Blonder Engel
Wir besuchten ein Konzert der „Deep Purple”. Auf dem Weg zur Festhalle sang Lara „Volare, oh oh/ Cantare, ohohoho/ Nel blu dipinto di blu/ Felice di stare lassù“. So erzeugte sie einen Wirbel im Strom der Fans. Lara arbeitete auch in der Methadonvergabestelle am Cityring. Sie war der blonde Engel der Malteser, für viele Abgestürzte ein letzter Lichtblick.
Lara wollte für sich wenig mehr als das Nötigste, sie gehörte einem Armutsorden an. Sie arbeitete als Aufsicht in einem Museum und in der ambulanten Altenpflege. Sie ließ sich außerdem für alles Mögliche engagieren. Man nahm sie gern, ihre Gewissenhaftigkeit war beispiellos. Es dauerte, bis ich in Laras Mienenspiel einen Widerschein ihrer Verbohrtheit entdeckte. Lara schwelgte in der Opulenz von Aldi. Unauffällig machte sie sich schick, wenn wir in die Alte Oper oder in die Festhalle gingen. Sie verbarg nicht ihr Rasierzeug. Den Lippenstift und ein paar andere Dinge aus der Drogerie bekam ich lange nicht zu sehen. Auf ihre Art verschleierte sich Lara. Ich deutete an, dass man in anderen Städten angenehmer arm sein könne als in Frankfurt. Lara ignorierte das.
Für mich hatte Lara die Schönheit einer Windjammergalionsmadonna. Ich zog gern mit ihr um die Häuser, sie amüsierte sich am Wasserhäuschen nicht weniger als in Jimmy’s Bar. Sie kippte die Kurzen zwischendurch. Das war für sie selbstverständlich.
Lara hatte das Saufen von einem Onkel gelernt, der auf dem Friedhof ihrer Heimatgemeinde die entscheidende Kraft war. Er oszillierte zwischen Faktotum, Randfigur und Grenzgänger. Den Nachwuchs lehrte er sämtliche Kneipenspiele. Er stellte seinen Raum für Experimente zur Verfügung und bot Verstecke an. Er nahm sich das ein oder andere heraus, ohne dass sich die Übergriffe ernsthaft beanstanden ließen. Heute wäre so eine Figur undenkbar.
„Smoke On The Water” pulste aus den Boxen. Ritchie Blackmore fand das Lied lausig, der Rauch zog über den Genfer See. In der amtierenden DP-Besetzung spielten Ian Gillan, Ian Paice, Roger Glover, Don Airey und Steve Morse. Gillan war schon zweimal aus- und dreimal eingestiegen. Brecher aus der Wetterau unterhielten sich über seine Stimme. Besorgt erwogen sie, ob er noch so hoch wie einst singen könne und wie weh ihm das tun würde. Lara lachte sich einen Ast. Sie tanzte um mich herum, als erklärte Feindin halber Sachen. Nur Paice war schon am DP-Anfang dabei gewesen. Ein Zeitfenster öffnete sich zu „Highway Star”, dem ersten Lied auf „Machine Head” von 1971, in der LP-Version (mit dem Hinweis auf „Monoabspielbarkeit” auf dem Cover - und der grafischen HörZu-Ecke) 6.05 Minuten lang. Der amerikanische Gitarrenpilot Morse spielte den Traversenverbund von der Hallendecke. Manchmal stand er so allein und grandios da wie Jesus. Lara und ich waren im Himmel. Jemand verlangte ein Verbot aller DP-Coverbands. Ja, DP brachte ihre von zehntausend Tanzkapellen verschlissenen Titel auf Vordermann. „Space Truckin” klang kathedralisch, DP spielt ständig an einer Schnittstelle sakraler und säkularer Musik. Am Bass regierte ein Verwitterter, Glover sah aus wie der vom Galgen geschnittene Pirat. „Into the Fire”, „Strange Kind Of A Woman”, „Black Night”, die Geschäftsidee DP ging immer noch auf. Die antiken Gefechte zwischen Orgel, Airey saß vor einer Hammond-B3 (mit Leslie-Lautsprechersystem) und Gitarre (ehedem Jon Lord versus Blackmore) wiederholten sich zum Schein.
