Erotische Bagatelle
„Man kennt die Geschichte niemals, bevor sie nicht geschrieben worden ist. Bevor nicht die Umstände verschwunden sind, die bewirkt haben, dass der Autor sie geschrieben hat.” Marguerite Duras, ‚Yann Andréa Steiner‘
Zu einem Blind Date ohne Reserve verabreden sich zwei auf einem Bahnsteig. Sie ist zwanzig Jahre jünger, das sieht nach einem Klassiker aus. Er weiß nichts von ihr, er könnte bloß Trittbrettfahrer eines Verlangens nach Verausgabung und abgefahrenen Konstellationen sein. „deine alten hände auf meiner haut“. Ihr Bild von ihm ist lebendig, sie reagiert auf seine Formulierungen mit Kinderwunsch und abschließenden Absichten, so heftig. Der Briefwechsel zeigt ihn ohne Anker, er fürchte sich vor einem Absterben an den Lagerfeuern bewährter Freundschaften. Das versteht sie.
Streng genommen ist das gar kein Blind Date. Zu viele Informationen sind vorab im Spiel. Die Spieler sagen trotzdem Blind Date dazu, ein Blind Date ohne Reserve, wie gesagt. Das heißt Sex ab Ankunft.
Im Zug befallen Tanja Zweifel. Der Mann auf dem Bahnsteig kann doch nur alles falsch machen, falsch gucken, das Falsche sagen und dazu hat sie ihn angestiftet. Da wartet ein abgebrannter Connaisseur, ein Typ wie der alte Max Frisch, nur ohne den Erfolg, die Entourage, das ganze Gewese. Der Bauch schiebt sich vor, Fett besetzt die guten Stellen, der Mann hustet und schuppt und dreht auf galant.
Sie kommt an, zum Glück ist es warm genug, um die Jacke auf den Arm zu nehmen.
„Hier bin ich.“
Die Zughaltestelle deliriert noch nicht mal mit in den Valeurs der semiruralen Eisenbahnknotenpunkttristesse von Bebra. Der Bahnhof ist dreimal nicht World‘s End mit formidabler Böschung. Es gibt keine Fahrt zu einem Haus, das wie ein Tatort lesbar wäre. Der Mann hat ein fußläufig erreichbares Hotelzimmer gebucht. Für Tanja ist dieser Horizont zu klein. Sie braucht mehr Umgebung, um sie zu erkunden.
Kommunikationsgirlanden
I don´t want to go back to war, sagt Tim an seinem letzten Abend vor Afghanistan in einem Irish Pub. Tanja vermutet viele Laufhäuser in der Landschaft seines Lebens. Für Tim kann Tanja einfach ein … sein. Er agiert so unheilig, wie er es gelernt hat in seinem Trailer-Park-Amerika. Tanja verbirgt ihre Freude an dem unmittelbaren Körper. Tim reagiert auf Tanjas Spielräume wie ein Absolvent. Sie ist ein Abzählreim für ihn.
*
Jean trägt ein Hemd, das eben extra teuer gekauft wurde. Er ist auf der Durchreise hängengeblieben. Aus Versehen hat Tanja ihm Hoffnungen gemacht. Jean hat sich verirrt, Tanja kann ihm gar nicht sagen, wie falsch er ist in ihrem Leben. Sie ist nur mit ihm gegangen, weil Jean sie an einen Jungen von früher erinnert hat. Jetzt nicht mehr. Sie lotst Jean in eine Bar. Jean hat seinen Ehering abgelegt, er ist in dem Zustand der unhaltbaren Versprechen.
Wichtigster Wicht
Was für ein Aufwand nur für Sex, denkt der Verlassene. Ihm wurde von höchster Stelle ein Film zugestellt, der König selbst fand es nötig, Goya letzte Zweifel ausräumen zu lassen.
Der König heißt mit bürgerlichem Namen Otto Wundersamen. Er ist der dritte Otto in der Dynastie der Burgwirte. Die Burg war mal ein Wasserschloss und ist im Augenblick des Geschehens eine seit hundert Jahren im Besitz der Wundersamen sich befindliche Apfelweinkneipe.
