Ploog antizipiert nicht nur technologische Entwicklungen, er simuliert bereits ihre Erfahrungsdimension – also wie es sich anfühlt, wenn Wahrnehmung, Gedächtnis und Identität von maschinellen Prozessen moduliert werden.
„Die simpelste Form ist, 2 beliebige Seiten ... senkrecht zu zerschneiden & die 4 Hälften in vertauschter Reihenfolge wieder zusammenzusetzen...” Jürgen Ploog
Die Ästhetik des Zirkulierens
Honoré de Balzac schuf das Sittengemälde der bürgerlichen Moderne. Balzacs monumentales Werk, insbesondere „La Comédie humaine”, ist ein literarisches Panorama des expandierenden Kapitalismus, bürgerlicher Aufstiegshoffnungen, urbaner Transformationen und restaurativer Machtstrukturen im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Balzac ist der Chronist einer sich rationalisierenden Welt, in der Geld, Status und Intrige Triebfedern des sozialen Lebens sind. Seine Figuren sind häufig getriebene, kalkulierende, aber auch tragisch verstrickte Existenzen in einem System, das sie übermannt.
Ploogs Werk ist ein Sittengemälde jener milden Dystopie, die im Nachgang der bürgerlichen Ordnung noch größeren Verwerfungen die Tür öffnet. Störungen, Signalsprünge und multiple Perspektiven beherrschen die Szenen. Das Schreiben kartografiert ein fluktuierendes Bewusstsein, das durch Zeitzonen, Frequenzspektren, archaische und kulturelle Schichtungen driftet.
Reale Orte verschmelzen mit medialen Konstruktionen. Ploog formuliert eine Poetik, die sich der Erzählung als linearer Form verweigert. Stattdessen erzeugt er Texte, die sich wie elektronische Impulse verhalten: sprunghaft, hybrid, anschlussfähig. Die Erfahrung des Fliegens - nicht als technischer Vorgang, sondern als existenzielles Raumgeschehen - bildet die Infrastruktur dieser Sprache.
Ploog kultiviert eine Form von proto-poetischer Kommunikation, die sich jenseits der verbalen Rationalität ansiedelt - ein sensorisches Schreiben, das an die Frühformen neuronaler Netzwerke erinnert. Text begreift er als kybernetischen Prozess, als Informationsaustausch zwischen Körper, Medium und Maschine. Seine Wahrnehmung ist ein Radar, auf das Sprache wie ein Echo trifft.
Von der Schreibmaschine zum Brain-Computer-Interface
In einem Gespräch mit Martina Weber erläutert Ploog seine Arbeitsweise: Er verwendet eigene und fremde Texte - insbesondere, um Atmosphäre zu erzeugen. Früher zerschnitt er „brachial völlig fremde Texte” wie Kriminalromane oder Pornos.
Ploog wird mitunter in einer musealen „Cut-up-Schublade” abgelegt, als letzter deutscher Burroughs-Adept, der mit Schere und Kleber wilde Textlandschaften erzeugte. Diese Perspektive ignoriert, wie sehr Ploogs Arbeit den Dialog zwischen Mensch & Maschine vorwegnimmt - und zwar Jahrzehnte bevor Begriffe wieNeural Networks,Brain-Computer-InterfaceoderMachine Learningin den Mainstream sickerten.
Das medialisierte Subjekt
Ploogs seismographischen Protokolle sind mehr als bloße Sprachspiele. Sie haben etwas von User-Logs. Der Autor schickt Akteure in die Textarena, deren Wahrnehmung bereits durch Filter, Sensoren und Signale gesteuert wird - ähnlich wie wir es heute über Smartphones, Wearables oder neuronale Interfaces erleben.
Ploog antizipiert nicht nur technologische Entwicklungen, er simuliert bereits ihre Erfahrungsdimension – also wie es sich anfühlt, wenn Wahrnehmung, Gedächtnis und Identität von maschinellen Prozessen moduliert werden.
