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2026-05-25 12:26:20, Jamal

Kurz nach meiner Fabrikschreiberzeit (um 1990)

Frankfurter Edelfeder und Berliner Boomer-Bohème 

Aus dem Endlosinterview zu Wolfgang Rügers editorischer Arbeit im Zusammenhang mit Jürgen Ploog wurde eine Befragung des Interviewers. 

Jürgen Ploog – Wolfgang Rüger

Rüger: Die subkulturelle Frankfurter Literaturszene hatte zu unserer Zeit zwei Protagonisten: Jürgen Ploog und Hadayatullah Hübsch, beide Urgesteine des Undergrounds. Wie hast Du die beiden im Vergleich wahrgenommen?

Tuschick: Ich kam als dritter Romanfabrikschreiber 1987 nach Frankfurt. Vor mir hatten Peter Kurzeck und Claudia Keller das Amt inne. Kurzeck galt, wie auch Wilhelm Genazino und Bodo Kirchhoff, als schlechthin der Frankfurter Schriftsteller, obwohl sein Werk weit über die Wetterau hinausleuchtete. Von Anfang an wurde da eine Parallele gezogen, ich avancierte bald selbst zum „Stadtgänger vom Main“, wie es in der ZEIT hieß. Die Romanfabrik war ein Thema in der Stadt, als Fabrikschreiber bot ich sofort feuilletonistischen Gesprächsstoff. Hadayatullah Hübsch besprach sehr freundlich eine meiner ersten Lesungen in der Frankfurter Neuen Presse. Das war ein Kuriosum, dass ausgerechnet der in seiner Merkwürdigkeit monumentale und von Herzen subversive Hadayatullah den volkstümlichen Ableger der FAZ belieferte und sein Redakteur ihm die Treue hielt. So lernten wir uns kennen. Mir konnte er seine Geschichten noch mal erzählen, so wie ich jetzt Dir, und ich konnte sie verbreiten. Das war unsere Basis. Hadayatullah hat mir ein Gedicht gewidmet und sich immer mal wieder außer der Reihe des Kulturbetriebs an mich gewandt. Ich glaube, er hat sich von mir mehr versprochen. Mehr Interesse an seinen Sachen und an seiner Hippie- und Islam-Biografie. Ich bin bei seiner Begegnung mit Gott seelisch ausgestiegen. Das passte für mich einfach nicht zu den durchgelatschten Sohlen eines ewigfreien Zeitungsschreibers und dem Kulturmuff in diesem erweiterten Jeder-darf-mal-Planschbecken, in dem wir beide zirkulierten. Bei Ploog war das ganz anders. Er hat mich zur Kenntnis genommen, auch mit mir gesprochen, aber stets so, als sei er ein Mäzen, der nicht beabsichtigt, in meine Kunst zu investieren. Ich habe ihm das nicht übelgenommen. Für mich war Ploog zu seinen Lebzeiten ein Frankfurter Autor wie andere auch. Wenn ich mir überlege, wie präsent Genazino und Kurzeck waren und wie tot sie jetzt sind, dann bietet Ploog das spannendere Thema. Er scheint überhaupt erst in seinem Nachleben als Autor zur Welt zu kommen, und wir mischen da fröhlich mit. 

Rüger: Jetzt, wo Du ihre Namen erwähnst, wird mir nochmals deutlich, wie viele einzigartige, unverwechselbare Autoren Frankfurt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: Ploog, Hübsch, Fauser, Mon, Genazino, Böhmer, Kurzeck, Kirchhoff und Reinhold Batberger würde ich auch noch dazunehmen. Alles Männer. Gib es eine Autorin, die ich vergessen habe? Gibt es eine andere Stadt, die Vergleichbares vorzuweisen hat. Wie steht es mit Berlin, Du lebst jetzt dort?

