Bella Ciao
In Marburg stieg Hannes Wader zu. Ihm räumte Madeleine Platz ein. Hannes Wader war unser Pete Seeger. Wir sangen „Bella Ciao“, bis wir in Frankfurt am Main einfuhren und uns die Lederjacken der Putzfraktion frenetisch einen großen Bahnhof bereiteten.
„Alles, was wir tun, hat eine Folge. Aber das Kluge und Rechte bringt nicht immer etwas Günstiges, und das Verkehrte nicht immer etwas Ungünstiges hervor, vielmehr wirkt es oftmals ganz im Gegenteil.“ Goethe
Eine Geschichte aus der Zeit des Frankfurter Häuserkampfs. In den 1970er Jahren kam es in der hessischen Metropole zu zahlreichen Hausbesetzungen im Dunstkreis der Ober-Spontis Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit, Klaus Trebes und Tom Koenigs. Als Jungspund geriet ich in den Strudel der Auseinandersetzungen und so auch in eine berühmte Wohngemeinschaft. Während die Genossen sauf- und rauflustig um die Häuser zogen, blieb ich in der Kommunenküche an Katja hängen.
Im Zug beanspruchte ich so wenig Platz wie möglich, während Madeleine mit ihren Sachen das Abteil okkupierte. Wir waren auf dem Weg nach Frankfurt am Main. Zum ersten Mal sollte ich jene sagenhaften Kommunarden kennenlernen, die Madeleine in ihrer Sponti-Wohngemeinschaft aufgenommen hatten. Alle studierten pro forma Soziologie und betrieben im Kollektiv eine Buchhandlung. Madeleines Frankfurter Favorit hieß Darius und stammte aus Isfahan. Der Iran stand vor dem Ende seiner Monarchie. Eine Götterdämmerung bahnte sich an. Schah Reza Pahlavi hatte so lange als Jetset-Märchenkönig am Sehnsuchtshorizont deutscher Hausfrauen die Stellung gehalten. Einer musste für sie stellvertretend wie Gott in Frankreich leben und eimerweise Kaviar verputzen. Reza würde nie wieder in Sankt Moritz an den Hängen posieren. Selbstverständlich kam Darius aus einer bedeutenden Familie. Selbstverständlich war er Revolutionär. Er versprach sich alles von Ajatollah Chomeini, dessen Rückkehr nach Teheran bevorstand. Ja, der Ajatollah war ein Hoffnungsträger der Linken, so wie die Mudschaheddin die Guten waren. Aber da war auch noch Roland, Madeleines sozialdemokratischer Sexgenosse. Das war keiner, der sich einfach so vom Brot schmieren ließ wie eine Wurst, von der man genug hatte.
Ich war gespannt auf die Madeleines Wohngenossen. Angeführt von Joschka Fischer, Chef einer schlagenden Verbindung linksradikaler Provenienz, trieben sie die außerparlamentarische Opposition vor sich her. Revanchismus lauerte überall. Während sich die Gassenhauer um Madeleine scharrten und die Frankfurter Nacht zu ihrer Domäne erklärten, blieb ich an Katja hängen. Es gab, das wusste ich damals natürlich noch nicht, stets eine Katja. Oft hieß sie auch so und führte außerdem einen Flüsternamen. Katja war die Schrankfrau. Erreichten sie ihre ärgsten Zustände, stieg Katja in einen masurischen Bauernschrank, der den Treck der Vertreibung ihrer Großeltern mitgemacht hatte und ihrer fiebrigen Existenz beruhigende Konturen verlieh. Erzählen Sie so was einem sechzehnjährigen Nordhessen, der zwanzig vollständige Klimmzüge schafft, Vizehessenmeister im Gewichtheben ist und jeden Tag fünf englische Phrasen auswendig lernt. Katja saß im Schrank, ein Türflügel stand offen. Das war ein Erfolg, der sich meinem guten Einfluss verdankte. Jedenfalls behauptete das Katja, die einigermaßen bequem in ihrer Holzhöhle auf einem Omakissen saß, mit angezogenen Knien. Ich saß davor auf einem Schawellsche (Schemel auf Hessisch). Ich stellte mir Madeleine auf einer Tanzfläche vor, umschwärmt von den Genossen Dany und Joschka. Katja kaute Haare. Sie zog ihr Haar durch den Mund und betrachtete das Regressionsresultat. Durch hundert Schleier der Selbsttäuschung begann ich zu ahnen, dass die Konstellation gar nicht so absurd und zufällig war, wie ich es gern gehabt hätte. So wie es immer eine Katja gab, gab es eben auch immer so einen wie mich. Mich packte der Hunger. Ich ging in die Küche zu einem Topf kalter Nudeln. Plötzlich stand Katja hinter mir und wollte auch. Bald dekorierte sie die Anrichte mit ihrer im Schrank wiederhergestellten Person. Sie roch nach herzlicher Aufnahme. Sollten die anderen doch auf den Magistralen des revolutionären Vergnügens buhlen und prahlen und Madeleine versteckten Anarchisten zuführen, um ihr zu imponieren. Ich kannte den Schleichweg in Katjas Bett.