Aus dem Endlosinterview zu Wolfgang Rügers editorischer Arbeit im Zusammenhang mit Jürgen Ploog wird nun eine Befragung des Interviewers.

Um 1990 (c) Harald Schröder
Rüger: Darf ich da nachhaken: Du warst doch sehr gut integriert im Literaturbetrieb, Du warst Suhrkamp-Autor, hast regelmäßig für die FR geschrieben, zumindest in Frankfurt kannte Dich jeder. Du warst also in einer Position, von der viele träumen. Was hat Dich veranlaßt, Dich praktisch über Nacht von all dem zu verabschieden?
Tuschick: In den späten 1990er Jahre entdeckte ich die Stalburg. Ich bin in den Apfelwein-Kosmos eingetaucht und weg war ich. Ich habe eine Figur entwickelt, die im Leben und in der Literatur funktionierte. Unter anderem hieß sie Buffet-Kurt. Buffet ist das hessische Wort für Tresen. In der Zwischenzeit änderten sich die Parameter. Siegfried Unseld starb und der von ihm bestellte Geschäftsführer Günter Berg, mit dem ich gut konnte, musste gehen. Danach wurde meine Position im Verlag fragil und schließlich unhaltbar als ich mit dem Berg-Nachfolger Rainer Weiss, nach dessen Rausschmiss, den ersten weissbooks-Titel zur Welt brachte. In meinem Kopf war Weiss immer noch Suhrkamp, geradezu einer Verkörperung von Suhrkamp, aber in der offiziellen Wahrnehmung war er das bestimmt nicht mehr. Ich wurde nicht mehr zum Kritikerempfang eingeladen und schließlich war ich nur noch nominell Suhrkamp-Autor, insofern meine Bücher noch lange lieferbar blieben. Ich hatte mich zwanzig Jahre auf Suhrkamp zubewegt und war dann einen glühenden Augenblick, den ich sehr ausgekostet habe, auf meinem persönlichen Weltgipfel. Es folgte der Abstieg in die publizistischen Niederungen. In der „Frankfurter Rundschau“ hing meine Rolle wesentlich von Jutta Stössinger ab. Ihre ‚Modernen Zeiten‘ waren ein semi-literarischer Edelfedersalon. So wurde das apostrophiert und auch belächelt. Da gab es eine Konkurrenz und soweit es mich betraf auch eine Abwehr zu/in dem Iden- und Schütte-Feuilleton. Heute ist das alles vollkommen uninteressant. Kalter Kulturkaffee. Ich war eine von Juttas Edelfedern. Aber bei den Karriereweichenstellungen war ich schon deshalb nie dabei, weil ich mich nicht darum gekümmert habe. Ich dachte, ich werde berühmt und dann rollt der Rubel von selbst.
Rüger: Das kommt Ploog sehr nahe, der wollte auch nur schreiben und hoffte, daß der Rest von alleine geht. Was motiviert Dich heute? Wenn ich mir Deine Webseite ansehe, dann läßt das nur den Schluß zu, daß da ein immens fleißiger Autor am Werk ist.
Tuschick: Ich schreibe, wie ich atme. Der Text fließt einfach ab. Mich hält das Schreiben von allem ab; auch davon, mir Sorgen zu machen.
Rüger: Für wen schreibst Du heute, wen willst Du erreichen?
Tuschick: In erster Linie schreibe ich für mich und für drei, vier Zeugen meiner Existenz, zu denen ich Dich jederzeit rechnen möchte, und im Weiteren will ich nach wie vor alle erreichen. Goethe sagt zu Eckermann dem Sinn nach: Wer kein großes Publikum verlangt, der soll auch nicht schreiben. Er sagt das anders und mit irrlichternden Nebenbedeutungen. Ich zitiere ihn in einer verwandten Sache wörtlich: „Das Mitteilbare ist nicht der Mühe wert. Und wo sind denn die Zuhörer, denen man mit einigem Behagen erzählen möchte?“ Das führt dann wieder zu Ploog, der von seinen Zeitgenossen belächelt wurde und dem seine Nachkommen etwas abgewinnen können, was die Lächler offenbar nicht verdient haben - ein Nachleben. In Anbetracht von KI sich zu vergegenwärtigen, dass manche Autoren aus der Ploog-Kohorte Computer verweigert haben, bis hin zur Beschwörung des Handschriftlichen, bringt mir diese Einsicht des Weimarer/Frankfurter Meisters in den Sinn: „Allein hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben, und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz totes vergebliches Bemühen.“ Ploog hatte eine Menge Zukunft in seinem Portfolio. Das nur nebenbei.