„Ich danke dir”, sagte Lara nach dem Konzert bescheiden. Nur als Beschenkte wollte sie am Leben in der Beletage teilnehmen.
„Möchtest du nicht endlich ein bisschen egoistischer werden?” fragte ich. Ich hatte noch einen Termin, eine Mitternachtslesung in einer aufgelassenen Schleifmaschinenfabrik. Lara musste um sechs aufstehen, sie begleitete mich trotzdem. Sie bewachte mich, mir gefiel das. Die Veranstalter des späten Termins spekulierten auf epochale Effekthascherei. Auf die Sensationen von Auf- und Zugängen einer alten Werkshalle. Wir beschritten Industrieparkett aus ölgesättigtem Stirnholz. Wie zischende Diener standen Heizpilze zur Verfügung, vorgelesen wurde aus Michel Houellebecqs „Ausweitung der Kampfzone”.
Jemand sang Brechtlieder.
„Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.” Bertolt Brecht
Ich verlor mich im Anblick der Träger, monumentaler Muttern und erstaunlicher Nietenmuster. Wie schön die Farbe abblätterte. Houellebecqs Held legt sich ein Messer zu, Tische waren mit zerschnittenen Brautkleidern drapiert. Die Sängerin trug ein ärmelloses Kleid in arktischer Kälte. Lara grub sich bei mir ein.
„Du bist so weit weg”, klagte sie.
Ich hatte für uns Parkas gekauft, regelrechte Zelte mit Pelzrändern. Ich spürte, wie Lara unter der Schutzschicht wie unter einer Bettdecke zu träumen begann.
Bembel im Faulenzer
Die Apfelwein trinkenden Kemalisten fordern für ihre Runde am Stammtisch den ungeeichten Bembel, ein Relikt, fast schon eine Reliquie aus Hermann Weiterfuhrs Nachlass. Hermann Weiterfuhr war der Gründer des alten und des neuen Galgenstübchens – für Lara eine Persönlichkeit. Noch im Flügelhemd hielt der Westfale sein Gebabbel für hessisch.
„Inzwischen schlagen die ihre eigenen Väter zusammen”, behauptet Rigger Richie von den Bomberjackenjungen. Sie stehen mit ihren Flaschen vor dem neuen Galgenstübchen und hoffen, dass sich jemand aufregt. Lara winkt ab. Sie ist noch von gestern verkatert und auch schon wieder ziemlich blau.
„Mach mir und der Lala und diesem Zeitungsfuzzi mal ’nen Wodka und was du willst«, verlangt Richie von der Belgierin hinter dem Buffet.
Richie geht in Frankfurt als Berliner durch, obwohl er Halbmexikaner ist. Er hat in der ganzen Welt zu tun. Hochhäuser und Staudämme sind seine Domänen. Lara hatte mit ihm eine ganz kurze Affäre. Ich weiß davon, weil ich sie mitgekriegt habe. Was auch jeder weiß, der von hier ist - Richie turnt sein Programm, stolz auf seine Unermüdlichkeit.
Richie sagt Lala zu Lara. Die Belgierin firmiert als Monalisa. Das ist der Künstlername einer Kunststudentin. Sie trinkt einen Jägermeister mit.
„Den Kleister kann ich nicht trinken”, erklärt Lara. „Der zieht mir die Zähne.”
Dass Monalisa nach all den Jahren in Tran und Wahn immer noch so viel von sich hermacht, in ihrer maßgeschneiderten Müllfahreruniform, finde ich erstaunlich.
Die ungleichen Brüder treten auf. Ihre Lebenswege verliefen lange getrennt. Der mit einer NVA-Vergangenheit redet mit dem Amerikaner über Tod und Verderben. Der Amerikaner war seit Vietnam nicht mehr nüchtern. Er sieht aus wie Charles Bronson als Squaw.
Eben kommt der Mann, der die Bildzeitung archiviert. Er sieht aus wie ein verwaschener Stoffaffe. Er wundert sich: „Dass sich einer zwei Stunden vor seiner Hochzeit umbringt, nachdem er noch beim Friseur war.”
