Der Gefangene im Gedankenpalast
Lieber T.,
wie schön von dir zu hören mit meinem Leseohren. Mir ist, als säßest du mir gegenüber und entzückest mich mit deiner Gegenwart. Nun ich habe gelernt, von den Brosamen zu leben und mit dem vorlieb zu nehmen, was du mir zukommen lässt. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als käme kein Wasser an dem Hahn, an dem man dreht.
Man muss den Abgrund gesehen haben, um den festen Boden unter den Füßen zu lieben. Ich verstehe dich vollkommen. Du suchst einmal wieder das literarische Alibi der Hochkultur, um das Triebhafte und Unstatthafte sagbar zu machen. Die Theorie – Freud, Bataille, die Renaissancemalerei – dient als schützende Tarnschicht und Police, die den Text gegen den Vorwurf der politisch inkorrekten Schlüpfrigkeit versichert.
Alles war sauber, geordnet, fast erstickend. Die Ordnung des Hauses war von jener viktorianischen Symmetrie, die Freud in den Wiener Salons so meisterhaft sezierte: eine Architektur aus lückenlosen Abläufen und blanken Oberflächen. Doch unter dem Estrich arbeitet das Unbewusste wie ein verstopftes Rohrsystem. Man funktioniert, man spricht das Erwartete, während auf den Bewusstseinsschwellen bereits die vagierenden Sprachbilder lungern – unstatthafte Vokabeln, bereit, das bürgerliche Gehäuse zu zertrümmern. Diese Lust am Obszönen. Der Kitzel auf dem Gaumen … Gaumenkitzel, die Wohltat, wenn es die Worte endlich dem Schicklichkeitsknast entschlüpft sind. Kommt der Klempner, bedarf es keines physischen Übergriffs. Die Transgression vollzieht sich einer Verdichtung. Es ist der Moment, in dem die Hausfrau Entbehrungen in ihrer Ehe andeutet, von Hemd und Bluse spricht, und ihr dann im Angesicht dieses Mannes das verleugnete Wort herausrutscht: Wenn man überhaupt nicht mehr aus der Hose genommen wird.
Warum die Grenzüberschreitung den Rahmen rettet
Was bleibt, ist kein Trümmerfeld, vielmehr eine produktive Melancholie – jenes wunderbare Freud’sche Draut, das den anhaltend-traurigen, aber stabilen Zustand nach dem Schock beschreibt. Die unstatthafte Geste, der gestohlene Blick an der Schwelle, haben eine Signatur hinterlassen. Man kehrt zurück in den Rahmen der Ehe.
Es ist ein Irrtum der profanen Betrachtung zu glauben, jemand müsse physisch ins Fleisch greifen, um die Grenze zu versetzen.
Von Delikt zu Delikat/Von Delinquenz zu Diskretion
In der aktiven Phase des bürgerlichen Lebens – also im reibungslosen Funktionieren in Beruf, Ehe und gesellschaftlicher Repräsentation – gibt es für solche Erschütterungen keinen legalen Ort. Inszeniert Laure im Wald von Saint-Nom-la-Bretèche mit Bataille ihr Rollenspiel, exekutiert sie diese Differenz. Sie flieht (gemeinsam mit ihrem Mitspieler) aus der bürgerlichen Legalität in den bürgerlichen Mythos.
Ohne Schriftstellerinnen wie Colette Peignot (Laure) und Clarice Lispector wüsste man heute nicht, wie Frauen in späten Hochzeiten des Patriarchats sublimiert haben. Interessant ist, dass sie Dinge für natürlich hielten, die heute sozial gelabelt sind. Laure und Clarice hielten das stoffliche Erwachen beim Zugriff des Klempners für etwas zutiefst Naturhaftes, für eine kosmische Gegebenheit. Für sie war der Einbruch des Triebhaften in die Ordnung eine existentielle Wahrheit. Oder differenzierter: Das Begehren erscheint ihnen nicht primär als soziale Konstruktion, sondern als eruptive Erfahrung. In alten Filmen und Romanen sieht man die permanente, physische und soziale Enge. Die Frau ist nie allein, sie wird stets beobachtet und von Erwartungen bedrängt. Sie existiert unter den Bedingungen einer permanenten Belagerung; umstellt von gesellschaftlichen Verboten, moralischen Wächtern und den starren Wänden der bürgerlichen Ehe. Unter diesem tektonischen Druck vollzieht sich eine erstaunliche Alchemie des Begehrens.
Weil im Außen jede freie Bewegung illegal war, wurde die Bedrängnis selbst zum Raum der Sublimierung. In den engen Winkeln dieses Gefängnisses filterten Frauen Lustpartikel und verwandelten sie in Fetische. Die Fetische waren überlebenswichtige psychische Implantate. Sie garantierten die seelische Solvenz, mit der Frauen in den jahrzehntelangen Arrangements konventioneller Ehen überleben konnten.
Ökonomie des Mangels
Unter totaler Beobachtung schrumpft der Raum für das erotisch Eigene auf ein Minimum. Aber das Gesetz der Psychodynamik besagt: Je kleiner die Fläche, desto höher der Druck. In der patriarchalen Enge werden flüchtige Momente mit einer solchen Masse an gestauter Energie aufgeladen, dass sie zu Lustpartikeln von nuklearer Dichte werden. Der Mangel erzeugt eine seismische Empfindsamkeit.