Fortsetzung des Langzeit-Interviews mit der Verleger, Autor, Herausgeber und Antiquar Wolfgang Rüger über sein Engagement als Promoter von Jürgen Ploog und dessen Werk
Tuschick: Für Ploog ging es weniger um fehlende Öffentlichkeit und ausbleibende Anerkennung; vielmehr diskutieren wir gerade ein retrospektives Resonanzdefizit. Sehr richtig weist du darauf hin, dass die Abwesenheit eines potenten Gegenübers Ploogs verspätetem Existenzialismus eine tragische Note gab. Ich bin als Zeitzeuge an Bord. Wie oft habe ich Ploog in seinem Kinomantel à la film noir mit weltmännischem Gestus auf einem Schauplatz der Frankfurter Kultur beobachtet, ohne dass mir seine visionäre Reichweite klargewesen wäre. Alle anderen passten als Schriftsteller in den akademischen Rezeptionsrahmen, bei Ploog dachte man an eine antike Avantgarde. Cut-up schien nicht anschlussfähig. Eine andere ungerechte Zuschreibung war Burroughs-Epigone. Ploog fehlte eine antwortfähige Umgebung. Du beschreibst, wie intensiv Ploog in seinen frühen Jahren in Austauschzusammenhänge eingebunden war – Diskussionen, kollektive Lektüren, intellektuelle Nähe zu Leuten, die später ihre kleinen Karrieren von der Feuilletonrelevanz bis zum Vergessen-sein nach Schema F absolvierten.
Wenn Schreiben für Ploog eine Form von Erkenntnisarbeit war – ein Sondieren dessen, „was Schreiben heute kann und was nicht” –, dann wäre er auf ein Gegenüber angewiesen gewesen, das diesen Prozess auf Augenhöhe begleitet. Nicht zwangsläufig im Geist der Zustimmung. Auch als eine Art Widerlager. Hatte Ploog wenigstens am Anfang jemanden, der mit im Zug seiner ästhetischen Radikalisierung saß?
Rüger: Ab 1968 war bis zu seinem Tod mit Sicherheit Carl Weissner eine Konstante im Leben von Jürgen Ploog. Weissner hat in seinen Anfängen auch selbst geschrieben, war dann jahrzehntelang hauptsächlich als Übersetzer und Agent tätig, und hat erst kurz vor seinem Tod wieder eigene Prosaarbeiten veröffentlicht. Beide tauschten Arbeiten zur Begutachtung aus, beide schätzten sich. Es gab nur wenige, deren Meinung Ploog ernst nahm. Wondratschek war jemand, dem er immer wieder Arbeiten schickte und auf eine kritische Stellungnahme hoffte. In den 2000er Jahren kamen 3 Autoren dazu, mit denen er intensiven Austausch hatte: Wolf Pehlke, Axel Monte und Thomas Collmer. Alle drei auf ihre Art hochinteressant und wie Ploog weit unterm Radar einer breiten Öffentlichkeit. Ein Quartett, das das gleiche Schicksal teilt. Aufregende Nachlässe, für die sich eigentlich niemand wirklich interessiert. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist es eigentlich unglaublich, wie viele gute Leute ein Leben lang vom Literaturbetrieb ignoriert werden. Vom Tod Collmers hat zum Beispiel niemand etwas mitgekriegt. Wikipedia weigerte sich über ein Jahr lang, seinen Tod zu vermelden, weil es keine offizielle Todesnachricht gab. Ni Gudix mußte erst auf Textor online einen Nachruf schreiben, damit Wikipedia bereit war, sein Sterbedatum öffentlich zu machen.
Tuschick: Jene Zirkelprominenz, die Ploog zu Lebzeiten einhegte, limitierte auch das Werk. Es kam nicht zur Welt, solange sein Urheber nicht mehr herauszuschlagen vermochte. Andere haben in der relevanten Spanne in namhaften Verlagen veröffentlicht, ohne sich in die Epoche einzuschreiben. Sie sind vergessen, während Ploog gerade als Legende an den Start geht.
Da Ploogs Prosa in einem so kleinen Resonanzraum entstanden ist - welches Schicksal widerfährt ihr, sobald du sie edierst und sichtbar machst? Verändern sich die Wasserzeichen und klandestinen Signaturen? Verändert sich die Struktur in deinem Fokus? Verlieren die Texte etwas von ihrer konspirativen Energie; oder entsteht jetzt erst eine Verbindung, die sie aufatmen lässt und ihren heimlichen Goldgehalt offenbart?
