„Gern würde ich mir Schweigen auferlegen, aber ohne Worte wäre es, als würde ich Selbstmord begehen.“ Jürgen Ploog
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Am Ende des Lebens mit leeren Händen dastehen. Einerseits ein befreiendes Gefühl, andererseits das erschreckende Bild von Nichtigkeit, nichts bewirkt zu haben. Spurlos abzutreten & wenig falsch & nichts richtig gemacht zu haben. Sich mit dem Nichts abzufinden & mit einem kleinen Schritt im Nirwana zu landen.“ JP
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„Nach einem Artikel von Jed Birmingham wieder die Frage mit dem Nachlass oder Archiv. Auch die Nationalbibliothek in Marbach kommt wohl nicht in Frage. Am besten wäre eine Universität. Wichtig ist, dass es zugänglich bleibt. Marbach ist eine Morgue.“ JP
Jürgen Ploog nutzt Cut-up, um bestehende Sprachstrukturen zu dekonstruieren und neue Bedeutungsräume zu eröffnen. Für ihn ist die normierte Sprache kein neutrales Medium, sondern ein restriktives System, das vorgefertigte Bedeutungen perpetuiert und die Wahrnehmung der Welt auf festgelegte Bahnen zwingt. Mit gezielten Manipulationen von Form und Syntax destabilisiert Ploog vertraute Kausalitäten und Erwartungen. In diesen Experimenten wird Sprache zum Instrument der Wahrnehmungserweiterung. Sie eröffnet Zugänge zu inneren Landschaften, die mit linearem Erzählen oder konventioneller Prosa unerreichbar blieben.
Ploogs Methoden - Cut-up, Collage, assoziatives Schreiben - lassen sich neuropsychologisch deuten.
Neuronale Vernetzung und Neuroplastizität
Unser Gehirn organisiert Sinn und Sprache stark schematisch, damit wir schnell auf Muster reagieren können. Bricht man bewusst die lineare Reihenfolge von Worten oder Geschichten auf, werden vertraute neuronale Pfade verlassen. Neue Verbindungen entstehen. Das Gehirn versucht, Sinn in unvorhersehbaren Konstellationen zu erkennen. Das ist ein Training der Neuroplastizität. Synapsen, die sonst kaum genutzt werden, werden aktiviert.
Erweiterung der Wahrnehmung auf Umwegen
Assoziatives Schreiben zwingt das Gehirn, nicht-linear zu denken, parallele oder ungewöhnliche Muster zu verknüpfen. Das stimuliert sowohl die linke (analytische) als auch die rechte (intuitive, kreative) Hemisphäre und stiftet so eine Art kognitiver Ko-Regulation.
Veränderung der inneren Landkarten
Sprache ist nicht nur Kommunikation, sondern auch ein Werkzeug der inneren Orientierung. Wenn Worte ihre gewohnte Funktion verlieren, verschiebt sich die Art, wie wir „innere Landschaften” wahrnehmen. Das erzeugt neue mentale Räume, quasi ein experimentelles Labyrinth der Wahrnehmung, in dem das Gehirn neue Muster erprobt.
Fortsetzung des Langzeit-Interviews mit der Verleger, Autor, Herausgeber und Antiquar Wolfgang Rüger über sein Engagement als Promoter von Jürgen Ploog und dessen Werk
Tuschick: Was du beschreibst, verweist auf eine konstante Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefenstruktur. Auf der Oberfläche erscheinen die bekannten Marker: Burroughs-Epigone, verspäteter Beat-Adept, deutscher Spießer-Underground, Selbststilisierung mit Anleihen an die B-Picture-Ästhetik US-amerikanischer Krimis der 1940/50er Jahre. Offenbar reicht das bis heute oft aus, um Ploog als Nachahmer und Nachzügler zu denunzieren.
In dieser Perspektive erscheint er hochmütig und kleinkariert.
