“ Musenzeit
*Wolfgang von Goethe und Marianne von Willemer
Sie spürt einen aufreizenden Klanghauch an ihrem Ohr. Sie schmiegt sich an ihn und atmet ihn ein. In diesem Moment hören sie das Flüstern ihres gemeinsamen Feldes. Es erscheint im Augenblick viel exklusiver als es tatsächlich ist. Beide sind polyamouröse Omnivoren. Der Duft seines Aftershaves gefällt ihr. Kein Wunder, sie hat es ausgewählt. Es war ihr erstes Geschenk. Sie hatte den Flakon nach der dritten gemeinsamen Nacht auf dem von Hand gefertigten Natursteinwaschbeckenrand deponiert. Baskisches Nero Marquina, durchzogen von Calcitaadern.
Anson entblößt Persephones Po, presst sich an sie, entlockt ihr die ersten Signale versagender Selbstbeherrschung. In der nächsten Szene gewährt sie seinem Glied die Freiheit, sich in ihr zu entfalten.
Zur gleichen Zeit sitzen Sina und Masaru in der ausgebauten Mansarde des ‚Dragon Pearl Spa‘. Masaru zieht die Geliebte auf seinen Schoss. Sina lacht leise.
„Immer noch hungrig auf mich?“ flüstert sie.
„Das hört nie auf“, verspricht Masaru. Seine Hand wandert unter ihr Shirt, während Sinas Hand seinen Brustkorb überflügelt - ein Spiel von Geben und Nehmen, ohne Eile. Masaru streichelt Sina mit atemberaubender Hingabe. Er absolviert den Pilgerweg von Sinas Schlüsselbeinen bis zu ihren Knien und sie gibt seinem Begehren Auftrieb. Freigiebig verschenkt sie Lustlaute. Die Welt besteht nur noch aus Haut und Atem. Masaru bettet Sina unter sich, sie hebt die Hüften und öffnet sich ihm so wie sie atmet, selbstverständlich und bewusst. Masaru bleibt bei seinem rücksichtsvollen Vorwärtsdrang, während er sich in Sina versenkt. Ihre Beine umschlingen ihn. Er flüstert ihren Namen wie ein Gebet. Gemeinsam erleben sie elementare Ergriffenheit. Sina kommt so überflutet, dass das Verlangen danach nur kurz abebbt ... eine Lustdelle ... bevor es wieder rasend Fahrt aufnimmt. Sie verkrampft beim Anrollen einer orgiastischen Monsterwelle, dann löst sich alles in ihr und sie schreit. Masaru wartet, bis Sina ihn wieder bewusst erlebt, bevor er seinen eigenen Höhepunkt anstrebt.
Im ‚Dragon Pearl‘ wirkt Ariane als traumhaft verlässliche Kraft – umgänglich, und tüchtig. In ihrem persönlichen Kosmos kreist eine Galaxie des Verlangens. Ihr Begehren gilt zurzeit dem Archäologen Gion, der beinah jeden Tag einen Grund erfindet, um vorbeizuschneien. Ariane und Gion sind ein Tagespaar mit Tee- und Kaffeeritualen und einer abgedeckten Erotik, die Ariane heiß laufen lässt. Gion kann sie kommen lassen und dabei so treuherzig wie ein Konfirmand erscheinen.
Gion ist eine rätoromanische Kurzform von Johannes. Die Linie verläuft via Hebräisch - Yōḥānān, Griechisch - Iōánnēs, Lateinisch - Iohannes bis zu Rätoromanisch - Gion. Charakteristisch ist die radikale Kürzung. Alles Narrative und Ornamentale entfällt. Übrig bleibt ein einsilbiger Lautkörper. Das passt zur rätoromanischen Sprachökonomie.
Rätoromanisch ist eine der ältesten noch gesprochenen romanischen Sprachen Europas. Sie entwickelte sich aus dem Vulgärlatein der römischen Provinz Raetia und überlebte in abgelegenen alpinen Räumen. Gion taucht seit dem Mittelalter in kirchlichen Registern, Alpgenossenschaftslisten und Taufbüchern auf.
In ihren Tagträumen erlebt sich Ariane mit Gion in ihrem Garten, der Himmel wölbt sich wie ein Baldachin über dem häuslichen Glück. Hinter dem Zaun erstreckt sich die niederhessische Savanne. So dicht an der Eder dominiert der liebliche Auencharakter.
