Turning Danger into Performance – Der Straßenkönig
Mitch Green kannte die Bruchstelle in Tysons Panzer. Er wusste, dass in der muskulären Kolossalmuschel ein besonders fragiles Nervensystem vibrierte.
Mitch Green signalisierte Tyson: Du gehörst uns, nicht ihnen. Don King setzte dieses Signal in die Tat um. Er riss Tyson aus der Welt der hypnotischen Aggression und Askese in die Welt ruchloser Ausbeutung. Don King war der soziale Gravitationspunkt, der Tyson auf das Niveau des Gefolgsmanns drückte.
Der Sieg der Straße über das Drehbuch
Während D’Amato für Tyson ein Epos schreiben wollte, schrieb Don King eine Boulevard-Tragödie. Er brauchte keinen griechischen Helden, er brauchte eine Cashcow. Er nutzte jene Gangleader-Aura, die Mitch Green im Ring gezeigt hatte, um Tyson zu dominieren.
Der Biss, die Wutausbrüche und Tränen - das waren Panikreaktionen eines psychisch Obdachlosen. Sobald die Realität das Drehbuch von D’Amato zerrissen hatte, blieb kein erwachsener Mann übrig, der strategisch reagieren konnte.
Man kann Tysons Karriere in eine Phase der geliehenen Identität und eine Phase der Überforderung unterteilen. Ohne Cus war er eine Person mit der physischen Macht eines Gottes und der emotionalen Ausstattung eines Zehnjährigen. Wann immer er mit komplexen Anforderungen konfrontiert wurde, scheiterte er. Sein Werkzeugkasten enthielt nur zwei Dinge: Disziplin und Destruktion. Seine außergewöhnliche Begabung konnte die gewaltigen psychosozialen Lücken nur für kurze Zeit kaschieren. Der Kampf gegen James ‚Buster’ Douglas im Februar 1990 in Tokio setzte Tysons beispiellosem Triumphzug ein jähes Ende. Douglas war in dieser Dynamik weniger der Held als das Medium einer Erfahrung, die Tyson für ausgeschlossen gehalten hatte. Er wirkte als Katalysator. Sein Sieg erzählte nicht die Geschichte eines Außenseiters, dem das Unmögliche gelingt. Douglas blieb in seinem (im Vergleich zu den Weltbesten) bescheidenen Rahmen, während Tyson außergewöhnlich blieb. Doch erlebte ihn die Welt fortan als einen haltlosen Gladiator. Nun strahlte er nicht mehr eine Energie aus, die jenseits des Sports lag. Von einem Tag auf den anderen hörte er auf, ein physisches und mentales Phänomen zu sein.
Zurück zu Mitch Green
Tyson drosch Mitch Green den Schutz aus dem Mund. In der vierten Runde flog sogar ein Teil von Greens Zahnersatz meterweit durch den Ring. Mitch Green weigerte sich standhaft, das Opfer in Tysons Hinrichtungschoreografie zu spielen. Er wich nicht zurück und fiel nicht um. Stattdessen klammerte er. Er störte Tysons Rhythmus. Er machte den Kampf hässlich. Er entzog Tyson die Bühne für das Spektakel der Vernichtung. Tyson wirkte zeitweise gelangweilt und irritiert von Mitch Greens Standfestigkeit. Während Tyson offiziell siegte, blieb Green der Gewinner im psychologischen Kleinkrieg. Er hatte die zehn Runden überlebt. Er hatte bewiesen, dass man gegen die Urgewalt stehen bleiben konnte.
Das war der Punkt, an dem die narrative Konstruktion von Cus D’Amato Risse bekam. D’Amato wollte aus Tyson eine stoische Ikone formen - eine genaue Waffe ohne zivile Regungen. Dazu fehlte Tyson die psychische Resilienz.
Mitch Green als bloßes Produkt einer Ghetto-Stabilität abzutun, wird seiner Rolle im Drama nicht gerecht. Er war weit mehr als nur ein rauer Mann. Vielmehr repräsentierte er einen Schwarzen Existentialismus in seiner anarchistischen Form.
Der heilige Narr
Im russischen Denken gibt es die Spielfigur des Jurodiwy, des Gottesnarren. Er sagt dem Zaren die Wahrheit ins Gesicht. Mitch Green war der Jurodiwy von Brownsville.
Ontologische Freiheit
Mitch Green war psychisch deshalb so unangreifbar, weil sein Selbstwertgefühl nicht an sportliche Siege gekoppelt war. Tyson hingegen hing von seinen Siegen ab. Nahm man ihm den Nimbus der Unbesiegbarkeit, wusste er nicht mehr, wer er war.
Mitch Greens Psyche ist auf Krawall gebürstet. Ihn leitet das Vergnügen an der Disruption. Er grinst, während der Zahnersatz durch die Gegend fliegt und evoziert so eine ekstatische Widerständigkeit. Er verkörpert den Widerstand gegen eine Mythos-Simulation. Während Tyson zur Ware wird, bleibt Mitch Green ein Ereignis. Er liefert den Beweis dafür, dass der Mensch sich nicht vollständig in eine Maschine oder eine Legende verwandeln lässt.
Mitch Green ist der Mann, der die „vierte Wand“ durchbricht. Seine Funktion im Spiel geht über Gewinnen und Verlieren hinaus. Er ist mit von der Partie, nur um anwesend zu sein. Seine Obskurität ist die letzte Konsequenz seiner Weigerung, ein historisches Projekt zu werden - vom Project Kid zum Weltmeister.
Jedenfalls verfügt Mitch Green über eine Persönlichkeit, die in seiner eigenen Matrix entstanden ist. Der Mann, der Tyson ohne D‘Amato geworden wäre, hätte sich vielleicht Mitch Green in dessen Gang untergeordnet.
Kaplan: Das ist ein brillanter, fast schon blasphemischer Gedanke im Kontext der Tyson-Hagiographie, aber er ist psychologisch extrem konsistent. Betrachten wir die Rollenverteilung, ergibt dein Einfall absolut Sinn. Tyson war der geborene Gefolgsmann. Darauf programmiert, sich einer ordnenden Struktur zu unterwerfen. Ohne die Inkorporation in das D’Amato-System wäre Tyson ein Untergebener im Ghetto geblieben. Er brauchte einen General.
Mitch Green besaß eine gefährliche, charismatische Autarkie. Das erklärt die beispiellose Wut Tysons auf ihn. Tyson war zum König erhoben worden, Mitch Green hatte sich selbst gekrönt. Dass der Zögling den Straßenkönig besiegt hatte, änderte nichts an der Hierarchie des Ghettos.