Die weibliche Protagonistin ist Paula, noch ohne Gesäßgeweih. Eine Funkenmariechen-Maske verbirgt kaum die Stirn. Die Requisite beweist ein Trümmerfeld der Gleichgültigkeit. Das Technische und Räumliche beschränkt sich auf eine Kamera und das Zimmer – offensichtlich ein Hotelzimmer. Der Mann suggeriert Normalität. Er hat einen noch nicht lange trägen Mittelstandskörper. Seine Art sich zu bewegen zeigt, dass man auch Porno lernen muss. In der ersten Einstellung hört man nur das Kondom quietschen. Paula liegt zwar schief, dem Anschein nach doch bequem. Von Dramaturgie und Inszenierung keine Spur. Stattdessen spielt eine Genügsamkeit mit, die zur Distinktion des Paares nicht passt. Paula trägt ein Unterhemd (unmöglich als erotisches Accessoire). Der Mann legt eine Brust frei und mangelt sie wie Hackfleisch mit Ei und nassem Brötchen. Er behält Paulas Zustimmung. Offenbar geschieht das Richtige. Zur Zufallspoesie zählt ein Moment, in dem die Kamera den Raum erfasst und wie von einem Ausflug ohne Eile und Auftrag zu Paula zurückkehrt. Sie prüft den Sitz der Maske, sie hat kein Lächeln für ihre Lage. Sie rückt sich auf einem Polsterhaufen zurecht. Die Kamera überfährt ihren Rücken.
Wegen Mietschulden wohnt Paula jetzt bei dem Funker in der Neuhofstraße. Sie spricht zum Gemüse mehr als früher. Zuletzt behauptete sie, einen Schwan am Strand gesehen zu haben.
Ein neues Wort kursiert im Park, man geht nicht mehr zum Kiosk oder zu Khan, man geht an den Strand.
Die Erde kippt, riesige Gesteinswobbel sorgen im Bauch des Planeten für Unwucht. Tauben geben sich als Möwen aus, Paula ist zu Besuch bei ihren Pflanzen. Sie erzählt ihnen von einem Superstau. Endzeitliches spielt sich zu ihren Exzessgeschichten mit Sachsenhäuser Schauplätzen und den erfundenen Ausflügen bis weit hinter Lämmerspiel. Die Welt endet allgemein im Rodgau. An genauen Tagen endet die Welt in Bornheim.
*
In Parterre ist der Kinderladen, in dem Goya war. Der neuen Erzieherin fällt es schwer, Goya zu duzen. Diese Stella rangiert zwischen Stahlmimose und gymnastisch graduierter Pilatespersönlichkeit.
„Wo kommst du her?“
„Berlin.“
Goya hält die Auskunft für falsch, gewiss kommt Stella aus einem Dorf in Brandenburg, so klein, dass noch nicht mal der Bus hält. Eine Trauerweide breitet sich neben dem Unterstand für Fahrräder aus. Auch der Unterstand ist eine Gemeinschaftsproduktion. Der Engländer erscheint mit eingezogenem Kopf. Er ist so groß, dass er immer mit zu niedrigen Rahmen rechnen muss.
„Stink ich nur oder störe ich auch?“ fragt er. Er lernt immer noch Deutsch, nach zehn Jahren in Frankfurt. Am liebsten lernt er mutierte Sprichwörter.
„Heißt es richtig Schlechtbabbelei oder Schleichbabbelei?“ fragt er mit der Absicht, eine ordnungsgemäße Gesprächsrunde unter Nachbarn zu drehen.
„Geht beides und kommt darauf an“, antwortet Goya zuvorkommend. Es gab einen Fahrradmechaniker im Haus, sein Auszug war ein Verlust. Die Steuerberater hören Queen in Clublautstärke.
Paula macht sich wieder bemerkbar. Sie sucht einen Rahmen, in dem ihre Not klein erscheint. Sie lässt Goya mit der Ankündigung zurück, auf sein Angebot zurückzukommen. Er hat ihr das Museum als Putzstelle angeboten.
Goyas Wohnung ist ein Arsenal alter Gegenstände. Folglich lebt Goya in einem Museum.