Laure und Claire nehmen Bruchstücke des Belagerungsrings und schmieden daraus im Geheimen psychische Überlebenswerkzeuge. Im sterilen, legalen Alltag, in dem die Frau nur eine Funktion im bürgerlichen Getriebe ist, reicht ein Impuls, um die eigene Lebendigkeit zu spüren. Es ist ein stummer, unsichtbarer Triumph: Ihr besitzt meinen Körper und meinen Namen, aber diese Sekunde gehört mir, und sie ernährt mich seit zwanzig Jahren.
Heute neigen wir dazu, die klassischen Szenarien rein politisch zu bewerten. Wir sehen die Ohnmacht, die Asymmetrie, das Unrecht – und das ist historisch auch völlig korrekt. Aber indem wir es sofort labeln, entmündigen wir Frauen oft nachträglich. Wir nehmen ihnen die dunkle, komplizierte Souveränität, die sie sich trotz und durch diese Bedrängnis erstritten haben. Laure und Clarice wussten, dass die Natur des Begehrens sich nicht um moralische oder soziale Korrektheit schert.
Vielleicht verdankte die Stabilität der bürgerlichen Ehe auch jenen verborgenen inneren Fluchtpunkten, die Frauen innerhalb ihrer Begrenzungen entwickelten. Die Diskretion im Innen sicherte die Fassade.
Schuldlose Souveränität
Ergreift die Frau keine Initiative, bleibt sie im bürgerlichen Sinne schuldlos. Die Epiphanie bricht als Naturereignis über sie herein. Indem sie sich passiv verhält, erfüllt sie die gesellschaftliche Norm. Die Passivität wird zum Schutzraum für die radikalste innere Freiheit. Die Frau ist das Medium, an dem sich das Ereignis Erregung vollzieht. Sie kassiert die Essenz, ohne sich bewegt zu haben.
Der innere Altar im bürgerlichen Rahmen
Das gewonnene Triebmaterial trägt sie in die Ehe. Es gibt keine Reue, keinen bürgerlichen Verrat, denn sie hat sich den Fetisch nicht ausgesucht – er wurde ihr von der Natur auferlegt. Das macht das Ganze so unendlich diskret und unantastbar. Sie kann am Abendbrottisch sitzen, ihrem Ehemann in die Augen schauen und tief in sich drinnen diesen glühenden Punkt abrufen, ohne sich als Ehebrecherin fühlen zu müssen. Die Initiativlosigkeit im Außen legitimiert den Kult im Innen.
Der Fetisch als Filter
Der Fetisch funktionierte hier wie ein Schutzfilter. Er trennte das Bedrohliche der männlichen Dominanz vom Erregenden. Der Klempner oder der Priester waren reale Repräsentanten einer patriarchalen Welt, die Frauen einsperrte oder kontrollierte. Daraus ergibt sich ein fast schwindelerregender Gedanke. Die bürgerliche Ehe, so einengend sie war, wurde für diese Art der Lust zu einer paradoxen Bedingung. Nur weil der Rahmen so starr, so sicher und so dauerhaft war, konnte das klandestine Geheimnis im Inneren so verlässlich glühen. Die Ehe war das Gehäuse, das verhinderte, dass die Epiphanie in den Alltag auslief und profan wurde. Man brauchte die Kälte der Symmetrie im Außen, um die Hitze des Fetischs im Innen überhaupt isolieren zu können.
Lieber T., du siehst mich hingerissen ausnahmsweise nicht an einem meiner Schreibtische, wo du mich hoffentlich bei jeder Gelegenheit vermutest, als fleißiges Lieschen der Philologie in einem Kleid, das nur zum F*** gemacht wurde. Du kannst dich auf mich verlassen. Mich erregen deine Aufschlüsse zuverlässig. Übrigens tage ich mit Anson in der „Schneewittchen Lounge“. Wir trinken Caipirinha, Anson behält mich mit einer einfühlsam-zupackenden Hand auf meinem rechten Oberschenkel im Auge. Ich hoffe, das gibt dir was, mein lieber Freund und liebstes Gehirn. Ja, deine jüngsten Einlassungen sind wieder interessant. Teilweise sogar außergewöhnlich interessant. Aber nicht überall aus denselben Gründen. Der Text hat inzwischen eine eigene Denkbewegung entwickelt. Er ist nicht mehr bloß ein Essay über Georges Bataille und Colette Peignot. Er untersucht, wie Begehren unter den Bedingungen sozialer Verdichtung funktioniert. Die stärkste Idee transportiert die Einsicht, dass minimale Abweichungen in hochkontrollierten Ordnungen enorme psychische Energie speichern. Das ist wirklich gut. Du beschreibst Begehren nicht als Befreiung aus der Ordnung, sondern als mitunter mikroskopische Druckentladung innerhalb der Ordnung. Darum funktionieren deine Bilder zwischen Türrahmen und Beichtstuhl. Der gestohlene Blick, das herausgerutschte Wort, der vergessene Termin. Ich sehe Claire in einem Abteil des Orient Express. Ein gut rasierter Hercule Poirot wohnt ihr bei.
„Die Passivität wird zum Schutzraum für die radikalste innere Freiheit.“
Da formulierst du etwas sehr Schwieriges. Da ist alles so heikel wie psychodynamisch interessant. Der „glühende Punkt“, der jahrzehntelang abrufbar bleibt, ist wahrscheinlich das beste Motiv des gesamten Textes. Da erscheint Erotik psychischer Energiespeicher, inneres Reservat und geheime Gegenökonomie zum funktionalen Alltag.
Sehr gut ist auch: „Die Theorie dient als Tarnschicht.“ Da beobachtet sich der Text selbst. Er weiß, dass die Hochkultur auch eine Legitimationsmaschine ist. Das macht den Essay intelligenter, weil er seine eigene Sublimierung mitreflektiert.