Die Asymmetrie von Tat und Text
Laure, Diane und Sylvia setzen ihren Körper, ihren Verstand und ihr Leben aufs Spiel. Der Meister verweilt in der Transzendenz und am Schreibtisch. Bataille bleibt der bürgerliche Beamte. Als Bibliothekar (an der Bibliothèque nationale, später in Orléans) katalogisiert, ordnet und verwaltet er das Wissen der Welt. – Und sichert das Passagenwerk von Walter Benjamin. So verhält er sich auch psychologisch zu seinen Frauen. Er verwaltet und sichert ihre existenzielle Glut. Er ist ein Archivar ihrer Exzesse.
Nein, das geht nicht. Das kannst du ihm nicht so einfach unterstellen. Nimm doch Cornelius und sag dem das nach.
Der Bibliothekar als Alchemist
Cornelius nutzt die Radikalität seiner Frauen als Rohstoff. Er gießt ihr brennendes Leben in die kalte Form der philosophischen Abstraktion. Am Ende steht die unbarmherzige Wahrheit, die Clarice L. im Café de Flore so treffend andeutete: Cornelius ist ein Voyeur. Während Laure fiebert, Sylvia sich für den Untergrund präpariert und sich dem Meister der Psychoanalyse hingibt und Diane einen Inspektor dazu ermutigt, mutiger zu werden, bleibt Cornelius nur die Rolle des Chronisten. Er sitzt in seinem Gedankenpalast …
Kassiberprosa und sakrales Martyrium
Mitte der 1930er-Jahre initiiert Bataille eine Verschwörung gegen die Zeit: die Geheimgesellschaft „Acéphale“. Ihr Emblem ist der kopflose Mensch – eine radikale Absage an die Tyrannei der bürgerlichen Vernunft, ein Symbol für das nackte Leben.
Die Alchemie der Entweihung und der schwache Priester
Sollen wir jetzt auch Cornelius zum Meister einer klandestinen Schwurgemeinschaft machen? In Laures nachgelassenen Schriften, den autobiografischen Fragmenten der Histoire d’une petite fille, entdeckt er eine Szene von schwindelerregender Konsequenz: Sodomie auf einem Altar. Um die ungeheure Wucht dieser Szene für den modernen Blick zu übersetzen, muss man das metaphysische Gewicht verstehen, das auf Laures Schultern von Kindheit an lastet. Dies war kein extravaganter Akt. Es war das bewusste Heraufbeschwören eines Schismas im eigenen Fleisch.
Ihr episodisches Erzählen kreist obsessiv um die moralische Fäulnis ihrer Herkunft. Sie seziert die verdeckten Unschicklichkeiten der Honoratioren und Priester, die im Schutz ihrer seidenen Talare und Soutanen Lustmomente stibitzen. In der Bigotterie gilt die Sünde als verhandelbar, solange die Fassade standhält. Fasziniert beobachtet Laure eine Wäscherin und hält sie, fernab von den neurotischen Zwängen der Oberschicht, für eine wahrhaft glückliche Person.
In Bataille findet sie den idealen, infernalischen Komplizen für ihr Mysterium. Sie erkennt in ihm nicht nur den radikalen Denker, sondern den im Fleisch schwachen Priester. Bataille war Zögling im Seminar von Saint-Flour. Er strebte die Weihen an, wollte den Habit tragen. Er war kein banaler Freigeist, sondern ein Renegat des Glaubens, der das Vokabular der Sünde fließend beherrschte. Für Laure verkörperte er die ultimative Erfüllung ihrer Obsession: den gefallenen Geistlichen, dessen moralischer Sturz im Akt das Sakrale nicht vernichtet, sondern erst recht entflammt.
Lieber T.,
ja, ich verstehe den narrativen Twist sehr gut. Und nein, er geht nicht grundsätzlich zu weit. Das ist literarisch wahrscheinlich der stärkste Gedanke, den du bisher im Zusammenhang mit Bataille entwickelt hast. Er ist so stark, dass er mein Begehren weckt, während ich an meinem Institutsschreibtisch sitze und dich nur zu gern in körperlicher Reichweite hätte. Jetzt ein Quickie; gern würde ich dir die Details obszön schildern, aber dann fürchte ich wieder, du könntest sie so oder so verwenden. Ich weiß, dass dich nichts vom schreibenden Verwerten abhalten kann und sogar das macht mich irgendwie scharf. Wie kann das sein?
Zurück zu deiner Frage. Du musst extrem präzise balancieren, weil du sonst aus einer interpretativen Spannung eine psychologische Denunziation machst. Du beschreibst nicht den wahren Bataille, sondern eine strukturelle Asymmetrie zwischen Leben und Schrift. Und diese Asymmetrie ist real.
Die Frauen um Bataille, Colette Peignot, Sylvia Maklès, Diane de Beauharnais, erscheinen in deinem Text als existenzialistische Verkörperungen. Du assoziierst mit ihnen Krankheit, Risiko, sexuelle Verausgabung und soziale Gefährdung.
Bataille schreibt, ordnet, archiviert, sublimiert. Er transformiert Erfahrung in Theorie.
Der gefährliche Punkt liegt hier:
„Er nutzt ihre Glut als Rohstoff.“
Das kippt schnell in eine Unterstellung, die du historisch kaum halten kannst. Vor allem bei Laure wäre das problematisch, weil sie selbst eine Denkerin war und nicht bloß eine endlich verbrauchte Muse. Deshalb funktioniert dein Text am besten da, wo du die Sache nicht moralisch formulierst, sondern strukturell-symbolisch. Da wird der Bibliothekar-Gedanke plötzlich brillant.
Denn Bataille ist Archivar, Katalogisierer, Verwalter von Wissen, Beamter der Ordnung. Gleichzeitig schreibt er über Verausgabung und Ekstase. Das ist fast schon zu perfekt als Konstellation. Der Bibliothekar als heimlicher Alchemist.
Der Mann der Ordnung als Theoretiker der Entgrenzung. Das hat literarische Kraft.
Aber du solltest vorsichtig sein mit Formulierungen wie:
„Er verwaltet seine Frauen.“
Stärker wäre: Bataille verwandelt die existentielle Intensität seiner Umgebung in Sprache.
Oder noch stärker: Die Frauen leben, was Bataille archiviert.
Denn damit beschreibst du eine Formdifferenz, keine Schuld.
Der Satz:
„Er ist ein Archivar ihrer Exzesse“ ist hervorragend. Den behalten ich gerade ein, mich unterbrechend. Mein guter Freund und verlässlicher F***, ich widme dir meinen herbeieilenden Höhepunkt. Das kannst nur du.
Und der Abschnitt über den „schwachen Priester“ ist vielleicht der stärkste überhaupt. Batailles Seminarzeit, katholische Schuldgrammatik, Laure als Suchende des Schismas, Erotik als weihende Entweihung, das Sakrale als idealer Rahmen für Sodomie. Das ist wirklich gut gesehen.