Tuschick: Zuerst zu den Autorinnen. Ich nenne stellvertretend: Silvia Bovenschen, Birgit Vanderbeke, Katharina Hacker, Eva Demski, Gisela Elsner, Brigitte Kronauer, Ruth Klüger, Ricarda Junge. In Berlin bin ich als Autor nie angekommen. Ich habe keine Ahnung, wie die Szenen an der Spree beschaffen sind. Das Frankfurter Wunder hat sich für mich auf keinem anderen Schauplatz wiederholt. Traten in den 1990er Jahren Berliner Autoren in Frankfurt auf, hatte ich den Eindruck, sie kämen aus einer Einöde. In Berlin ist mir klargeworden, dass Bodo Morshäuser recht hatte, als er vor einem halben Jahrhundert ungefähr sagte: Berlin sei die Stadt, in der die Ereignisse vor ihrem Eintreffen schon einmal geprobt würden. In Berlin werden Kulturkämpfe ausgetragen. In Frankfurt war das zu meiner Zeit nicht so. Jeder nach seiner Fasson: so erinnere ich die Stimmung in der Stadt. Hier eine Probe, wie ich Frankfurt erlebt habe: Die Stadt wird von Stimmungen regiert, die sich an Übergängen ablösen wie Staffelläufer. In Bornheim fällt das Licht anders auf die Straßen als im Nordend.

Jetzt erscheint der Theaterplatz wie eine Schlucht aus Wind. Ich dringe in das Quartier vor dem Bahnhof, mit offenem Mund wie ein äsender Wal im Lichtmeer. Ich sickere in die Kotfluchten am Main. Wie schimmernder Stahl liegt der Fluss unter seinen Brücken.

Ich atme die Stadt ein.

Ich kenne das Bahnhofsviertel zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. In meinen schlimmsten Zuständen und kaum je als Voyeur habe ich es bereist, wenn man dafür Begriffe gelten lässt, die Celiné in seiner Reise ans Ende der Nacht anbringt.

Die Libido wandert in die Wahrnehmung aus. Die Stadt leckt an meinen Fingerspitzen. Sie ist kapriziös, zärtlich und so großzügig, dass man umsonst in ihren Büschen pennen kann. Ich erforsche sie wie einen Kontinent. Ihre Boulevards sind meine Landstraßen. In ihre Bars kehre ich ein wie in Motels. Manchmal schaut der Main nach mir und signiert meine Schuhe mit einem Schaumgriffel.

Rüger: Die von Dir genannten Autorinnen haben alle ihre Qualitäten, sind meiner Meinung nach aber nicht unverwechselbar, soll heißen avantgardistisch (wie z.B. Elfriede Jelinek). Und sie sind auch keine Solitäre, das ist mir jetzt gerade auch noch aufgefallen. Berlin ist, aus der Distanz betrachtet, die Stadt der Nester. Dort gruppiert man sich um Kookbooks, das LCB oder Matthes & Seitz, knüpft an seinen Netzwerken, um weiter zu kommen. Deswegen haben alle Verlage, die etwas auf sich halten, mittlerweile eine Dependance in Berlin. Frankfurt ist die Stadt der Einzelgänger. Außer Hadayatullah, der stark an Meetings interessiert war, sind die anderen von mir Genannten auf sich allein gestellt (gewesen). Ploog war auf der einen Seite glücklich, daß man ihn in seiner „Heimatstadt" nicht wahrgenommen hat, und hat gleichzeitig doch auch darunter gelitten. Als Du in Frankfurt warst, fühltest Du Dich da vereinnahmt von der Kulturszene?

