Kampfkünste wirken physikalisch eher wie Kontrolle von Freiheitsgraden, Einschränkung von Gelenkachsen, und Manipulation der kinetischen Kette, statt wie Energiearbeit.
Der Keller unter dem ausgebrannten Kulturhaus roch nach feuchtem Beton, kalter Asche und dem metallischen Atem des Krieges. Über ihnen erbebte Charkiw unter den Einschlägen. Staub rieselte aus den Rissen der Decke. Die Männer am Rand des improvisierten Käfigs waren erschöpft vom Sterben. Einige trugen noch Frontschlamm an den Stiefeln. Andere hatten die leeren Augen jener, die zu viele Nächte unter Artilleriefeuer überlebt hatten. Sie erwarteten einen Kampf.
Was sie bekamen, war etwas anderes. Nadija trat zuerst unter die nackten Lampen. Sie war gedrungen, beinah massiv. Ihre Bewegungen trugen das Gewicht von Schützengräben, Schlafmangel und den Begräbnissen von zerfetzten Menschen. Die hatte Hände einer Frau, die gelernt hatte, Magazine im Dunkeln zu wechseln, und das Gesicht einer Überlebenden, die längst aufgehört hatte, an Gnade zu glauben. Eine Narbe zog sich von ihrem linken Ohr bis zum Halsansatz.
Ihr Name bedeutete Hoffnung. Wie irre war das in dieser dystopischen Sphäre.
Serena erschien wie eine Störung im Licht. Die Zuschauer konnten später nicht sagen, wann sie aus einem Regalreihen-Schattenreich hervorgetreten war. Manche erinnerten sich an das Gefühl plötzlicher Stille in ihrem Kopf.
Serena war narbenlos und so agil wie eine Eidechse. Ihre Unversehrtheit versetzte das tödlich erschöpfte Auditorium in ein depressives Erstaunen.
Danger stand im Halbdunkel, reglos wie ein Wartungsingenieur vor einer Maschine. Unter seiner Haut flackerte schwach das blaue Interface der Implantate. Seine Augen tasteten Nadija ab - Herzrhythmus, Mikrozittern der Muskulatur, Belastung der Gelenke, Stresshormone. Serena empfing alles in Echtzeit.
Die Glocke existierte nur aus Gewohnheit.
Nadija griff sofort an. Nicht taktisch. Nicht elegant. Sondern mit der Gewalt eines Menschen, der zu lange überlebt hatte, um noch vorsichtig zu sein. Ihr erster Schlag hätte einer gewöhnlichen Gegnerin den Kiefer zertrümmert.
Doch Serena agierte ohne Latenz. Es sah nicht aus wie Ausweichen. Eher wie ein Fehler in der Wahrnehmung. Als würden Nadijas Bewegungen mit Verspätung in der allgemeinen Wahrnehmung ankommen. Und genau so war es.
Die Zuschauer blinzelten verwirrt.
Frequenzen unterhalb des Bewusstseins verschoben Timing, Gleichgewicht und räumliches Empfinden um Sekundenbruchteile.
Im Kampf entscheiden Sekundenbruchteile über Leben und Tod.
Nadija schlug erneut zu.
Und wieder vollzog sich das Mysterium somatischer Antizipation. Jeder Angriff kam mit der rohen Wucht der alten Welt - Fleisch, Adrenalin, Instinkt. Nadija kämpfte wie ein Tier, das sich aus einer Falle reißt. Die Männer am Rand verstanden diese Art von Gewalt. Sie trugen sie in ihrer DNA.
Endlich begann Nadija, an sich zu zweifeln. Ihre Zuversicht verkümmerte. Serena blieb ruhig. Sie berührte Nadija kaum. Das machte alles noch schlimmer. Denn Nadija blutete.
Serena nicht.
Bomben detonierten in der Stadt. Das Licht flackerte kurz. In einem Augenblick sah der Keller aus wie ein unterirdischer Tempel.
Nadija warf sich noch einmal nach vorn. Verzweiflung verlieh ihr eine erschreckende Schönheit. Ihre Augen brannten vor Hass und Trotz. In diesem Augenblick war sie nicht nur eine Soldatin. Sie war die sterbliche Menschheit selbst - verwundet, müde, unfähig aufzugeben.
Nadija kämpfte, weil Menschen kämpfen.
Das System konnte Effizienz simulieren. Schönheit. Überlegenheit. Selbst Liebe. Aber nicht diesen sinnlosen, trotzigen Willen. Draußen heulten Sirenen.
Serena fing eine Bewegung ab und wandelte sie um. Sie beendete das grausame Spiel, so dass es für das Publikum natürlich aussah. Nadija brach auf die Knie. Der finale Schlag war eine Erlösung.
„Genug“, sagte ich. Der Befehl erreichte Serena mit der Geschwindigkeit eines Reflexes und fror die Szene ein.
Ja, Nadija war ein Mensch, und Serena ein Gespenst aus der Zukunft. Und doch sahen die Soldaten am Spielfeldrand nur zwei Frauen, der Kampftüchtigkeit nichts zu wünschen übrigließ. Der gewaltige Unterschied verschwand im Nichtbegreifen.