Ich bedeute Lara, Richie abzuschütteln. Sie grinst verschwörerisch. Vermutlich wäre sie ambivalenter, läge Richie genauer auf der Linie ihrer sexuellen Vorlieben. Aber so ist das nicht. Wir beehren eine Abfüllstation an der Rohrbachstraße. Jedes andere Paar mit Selbstachtung wäre insBackstageoder gleich in dieBurggegangen. Lara betrachtet lieber erst noch das Panoptikum aus eingedrückten Fressen in der Kaschemme gleichen Namens. Ein Lemurenkabinett.
Bist du schon wieder da oder warst du gar nicht fort?
So wie du schaffen tust, tät ich gern Urlaub machen.
Ich geh auf Leute los, nicht auf Tote.
Die Begrüßung mancher Gäste erfolgt mit Handschlag. Mit allen per du, aber von keinem den Namen parat. Einer betreibt sein Geschäft in der Kneipe und hat eben einen halben Hunderter versenkt.
Da sitzen betagte Gewohnheitsverehrer erfahrener Frauen. Gewesene Wochenmarktstandbetreiber. Kiebitze, Handlanger, vom Krebs zerfressen. Kreuzlahme Fliesenleger. Jeder trägt sein Herz auf der Zunge.
Ist das Freundschaft oder Hass?
Na sowas, da steht der Schmuddel. Auch er hat seine besten Tage hinter sich und muss jetzt nur schnell noch in die Keramikabteilung vor dem Heimweg. Was heißt daheim? Muff und Fernsehen.
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Lara bringt in meiner Wohnung den Kaffee ans Bett, sie verfügt sich leicht, manchmal will sie nicht, dass ich bei ihren Bedürfnissen anhalte, um das implodiert zu formulieren. Ist doch langweilig, ohne einen eruptiven Moment Sex zu haben. Übrigens kennt sie das Ariane-Drama in den Details. Gewisse Überblendungen und Valeursverschiebungen erregen sie. Ich hatte mit Lara Trostsex und das Genre stiftet immer noch Spielarten.
Kurz vor zwölf kreuzt Denisa auf. Sie jobbt in einer Nachrichtenagentur. Ihr Boss ist ein Mutant erster Güte, der die Welt von Istanbul denkt. Solche Leute leben in Frankfurt wie in einer Schleuse. In der westlichen Perspektive sind sie kaum zu sehen, diese neuen Orientalen, die wie Amerikaner sind. Sie kommen aus einer Kultur, die sich schneller verändert als Europa. Sie sind die Zukunft und Türkisch ist eine Sprache der Zukunft. Dieses Türkischenglischdeutsch: daran erkennen sich Eingecheckte in der Zukunftsschleuse. Eine Weile war Denisa ein publizistischer Popstar. Sie überschrieb ältere Texte mit witzigem Krakel. Sie überbelichtete bekannte Bilder. Jetzt ist auch sie schon wieder über den Punkt und hat die Muse mit einem Veteranen und seiner Akutgeliebten ihren Vormittagskater in Prosecco zu ersäufen.
Jeder überschreitet seinen Zenit, bevor er ihn realisiert hat. Frankfurt gärt. Spezialisten schießen auf die Kulissen, Tag und Nacht steht eine Kamera auf dem Eisernen Steg. Der Serienkrimitote am Strand des Mains wird ständig vom Bembel erschlagen. Die Mutanten gehen zum Apfelwein über den Steg nach Sachsenhausen, Denisa eilt ihrer nächsten Verabredung entgegen.
In einem Spiel sind Lara und ich Verarmte füreinander, das ist eine andere Art, auf Feldern zu schuften, die wenig abwerfen, und mit dreiundzwanzig ist Lara dann schon krumm und von vier ausgepressten Erben des Stammesnamens halbtot. Sie ahmt den Mann nach, der seine Frau von einem Onkel günstig gekauft hat.
In einem anderen Spiel sind Lara und ich kommunistische Bauern, der spanische Bürgerkrieg ging übel aus. Jetzt saufen wir Pastis in Paris und führen ein Lotterleben.
