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2026-05-13 10:13:20, Jamal

Tuschick: Offenbar greifen an dieser editorischen Schnittstelle zwei Biografien ineinander. Auf der einen Seite Ploogs posthumes Weiterleben im Nachlass und in dieser ständigen Samisdat-Atmosphäre, die Du mir als die Umgebung der Ploog-Edition suggerierst. Auf der anderen Seite Dein eigenes Leben, das in der Beschäftigung mit diesem Werk noch einmal Fahrt aufnimmt, durchaus mit verführerischen Konnotationen, die mir ankommen. Die Vorstellung, als Experten noch einmal bei einem Revival gefragt zu sein und die Wertschätzung echter Aufmerksamkeit zu erfahren. Nicht nur so etwas Aufgesetztes und spitzmäulig Literaturwissenschaftliches. Der Nachlass erzeugt nicht nur einen neuen Resonanzraum für Ploog, sondern auch eine zweite Biografie für den Editor und die Korona. Das ist doch Manna für uns. Ich teile mit Dir die Erfahrung, dass so viele zu unserer Prime prominente Autoren kein akutes Nachleben erfahren. Sie sind so weg vom Fenster, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Marginalisiert werden sie von Akteuren, die uns Verbliebene selbstverständlich übersehen.

Was Du mir erzählst, klingt mitunter nach einer souveränen editorischen Meistererzählung – und außerdem nach einer Permanenz produktiver Unsicherheit. Du sprichst von Learning by Doing, vom Scheitern vieler Versuche, vom Gefühl, den Texten nicht gerecht zu werden, von einer Poetologie, deren Voraussetzungen Dir teilweise selbst fremd bleiben.

Bemerkenswert finde ich auch, dass du deine eigene Rolle immer wieder herunterspielst — „Steigbügelhalter", Organisator, Vermittler. Du bist der wichtigste Spieler auf dem Ploog-Platz. Wie entscheidend Deine Rolle literaturgeschichtlich sein kann, hast Du selbst skizziert. Ohne Leute wie Ralf-Rainer Rygulla, wären bestimmte Bewegungen nie in Gang gekommen oder jedenfalls schneller im Sande verlaufen.

Vielleicht unterschätzt der Betrieb systematisch die Bedeutung solcher Konstellationen. Er interessiert sich für Autoren, Werke, Geniestorys. Dass jemand wie Ploog, der sich Zeit seines Lebens gegen die Mechanismen des Betriebs stellte, heute ausgerechnet von jemanden popularisiert wird, dessen größte Begabung nach eigener Aussage im Organisieren liegt, finde ich bei alldem eher naheliegend. Sag doch noch etwas zu Deinem Editorenglück.

Rüger: Ich war 25 Jahre raus aus der Subkultur, hatte mit diesem Kapitel meines Lebens abgeschlossen. Jetzt so zurückzukommen pinselt das Ego, selbstverständlich. Ich hatte fast alles aus meinem früheren Leben in die hintersten Kämmerchen des Hirns geschoben. Eine Episode war mir aber immer lebhaft in Erinnerung. Ich glaube, es war nach einer Veranstaltung zum einjährigen Todestag von Hadayatullah Hübsch in der Klosterpresse. Ploog war angekündigt. Ich ging auch deswegen hin, weil ich ihn wieder mal treffen wollte. Anschließend marschierte eine kleine Gruppe von damaligen Szenegrößen, alle offensichtliche Ploog-Fans, in eine nahegelegene Kneipe. Mich kannte keiner, also stellte mich Jürgen den anderen vor: „Das ist Wolfgang Rüger, ein Antiquar." Das war wie ein Schlag ins Genick. Ich war nicht sein alter Freund oder einer seiner Verleger, nein, ich war EIN Antiquar, also praktisch nichts. Das hat mich damals sehr verletzt, muß ich zugeben. Dieser Abend war für mich ein Aha-Erlebnis. Ich hatte zehn Jahre lang in der Szene einiges veranstaltet, bildete ich mir ein. Aber fünfzehn Jahre später konnte mit meinem Namen kein einziger unter den Jüngeren etwas anfangen. Das heißt, nichts von dem, was ich gemacht hatte, war von erinnernswerter Bedeutung gewesen. Korrespondierend dazu meine spätere Entdeckung, daß in der jüngeren Literaturwissenschaft genau die zehn Jahre, in denen ich aktiv war, nicht vorkommen. Relativ gut erforscht sind die Jahre bis zum Ende von Gasolin 23 und dann wieder ab Social Beat. Die Zeit dazwischen, also die 60/90-Bewegung und Bitter Lemon, wenn man so will, scheinen keine Relevanz zu haben. Dabei finde ich, retrospektiv betrachtet, gerade Bitter Lemon erstaunlich. Meine Edition war Vorreiter für einige Heftchen-Reihen und in ihr haben mit Dir und Thomas Hettche immerhin zwei spätere Suhrkamp-Autoren publiziert. Und auch Rudolf Proske wird gerade als Wiederentdeckung gefeiert.