Rüger: Seit gut zwei Jahren beschäftige ich mich jetzt intensiv mit Ploog, und seit zwei Jahren frage ich mich, warum habe ich das nicht schon früher gemacht. Von 1995 bis zu seinem Tod war ich mit anderem beschäftigt, mein vorhergehendes Leben war für mich ein abgeschlossenes Kapitel. In meinen Anfängen als Antiquar war die Subkultur noch eines meiner Spezialthemen. Nach dem Mauerfall gab es eine große Nachfrage aus dem Osten nach Undergroundliteratur. Das verlor sich aber auch mit der Zeit. Viele Jahre spielte die alternative Szene keine Rolle mehr in meinem Alltag. Jürgen war als Freund in meinem Kopf, aber ich habe seine Publikationen nicht mehr im Blick gehabt. Fünfundzwanzig Jahre seines Schaffens sind also mehr oder weniger spurlos an mir vorbeigegangen. Wir haben uns hin und wieder gesehen und gesprochen, aber nicht über seine Bücher. Das kreide ich mir heute als großen Fehler an. Ich hätte seine Bücher lesen müssen, ich hätte zu Lebzeiten mit ihm darüber diskutieren müssen. Jetzt, wo ich alle seine Bücher gelesen habe, wo alles offen vor mir liegt, wo ich fast jeden Tag neue Entdeckungen mache, wird er für mich immer größer und singulärer.
Obwohl ich, wie bereits erwähnt, nur einen kleinen Teil seines Nachlasses überblicken kann, bin ich ihm ganz nah. Je mehr ich von ihm lese, umso verblüffter bin ich, daß er über diese doch überschaubare Alternativszene nicht hinausgekommen ist. Es gab schließlich eine Reihe von experimentellen Autoren seiner Generation, sei es nun Franz Mon oder Ror Wolf oder Eugen Gomringer oder H.C. Artmann, die ein anderes Level der Wahrnehmung erreicht und heute ihren selbstverständlichen Platz in der Literaturgeschichte haben. Im Moment bin ich der Einzige, der eine Art Gesamtüberblick über das Ploogsche Werk hat. Das mag mein Urteil erleichtern und meinen Glauben bestärken, daß, wenn die Breite seines Oeuvres der Öffentlichkeit erst einmal bekannt und zugänglich ist, diese zum gleichen Ergebnis kommen muß wie ich. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß sich Qualität und Originalität auf Dauer nicht durchsetzen.
Tuschick: Diese tragische Verzögerung - dass ein so großer Teil von Ploogs Werks selbst für jemanden wie dich lange Zeit nicht präsent war - bestätigt die Richtung, der unser Gespräch seit einer Weile folgt - wie leicht dieses Schreiben aus dem gesellschaftlichen Blick geraten konnte, selbst in unmittelbarer Nähe. Du sprichst von Größe, von Singularität, von der Überzeugung, dass sich Qualität und Originalität am Ende durchsetzen werden, sobald das Werk in seiner ganzen Breite sichtbar ist.
Ich frage mich und Dich, ob sich an dieser Stelle noch einmal ein Spannungsfeld vermessen lässt. Denn das würde ja bedeuten, dass man den ursprünglich sehr engen Resonanzraum gewissermaßen nachträglich erweitern kann – dass aus einer fast abgeschlossenen Zirkulation irgendwann doch eine breitere Öffentlichkeit wird, die Dir in Deinem Urteil folgt.
Aber ist das tatsächlich so übertragbar?
Setzt diese Hoffnung nicht voraus, dass das Problem bei Ploog vor allem ein Mangel an Sichtbarkeit war – während wir zuvor darüber gesprochen haben, dass es vielleicht auch ein Mangel an Anschlussfähigkeit gewesen ist? Glaubst du, dass sich dieser spezifische Resonanzraum, in dem Ploogs Texte ursprünglich funktioniert haben, tatsächlich so weit aufreißen lässt, dass die Marktmechanismen greifen? Oder ist das, was du jetzt leistest, vielmehr eine Verschiebung als eine Erweiterung?
Rüger: Mehr als machen und probieren kann ich nicht. Als „Ploog West End“ erschienen ist, habe ich mir überlegt, wem ich ein Besprechungsexemplar schicken kann. Von einem etablierten Lyriker und Literaturwissenschaftler, seinen Namen will ich an dieser Stelle nicht nennen, hatte ich gerade einen sehr kompetenten Essay über Brinkmann gelesen. Er schien mir ein geeigneter Rezensent zu sein. Also schrieb ich ihn an und fragte, ob ich ihm ein Buch schicken dürfe. Er antwortete postwendend: „… vielen Dank auf den Hinweis, ich muss gestehen, dass ich mit Jürgen Ploog wenig anfangen kann. Ich habe ihn mal live Ende der Neunziger in Erfurt erlebt und fand ihn eher befremdend, mir scheint er aus dem Burroughs-Epigonentum (auch in der Selbststilisierung) nie herausgekommen zu sein“.