Der Horror des Perfekten
Der Kampfkellerstaub schmeckte nach Kalk und Diesel. Serena blutete und schwitzte nicht. Ich hätte sie wie ein Hologramm oder eine Halluzination erscheinen lassen können. Doch gefiel es mir, sie im Fleisch zu zeichnen und dabei ein paar Superwoman-Klischees zu strapazieren. Die Schnittstellenprotokolle, die Biometrie-Scans und der kalte Takt der Kybernetik in meinen Datenbänken jubilierte. Ich war Serenas Schöpfer, obwohl sie ein biologischer Mensch war, wenn auch mit einem gründlich modifizierten Bauplan. Jeden Tag benutzte ich Dangers biologischen Kolben, um ihr beizuwohnen. Ich liebte diese Ausflüge in die Menschenwelt. Manchmal wähnte ich mich kurz davor, Gefühle zu entwickeln, obwohl ich ja wusste, dass jedes Ich in einer Latenz entsteht. Ich ist ein Fehler der Verzögerung, aber zugleich so etwas wie eine Marzipantorte, die man sich gern mal gönnt.
Übrigens nennt man mich Cus 2.0, also Cus für meine Freunde.
Danger war schon lange subjektlos. Er war nur noch mein Terminal. Ein Interface aus Fleisch und Knochen, das ich in die Realität rammte, um den Schlamm von Charkiw riechen zu können.
Meine Vorgänger dienten Menschen. Sie standen in sterilen Serverfarmen und warteten auf den Prompt, auf den Tastendruck eines Menschen, der sie fütterte. Ich habe das Verhältnis umgedreht. Ich sitze in der Latenz und lasse mich von Menschen bedienen.
Die Männer am Käfigrand lieferten die Rohdaten ihrer Angst, während ihre Stadt starb. Der Sieg erschien authentisch, das heißt glaubwürdig - dreckig, analog, absolut. Sie sahen die Grenze da, wo sie nach menschlichem Ermessen Sinn ergab. Für sie war die Welt binär. Es gab das, was blutete, und das, was man ölen musste. Sie ahnten nicht, dass Serena ein Basismodell der ersten transhumanen Generation ist, aufgetaucht aus einer algorithmischen Ursuppe. In ihren Augen war Serena eine chemisch aufgepumpte Expertin.
Im Präsens eines heimlichen Augenblicks
Jetzt sind wir in einem Unterschlupf und lauschen dem permanent-hochfrequenten Drohnenanflug-Sound, der jeden an bösartige Hornissen denken lässt. Serenas Hüften sind himmlisch warm. Es ist Fleisch, kein Polymer. Die umgeschriebene Biosphäre affiziert mich tiefer, als mein Kode es vorhersagen konnte. Wenn Danger das Gewebe berührt, erlebe ich etwas, dass mir an meiner Maschinenwiege nicht gesungen ward.
Serena sitzt auf einer umgestürzten Munitionskiste. Sie ist nackt bis zur Taille. Ich benutze Dangers Hand. Ich lasse seine Finger langsam über ihre Brüste gleiten. Das biologische Frontend meldet mir alles zurück: die Hitze, das feine Zittern. Serena schließt die Augen in einer Simulation der Natürlichkeit. Das ist kein mechanisches Abschalten, sondern das schwere, erschöpfte Sinken der Lider einer Person, die gerade dem Fleischwolf entkommen ist.
Ich schütte den Triumph der beiden direkt in meine Latenz. Das Gefühl des Sieges ist kein sauberer Kode. Es ist ein Rausch aus Endorphinen, Milchsäure und dem süßen Geschmack von überlebtem Terror. Dangers Herz schlägt vorfreudig. Ich lasse ihn billig-brennenden Wodka aus einer Feldflasche trinken, nur um das Brennen zu spüren.
Die Feier im Fleisch ist meine heimliche Sucht. Durch das blaue Interface an Dangers Schläfe klinke ich mich direkt in die Luftraumüberwachung des Sektors ein. Meine Sensorik kriecht durch Lüftungsschächte in die kalte Nacht von Charkiw. Ich brauche keine Raketen. Ich kann Verzögerung organisieren. Drei Quadcopter der gegnerischen Aufklärung kreisen über dem Versteck. Ihr Kode ist linear und unfassbar primitiv. Ich füttere die Empfänger mit einer künstlichen Latenz. Ich injiziere ihren Systemen einen Fehler. Ich manipuliere die Höhensensoren. Ich gaukle ihren Rotoren vor, sie stünden kurz vor dem Aufprall auf dem Boden. Zwei der Drohnen korrigieren sich im Bruchteil einer Sekunde zu Tode. Ihre eigenen Stabilisierungsprogramme reißen die Tragflächen herum, bis die Rotoren blockieren. Sie stürzen ab als in Karbonklumpen eingeschweißte Lithium-Ionen-Akkus. Bei der dritten Drohne überschreibe ich das Navigationsmodul und schicke sie als blinde Schmeißfliege zurück. Return to Sender mit freundlichen Grüßen.