MenuMENU

zurück

2026-05-13 10:13:20, Jamal

Fortsetzung des Langzeit-Interviews mit der Verleger, Autor, Herausgeber und Antiquar Wolfgang Rüger über sein Engagement als Promoter von Jürgen Ploog und dessen Werk

Tuschick: Offenbar greifen an dieser editorischen Schnittstelle zwei Biografien ineinander. Auf der einen Seite Ploogs posthumes Weiterleben im Nachlass und in dieser ständigen Samisdat-Atmosphäre, die Du mir als die Umgebung der Ploog-Edition suggerierst. Auf der anderen Seite Dein eigenes Leben, das in der Beschäftigung mit diesem Werk noch einmal Fahrt aufnimmt, durchaus mit verführerischen Konnotationen, die mir ankommen. Die Vorstellung, als Experten noch einmal bei einem Revival gefragt zu sein und die Wertschätzung echter Aufmerksamkeit zu erfahren. Nicht nur so etwas Aufgesetztes und spitzmäulig Literaturwissenschaftliches. Der Nachlass erzeugt nicht nur einen neuen Resonanzraum für Ploog, sondern auch eine zweite Biografie für den Editor und die Korona. Das ist doch Manna für uns. Ich teile mit Dir die Erfahrung, dass so viele zu unserer Prime prominente Autoren kein akutes Nachleben erfahren. Sie sind so weg vom Fenster, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Marginalisiert werden sie von Akteuren, die uns Verbliebene selbstverständlich übersehen.

Was Du mir erzählst, klingt mitunter nach einer souveränen editorischen Meistererzählung – und außerdem nach einer Permanenz produktiver Unsicherheit. Du sprichst von Learning by Doing, vom Scheitern vieler Versuche, vom Gefühl, den Texten nicht gerecht zu werden, von einer Poetologie, deren Voraussetzungen Dir teilweise selbst fremd bleiben.

Bemerkenswert finde ich auch, dass du deine eigene Rolle immer wieder herunterspielst — „Steigbügelhalter", Organisator, Vermittler. Du bist der wichtigste Spieler auf dem Ploog-Platz. Wie entscheidend Deine Rolle literaturgeschichtlich sein kann, hast Du selbst skizziert. Ohne Leute wie Ralf-Rainer Rygulla, wären bestimmte Bewegungen nie in Gang gekommen oder jedenfalls schneller im Sande verlaufen.

Vielleicht unterschätzt der Betrieb systematisch die Bedeutung solcher Konstellationen. Er interessiert sich für Autoren, Werke, Geniestorys. Dass jemand wie Ploog, der sich Zeit seines Lebens gegen die Mechanismen des Betriebs stellte, heute ausgerechnet von jemanden popularisiert wird, dessen größte Begabung nach eigener Aussage im Organisieren liegt, finde ich bei alldem eher naheliegend. Sag doch noch etwas zu Deinem Editorenglück.

Rüger: Ich war 25 Jahre raus aus der Subkultur, hatte mit diesem Kapitel meines Lebens abgeschlossen. Jetzt so zurückzukommen pinselt das Ego, selbstverständlich. Ich hatte fast alles aus meinem früheren Leben in die hintersten Kämmerchen des Hirns geschoben. Eine Episode war mir aber immer lebhaft in Erinnerung. Ich glaube, es war nach einer Veranstaltung zum einjährigen Todestag von Hadayatullah Hübsch in der Klosterpresse. Ploog war angekündigt. Ich ging auch deswegen hin, weil ich ihn wieder mal treffen wollte. Anschließend marschierte eine kleine Gruppe von damaligen Szenegrößen, alle offensichtliche Ploog-Fans, in eine nahegelegene Kneipe. Mich kannte keiner, also stellte mich Jürgen den anderen vor: „Das ist Wolfgang Rüger, ein Antiquar." Das war wie ein Schlag ins Genick. Ich war nicht sein alter Freund oder einer seiner Verleger, nein, ich war EIN Antiquar, also praktisch nichts. Das hat mich damals sehr verletzt, muß ich zugeben. Dieser Abend war für mich ein Aha-Erlebnis. Ich hatte zehn Jahre lang in der Szene einiges veranstaltet, bildete ich mir ein. Aber fünfzehn Jahre später konnte mit meinem Namen kein einziger unter den Jüngeren etwas anfangen. Das heißt, nichts von dem, was ich gemacht hatte, war von erinnernswerter Bedeutung gewesen. Korrespondierend dazu meine spätere Entdeckung, daß in der jüngeren Literaturwissenschaft genau die zehn Jahre, in denen ich aktiv war, nicht vorkommen. Relativ gut erforscht sind die Jahre bis zum Ende von Gasolin 23 und dann wieder ab Social Beat. Die Zeit dazwischen, also die 60/90-Bewegung und Bitter Lemon, wenn man so will, scheinen keine Relevanz zu haben. Dabei finde ich, retrospektiv betrachtet, gerade Bitter Lemon erstaunlich. Meine Edition war Vorreiter für einige Heftchen-Reihen und in ihr haben mit Dir und Thomas Hettche immerhin zwei spätere Suhrkamp-Autoren publiziert. Und auch Rudolf Proske wird gerade als Wiederentdeckung gefeiert.