Du dokumentierst und beförderst eine andere Sicht. Du beschreibst Ploog als Urheber eines Werks, dessen untergründigen Bewegungen erst sichtbar werden, wenn man sich von den marginalisierenden Zuschreibungen distanziert. Es geht hier nicht nur um ein eklatantes Sichtbarkeitsdefizit, sondern auch um unzulängliche Lesarten. Der uninformierte Leser reagiert auf die Signale der Abwertung. Er hört auf zu lesen, bevor er den Punkt erreicht, an dem Ploogs Projekt beginnt.
Wenn du sagst, es gehe nicht um eine Verschiebung der Rezeptionsregister, sondern um eine grundsätzliche Erweiterung, setzt das ja voraus, dass sich unvoreingenommenere Leser finden lassen. Dass sie hinter der Oberfläche der Abenteuer- und Agentenprosa jene „subversive Intention” erkennen, von der Ploog selbst spricht.
Und da wird für mich der Satz zentral: „Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.” Denn darin steckt ja letztlich eine Zumutung für Leser. Ploog will nicht bloß Geschichten erzählen oder literarische Verfahren variieren, sondern die Wahrnehmung seines Publikums verändern. Seine Texte verlangen also etwas, das über Ästhetik und andere artistische Kategorien hinausweist. Sie zielen auf eine Veränderung der inneren Landkarte.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Resonanz so begrenzt blieb. Nicht, weil die Texte hermetisch wären, sondern weil sie eine Form der Lektüre verlangen, die sich nicht mit dem Kanon begnügt. Wer nur die Beat-Ikonographie anpeilt, verfehlt das Spielfeld. Wer tiefer einsteigt, gerät möglicherweise in jene Bewegung hinein, die Ploog interessiert hat: „Anders sehen”.
Und vielleicht liegt darin auch die eigentliche Schwierigkeit deiner Editionsarbeit. Du musst nicht nur Texte zugänglich machen, sondern Bedingungen herstellen, unter denen sie adäquat gelesen werden können. Du editierst nicht nur ein Werk, du musst auch einen Resonanzraum schaffen, in dem diese Texte erstmals ihre eigene Frequenz entfalten können.
Hast du manchmal das Gefühl, gegen bereits verfestigte Lesarten vergeblich anzuarbeiten?
Rüger: Von Anfang an war das tatsächlich meine größte Hürde und ist es immer noch. Ich hatte mir zum Beispiel für „Ploog West End” eine ausgefeilte Pressetaktik ausgedacht: die bekannten Ploog-Experten, die gute Kontakte ins etablierte Feuilleton haben, aus dem Buch rauslassen und sie dafür als Rezensenten in Stellung bringen. Ich habe, glaube ich, doch eine Menge geschafft in den letzten eineinhalb Jahren, aber diese Taktik ging vollkommen in die Hose. Bei all meinen Aktivitäten war das die größte Niederlage. Auch Rainer Weiss, mein wunderbarer Verleger, hat sich unglaublich ins Zeug gelegt, all seine persönlichen Kontakte spielen lassen: Die namhaften Feuilletons haben das Buch trotzdem total ignoriert. Ich bin also trotz einer Reihe prominenter Fürsprecher auf eine Mauer aus Desinteresse gestoßen.
Man kann mit schierem Einsatz eine Menge erreichen, aber Vorurteile abbauen braucht einen langen Atem. Das habe ich inzwischen begriffen und hat mich gelassener werden lassen. Mit meiner kleinen Mannschaft aus Komplizen, bestehend aus alten Kämpen wie Dir und neu gewonnenen Fans, werde ich das Feld stetig beackern. Ich werde, wo man mich läßt, kleine Raketen zünden, die den Ploog-Kontinent blitzlichtartig beleuchten.
Bemerkenswert ist übrigens, daß Menschen aus dem universitären Bereich viel aufgeschlossener auf meine Anliegen reagieren als Zeitungsleute. Ich werde deshalb zukünftig verstärkt auf diesem Weg unterwegs sein.