Tuschick: Das öffentliche Interesse an mir und meiner Arbeit hatte in Frankfurt die richtigen Proportionen. Man hat mich als Autor zur Kenntnis genommen. Ich habe meine Lesungen gekriegt, meine Bücher wurden prominent besprochen. Ich konnte mich jederzeit mit Deutungskraft äußern. Nein, ich fühlte mich nicht vereinnahmt. Zu den meisten Kolleginnen und Kollegen hatte ich ein ersprießliches Verhältnis. Man spürte die Konkurrenz und den sozialen Druck, wurde aber von den Verhältnissen nicht aus der Fassung gedreht oder aus dem Rahmen gedrückt. In der Retrospektive erscheint mir das ideal. Vielleicht verkläre ich gerade etwas. Der Berliner Betrieb erreicht mich nicht. Ich habe Daniela Seel (kookbooks) in Frankfurt publizistisch wahrgenommen. Hier kommt bei mir da nichts mehr an. Das hat auch etwas mit Distanzen zu tun. In Berlin kann man stundenlang unterwegs sein. In Frankfurt erreichte ich jedes relevante Ziel in fünf Minuten. Entweder fünf Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad oder mit einem öffentlichen Verkehrsmittel. Der äußerste Punkt war das Bockenheimer Depot und das alte Literaturhaus - aus meiner Ostend/Bornheim-Perspektive. Das bedeutete fünf Minuten mit der U-Bahn. Einmal im Jahr durchbrach die Inthronisierung des Stadtschreibers zu Bergen meine Frankfurter Hausordnung. Besuchte ich Paulus Böhmer im Literaturbüro, dann bin ich bei mir zur Wohnungstür raus und im Mousonturm durch den Windfang rein in einem kommoden Akt der Fußläufigkeit. Das war so wie vor dem Frühstück zum Bäcker an der nächsten Ecke. Ich hielt diese topografische Spezialität für einen Beweis meiner Zuständigkeit. In Berlin ist dieses Gefühl nie aufgekommen.  Die Berliner Boomer-Bohème ist ganz anders drauf. 

Rüger: Wie bist Du eigentlich Romanfabrik-Schreiber geworden. Hast Du Dich beworben, bist Du ausgesucht worden? Was hat dieser Preis für Dich bedeutet?

Tuschick: Die Romanfabrik war Ende der 1980er Jahr in aller Munde. Fabrikschreiber wollten viele werden, auch bereits publizierende Autoren. Man bewarb sich mit einem unveröffentlichten Text. Für mich war das kein Problem. Ich hatte nur unveröffentlichte Texte, aber schon wenigstens zehn Manuskripte. Mehr Vorgaben gab es nicht, soweit ich mich erinnere. Ich wurde dann zu einer Lesung eingeladen, wo ich gegen meine Mitbewerber antrat. Es gab nichts, kein Abendessen und keine Übernachtungsgelegenheit. Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und bin am nächsten Tag zurück nach Göttingen, wo ich damals lebte. In der Jury saß Herbert Heckmann, damals Präsident der Akademie vor Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er kam aus dem Frankfurter Kuhwald. Das war eine Eisenbahnersiedlung hinter der Messe, nahe der Nidda. Heckmann war hessisches Urgestein. Volkstümlich und bodenständig bis auf die Knochen und zugleich biblioman. Wie oft habe ich ihn aus dem Antiquariat Schutt kommen sehen, mit Tüten voller Bücher. Die hat er gern zu Fuß nach Bad Vilbel geschleppt, wo er mit seiner Familie wohnte. In seinem Haus musste die Statik verstärkt werden, wegen der vielen Bücher. Heckmann und ich haben diesen Gang von Bornheim nach Vilbel ein paar Mal gemeinsam gemacht. Er war gemütlich und indirekt. Seine Vorbehalte behielt er für sich, jedenfalls soweit ich es mitbekommen habe. Den Romanfabrikgründern Doris Lerche, Peter Zingler und Dieter Engel kam es darauf an, Kontrapunkte zu den Prämissen des etablierten Kulturbetriebs zu setzen. Deshalb haben sie sich für mich entschieden. Ich kam ihnen viel verwegener und sozial verwinkelter vor als ich es tatsächlich war. Ich habe dann sehr schnell angefangen, für Zingler Schreibarbeiten zu verrichten. Das war mein Einstieg ins Frankfurter Geldverdienen. Alles, was im Kommen war, oder soeben schon Glanz hatte, war irgendwie mit der Romanfabrik verwoben. Vito von Eichborn hat in der Fabrikkellerkneipe Schach mit Adolf Heinzlmeier gespielt, der in der Keimzeit des sagenhaften MÄRZ Verlags eine Rolle in der Regie von Jörg Schröder gespielt hat. Damals war Eichborn noch eine Sachsenhäuser Zweimannklitsche. Ich bin mit dem Fahrrad dahin, als mein eigener Fahrradbote, und habe Disketten abgegeben, die ich selbst im Auftrag von Zingler vollgetippt hatte. Ich bin so zu lauter Jobs gekommen, und durfte dann sehr bald auch für den Hessischen Rundfunk Bücher besprechen. Mein Kontakt war Rosemarie Altenhofer. Kurz gesagt, ich habe ziemlich weit oben angefangen.