Für die Arbeit an „Ploog West End" mußte ich alte Kontakte reaktivieren. Ich hatte auf einmal wieder mit Menschen zu tun, die ich zum großen Teil dreißig Jahre lang weder gesprochen, noch gesehen hatte. Es gab sie alle noch, und sie freuten sich, von mir zu hören und wollten sich am Ploog-Projekt beteiligen. Das alte Netzwerk funktionierte selbst nach dieser langen Pause immer noch reibungslos. Das war für mich das größte Glück. Man braucht immer eine schlagkräftige Truppe. Schon in meiner Zeit als Feuilletonchef war meine Maxime: die besten Schreiber zu mir. Letztlich ist das wie im Fußball: der Kapitän muß nicht der beste Spieler sein, aber er muß aus Solisten eine Mannschaft fügen können. Womit wir wieder beim Organisieren wären.

Du und ich haben den wirklichen Underground nicht mitgemacht, aber wir hatten, im Gegensatz zu den meisten, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, das Glück, während der Zeit, als der Underground seinem Ende zuging, mittendrin zu sein. Wir kannten die Protagonisten nicht nur aus Interviews, sondern haben sie in diversen Zusammenhängen persönlich erlebt, waren mit ihnen, ich will nicht sagen befreundet, aber irgendwie komplizenhaft verbandelt.

Von denen, die dabei waren, gehören wir zu den Jüngsten. Es ist also an uns, die Fackel weiterzutragen. Wir sind Augenzeugen. Trotz der Arbeit macht es natürlich auch Spaß, wenn mir eine Doktorandin ein Foto schickt und mich fragt, wer darauf zu sehen ist. Sie braucht einen, der für die Fakten bürgt. Als Randfigur hin und wieder gefragt zu sein, wertet das Ego schon auf.

Ich muß heute niemanden mehr etwas beweisen, ich kenne meinen Eigenwert und engagiere mich nur noch für das, was mir wichtig ist oder was ich für relevant halte. Außerhalb der Ploog-Edition sehe ich mich als Dokumentaristen. Meine Porträts und Interviews mit den noch lebenden Underground-Legenden mache ich, damit die nachrückenden Generationen authentisches Material zur Verfügung haben. Meine Homepage soll bisher unbekanntes Material bieten für Leute, die sich zukünftig mit der deutschen literarischen Subkultur beschäftigen möchten.

Was ich seit einem Jahr aus dem Boden stampfe, wäre ohne Davids Anfrage, ob ich ihm beim Nachlaß seines Vaters behilflich sein könnte, niemals entstanden. Seine Bitte hat bei mir viel Verschüttetes freigelegt. Vor ein paar Jahren konnte ich mir gar nicht vorstellen, jemals wieder schreibend tätig zu sein. Und jetzt geht mir alles ganz leicht von der Hand. Der tote alte Freund hat mich zurück in die Spur gebracht. Im Moment ist das für mich ein großes Glück.