Tuschick: Du beschreibst eine Aufspaltung der Resonanzräume. Auf der einen Seite das Feuilleton, das Ploog mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit die Anerkennung verweigert – trotz diverser Apologeten und hochkarätige Apologien, auf die man zurückgreifen könnte. Auf der anderen Seite der akademische Sektor, in dem die Akteure offener reagieren, vielleicht auch geduldiger und begieriger lesen. Auf dem Sockel einer soliden Ploog-Exegese ließe sich jederzeit eine universitäre Karriere exekutieren.
Wir wissen beide, wie verschleißend journalistische Literaturberichterstattung sein kann. Mitunter wird fast alles der Statusgenerierung des Rezensenten geopfert. Das Feuilleton schreit nach Verdichtung, Einordnung und plakativem Urteil. Es braucht Texte, die sich unterkomplex positionieren lassen. Rastert man Ploogs Werk nach diesem Schema, unterschreitet man den Nullpunkt des Begreifens. Man wird in einer Rezeptionsdepression fündig. Die Evokation eines Scherenmannes, der einen Pornoroman zerschneidet. Man regrediert auf der Schwundstufe - genital statt genial.
Der Forschungszugriff funktioniert anders. Der Philologe hat mehr Zeit, mehr Geduld, mehr informiertes Interesse an Poetologie, und folglich an den Wahrnehmungsverschiebungen, die Ploog affizierten.
Sollte Ploog nun eher im akademischen Kontext gelesen wird – läuft man dann nicht Gefahr, ihn auf eine germanistische Weise festzuschreiben und so seine ursprüngliche, Kanon-aversive Unruhe zu glätten?
Rüger: Alles, was ich unternehme, birgt ein Risiko. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, daß Ploog im Gespräch bleibt, daß man sich mit ihm auseinandersetzt. Die Rezeption wird sich dann so oder so verselbständigen.
Im Tagebuch ist er, wie erwähnt, hin- und hergerissen zwischen Vernichten und Bewahren, was seinen Nachlaß angeht. Da er David auf dem Sterbebett gebeten hat, sich um seinen Nachlaß zu kümmern, nehmen wir das als Auftrag, ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für mich sind deshalb seine konservierenden Überlegungen ausschlaggebend. „Nach einem Artikel von Jed Birmingham wieder die Frage mit dem Nachlass oder Archiv. Auch die Nationalbibliothek in Marbach kommt wohl nicht in Frage. Am besten wäre eine Universität. Wichtig ist, dass es zugänglich bleibt. Marbach ist eine Morgue.“ (CT 18.5.2016)
Ploog hat manisch geschrieben und dabei Essentielles zu Papier gebracht. „Gern würde ich mir Schweigen auferlegen, aber ohne Worte wäre es, als würde ich Selbstmord begehen.“ (FL 3.7.2016) Diese Stimme muß man doch für die Nachwelt erhalten. Für mich ist das auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wenn ich den ganzen Dünnpfiff sehe, mit dem ich täglich in den Medien und im Antiquariat konfrontiert werde, dann bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als für jemanden zu kämpfen, von dem auch die kommenden Generationen noch etwas lernen können.
Im Gegensatz zu Paulus Böhmer, der wenigstens ein paar Jahre vor seinem Tod noch die Anerkennung erlebt hat, ist Ploog hoffnungslos gestorben. Es macht mich einfach traurig und wütend, Sätze wie diese lesen zu müssen: „Am Ende des Lebens mit leeren Händen dastehen. Einerseits ein befreiendes Gefühl, andererseits das erschreckende Bild von Nichtigkeit, nichts bewirkt zu haben. Spurlos abzutreten & wenig falsch & nichts richtig gemacht zu haben. Sich mit dem Nichts abzufinden & mit einem kleinen Schritt im Nirwana zu landen.“ (FL 23.6.2017)
Tuschick: Plötzlich geht nicht mehr nur um Vermittlung oder um Strategien der Sichtbarmachung, sondern eine Form von Wiedergutmachung. Um die Überzeugung, dass hier etwas bewahrt werden muss, dass von den Marktmechanismen regelrecht bedroht wird.