Für die Arbeit an „Ploog West End" mußte ich alte Kontakte reaktivieren. Ich hatte auf einmal wieder mit Menschen zu tun, die ich zum großen Teil dreißig Jahre lang weder gesprochen, noch gesehen hatte. Es gab sie alle noch, und sie freuten sich, von mir zu hören und wollten sich am Ploog-Projekt beteiligen. Das alte Netzwerk funktionierte selbst nach dieser langen Pause immer noch reibungslos. Das war für mich das größte Glück. Man braucht immer eine schlagkräftige Truppe. Schon in meiner Zeit als Feuilletonchef war meine Maxime: die besten Schreiber zu mir. Letztlich ist das wie im Fußball: der Kapitän muß nicht der beste Spieler sein, aber er muß aus Solisten eine Mannschaft fügen können. Womit wir wieder beim Organisieren wären.

Du und ich haben den wirklichen Underground nicht mitgemacht, aber wir hatten, im Gegensatz zu den meisten, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, das Glück, während der Zeit, als der Underground seinem Ende zuging, mittendrin zu sein. Wir kannten die Protagonisten nicht nur aus Interviews, sondern haben sie in diversen Zusammenhängen persönlich erlebt, waren mit ihnen, ich will nicht sagen befreundet, aber irgendwie komplizenhaft verbandelt.

Von denen, die dabei waren, gehören wir zu den Jüngsten. Es ist also an uns, die Fackel weiterzutragen. Wir sind Augenzeugen. Trotz der Arbeit macht es natürlich auch Spaß, wenn mir eine Doktorandin ein Foto schickt und mich fragt, wer darauf zu sehen ist. Sie braucht einen, der für die Fakten bürgt. Als Randfigur hin und wieder gefragt zu sein, wertet das Ego schon auf.

Ich muß heute niemanden mehr etwas beweisen, ich kenne meinen Eigenwert und engagiere mich nur noch für das, was mir wichtig ist oder was ich für relevant halte. Außerhalb der Ploog-Edition sehe ich mich als Dokumentaristen. Meine Porträts und Interviews mit den noch lebenden Underground-Legenden mache ich, damit die nachrückenden Generationen authentisches Material zur Verfügung haben. Meine Homepage soll bisher unbekanntes Material bieten für Leute, die sich zukünftig mit der deutschen literarischen Subkultur beschäftigen möchten.

Was ich seit einem Jahr aus dem Boden stampfe, wäre ohne Davids Anfrage, ob ich ihm beim Nachlaß seines Vaters behilflich sein könnte, niemals entstanden. Seine Bitte hat bei mir viel Verschüttetes freigelegt. Vor ein paar Jahren konnte ich mir gar nicht vorstellen, jemals wieder schreibend tätig zu sein. Und jetzt geht mir alles ganz leicht von der Hand. Der tote alte Freund hat mich zurück in die Spur gebracht. Im Moment ist das für mich ein großes Glück.