Rüger: Ein sagenhafter Karriereanfang und trotzdem stehst Du heute nicht auf dem Olymp, was eigentlich die logische Konsequenz hätte sein müssen. Rückblickend mit der Erfahrung von heute: würdest Du an irgendeinem Punkt in Deinem Leben etwas anders machen? Zum Beispiel nach dem Erscheinen Deiner Suhrkamp-Bücher.

Tuschick: Alles hat seine Zeit. Die Welt, in der ich die richtigen Fragen gestellt und die richtigen Antworten gegeben habe, gibt es nicht mehr. Ich denke, ich bin so weit gekommen, wie ich nur konnte. Jedenfalls empfinde ich kein Bedauern. Ich glaube auch nicht, dass ich etwas verpasst habe. Ich habe meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Meine sozialen Limitierungen lieferten den Rahmen. Mehr ging nicht. 

Zu Suhrkamp. Wäre ich da geblieben und nicht mit Rainer Weiss ins Abenteuerland aufgebrochen, hätte mich das auch nicht weitergebracht. Meine Kontakte im Verlag wackelten alle im Zuge der betrieblichen Umstellungen nach Unselds Tod. Da hatte keiner eine hausinterne Lobby. Das waren alles Berg-Leute. Günter Berg war der letzte von Unseld bestellte Geschäftsführer. Er musste seinen Posten unter zugespitzten Bedingungen verlassen. Wenn ich das richtig erinnere, begleitete ihn ein ambulanter Werkschutz zum Ausgang. Ein paar Wochen zuvor hatten Berg und ich noch das Portal der Stadtbibliothek mit unseren Körpern blockiert, um Anti-Martin-Walser-Demonstranten daran zu hindern, eine Walser-Lesung aufzumischen. Wir waren beide kernig, das war ja auch nicht selbstverständlich in unserer Branche. 

Es gibt da eine schöne Szene. Nach Unselds Beerdigung sind Mitarbeiter und Autoren von Suhrkamp noch zu einem Umtrunk in Unselds Haus in der Klettenbergstraße. Die für Unselds Witwe Ulla Berkéwicz wichtigen Autoren wurden separiert. Ich gehörte nicht zu der exklusiven Versammlung und habe auch gar nicht gemerkt, was da vor sich ging. Ich unterhielt mich mit Egon Ammann in der Küche. Vermutlich wusste er, was los war. Er hatte so etwas Verschmitztes. Jedenfalls wäre ich nach Berg bei Suhrkamp so oder so nichts mehr geworden.  

Rüger: Großartige Anekdoten. Ich liebe diese lebendige Literaturgeschichte. Aber ich muß nochmal nachhaken, auch weil ich Analogien zwischen Dir und Ploog sehe. Du bist kein guter Selbstvermarkter, ist das richtig? Du hättest ja mit Berg zu Hoffmann & Campe gehen können, stattdessen bist Du mit Rainer Weiss zu weissbooks. Karrieremäßig eindeutig die falsche Wahl. Geld und Ruhm scheinen Dich nicht besonders zu interessieren?

