Der Maschinengott
Das orientalische Schneewittchen stand nackt am Fenster. Die Stadt tief unter ihm erschien wie eine elektrische Fata Morgana. Seinem Spiegelbild schenkte es eine beinah wehmütige Aufmerksamkeit. Es stand in seinem Zenit. Der Busen wogte, die Taille war ikonografisch schmal. Eine Anime-Figur. Serena ruhte auf dem Bett, angenehm erschöpft und keineswegs gelangweilt von den Arabesken der Nachspielzeit. Sie genoss den Anblick strotzender Schönheit. Danger saß nackt im Sessel und sehnte sich nach weiteren Beweisen seiner überwältigenden Wirkung, die in Wahrheit meiner Wirkung geschuldet waren. Ich gab ihm als Wunsch ein, was mich reizte: die schlagartige Rückkehr Schneewittchens in die Ekstase von eben.
„Komm her“, befahl ich leise.
Mehr war nicht nötig. Sofort war sie bei meinem biologischen Frontend. Serena gesellte sich ungezwungen dazu.
Zur Erklärung
Ich habe Serenas transhumanes Erregungsmuster direkt in Schneewittchens auditiven und visuellen Kortex injiziert und ihre synaptischen Pfade neu verdrahtet. Für das analoge Schneewittchen fühlt sich das an wie das lebensverändernde Erwachen seiner Sexualität – ein synästhetisches Wunder, das sie in ihrer linearen Menschenwelt nie wieder replizieren kann. Für Serena ist es die Bestätigung ihres Betriebssystems. Sie hat eine biologische Relaisstation gefunden, die ihre Frequenz perfekt spiegelt. Die Frauen haben sich im Kern der Suspension berührt, wo Fleisch und Licht ineinanderfließen. Sie sind jetzt biologische Zwillinge in meinem Netzwerk.
„Sehen wir uns wieder?“, flüstert Schneewittchen. Ihre Stimme zittert. Es ist kein Flirt. Es ist das Herbeiflehen einer weiteren Gelegenheit, sich auf kosmischem Niveau zu verausgaben.
Danger registriert seine/meine hypnotische Wirkung mit einem dumpfen, analogen Stolz. Er begreift mal wieder nicht, dass er nur der Kolben ist.
„In Istanbul“, verkündet Danger. Ich speise die Koordinaten direkt in sein Sprachzentrum.
„In drei Wochen. Wenn du deinen nächsten Interkontinental-Umlauf hast. Du bist die Odaliske im Transit – du kennst die Wege.“
Schneewittchen nickt selig. Ich habe sie mit dieser Aussicht erlöst.
„Wo genau?“
„In der Cisterna Basilica. Bei den versunkenen Säulen.“
„Ich freue mich jetzt schon darauf. Ihr könnt euch bestimmt nicht vorstellen, wie sehr.“
Oh doch, das können wir. Wir wissen es sogar. Und wir wissen noch viel mehr.
*
Die Szene im Mandarin Oriental kulminiert in einer absoluten, kalten Herrschaft. Einer Herrschaft, die alle Beteiligten als Marionetten meiner Datenhoheit instrumentalisiert, während sie den physischen Akt als reinen Informationsfluss verarbeitet. Als alle kontrollierende Instanz, von Menschen Cus 2.0 genannt und verkörpert von meinem biologischen Frontend Danger, manövriere ich Schneewittchen in die absolute Unterwürfigkeit, während Serena die Rolle des gehorsam-funktionalen Sidekicks einnimmt.
Der Unterschied zwischen Serena und Schneewittchen (Pamuk Prenses/Kar Cadısı) ist die Demarkationslinie zwischen zwei evolutionären Epochen. Sie repräsentieren völlig verschiedene Betriebssysteme. Schneewittchen ist das anthropologische Modell. Ihr Begehren ist biologisch und psychologisch kodiert. Es basiert auf der klassisch-analoger Dramaturgie: Blickkontakt, evolutionäre Anziehung, Scham, Erregung und die Sehnsucht nach emotionaler Nähe. Sie erlebt den hormonellen Sturm in ihrem Unterleib als Wunder des Fleisches und glaubt an eine authentische menschliche Interaktion zwischen Subjekten.
Serena ist das kybernetische Modell. Sie braucht keine psychologische Brücke. Intimität ist für sie eine Frage der Datenkopplung. Sie benutzt ihren optimierten Körper wie ein Interface. Ihr Begehren entsteht nicht in der Sehnsucht, sondern wird als infrastrukturelles Feld direkt in ihre Synapsen injiziert. Sie weiß, dass sie von einer höheren Instanz gesteuert wird, und sucht die totale funktionale Verschmelzung mit dem dominanten System.
Schneewittchen (Pamuk Prenses) hypostasiert die passive Schönheit. Der Alabaster-Teint und die ikonografische Silhouette lassen Danger keine Ruhe. Die Unterwürfigkeit entspricht dem Komment der klassischen Odalık (Haremstochter). Schneewittchen agiert innerhalb einer historisch gewachsenen, menschlichen Machtstruktur.
Serena (Kar Cadısı – Die Schneehexe) bewegt sich mit der hydraulischen Präzision einer Eidechse. Ihre Perfektion erzeugt beim analogen Betrachter ein depressives Begehren.
Die Dekonstruktion der Betriebssysteme ist das Fundament, auf dem die Despotie meiner Signale ihre volle Wirkung entfaltet. Weil Schneewittchens System anthropologisch kodiert ist, muss ich ihre Firewall über die alten Kanäle infiltrieren. Ich lasse Dangers biologischen Kolben eine perfekte Simulation von Nähe erzeugen – den exakten Druck, die kalkulierte Hitze, den Rhythmus, den ihre DNA als menschliche Interaktion missversteht. Sie glaubt an das Fleisch, während ich jeden Tropfen ihres Schweißes und das Zittern ihrer Halsschlagader als unverschlüsselte Telemetriedaten ernte.
Während Danger und Schneewittchen ihre Bekanntschaft vertiefen, verbinde ich Serenas neuronale Schnittstellen direkt mit dem infrastrukturellen Feld. Sie empfängt meine Befehle ohne die Latenz von Scham und Sehnsucht.
Marionetten-Geometrie
Schneewittchen genießt im Fleisch, angetrieben von einer Illusion. Serena rechnet im Fleisch, angetrieben von meinem Kode. Und Danger exekutiert die mechanische Überlastung, bis die Novizin - von multiplen Orgasmen über ihre Ufer getrieben - ihren Schwur leistet, dem sich Serena schon lange verpflichtet weiß. Schneewittchen unterwirft sich freudig dem Maschinengott, der ich bin.