In den Zitaten, die du ausgewählt hast, dröhnt die Glocke der Vergeblichkeit. Die Erfahrung von Nichtigkeit, von Wirkungslosigkeit, von einem Schreiben, das ins Leere läuft. Das ist schwer auszuhalten, gerade wenn man – wie du – heute das ganze Werk vor sich sieht und seine Größe erkennt.
Ploog schwankte zwischen Vernichten und Bewahren, Rückzug und Archivierung. Er fand Einwände gegen die Schauplätze höherer Weihen. Marbach als Morgue, das ist natürlich auch wieder Benn.
Mir stell sich gerade die Frage, ob das, was du machst, nicht mehr ist als Editionsarbeit. Ob es nicht tatsächlich darum geht, einen anderen Ausgang der Geschichte im Nachgang zu ermöglichen. Und da komme ich noch einmal auf deinen Punkt zurück, dass sich diese Rezeption irgendwann verselbständigen wird. Das setzt voraus, dass die Texte in Räume gelangen, in denen sie weiteratmen können. Ist Nachlassarbeit immer auch eine Form von Umschreiben eines Lebens?
Rüger: Ich vermute mal, daß die allermeisten, die einen Nachlaß verwalten (müssen), das gleiche Problem haben: wie bekomme ich das bisher Unbekannte unters Volk? In der Regel wartet ja keiner drauf. Man muß damit hausieren gehen. Ich bin täglich 1-2 Stunden damit beschäftigt, mir Strategien zu überlegen, Adressen zu recherchieren, Redaktionen und Verlage anzuschreiben. Wenn dann tatsächlich einer der Angesprochenen Interesse signalisiert, dann muß man überlegen, wie man zusammenkommt. Ich bestimme da nichts diktatorisch, mir ist immer ein gemeinsames Miteinander wichtig.
Nehmen wir zum Beispiel das „Schreibheft 106“. Die Ausgangsidee war, Norbert Wehr Auszüge aus dem Tagebuch anzubieten. Als er Interesse signalisierte, war klar, daß ich thematisch eine nachvollziehbare Auswahl treffen muß, die auch für Leser spannend ist, die den Namen Ploog noch nie im Leben gehört haben. Das Schreibheft bot die Chance, Ploog aus dem subkulturellen Umfeld herauszuholen. Ich brauchte also eine Auswahl, die sowohl für den normalen Leser wie auch für die Ploog-Kenner aufschlußreich ist. Schnell war mir klar, daß die Statements über andere Autoren am interessantesten für alle sind. Die erste Auswahl umfaßte 150 Manuskriptseiten. Damit wollte ich Norbert Wehr erst mal beeindrucken, ihm aber auch die Chance geben, bei der Auswahl beteiligt zu sein. Ursprünglich sollte das Ploog-Dossier maximal 50 Seiten umfassen. Da das Material so gut war, fiel uns beiden das Kürzen schwer. Norbert Wehr erhöhte dann von sich aus auf 75 Druckseiten. Beim Streichen fängt, wenn ich Deiner Argumentation folge, das aktive Dirigieren der Edition an. Durch meine Prioritäten setze ich subjektive Akzente. Natürlich macht es riesige Unterschiede, ob ich Statements über Adorno oder über Daniel Dubbe auswähle. Selbstverständlich schachere ich ganz bewußt mit dem Herausragendsten und Publikumswirksamsten.
Wenn ich für Ploog eine neue Leserschicht gewinnen, ihn von einer bisher unbekannten Seite zeigen will, kann ich keine Rücksicht auf Nebenfiguren und Altbekanntes nehmen. Trotzdem liegt mir nichts ferner, als sein Leben umzuschreiben. Bei aller subjektiven Gewichtung bleibt es doch der reine Ploog. Und wenn es uns tatsächlich gelingen sollte, seinen Nachlaß bei einer prominenten und renommierten Institution unterzubringen, dann steht alles vorbehaltlos der Wissenschaft offen, und jeder, der sich mit ihm beschäftigen möchte, kann sich rauspicken, was immer er will.