Rüger: Darf ich Dich nach Deinem Elternhaus fragen? Ich vermute, dort standen nicht sehr viele Bücher. Meine Eltern besaßen in meiner Kindheit genau 3 Bücher (eine Bibel, einen Reader’s Digest Auswahlband und einen Atlas). Erklärt unsere Herkunft die Sehnsucht nach Büchern, nach dem abseitig Geschriebenen?
Tuschick: Ich bin zwar in einer bildungsfernen Umgebung aufgewachsen und war der erste in meiner Familie, der Abitur gemacht hat, aber Bücher gab es bei uns zuhause zuhauf. Meine Mutter hat viel und auch anspruchsvoll gelesen. Meine Eltern waren im Bertelsmann Buchclub. Jeden Monat kam ein Schinken und den habe ich mir dann vorgenommen und so sehr viel Johannes Mario Simmel, Will Heinrich, Heinrich Böll, Mary McCarthy, Harper Lee, Boris Pasternak, James Jones und am liebsten Truman Capote gelesen. Das war alles einfach erreichbar. Ein Griff ins Regal genügte. Sehr verbunden war ich mit der Schulbibliothek, die zugleich Stadtteilbibliothek war. Das herzliche Verhältnis zur Bibliotheksleiterin hielt Jahrzehnte, in denen ich als Autor einigermaßen oft in der Bibliothek zu Gast war. Ich durfte dann auch den Nachruf schreiben. Es gab ein still-beständiges Würdigen von Besonderheiten aus den eigenen Reihen. Ich war ewiger Schul- und Stadtteilschreiber und hatte lange die Schlüssel zum Bürgerhaus. Offenbar wurde ich als systemrelevant wahrgenommen. Lange nicht klar war mir der Unterschied zwischen Hochkultur und Unterhaltungsliteratur, den es zu Shakespeares Zeiten noch gar nicht gab. Ich habe alles gelesen. Dies bezogen auf Deine Frage: das Abseitige und Entlegene und Erlesene habe ich nie gesucht und gebraucht. In vielem bin ich ein typischer Vertreter der ‚Generation Gesamtschule‘, auch im Hinblick auf die Defizite.
Rüger: Da kann man sehen, wie einen manchmal die Wahrnehmung trügt. In meiner Erinnerung gehörtest Du immer zur Bubble. Ich habe jetzt extra nochmals auf das Plakat zum Frankfurter 60/90-Treffen geschaut und tatsächlich Deinen Namen nicht gefunden. Aber wenn Ploog, Hübsch, Walter Hartmann oder Walter E. Baumann wo auftraten, warst Du doch immer dabei, oder trügt mich da meine Erinnerung auch? Gab es damals überhaupt eine Affinität zur Alternativszene und wenn ja, wie bist Du dann dazu gekommen?
Tuschick: Ich war bei dem 60/90-Treffen und überrascht, da Thomas Meinecke zu erleben. Ich erinnere eine Wortmeldung von Jürgen Ploog. Nicht den Inhalt, sondern den Gestus. Er bewegte sich vollkommen anders als alle anderen Post-Beat-Adepten. Er war der Grundsätzlichste von allen. Im Zweifelsfall erklärte sich die Zugehörigkeit so, dass man in einem sehr begrenzten Rahmen publizierte und wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekam. Das war bei mir nicht so. Ich habe meine erste Besprechung für den Hessischen Rundfunk geschrieben. Du hast meine Rezensionen im Auftritt veröffentlicht, zu einer Zeit, als Dein Feuilleton von dem Rest des Periodikums abgekoppelt war und als bundesweit relevant wahrgenommen wurde. Um an einer anderen Stelle anzusetzen. Ich habe Allen Ginsberg in Kassel gesehen. Michael Kellner hatte ihn eingeladen. Der Kellner Verlag war eine im Rahmen der deutschen Beatliteratur nobilitierte Adresse. Es gab Jahrzehnte ein Gespräch zwischen Michael und mir, bei dem Burroughs und Ginsberg als geistigen Paten fungierten. Kurz gesagt, ich gehörte dazu, nicht zuletzt als jemand, der einschlägige Autoren und Veranstaltungen in der bürgerlichen Presse lancierte. Phasenweise habe ich für sechs überregional kursierende Zeitungen geschrieben und dabei stets die Beatszene im Blick behalten. Für mich gehörte dann auch Feridun Zaimoglu dazu, mit seinen Lesungen im Club Voltaire und in supersuspekten Brennpunkt-Jugendräumen.