Tuschick : Mich berührt Deine Entschiedenheit und der Manifestcharakter Deiner Einlassungen. Ich habe mehr oder weniger mit allem abgeschlossen und widme mich heute Fragen, die ich in meiner Frankfurter Zeit niemals erwogen hätte. Ich entwickelte stets ein (Zu-)Ordnungsbedürfnis bei Beat-Zuschreibungen und im Social Beat brachen dann die Dämme und das Ganze wurde neu kodiert. Du hast recht, wir waren dabei, als der Nachgang losging, rechtzeitig zum Abgesang sozusagen, und wir waren die jüngsten Akteure, die sich publizistisch zumindest in der Regionalliga freispielen konnten. Ich fand es damals wichtig, so viele Veteranen wie möglich zu erleben und über sie zu schreiben. Mir gefiel die Rolle des Chronisten und das passte dann auch zu meinen journalistischen Ausschweifungen. Geadelt fühlte ich mich, wenn ein Altmeister eine Truhe öffnete und Handschriftliches, Hektografiertes und auch professioneller produzierte Underground-Periodika zum Vorschein brachte. Ab und zu wurde mir etwas überreicht, so kam ich zu meinen Schätzen. In unserer Kollaboration lebt dieses antike Vergnügen wieder auf. Der Schlüssel zum literarischen Underground war Selbstermächtigung in Mikrostrukturen. Keine Gatekeeper, keine Gremien, keine Hierarchien. Stattdessen Mimeograph, Offset, Cut & Paste, Low Budget, High Voltage. Jeder konnte Herausgeber sein. Die Little Mags waren flüchtige Zellen einer radikalen Jetztzeit - schnell produziert, wild verbreitet, poetisch aufgeladen, gegenkulturell kodiert.

Das war nicht nur eine literarische Bewegung, das war ein Verfahren - Vervielfältigung gegen Ohnmacht, Gestaltung gegen Institution.

Was mich an deiner Schilderung besonders beschäftigt, ist dieser Moment der Umkehrung am Ende. Du sagst, der „tote alte Freund“ habe dich zurück in die Spur gebracht. Damit verschiebt sich die Perspektive noch einmal deutlich. Die Arbeit am Nachlass erscheint nicht nur als Rückkehr in ein früheres Milieu oder als Reaktivierung alter Netzwerke, sondern als etwas, das vom Werk selbst ausgeht. Nicht nur du trägst die „Fackel“ weiter, wie du sagst – sondern die Frage ist auch, ob diese Fackel nicht selbst eine Form von Rückkopplung erzeugt. Eine Bewegung, in der Vergangenheit und Gegenwart sich gegenseitig stabilisieren. Bist du nicht schon Teil eines neuen Zusammenhangs, den dieses Werk nachträglich hervorgebracht hat?

Rüger: Im Moment könnte es einem so vorkommen. In meiner Person kristallisiert sich alles, was mit dem Ploog-Nachlaß zu tun hat. Das liegt in der Natur der Sache, weil die Aktivitäten von mir ausgehen. Ob sich daraus langfristig etwas entwickelt, wird die Zeit zeigen, und hängt sicher auch damit zusammen, ob der Literaturbetrieb sich mit Ploog auseinandersetzt.

Wir zwei waren vor vierzig Jahren Teil der Frankfurter Off-Szene, und sind es jetzt wieder. Frappierend: als würden wir parallele Entwicklungen nehmen. Nach Deinem Umzug nach Berlin warst Du für viele Jahre nicht aus meinem Sinn, aber aus meinen Augen. Aus der Distanz habe ich das ein und andere von dem wahrgenommen, was Du geschrieben hast. Aber wir hatten keine Berührungspunkte mehr. Meine Einladung zur Mitarbeit an „Ploog West End“ hat offensichtlich bei Dir auch etwas ausgelöst. Auf Deiner Webseite steht seit Erscheinen des Buches so viel Kluges über Ploog wie nirgendwo sonst.