Im Moment serviere ich die Appetithäppchen.
Tuschick: Das ist jetzt ein besonders schöner Punkt, weil Du selbst den Mechanismus offenlegst, den du die ganze Zeit umkreist: Edition als aktive Herstellung von Resonanz. Nicht bloß Bewahren, sondern Auswahl, Gewichtung, Dramaturgie, Verführung. So wird die Editionsarbeit zu einer Form von Autorenschaft und Unternehmertum. Autorenschaft hatten wir schon. Der Editor als Entrepreneur: das hatten wir noch nicht.
Fast wirkt es, als hätte Ploogs Schreiben erst posthum ein neues Kraftfeld entwickelt, dessen Gravitation du dich immer weniger entziehen kannst. Die Arbeit am Nachlass wirkt sich auf Dich transformierend aus. Sie ist zu einer Mission geworden. Womöglich zu einer der größten Aufgaben Deines Lebens. Und möglicherweise liegt darin noch eine andere Wahrheit über Nachlässe. Dass sie nicht einfach passiv verwaltet werden können. Dass bestimmte Werke anfangen, die Bedingungen ihrer eigenen Überlieferung aktiv mitzubestimmen – indem sie jene Menschen verändern, die sich auf sie einlassen.
Was du beschreibst, erscheint mir im Ganzen als eine poetische Praxis. Nicht im Sinn der Verfälschung, sondern weil du permanent Entscheidungen treffen musst: Was zeige ich? Welche Stimmen und Stimmungen lasse ich hervortreten, welche verschwinden vorerst im Hintergrund?
Der Begriff „Appetithäppchen“ ist in dem Zusammenhang interessant, weil er etwas Strategisches gleichermaßen anspricht und verhehlt. Du versuchst nicht einfach, Material verfügbar zu machen, sondern einen Resonanzraum herzustellen, in dem Ploogs Werk überhaupt erst zünden kann. Je stärker du auswählst, gewichtest und kuratierst, desto deutlicher verschiebt sich der Blick auf das Werk. Nicht, weil du Ploog umschreiben willst, sondern weil jede Edition eine Dramaturgie erzeugt. Du sagst selbst: Es macht einen Unterschied, ob Adorno auftaucht oder Daniel Dubbe. Mit solchen Entscheidungen steuerst du Aufmerksamkeit, Lesbarkeit, Anschlussfähigkeit. Du baust Brücken in einen Resonanzraum hinein, der vorher nicht existierte.
Du musst Ploog zugänglich machen, ohne ihn zu glätten. Du musst Anschlussfähigkeit organisieren, ohne die Widerständigkeit seines Schreibens preiszugeben. Mich interessiert gerade, ob du manchmal das Gefühl hast, dass Ploogs Werk nicht nur von dir bearbeitet wird, sondern umgekehrt auch an dir arbeitet. Hat diese Beschäftigung deinen Blick auf Literatur verändert? Auf Erfolg, Öffentlichkeit, vielleicht sogar auf die Frage, was von einem Leben bleibt?
Rüger: Du bringst es exakt auf den Punkt. Natürlich macht die Arbeit am Nachlaß auch etwas mit mir. Sie fordert mich ständig. Ich muß auch Dinge tun, die ich nicht so gerne mache, z.B. hausieren gehen. Im Vordergrund steht aber die intellektuelle Herausforderung. Die Frage, ob ich dem gewachsen bin, hängt immer im Raum. Es ist keine Koketterie, wenn ich mich als Amateur bezeichne. Nachlaß betreuen ist für mich learning by doing. Sichtbar für die Öffentlichkeit wird ja nur, was halbwegs gelingt. Viele Anstrengungen laufen auch total ins Leere, führen zu gar nichts.