Zwei Stunden später steht sie mit Sack und Pack vor seiner Tür. Goya bringt sie im Keller unter, er rechnet noch mit Tanja. Der Keller ist angenehm kühl, er hat seine Vorteile. Wie andere Atlantis und Avalon halluzinierten, auf ihren Fahrrädern zu Kreuzzügen aufbrachen, in die Steinzeit zurückkehrten oder sich mit Vandalen einschifften, so erschuf das Kind Goya ein hessisches Rittertum von Weltgeltung im Geist der Bushi. Die Burg ersten Ranges steht im Zentrum des Kellergeschehens, Paula kennt die Anlage bis zur letzten Zinne. Sofort fängt sie an zu spielen. Sie pumuckelt, eine Vierzigjährige, die auf niedlich macht. Goya wehrt sich still gegen die Zumutung. Im Grunde seines Herzens ist er wehrlos. Paula gehört ganz einfach dazu.
*
Straßenmusiker mischen den Strand auf. Erst nach einer Weile begreift Goya die Gravitation einer Gruppe. Die Spielerinnen schotten sich in Erwartung einer vergiftenden Aufmerksamkeit ab, die es gar nicht gibt.
Der Park legt eine Pause ein.
Kurts Bratwurstbude wird in den Oberpark geschleppt. Eine Kurzmitteilung fragt: Willst du nie mehr ans Tel. gehen. Kein Fragezeichen. Im Unterpark geben Halberwachsene den Ton an. Sie schikanieren ihre jüngeren Geschwister und andere Kinder. Eben waren sie selbst noch klein, Goya sah sie größer werden. Erschüttert waren die Eltern nach Deutschland und in den Park gekommen.
Wichtigster Wicht
Goya zieht das Salatblatt aus dem Fischmayer-Fischbrötchen, er isst vor der Tür und denkt an die alte Frau Fischmayer. Eine Kittelexistenz voller Zuspruch. Leben für andere. Warum? Lortzing schlappt an, bleibt stehen. Beschwert sich, tratscht, trägt Bosheiten aus wie ein Bote. Versemmelt den Komparativ. Trotz großem Latinum. Ein Konditor mit Abitur, der Brot bäckt und es persönlich ausfährt. Ihn wurmt, dass der waltende Fischmayer seine Brötchen nicht von ihm bezieht.
Goya denkt, der Lortzing hält sich für den wichtigsten Wicht im Viertel wie ungefähr tausend andere eingesessene und zugezogene Familienväter auch. Sein erstes Bier des Tages trinkt er stets in der Gaststätte Klaus, am Tresen stehend, die Bedienung verbal penetrierend. Er prahlt gern mit seinem ehelichen Sex. Das Schlafzimmer der Lortzings kursiert in den Grenzen des Territoriums als Reich der Sinne. Schaut man sich die Gattin, will einem das nicht einfach so plausibel erscheinen. Andererseits ist Annemarie L. zweifellos ein tiefes Wasser, unergründlich in ihrer einfühlsamen Boshaftigkeit. Goya assoziiert ein Vergnügen an Sticheleien mit Dessous, dem größten Schlafzimmer-TV-Bildschirm weit und breit und pornografischem Anschauungsunterricht. Ob Annemarie mit ihrem Lortzing anregende Filme schaut? Vielleicht sogar für den Hausgebrauch dreht? Schon steht Goya wieder Paula vor Augen, wie sie einst war vor zehn Jahren. Noch hübsch fassadenheiter im Kohorten-Takt. Nur eben etwas traniger als andere. Das ließ sich damals schon nicht verhehlen.
Mehr Linie als Material
Ewig still steht der Lastenaufzug im Museum. Tanja ist da, wenn auch nur zu Besuch. Das Paar schunkelt in der Gewöhnung, ohne besondere Vorkommnisse. Sieht man einmal davon ab, dass an Tanjas vormalige Verschmelzungssehnsucht nichts mehr erinnert. Trotzdem könnte gleich das Glück ausbrechen, doch vorher zwitschert Tanjas Telefon. Sofort ist Tanja auf den Beinen, das kennt Goya auch anders. Im Hof brüllt einer sein Telefon an, es soll sich keiner ausgeschlossen fühlen. Goya wundert sich, er weiß nicht, wer da spricht. Das kommt so selten vor, dass er sich befleißt nachzugucken. Er kann den Sprecher nicht identifizieren. Weinreben überranken die Brandmauer. Sprotte dekoriert den Hof. Unter einem Schirm, den vermutlich Traktor auf den Rasen getragen hat. Traktor badet neben Sprotte in der Sonne, das hat die Welt noch nicht gesehen. Heike schneidet Horst die Fußnägel auf dem Balkon, das Geländer braucht einen neuen Anstrich. Vielleicht war Tanja gar nicht an der Wasserkante, sondern mit Rocko wie Schamoni bei den Currywurstfressern in Berlin. Vielleicht spricht sie gerade mit Rocko. Verbieten lässt sich so was nicht.