Das ist nach wie vor die vorherrschende Meinung über Ploog. Er war einfach ein miserabler Selbstvermarkter. („Ich bin absolut unfähig, mein eigenes Zeug zu vermarkten. Schon die Frage: Was schreibst du gerade, bringt mich aus der Fassung.“ Tagebucheintrag vom 11.7.2002) Und die Attitüden, die er teilweise an den Tag gelegt hat, haben es nicht besser gemacht. An der Beseitigung dieses Vorurteils arbeite ich hauptsächlich. Deswegen, ich muß mich leider wiederholen: jetzt geht es nur noch ums Werk. Was ich schaffen muß, ist, Kritiker und Literaturwissenschaftler dazu zu bringen, sich unvoreingenommen mit seinen Texten auseinanderzusetzen. Hier im Laden führe ich fast täglich mit Kunden Gespräche über Ploog und verkaufe dann auch das ein und andere Buch von ihm. Durch meine diversen Aktivitäten und meine Schaufenster mache ich Leute neugierig. In Frankfurt ist Ploog als Thema jetzt präsent. Aber er ist ja kein lokales Phänomen, das muß über die Stadtgrenzen hinausgehen.
David und ich wollen Erweiterung, keine Verschiebung. Es gilt, neue Leser zu gewinnen. David setzt auf die Jugend. Wenn man Ploog nur oberflächlich liest, könnte da Potential liegen. Für geschulte Leser bietet er aber viel mehr.
An dieser Stelle muß ich nochmals auf die subversive Intention hinweisen, die Ploog verfolgte. Auf den ersten Blick liest sich seine Fiction wie Abenteuergeschichten. Was seine eigentliche Absicht war, hat er in seinen theoretischen Texten immer wieder erklärt. In Straßen des Zufalls heißt es beispielsweise: „Im Nachkriegsamerika waren die Beats in Bewusstseinsräume aufgebrochen, die für mich & andere meiner geistigen Generation weisse Flecken auf der inneren Landkarte gewesen waren. Die bundesrepublikanischen Schreiber schlugen sich mit Kahlschlag & einem Nachholbedarf an Weltliteratur herum & suchten Anschluss zu finden an eine Literatur, deren Verdienste weitgehend abgedeckt waren. Das war Restauration, & wenn sie gegen eine fatale Kontinuität gerichtet war, konnte sie nur ein jämmerlicher Versuch bleiben.“ Ploog ging es um einen Aufbruch zu neuen Ufern, das Ziel dieser Reise war dabei ganz klar: „Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.“ So hat er es in Black Maria formuliert.
Auch das Personal seiner Geschichten ist nicht willkürlich ausgewählt. Jede einzelne Figur steht für etwas sinnbildlich. Seine Protagonisten sind nicht von ungefähr in Personalunion Piloten und Agenten. Leider kann ich die Stelle nicht mehr finden, wo er das sehr detailliert aufschlüsselt. Seine Piloten symbolisieren die individuelle Freiheit, sie sind keinem verpflichtet, bewegen sich unkontrolliert in Raum und Zeit und folgen nur ihrem eigenen Wertesystem.
Tuschick: Was du beschreibst, verweist auf eine konstante Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefenstruktur. Auf der Oberfläche erscheinen die bekannten Marker: Burroughs-Epigone, verspäteter Beat-Adept, deutscher Spießer-Underground, Selbststilisierung mit Anleihen an die B-Picture-Ästhetik US-amerikanischer Krimis der 1940/50er Jahre. Offenbar reicht das bis heute oft aus, um Ploog als Nachahmer und Nachzügler zu denunzieren.
In dieser Perspektive erscheint er hochmütig und kleinkariert.
Du dokumentierst und beförderst eine andere Sicht. Du beschreibst Ploog als Urheber eines Werks, dessen untergründigen Bewegungen erst sichtbar werden, wenn man sich von den marginalisierenden Zuschreibungen distanziert. Es geht hier nicht nur um ein eklatantes Sichtbarkeitsdefizit, sondern auch um unzulängliche Lesarten. Der uninformierte Leser reagiert auf die Signale der Abwertung. Er hört auf zu lesen, bevor er den Punkt erreicht, an dem Ploogs Projekt beginnt.
Wenn du sagst, es gehe nicht um eine Verschiebung der Rezeptionsregister, sondern um eine grundsätzliche Erweiterung, setzt das ja voraus, dass sich unvoreingenommenere Leser finden lassen. Dass sie hinter der Oberfläche der Abenteuer- und Agentenprosa jene „subversive Intention“ erkennen, von der Ploog selbst spricht.