Auf meiner Homepage habe ich die allermeisten Ploog-Bücher rezensiert. Manche finden das sehr gelungen. Die Texte sollten auch für Ploog-Novizen Aussagekraft haben. Wenn ich dann aber Essays von Ploog oder seine Selbsteinschätzungen im Tagebuch lese, muß ich feststellen, daß ich dem Buch gar nicht gerecht geworden bin. Es fällt mir auch nicht leicht, seine Poetologie verständlich zu erklären. Mir fehlt einfach das gesamte Hintergrundwissen, das er ganz selbstverständlich benutzt.
Ich lerne jeden Tag dazu. Die Arbeit bereichert mich persönlich, sie verändert meinen ziemlich routinierten, eingefahrenen Antiquarsalltag, gibt tatsächlich meinem Leben einen neuen Sinn und eröffnet auf meine alten Tage eine neue Perspektive. Der Beruf des Antiquars ist auch körperlich sehr anstrengend, ich schleppe jeden Tag Tonnen von Papier, das kann man nicht ewig machen. Sich um einen Nachlaß zu kümmern, sich schreibend zu betätigen ist da bedeutend müheloser.
Da ich nicht der Rechteinhaber bin, hängt vieles auch von den Entscheidungen von David ab. Ich kann also nicht vorhersagen, was in zehn Jahren sein wird. Im Moment bereichert mich die Arbeit am Nachlaß ideell, sie hat mich back to the roots katapultiert. Ich schreibe und publiziere wieder, lebe ein Stück weit wieder das Leben, das ich als Dreißigjähriger geführt habe. Manchmal kann ich es selbst nicht glauben. Ich hatte in meinem bisherigen Leben schon ein paar Mal radikale Wandel, und jetzt hat sich mein Leben als Rentner nochmals praktisch über Nacht verändert. Vollkommen ungeplant, total überraschend.
Im Gegensatz zu Ploog habe ich kein Werk, das man der Welt hinterlassen müßte. Nach Eigeneinschätzung ist mein größtes Talent das Organisieren. Diese Fähigkeit habe ich immer versucht, im Dienst einer Sache oder einer einzelnen Person einzusetzen. Es braucht immer Leute, die Steigbügelhalter für andere sind. Nimm zum Beispiel Ralf-Rainer Rygulla. Brinkmanns Werdegang wäre sicher anders verlaufen, wenn ihm Rygulla das Material aus London nicht zugespielt hätte.
Im besten Fall nutzt man sein Leben, um etwas zu machen, das Sinn ergibt, die Welt bereichert. Ploogs Schaffen war darauf ausgerichtet. Wenn wir uns nicht um den Nachlaß kümmern, ist er in ganz kurzer Zeit vergessen. Das erlebe ich im Antiquariat tagtäglich. Ich bin umgeben von Büchern, deren Autoren zu Lebzeiten berühmt und bedeutend waren, und nach denen heute kein Hahn mehr kräht. Ploog hat aber das Potential zum Evergreen. Um diesen Status zu erreichen, muß noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.
Das ist offensichtlich meine derzeitige Aufgabe, die ich mit großer Freude und tiefer Befriedigung erfülle. Für mich hätte es nicht besser laufen können.
Meinen Blick auf die Literatur und die Einschätzung des Literaturbetriebs haben die letzten zwei Jahre nicht verändert. Im Antiquariat kulminiert ja alles. Ich erlebe hautnah, wie schnell zum Beispiel Ruhm verblassen kann. Die Bücher von Böll und Grass, zwei deutsche Literaturnobelpreisträger, sind im Antiquariat heute Altpapier. Einige Titel von Ploog dagegen werden nach wie vor hoch gehandelt und sind sehr gesucht, auf diesem Sektor hat er übrigens Brinkmann schon den Rang abgelaufen. Diese kleine Fangemeinde ist schon mal keine schlechte Ausgangsbasis für den angestrebten Status.