Goya studiert Sprottes Bikini; ein Spiel aus Sheer Illusion und hauchdünnem Mesh. Dreiecksminiaturen, gehalten von Strings. Mehr Linie als Material. Goya registriert ein Ziehen in der Leiste und fühlt sich ertappt, da just in diesem Augenblick Tanja aufkreuzt. Sie ist in Eile, der Anruf hat die Verbindung zu Goya unterbrochen. Der Abschiedskuss könnte kaum flüchtiger ausfallen. Und Tschüss. Goya bleibt auf seinem Posten, nicht zuletzt in Erwartung von Stella, die ihre Zigarettenpausen im Hof verbringt.
Der Fremde rückt ab, Paula erscheint. Goya hat sie ganz vergessen, so behutsam weiß sie sich in seiner Häuslichkeit einzurichten. Wie auf Katzenpfoten umschleicht sie den generösen Gastgeber. Paula drückt sich an ihn, schiebt ihren Hintern in Goyas genitales Gebiet, konspirativ, oder vielleicht auch nur intuitiv, in jedem Fall kooperativ die Situation erfassend. Er zieht sich weg von der Brüstung und bemerkt zu seinem randlosen Erstaunen wie vollendet sich Paula mit ihm synchronisiert. Sind sie Verbündete im Begehren? Jedenfalls ist das hier viel erregender als die sexuelle Bagatelle von Vorhin. Jedenfalls verdient der halbherzige Wiederbelebungsversuch keine Aufnahme in die Annalen, während dieser Mix aus Augensex und handfestem Verkehr auf einer erotische Horizonterweiterung hinausläuft.
*
„Natürlich war ich erst einmal so eine, die auch noch allein auf dem Klo gut aussehen wollte. Nur für mich“, erzählt Paula. „Ich fand mich legendär in meiner Eitelkeit. Nur du hast das nicht mitgekriegt.“
„Erinnerst du dich an den Eisen-Leiser in der Heidestraße? Er sang im Bäckerinnungschor.“
Da gelitten wegen der Obermeisterschaft seines Vaters, des Bäcker-Leisers. In der Heidestraße steht die Straßenbahnwagenhalle Bornheim. Die lebenden Fossile nennen den Betriebshof das katholische Depot (zum Andenken an die vielen aus Unterfranken zum Bau bestellten katholischen Maurer). Die Bombenlücke gegenüber wurde nie geschlossen. Schon wieder Abend, Paula fintiert vor der Schüssel, daheim im Glauben und im Mangel. Ein Lappen fährt in rasierte Achseln.
Goya verschweigt sich gemischte Gefühle. Die letzte Nacht hatte keine Taschen. Die Meister singen immer noch jeden Mittwoch in der Burg. Leiser war ein Verehrer der Schwestern Franz und Toni in ihrer Jugendblüte, seine Zuneigung blieb Jahrzehnte Thema. Die Schwestern schätzten ihn, er wäre für beide in Frage gekommen. Leiser gewährte jedem Hesselbach Preisnachlass. Im Rabatt ging die Minne weiter. Leisers Frau arbeitete im Geschäft, ihr kann die Unterströmung nicht entgangen sein. Goya erinnert Leiser als Feind jeder Hast. Er denkt an einen Mann im grauen Kittel, umsichtig, leise, überlegen. Manchmal überheblich. Er verkehrte im Solzer-Kreis mit Söhnen von Meistern, die ihren Stammtisch beim Solzer und den jungen Solzer selbst in ihrer Mitte hatten. Heute ist der junge Solzer der alte. Die alten Meistersöhne fahren immer noch einmal im Jahr gemeinsam auf ihren Harley Davidsons in den Vogelsberg.
Paula plappert mit Puppen. Sie erzählt ihnen, was Goya gesagt, getan und gegessen hat. Sie beschwert sich, dass Goya ihr nicht antwortet.
Wird fortgesetzt.