Der splitternde Lack auf der verzogenen Tür kam ins Spiel. Das Unebene rührte vom Bombengeschäft der Alliierten. Erheblich wurden Geräusche, die an Wein denken ließen, an den Glimmer kurz vor Abbruch des Tages. An Stufen voll gestauter Hitze.
die straße heißt allee mit nachnamen, wir sitzen auf stufen, dein kleid ist atem, du borgst eine hand und faltest sie ein, da steht ein salvatore, das wohlwollen des italieners ist melodisch. ein schlager, den man sonst ignorieren müsste, macht sich gut im augenblick, wollt ihr noch was? ich kann nicht noch ne cola, aber wenn du, sage ich, aber du willst lieber bei khan im park noch ein glas gut haben, sobald dieser moment sich erschöpft hat.
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Unverkennbar ist die Mannheimer Mundart der Frau, die mich in der Bahn fragt, ob ich mit einer Monatskarte unterwegs sei. Sie trägt den Trödel, den man aus erster Hand erwirbt. Sie kommt aus einer Unterwelt, die Heimat für viele ist. Ich möchte nicht Anlass geben für die Vermutung, ansprechbar zu sein. Die Frau soll weitergehen. Die Frau geht nicht weiter. Sie baut vor mir ihre Stellung aus.
Sie hält mich für begriffsstutzig. Ein Mann betrachtet das Schauspiel. Er hat vergessen, Sonderangebotszeichen von den Sohlen zu kratzen. Asiatinnen verachten ihn unauffällig. Mit minimalen Äußerungen kommentierten sie etwas.
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„Weißt du denn nicht mehr, dass der Baader, als er schon lange zur Fahndung ausgeschrieben Die Wut riecht altmodisch nach Klassenkampf. Karl markiert den verhinderten Jakobiner, gallig von Natur, bitter aus Erfahrung. Er will, dass ich genau verstehe, wie er die Dinge ansieht. Er nimmt sich die Zeit, das Wort aus dem Sprachfluss zu fischen, das am besten passt zu einer Stimmung oder einem Verhalten oder Unterschied, so wie der Unterschied zwischen einem Strand, den alle Welt kennt und seinem Strand, an dem er glücklich war als Student der Universidade Federal Fluminense.
Jemand erinnert an Spektakel der televisionären Weltraumerschließung in den 1960er Jahren. Damals wurden mit Bügeleisen und Teelöffeln Attrappen gebastelt, die als Geräte der Zukunft angesehen werden sollten. Das futuristische Dekor zählt als absurdes Prägungselement zu meiner Generation.
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Vor dem Haus meiner Eltern macht sich Nebel vom Acker. Ein Weg streift die Fläche, er gehört zu einer Kindheitsroute. Die Autobahn liefert seit Jahrzehnten ein konstantes Geräusch. Die Hecken der Vorgärten haben Stufenschnitte. Meine Mutter macht sich ihren Tee. Sie ergänzt mich und schließt meine Lücken. Wir spielen Tischtennis im Hobbykeller. Meine Mutter spielt nach Gehör. Sie zieht mich zackig ab, schmettert mit Vergnügen. Ich sehe ein Bewegungsbild ihrer Jugend. Damals musste man auf Draht sein. Zum Spaß rede ich kasselänerisch. Meine zugezogene Mutter ist irritiert und weiß nicht warum.
Am Nachmittag kommt Lara, lobt den Käsekuchen und besteht auf einen Spaziergang am Wahlebach (der früher so breit war wie der Amazonas). Hier hat ein Freund meines Vaters vor dreißig Jahren gebaut. Eine Erinnerung an die Zweiraumwohnung, die der Bauherr mit seiner Frau und einem Sohn zuvor am Seidenden Strümpfchen bewohnte - der Junge war älter, jahrelang trug ich seine Karnevalssachen auf und gab einmal den perfekten Winnetou. Winnetou hieß mit bürgerlichem Namen Pierre Brice. Eine Weile verwechselte ich Johnny Weißmüller mit Lex Parker, Tarzan mit Old Shatterhand.
Love is in the air. Wir liegen in meinem Kinderzimmer, inzwischen dient es als Abstellkammer. Tagesdecken- und Handtücher stapeln sich in den Stauräumen der abwaschbaren Möbel meiner Jugend. Es ist nie etwas weggeschmissen worden.