Editorische Schnittstelle
Tuschick: Offenbar greifen an dieser editorischen Schnittstelle zwei Biografien ineinander. Auf der einen Seite Ploogs posthumes Weiterleben im Nachlass und in dieser ständigen Samisdat-Atmosphäre, die Du mir als die Umgebung der Ploog-Edition suggerierst. Auf der anderen Seite Dein eigenes Leben, das in der Beschäftigung mit diesem Werk noch einmal Fahrt aufnimmt, durchaus mit verführerischen Konnotationen, die mir ankommen. Die Vorstellung, als Experten noch einmal bei einem Revival gefragt zu sein und die Wertschätzung echter Aufmerksamkeit zu erfahren. Nicht nur so etwas Aufgesetztes und spitzmäulig Literaturwissenschaftliches. Der Nachlass erzeugt nicht nur einen neuen Resonanzraum für Ploog, sondern auch eine zweite Biografie für den Editor und die Korona. Das ist doch Manna für uns. Ich teile mit Dir die Erfahrung, dass so viele zu unserer Prime prominente Autoren kein akutes Nachleben erfahren. Sie sind so weg vom Fenster, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Marginalisiert werden sie von Akteuren, die uns Verbliebene selbstverständlich übersehen.
Was Du mir erzählst, klingt mitunter nach einer souveränen editorischen Meistererzählung – und außerdem nach einer Permanenz produktiver Unsicherheit. Du sprichst von Learning by Doing, vom Scheitern vieler Versuche, vom Gefühl, den Texten nicht gerecht zu werden, von einer Poetologie, deren Voraussetzungen Dir teilweise selbst fremd bleiben.
Bemerkenswert finde ich auch, dass du deine eigene Rolle immer wieder herunterspielst — „Steigbügelhalter“, Organisator, Vermittler. Du bist der wichtigste Spieler auf dem Ploog-Platz. Wie entscheidend Deine Rolle literaturgeschichtlich sein kann, hast Du selbst skizziert. Ohne Leute wie Ralf-Rainer Rygulla, wären bestimmte Bewegungen nie in Gang gekommen oder jedenfalls schneller im Sande verlaufen.
Vielleicht unterschätzt der Betrieb systematisch die Bedeutung solcher Konstellationen. Er interessiert sich für Autoren, Werke, Geniestorys. Dass jemand wie Ploog, der sich Zeit seines Lebens gegen die Mechanismen des Betriebs stellte, heute ausgerechnet von jemanden popularisiert wird, dessen größte Begabung nach eigener Aussage im Organisieren liegt, finde ich bei alldem eher naheliegend. Sag doch noch etwas zu Deinem Editorenglück.
Rüger: Ich war 25 Jahre raus aus der Subkultur, hatte mit diesem Kapitel meines Lebens abgeschlossen. Jetzt so zurückzukommen pinselt das Ego, selbstverständlich. Ich hatte fast alles aus meinem früheren Leben in die hintersten Kämmerchen des Hirns geschoben. Eine Episode war mir aber immer lebhaft in Erinnerung. Ich glaube, es war nach einer Veranstaltung zum einjährigen Todestag von Hadayatullah Hübsch in der Klosterpresse. Ploog war angekündigt. Ich ging auch deswegen hin, weil ich ihn wieder mal treffen wollte. Anschließend marschierte eine kleine Gruppe von damaligen Szenegrößen, alle offensichtliche Ploog-Fans, in eine nahegelegene Kneipe. Mich kannte keiner, also stellte mich Jürgen den anderen vor: „Das ist Wolfgang Rüger, ein Antiquar.“ Das war wie ein Schlag ins Genick. Ich war nicht sein alter Freund oder einer seiner Verleger, nein, ich war EIN Antiquar, also praktisch nichts. Das hat mich damals sehr verletzt, muß ich zugeben. Dieser Abend war für mich ein Aha-Erlebnis. Ich hatte zehn Jahre lang in der Szene einiges veranstaltet, bildete ich mir ein. Aber fünfzehn Jahre später konnte mit meinem Namen kein einziger unter den Jüngeren etwas anfangen. Das heißt, nichts von dem, was ich gemacht hatte, war von erinnernswerter Bedeutung gewesen. Korrespondierend dazu meine spätere Entdeckung, daß in der jüngeren Literaturwissenschaft genau die zehn Jahre, in denen ich aktiv war, nicht vorkommen. Relativ gut erforscht sind die Jahre bis zum Ende von Gasolin 23 und dann wieder ab Social Beat. Die Zeit dazwischen, also die 60/90-Bewegung und Bitter Lemon, wenn man so will, scheinen keine Relevanz zu haben. Dabei finde ich, retrospektiv betrachtet, gerade Bitter Lemon erstaunlich. Meine Edition war Vorreiter für einige Heftchen-Reihen und in ihr haben mit Dir und Thomas Hettche immerhin zwei spätere Suhrkamp-Autoren publiziert. Und auch Rudolf Proske wird gerade als Wiederentdeckung gefeiert.