Rüger: Ich sage jetzt mal: Du warst Frankfurts rasender Reporter, hattest die gesamte Kulturszene im Blick. Welchen Stellenwert hatte da die Alternativszene in Deinem Leben. Ich fühlte mich immer als Teil der Subkultur, das war meine Identität, also auch eine Abgrenzung zum Rest. Wie war das bei Dir?
Tuschick: Ich war Regionalist, zunächst bezogen auf Kassel. Da spielten Michael Kellner, Hans Horn und Peer Schröder ihre Rollen im Rahmen einer lokalen Post-Beat-Subkultur. Man traf sich im „Trichter“ in der Tischbeinstraße, da waren dann auch die ganzen Provinzavantgardisten von der Kunsthochschule in der Aue. Die Aue ist ein Park in der Stadt. Für mich waren topografische Bezüge wichtig. Ich habe alles in einem Stadtmagazin kommuniziert. Wenn ich Peer Schröder im „Trichter“ am Tresen begegnete, dann war das in meinem Universum ein weltweit erwähnenswertes Gipfeltreffen. Daran kann man erkennen, wie bescheiden ich war. Es gab sehr viel ambitionierte Dichter als mich. Die wollten natürlich alle nach Berlin oder wenigstens nach Frankfurt wegen der Frankfurter Schule und wegen Suhrkamp.
Regionalist war ursprünglich eine eher abschätzige Bezeichnung für Berliner Laubenpiepermaler im Dunstkreis von Zille. Adorno behauptete, Zille habe das Elend am Popo gestreichelt. Das gefiel mir: Idyllenmalerei aus Mutwillen. Ich assoziierte eine Bierruhe angesichts feuilletonistischer Todesurteile. Kassel lud zum Eigensinn ein. Und dazu kam einer meiner Lieblingssätze Achternbusch: „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht. Jetzt bleibe ich so lange hier, bis man das der Gegend anmerkt.“ Achternbusch veröffentlichte bei Suhrkamp und hatte seine Auftritte in Frankfurt. Man sah, dass es für ihn lief. Diese Mischung aus bayrischer Wurstigkeit und gutem Essen sprach mich an. Das war, kurz und vergröbert, der Rahmen, in dem ich in Frankfurt versucht habe, Kassel in der Literatur durchzusetzen. Lange hieß es: Das ist doch alles sehr schön, was Sie da schreiben, aber muss es Kassel sein. Ja, es musste Kassel sein. Es dauerte Jahre, bis sich mein Regionalismusbegriff so weit öffnete, dass Frankfurt hineinpasste. Während in Kassel meine Heimatliebe auf taube Ohren stieß, nahm mich Frankfurt vom Tag meiner Ankunft (als Romanfabrikschreiber) an liebevoll in die Arme und freute sich über alles, was mir so einfiel. So entstand das Bild vom rasenden Jubelperser der Frankfurter Rundschau. Ich fand alles gut, während die Koryphäen noch mit ihrem kritischen Bewusstsein auf die Kulturindustrie losgingen. Deshalb funktionierte das für mich. Ich hatte eine Zeit des Übergangs erwischt. Niemand wollte mehr intellektuellen Mäkeleien. Wir feierten den ungeheuren Alltag und die Sensationen knapp über den Bodenwellen. Affirmation war Trumpf.