Turning Danger into Performance - Das Erschleichen der Ekstase
Die Geschichte von Larissa Besnard und Julius-Aurelie Vane
Julius-Aurelie Vane erschien seiner Epoche als Abenteurer des Geistes. Sein Familienname besaß einen diskret vornehmen Klang. Julius‘ Ahnen hatten vaterländische Verdienste erworben, Julius war der Enkel eines Mannes, der unter Napoleon III. an der Neugestaltung der Kapitale mitgewirkt hatte. Ein Vertrauter Haussmanns.
Julius gab allenfalls vor, ein Springer auf den Klippen über einem Abgrund zu sein. Dozierte er in den verrauchten Salons der 1930er Jahre über die „Ökonomie der Verschwendung“, blieb sein Verstand im Hafen der Abstraktion. Julius stürzte nicht. Er sah zu, wie andere stürzten, und tippte das Geräusch des Aufpralls in die Schreibmaschine.
Seine Maschine war eine Continental-Standard, Baujahr 1930. Ein gusseisernes Büro-Modell, unerschütterlich, in Sachsen gebaut für die Ewigkeit preußischer Aktenführung. Julius nutzte den zweifarbigen Bandumschalter wie ein Skalpell. Schwarz für den akademischen Textkörper, Rot für das intime Protokoll.
Er verabscheute Angebote von der Stange, das Massenhafte in all seinen Erscheinungsformen stieß ihn ab. Für seine Philosophie des Exzesses brauchte er eine Haute-Couture-Offerte, und die bot ihm Larissa Besnard.
Georges-Eugène Haussmann & Napoleon III.: Unter Napoleon III. leitete Präfekt Haussmann ab 1853 die radikale Neugestaltung und Modernisierung von Paris (die großen Boulevards, Parks und die Kanalisation). Ein „Vertrauter Haussmanns“ zu sein, verleiht Vanes Großvater genau den Typus des staatstragenden, technokratischen Großbürgertums, gegen den die Avantgarde der 1930er scheinbar rebellierte. Das gibt Vane ein ungemein solides, elitäres Fundament.
Continental-Standard (Wanderer-Werke, Baujahr 1930): Die Wanderer-Werke in Chemnitz bauten ab 1904 die legendäre Continental-Schreibmaschine.
Geld spielte in Larissas Welt keine Rolle. Sie war eine Erscheinung. Nehmen wir eine beliebige Begegnung in Julius‘ Büro. Larissa trug ein aschegraues Seidenkleid von Patou wie ein Leichentuch, das man sich im Vorbeigehen überstreift. Sie bewegte sich mit der nachlässigen Eleganz einer Person, die in einem großen Haus im Faubourg Saint-Germain aufgewachsen war. Nichts an ihrer Haltung verriet den permanenten Ausnahmezustand, an dem sie dramatisch laborierte. Sie nahm Platz, strich den Saum glatt und legte die Handschuhe auf eine Schreibtischkante.
Larissa bat Julius nicht um einen Beweis seiner Zuneigung. Sie desavouierte seine Attitüde mit den Mitteln der höfischen Gesellschaft. Sie lockte den Priester in ihrem selbstverständlich prominent verheirateten Geliebten aus der Deckung, indem sie das Gespräch auf die Beichte lenkte. Das gehörte zu den Eskapaden ihres Alltags. Sie, die von einem Priester Missbrauchte, ging regelmäßig zur Beichte.
„Du schreibst über das Heilige, Julius“, sagte sie, während sie eine Zigarette aus dem silbernen Etui nahm. „Aber du hast Angst vor dem Blut auf dem Altar.“
Ja, aber in welchem Tonfall sagt sie es? Welches Gefälle exponiert und verhehlt sie gleichzeitig? Darum geht es doch. Julius könnte jederzeit Sex haben, zum Beispiel mit seiner Gattin oder mit einer Prosituierten oder mit einer Bewunderin. Aber das hilft ihm nicht. Er braucht das Vertrackte, das weiß Larissa. Sie dient ihm, wenn sie die Settings komplex aufbaut. Sie hat ihre Liebhaber, die Männer sind sehr verschieden.
Es geht hier nicht um ein profanes Triebmuster, sondern um das soziosexuelle Gehör einer Klasse und den Modus wechselseitiger Ausbeutung.
Julius‘ Problem ist nicht ein Mangel an sexueller Verfügbarkeit. Wie gesagt, als gefeierter „Abenteurer des Geistes“ und Sprössling eines bourgeoisen Klans könnte er gegebenenfalls auch mit der eigenen Gattin verkehren. Er braucht eine Frau, die seine Feigheit spiegelt und ihn beschämt. Larissa spricht in einem Tonfall gelangweilt-beiläufiger Grausamkeit.