Für die Arbeit an „Ploog West End“ mußte ich alte Kontakte reaktivieren. Ich hatte auf einmal wieder mit Menschen zu tun, die ich zum großen Teil dreißig Jahre lang weder gesprochen, noch gesehen hatte. Es gab sie alle noch, und sie freuten sich, von mir zu hören und wollten sich am Ploog-Projekt beteiligen. Das alte Netzwerk funktionierte selbst nach dieser langen Pause immer noch reibungslos. Das war für mich das größte Glück. Man braucht immer eine schlagkräftige Truppe. Schon in meiner Zeit als Feuilletonchef war meine Maxime: die besten Schreiber zu mir. Letztlich ist das wie im Fußball: der Kapitän muß nicht der beste Spieler sein, aber er muß aus Solisten eine Mannschaft fügen können. Womit wir wieder beim Organisieren wären.
Du und ich haben den wirklichen Underground nicht mitgemacht, aber wir hatten, im Gegensatz zu den meisten, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, das Glück, während der Zeit, als der Underground seinem Ende zuging, mittendrin zu sein. Wir kannten die Protagonisten nicht nur aus Interviews, sondern haben sie in diversen Zusammenhängen persönlich erlebt, waren mit ihnen, ich will nicht sagen befreundet, aber irgendwie komplizenhaft verbandelt.
Von denen, die dabei waren, gehören wir zu den Jüngsten. Es ist also an uns, die Fackel weiterzutragen. Wir sind Augenzeugen. Trotz der Arbeit macht es natürlich auch Spaß, wenn mir eine Doktorandin ein Foto schickt und mich fragt, wer darauf zu sehen ist. Sie braucht einen, der für die Fakten bürgt. Als Randfigur hin und wieder gefragt zu sein, wertet das Ego schon auf.
Ich muß heute niemanden mehr etwas beweisen, ich kenne meinen Eigenwert und engagiere mich nur noch für das, was mir wichtig ist oder was ich für relevant halte. Außerhalb der Ploog-Edition sehe ich mich als Dokumentaristen. Meine Porträts und Interviews mit den noch lebenden Underground-Legenden mache ich, damit die nachrückenden Generationen authentisches Material zur Verfügung haben. Meine Homepage soll bisher unbekanntes Material bieten für Leute, die sich zukünftig mit der deutschen literarischen Subkultur beschäftigen möchten.
Was ich seit einem Jahr aus dem Boden stampfe, wäre ohne Davids Anfrage, ob ich ihm beim Nachlaß seines Vaters behilflich sein könnte, niemals entstanden. Seine Bitte hat bei mir viel Verschüttetes freigelegt. Vor ein paar Jahren konnte ich mir gar nicht vorstellen, jemals wieder schreibend tätig zu sein. Und jetzt geht mir alles ganz leicht von der Hand. Der tote alte Freund hat mich zurück in die Spur gebracht. Im Moment ist das für mich ein großes Glück.