Ederthal liegt an einer Furt. Die Gemeinde entwickelt sich auf uraltem Siedlungsgrund. Sie überformte ein Zeitarchiv. Seit dem Mesolithikum ist die Gegend durchgängig besiedelt. In den ältesten Schichten finden sich Feuersteinabschläge, Mikrolithen und Reste von Feuerstellen – Spuren nomadischer Jäger und Sammler. Mit dem Übergang zum Neolithikum verdichtet sich das Bild. Knochenharpunen, Keramikreste und Mahlsteine belegen eine sesshaftere Lebensweise. Besonders bemerkenswert sind zehntausend Jahre alte Spuren von Hausgrundrissen. Die frühen Horizonte bezeugen eine erstaunliche Dynamik. Westhessen zählt zu den Randkontaktzonen römischer Expansion. Das belegen Importkeramik und andere Hinweise auf ein vicus (kleine Handelsstation). Ein Reihengräberfriedhof und einschlägige Grabbeigaben bezeugen die frühfränkischen Gepflogenheiten der Merowinger-Ära. Erste christliche Strukturen belegen eine strategische Überbauung älterer Sakralschichten. Im Mittelalter durchläuft Ederthal kultkontinuierlich eine Karriere im Takt von Furt, Kloster, Stapelplatz.
So verrückt es klingt, Gion ist immer bei ihr. Wenn Ariane morgens erwacht, wendet sie sich ihm zu und begrüßt ihn in der Sprache der Liebenden, so zärtlich und vollkommen. Sie ist nicht mehr jung genug, um irgendetwas im Leben für selbstverständlich zu halten. Sie achtet auf sich und sie liebt ihr aufgeräumtes Leben. Aber da ist eine Leerstelle, oder um es richtig zu sagen, da wäre eine Leerstelle, würde es ihn nicht gegeben. Jeden Morgen erwacht er neben ihr, öffnet ihre Schenkel, genießt ihren Tau, beschenkt sie mit seiner Lust und lässt sich beschenken. Seine Leidenschaft wird nur von seiner Beständigkeit übertroffen. Tatsächlich weiß Ariane von Gion kaum mehr als den Namen. Betrachtet sie sich morgens im Spiegel, denkt sie an ihn. Sie will ihm gefallen. Er äußert sich vage zu seinen Vorlieben, aber sie ahnt einen großen Vorrat an Wünschen und Ideen. Zweifellos ist er ein Gestalter und kein Mensch, der sich abspeisen lässt oder mit etwas lediglich vorliebnimmt. Sie unternimmt große Anstrengung, um ihn zu entschlüsseln. Ihr kleines Büro nennt er liebevoll „Papierpalast“. Ariane umgibt sich mit Papier. Die Wände sind mit Kalligrafie geschmückt - sie hat sie selbst geschrieben, in Nächten, in denen ihr Herz zu voll war, um zu schlafen. Aromatischer Dampf steigt aus ihrer Keramiktasse. Kardamom, Zimt, Muskat. Kaffee mit einer Prise heimlicher Sehnsucht.
Zur gleichen Zeit
Sie weiß, dass er möchte, dass sie ihren Slip auszieht, nicht aber (noch nicht) den BH. Nana spürt seine Hände auf ihrem Busen. Aslan enthüllt ihn. Sie fühlt ihren Busen auf der Waage seiner Hände. Er leckt ihre Knospen. Sie nährt seine Lust, indem sie seinen Hals leckt und sein Glied in die Hand nimmt. Ganz einfach. Er lobt sich in ihr ein. Sie unterdrückt ein Aufstöhnen. Ihre Muskeln schließen sich gierig. Sie ringt nach Luft und verlangt innerlich nach mehr. Sie will sich entladen. Das Becken spannt, die Welle steigt. Kurz vor der Erlösung stoppt er.
Sie dreht sich in seinen Armen und streckt ihm den Po entgegen. Sie verrenkt sich den Hals, um ihn küssen zu können, seine rechte Hand hält ihr Kinn hoch. Gleichzeitig mit seinem Eindringen in ihr Lustzentrum drängt seine Zunge in ihren Mund. Sie stöhnt in seine Mundhöhle; während seine andere Hand stimulierenden Druck auf ihren unteren Rücken ausübt, bevor die Hand zu meinem Hintern zurückkehrt wie ein Tierchen zu seinem Lieblingsplatz. Nana kommt und ist sofort wieder bereit.