Sie forderte Julius nicht heraus. Sie stellte lediglich etwas kritisch fest, wie man ein schlecht konstruiertes Argument in einem philosophischen Traktat bemängelt. Julius verstand die implizite Offerte. Wenn er sich Larissa sexuell näherte, kopulierte er mit seiner eigenen Klasse. Das Gewebe aus Geld, Distinktion, Ennui und Verzweiflung lieferte ihm einen einzigartigen Treibstoff.
Zum Schein verteidigte er sich. Seine Stimme hatte den geschulten, leicht dozierenden Tonfall der Sorbonne-Hörsäle. Mitunter konnte sie eine narkotisierende Wirkung entfalten. Larissa schlug die Beine übereinander und betrachtete ihn mitleidig mit ruchloser Distanz. Sie verabscheute seine akademischen Ausflüchte; sie wusste, dass der glänzende Überbau nur das Versteck eines Mannes war, der das Risiko scheute.
„Ein komfortabler Standpunkt“, erwiderte sie leise. „Du sitzt hier wie ein Beichtvater mit der Hand in der Hose in seiner Box, Julius. Du sammelst die Sünden der anderen, du katalogisierst das Fieber, aber du bleibst stets auf der sicheren Seite des Geschehens. Du willst, dass ich mich auflöse, damit dein Farbband im Anschlagsfuror verblasst. Aber was ist mit deinem eigenen Begehren? Oder hast du das im Seminar gelassen, bei den kleinen Mesdemoiselles? Glaub mir, sie können es kaum erwarten, dich zu kompromittieren.“
Wir beobachten die beiden beim Liebesvorspiel. Mit anderen Liebhabern verkehrt Larissa radikal anders. Aber Julius hat seinen Platz auf dem Thron, weil er ein Geistesfürst ist, der sich jederzeit ein teures Mittagessen leisten kann. Er heilt sie mit seinen Klassengewissheiten und sie hilft ihm sexuell auf die Sprünge. Es ist eine funktionale Symbiose. Weder der linksradikale Aktivist Belmonte in Brüssel noch Komintern-Dissident Mirnow in Reims können Larissa das bieten, was Julius besitzt: die unerschütterliche Klassengewissheit des Großbürgertums und die Aura des Geistesfürsten, der den Abgrund zwar beschwört, aber danach ganz selbstverständlich mit ihr ein sündhaft teures Mittagessen im Lapérouse einnehmen wird.
Julius bot Larissa mit seiner Unantastbarkeit ein eisernes Exoskelett. Dafür lieferte sie ihm jene maßgeschneiderten Settings, die ihn sexuell überhaupt erst flugfähig machen. Sie diente seiner Impotenz, er diente ihrer Haltlosigkeit.
Julius zählte zu jenen gescheiterten Novizen, die im Séminaire de Saint-Sulpice begreifen mussten, dass sie nicht berufen waren. Das Seminar lag nah der Sorbonne im 6. Arrondissement. Eine Zigarettenlänge spielte Larissa mit dem Sujet des voyeuristischen Beichtvaters. So berührte sie das verborgene Zentrum einer Neurose. Larissa lud Julius ein, den Panzer des Archivars abzulegen und sich als das zu offenbaren, was er in seinen Phantasien ohnehin war – ein klerikaler Beherrscher.
Julius war schon als Kind bei den gefährlichen Spielen nicht mit von der Partie gewesen. Wenn die Nachbarskinder Baumkronen erklommen und Mutproben am Flussufer veranstalteten, stand Julius am Rand. Er lief nicht weg, er sah zu. Er beobachtete das Zittern ihrer Knie, das Aufschlagen der Körper auf dem harten Boden, das Blut auf den Schürfwunden. Er registrierte es, zählte die Sekunden bis zum Schrei und notierte die Dynamik des Sturzes auf einem Gedankenzettel.
„Du bist der geborene Buchhalter“, sagte sein Vater, halb spöttisch, halb verächtlich. Das kümmerte den Sohn nicht. Was war schlecht daran, auf der sicheren Seite zu sein? Warum sollte man den eigenen Körper dem profanen Schmerz des Aufpralls aussetzen, wenn man den Nervenkitzel des Untergangs völlig unbeschadet aus der Zuschauerperspektive konsumieren konnte? Die kindliche Disposition wurde zur Blaupause seines gesamten späteren Denkens. Aus dem kleinen Jungen, der die Mutproben der anderen protokollierte, wurde ein gefeierter Philosoph. Julius lernte, sein muffiges Wesen zu camouflieren. Er jonglierte mit Begriffen wie Ekstase und Verschwendung, doch blieb er der kalkulierende Verwalter, der den Tresorraum der Theorie niemals verließ.