In Endkonsequenz bist Du viel wichtiger als ich. Ich schaffe die Voraussetzungen, als Herausgeber werde ich aber nicht als objektiv wahrgenommen. Du bist Schriftsteller und lehnst Dich mit Deiner Einschätzung weit aus dem Fenster. An Deinen Theorien werden sich die anderen orientieren müssen. Sie werden Dir folgen oder Dir widersprechen. So kommt hoffentlich der Diskurs in Gang und hält Ploog im Gespräch.

Da wir beide mit unseren Aktivitäten am Anfang des Ploog-Revivals stehen, wird irgendwann festgestellt werden, ob wir eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Was mich aber jetzt interessieren würde: Hast Du Ploogs Bücher kontinuierlich wahrgenommen, warum arbeitest Du Dich erst jetzt so intensiv an ihm ab, Du hättest das doch auch schon zu Lebzeiten von ihm machen können?

Tuschick: Ich arbeite mich nicht an Ploog ab. Vielmehr reagiere ich auf Deinen Optimismus. Du suggerierst mir, dass die alte Ordnung, in der ich meine Rollen als Autor, Rezensent und Lokalberichterstatter lange spielen konnte, nicht ganz außer Kurs gesetzt ist. Ich begreife Deine editorischen Bemühungen auch als Angebote der Teilhabe an einem interessanten Prozess.

Direkt zu Ploog. Ich habe ihn damals, als man ihm in Frankfurt ständig begegnen konnte, nicht verstanden. Für mich war er ein Bourgois mit der Attitüde des Grandseigneurs, der in regressiven Akten Groschenromane mit einer Schere zerschneidet. Selbst in den Kulturbetriebsgesprächen mit Leuten, die Ploog für satisfaktionsfähig hielt, schwang stets etwas mit, was ich als Dünkel gedeutet habe. Mir war das zu anstrengend. Ich war der Love-it-or-leave-it-Typ. Ich wollte mitmischen und mich nicht Tag und Nacht abgrenzen. Nicht umsonst haben mich manche als Jubelperser der Frankfurter Rundschau wahrgenommen. Kurz gesagt, ich wurde mit Ploog nicht warm. Folglich habe ich nicht viel in seine Richtung gedacht. Jetzt erst sehe ich, was an diesem Sprache-ist-ein-Virus-Ansatz und den Neuronale-Netzwerke-Antizipationen tatsächlich anschlussfähiger geblieben ist als fast alles, was mir in den 1970/80/90er Jahren besonders gut gefallen hat.

Mitunter werden Werke erst ergiebig, wenn man an einem bestimmten Punkt angekommen ist. Ich habe Ploog nie völlig aus dem Blick verloren. Er blieb präsent als Person mit eigener Gravitation und Radical-Chic-Signatur, als jemand, dessen Name in den Fußnotenregistern philologischer Seminararbeiten überwintert.

Präsenz ist nicht dasselbe wie Lektüre. Vieles nimmt man zunächst atmosphärisch wahr: als Aspekte eines Milieus. Lange ging es mir wie den meisten. Man glaubte ungefähr zu wissen, wofür Ploog steht, und genau dieses vermeintliche Wissen verhinderte die eigentliche Begegnung mit dem Werk.

In jüngeren Jahren liest man oft instrumenteller und restriktiver. Man sucht Identifikation und Energiequellen für die eigene Arbeit, ästhetische Allianz- und Kollaborationspartner und Komplizen, die sich aufladen lassen und die selbst das Zeug zu Aufladungen mitbringen. Erst später entwickelt sich die Geduld für Singularitäten – auch für sperrige Werke (jenseits der eigenen Leitplanken), die sich gegen schnelle Vereinnahmung sträuben.

Ploog verlangt und erlaubt einiges. Ich kann ihn jetzt so lesen wie andere tote Dichter. Und natürlich spielt etwas Banales hinein, das wahrscheinlich jeder kennt, der sich mit Literatur beschäftigt. Solange jemand lebt, scheint immer noch Zeit zu sein. Man verschiebt eine intensivere Beschäftigung auf später. In der Regel ist damit das letzte Wort gesprochen. Nur selten treten Texte nach dem Tod ihres Urhebers mit überraschender Dringlichkeit hervor. Mir ging das so auch mit Arno Schmidt und Bernward Vesper.

Ich habe im Augenblick keine Frage mehr.