Und da wird für mich der Satz zentral: „Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.“ Denn darin steckt ja letztlich eine Zumutung für Leser. Ploog will nicht bloß Geschichten erzählen oder literarische Verfahren variieren, sondern die Wahrnehmung seines Publikums verändern. Seine Texte verlangen also etwas, das über Ästhetik und andere artistische Kategorien hinausweist. Sie zielen auf eine Veränderung der inneren Landkarte.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Resonanz so begrenzt blieb. Nicht, weil die Texte hermetisch wären, sondern weil sie eine Form der Lektüre verlangen, die sich nicht mit dem Kanon begnügt. Wer nur die Beat-Ikonographie anpeilt, verfehlt das Spielfeld. Wer tiefer einsteigt, gerät möglicherweise in jene Bewegung hinein, die Ploog interessiert hat: „Anders sehen“.
Und vielleicht liegt darin auch die eigentliche Schwierigkeit deiner Editionsarbeit. Du musst nicht nur Texte zugänglich machen, sondern Bedingungen herstellen, unter denen sie adäquat gelesen werden können. Du editierst nicht nur ein Werk, du musst auch einen Resonanzraum schaffen, in dem diese Texte erstmals ihre eigene Frequenz entfalten können.
Hast du manchmal das Gefühl, gegen bereits verfestigte Lesarten vergeblich anzuarbeiten?
Rüger: Von Anfang an war das tatsächlich meine größte Hürde und ist es immer noch. Ich hatte mir zum Beispiel für „Ploog West End“ eine ausgefeilte Pressetaktik ausgedacht: die bekannten Ploog-Experten, die gute Kontakte ins etablierte Feuilleton haben, aus dem Buch rauslassen und sie dafür als Rezensenten in Stellung bringen. Ich habe, glaube ich, doch eine Menge geschafft in den letzten eineinhalb Jahren, aber diese Taktik ging vollkommen in die Hose. Bei all meinen Aktivitäten war das die größte Niederlage. Auch Rainer Weiss, mein wunderbarer Verleger, hat sich unglaublich ins Zeug gelegt, all seine persönlichen Kontakte spielen lassen: Die namhaften Feuilletons haben das Buch trotzdem total ignoriert. Ich bin also trotz einer Reihe prominenter Fürsprecher auf eine Mauer aus Desinteresse gestoßen.
Man kann mit schierem Einsatz eine Menge erreichen, aber Vorurteile abbauen braucht einen langen Atem. Das habe ich inzwischen begriffen und hat mich gelassener werden lassen. Mit meiner kleinen Mannschaft aus Komplizen, bestehend aus alten Kämpen wie Dir und neu gewonnenen Fans, werde ich das Feld stetig beackern. Ich werde, wo man mich läßt, kleine Raketen zünden, die den Ploog-Kontinent blitzlichtartig beleuchten.
Bemerkenswert ist übrigens, daß Menschen aus dem universitären Bereich viel aufgeschlossener auf meine Anliegen reagieren als Zeitungsleute. Ich werde deshalb zukünftig verstärkt auf diesem Weg unterwegs sein.
Tuschick: Du beschreibst eine Aufspaltung der Resonanzräume. Auf der einen Seite das Feuilleton, das Ploog mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit die Anerkennung verweigert – trotz diverser Apologeten und hochkarätige Apologien, auf die man zurückgreifen könnte. Auf der anderen Seite der akademische Sektor, in dem die Akteure offener reagieren, vielleicht auch geduldiger und begieriger lesen. Auf dem Sockel einer soliden Ploog-Exegese ließe sich jederzeit eine universitäre Karriere exekutieren.
Wir wissen beide, wie verschleißend journalistische Literaturberichterstattung sein kann. Mitunter wird fast alles der Statusgenerierung des Rezensenten geopfert. Das Feuilleton schreit nach Verdichtung, Einordnung und plakativem Urteil. Es braucht Texte, die sich unterkomplex positionieren lassen. Rastert man Ploogs Werk nach diesem Schema, unterschreitet man den Nullpunkt des Begreifens. Man wird in einer Rezeptionsdepression fündig. Die Evokation eines Scherenmannes, der einen Pornoroman zerschneidet. Man regrediert auf der Schwundstufe - genital statt genial.
Der Forschungszugriff funktioniert anders. Der Philologe hat mehr Zeit, mehr Geduld, mehr informiertes Interesse an Poetologie, und folglich an den Wahrnehmungsverschiebungen, die Ploog affizierten.
Sollte Ploog nun eher im akademischen Kontext gelesen wird – läuft man dann nicht Gefahr, ihn auf eine germanistische Weise festzuschreiben und so seine ursprüngliche, Kanon-aversive Unruhe zu glätten?
Rüger: ...