Larissa verkörperte sein Gegenteil. Sie suchte den Abgrund, weil ihr Körper im Zustand der Normalität fror. Sie war ein unbezahlbares Geschenk. Julius strafte Larissa für ihren Mut. Es erregte ihn, dass sie sich einem Feigling ergab, weil er eine Lösung für sie parat zu haben schien.
Es war eine systematische Züchtigung. Sie tarnte sich als Initiation in den Kult einer Geheimgesellschaft. Hier öffnet sich eine genealogische Linie europäischer Gegengesellschaften, die von libertinen Geheimbünden des 18. Jahrhunderts bis in Julius‘ Pariser Zirkel reicht. Thomas De Quincey fungiert als Scharnierfigur; er verbindet die dekadenten Unterströmungen der englischen Aufklärung mit jener modernen Ästhetik des Exzesses, die Julius' gesamte Existenz nährt.
In On Murder Considered as One of the Fine Arts entwirft De Quincey die Fiktion eines „Murder Club“ – einer Gesellschaft kultivierter Gentlemen, die Morde wie Kunstwerke beurteilen und Verbrechen mit derselben ästhetischen Ernsthaftigkeit diskutieren, mit der man sonst über Malerei oder Musik spricht. In dieser mörderischen Ironie liegt das Prinzip von Julius' Leben: Das Grauen erscheint nicht mehr als moralisches Problem, sondern als Gegenstand reiner Kontemplation. Es ist die direkte Erbschaft jenes Hellfire Clubs, dessen aristokratische Libertins sich im 18. Jahrhundert zu nächtlichen Ritualen in den Höhlen von West Wycombe trafen. Dort, wo sexuelle Ausschweifung, Antiklerikalismus und Gotteslästerung unter dem Motto „Do what thou wilt“ zu einem Kult der kontrollierten Enthemmung verschmolzen. Julius betrachtet sich als Erbe der Gentlemen. Larissas Mut war eine permanente Beleidigung seiner eigenen Ängstlichkeit. Da er unfähig war, ihr in dieses Feuer zu folgen, drehte er den Spieß um. Er nutzte seine Mittel, um sie für ihre Unerschrockenheit büßen zu lassen. Es erregte ihn maßlos, dass diese lichterloh brennende Frau sich ihm so ausführlich widmete.
Die Kälte, mit der Julius Larissas Lustzentrum bewirtschaftete, war das Resultat einer neurotisierenden Erfahrung. (Ich komme darauf zurück.) Sie war sein wertvollster Besitz im Bunker einer kalkulierten Existenz. In seinen Phantasien war Julius Priester. Ihn faszinierte der Topos der sakralen Immunität.
Larissa zeigte ihm, dass sie keine Unterwäsche trug.
„Stell dir vor, du bist ein Junge und darfst nicht, wie du willst“, sagte sie leise. „Was machst du dann? Mach, was du dann machst, und sag mir, was du machst.“
Nachrichten aus der Nachwelt
Seine Frauenfiguren sind direkte Abschöpfungen von Larissas unverblümtem Sein. Julius hat ihr Temperament in seine Ästhetik übersetzt, um seine Bücher mit einer Authentizität aufzuladen, die er selbst niemals hätte erleiden können. Im besten Fall kann man sagen: Sie haben sich gegenseitig instrumentalisiert. Er nutzte ihren Körper als Treibstoff für seine Philosophie; sie nutzte seinen Intellekt und seine Bereitschaft, den Priester zu spielen, um die vermiedene Therapie mit einem transgressiven Spektakel zu ersetzen. In autobiographischen Fragmenten deutet sich die Beziehung als extreme Bindung im Spektrum gegenseitiger Überforderung. Julius hat Larissa nach ihrem Tod editorisch gerahmt und wesentlich zu ihrer posthumen Mythologisierung beigetragen. Zwischen verkörperter Erfahrung und theoretischer Verarbeitung besteht eine erkennbare Asymmetrie. Die Figur Larissa zirkuliert innerhalb eines männlich dominierten intellektuellen Feldes.
„Das souveräne Subjekt erkennt sich selbst erst im Moment seiner radikalsten Entblößung. Der Exzess des Anderen wird zum Spiegel der eigenen, heiligen Ohnmacht. Wo der profane Mensch bloß die Zerstörung des Fleisches sieht, erblickt das Auge des Wissenden die totale Verschwendung, die dépense, die sich jeder bürgerlichen Ökonomie entzieht.“
...
Das neurotische Spiel entfaltete seine Wirkung. Sie hatte ihm gezeigt, was er nicht sein konnte. Mochte er sich einbilden, der Dompteur ihrer Aberrationen sein, sie wusste es besser. Bei Julius beschränkte sich Erotik auf das Erschleichen besonderer Erlebnisse.