Eine halbe Stunde später
Nana schreibt:
Platenburg versucht sich abzusichern, ohne den Aplomb der Selbstermächtigung zu verlieren. Aus der zuvor klar benannten und geradezu postulierten Macht- und Infrastrukturlogik wird gerade eine ethische und affektive Legitimationsfigur.
Die Frage, wie sich editorische Macht rechtfertigt, beantwortet Platenburg nicht mehr mit Verfahren, Auswahl und Einfluss, sondern mit „Absprache“, „Gewissen“ und „Freundschaftsdienst“. Was zuvor als Steuerung von Sichtbarkeit, als Aufbau von Infrastruktur und als gezielte Positionierung eines Autors beschrieben werden konnte, erscheint nun als moralisch gebundene Praxis.
In dieser Umcodierung zeigt sich ein bekanntes Muster. Ein strukturelles Machtverhältnis wird durch eine affektive Semantik überlagert. Die Arbeit am Nachlass wird nicht als Eingriff, sondern als Fürsorge lesbar gemacht. „Am Leben bleiben nur die Klassiker und solche, um die sich jemand kümmert.“ Der Satz markiert die entscheidende Verschiebung. Kanonisierung erscheint nicht länger als Ergebnis von Diskursen, sondern als Folge von Betreuung. Der Autor bleibt nicht, weil er gelesen wird, sondern weil sich jemand seiner annimmt.
Mit der Formel „Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf“ erreicht diese Bewegung ihren Kulminationspunkt. Was zuvor als Form der Ermächtigung beschrieben werden konnte, wird in die Sprache der Loyalität und Fürsorge übersetzt. Doch diese ethische Rahmung hebt den operativen Gehalt der Tätigkeit nicht auf. Im Hintergrund bleibt die Praxis der Steuerung sichtbar: das „Optimum herauszuholen“, den Autor „am Leben zu halten“, über Jahre hinweg Material zu generieren, ihn in unterschiedliche Kontexte einzuschreiben. Der Nachlass erscheint weiterhin als Ressource, als Reservoir möglicher Setzungen.
Gerade in dieser Gleichzeitigkeit liegt die eigentümliche Spannung. Die editorische Arbeit wird abgesichert, ohne ihren Gestaltungsanspruch preiszugeben. Sie bewegt sich zwischen Selbstermächtigung und Selbstbegrenzung, zwischen Intervention und Dienst. Die moralische Semantik fungiert dabei nicht als Gegenmodell zur Macht, sondern als ihre Legitimationsform.
Was sich im Gespräch darüber hinaus zeigt, ist mehr als die Beschreibung eines solchen Prozesses. Es ist dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Die Fragen, die Antworten und ihre theoretische Verdichtung bilden kein äußeres Beobachtungsverhältnis, sondern ein System von Rückkopplungen. Jede Klärung der Strukturen – der Rolle von Edition, Publikum oder institutioneller Vermittlung – wirkt auf den Gegenstand zurück, den sie zu analysieren versucht.
Damit verschiebt sich auch die Position des Kommentars. Er steht nicht außerhalb, sondern innerhalb der Konstellation, die er beschreibt. Die Reflexion über editorische Vorstrukturierung und publizistische Resonanz wird selbst zu einem Moment dieser Dynamik. Indem sie die Umschlagplätze der Kanonisierung zu bestimmen sucht, erzeugt sie zugleich neue Anschlüsse, Erwartungen und Sichtbarkeitsachsen.
Das Gespräch ist damit nicht länger bloß ein Medium der Erkenntnis, sondern eine Form sekundärer Autorschaft. Es organisiert, was es beschreibt, und beschreibt, was es organisiert. Die Grenze zwischen Analyse und Produktion wird dabei nicht aufgehoben, sondern durchlässig gemacht.
Gerade darin liegt die eigentümliche Dynamik solcher Konstellationen: Je genauer die Mechanismen der Sichtbarkeit benannt werden, desto stärker schreiben sie sich fort. Reflexion wird nicht zum Gegenpol der Praxis, sondern zu ihrem Verstärker. Das Gespräch selbst wird Teil jener Infrastruktur, die es zu analysieren sucht – nicht als Störung, sondern als Konsequenz seiner eigenen Präzision.