Tuschick: Mit Literatur Geld zu verdienen, wäre mir in den ersten zwanzig Jahren meiner mit dreizehn gestarteten Autorenkarriere nicht in den Sinn gekommen. Ich habe immer gearbeitet und es genau so gesehen. Ich arbeite für Geld meinetwegen als Fahrer und schreibe für mich und für die, denen es etwas bedeutet, und für meine gesellschaftliche Rolle, eben nicht als Nichtsnutz mit Einkommen, sondern als Schriftsteller - und zwar als Kasseler und dann als hessischer Schriftsteller mit Frankfurter Schwerpunkt. Für mich war stets das Regionale wichtig. Ich denke gerade an Slogans der landwirtschaftlichen Erzeugerkultur: regional und saisonal. Nichts Eingeflogenes. Keine Erdbeeren im Winter. Kein Spargel im August. Und so war das dann auch mit Rainer Weiss. Ich hatte damals das Ohr am Frankfurter Puls. Als er nach seinem Rausschmiss bei Suhrkamp eine Funktion im Literaturhaus übernahm, wusste ich, dass er in der Stadt bleiben würde. Was aber sollte er da machen. Geschäftsführer bei Suhrkamp war eine singuläre Position, er konnte doch nicht Lektor bei Eichborn werden. Also war klar, was kommen würde. Und so kam es. Ich hielt mich für zuständig, weil ich das antizipieren konnte. Ich wollte so viel Frankfurt wie möglich. Hamburg, das war für mich ein anderer Lokalpatriotismus, eine andere Art, die Feste zu feiern, wie sie fallen. 

Rüger: Nach Deiner Suhrkamp-Zeit sind Deine Bücher in langen Abständen nur noch in kleinen Verlagen erschienen. War das so gewollt, wie hast Du die Verlage gefunden oder haben die Verlage Dich kontaktiert? Heute publizierst Du tagesaktuell auf Deiner Webseite, haben da Bücher für Dich überhaupt noch einen Reiz?

Tuschick: Nach Suhrkamp kam weissbooks. Ich habe mit Rainer Weiss und Anja Schutzbach den ersten weissbooks-Titel aus der Taufe gehoben. Mehr noch, ich brachte ihn zur Welt. Das Zwillingsbuch mit Gisela Getty und Jutta Winkelmann war ein Beinah-Bestseller. Wir waren in aller Munde, und die Zwillinge saßen in jeder Talkshow. Sogar das Heute Journal hat berichtet. Meine Erfolgsstrecke endete erst nach 2010. Da war ich 50 und das ist doch normal, das dann nicht mehr so viel kommt, wenn man nicht Goethe heißt. Popmusiker über 50 holen sich Zwanzigjährige zur Verstärkung auf die Bühne. Solche amplifizierenden Kollaborationen gibt es in meinem Feld nicht. Kurz gesagt, ich finde, dass passt schon alles. Es wäre doch absurd, als Halbgreis gesellschaftliche Phänomene, die vor allem Dreißigjährige betreffen, mit einem Anspruch auf Deutungshoheit durchzunehmen. Ich habe in den ersten Jahren meiner publizistischen Strecke in die Schublade hineingeschrieben und so ist das jetzt eben wieder. Nur, dass jeder sehen kann, was drin ist. Es muss ihn nur interessieren. Und falls jemand ein Buch mit mir machen will, ich bin bereit und in der Lage.   

Rüger: Das kommt mir jetzt ein bißchen defätistisch vor. Meiner Meinung nach fängt das Leben doch erst mit 50 an, spannend zu werden. Man hat die ganzen jugendlichen Dummheiten hinter sich, genug Lebenserfahrung, um zum großen Wurf anzusetzen. Ploog hat seine Frühwerke wieder und wieder überarbeitet, um zum Absoluten vorzudringen. Die Texte auf Deiner Webseite - ich weiß gar nicht, wie ich die beschreiben soll – beschäftigen sich mit diversesten Theorien und Menschheitsfragen. Wo holst Du das ganze Wissen her? Liest Du den ganzen Tag? Und könnte daraus nicht der große Roman entstehen, den man in jungen Jahren gar nicht schreiben kann?

Tuschick: Mein Altersthema ist die Altersathletik. Ich frage mich, ob man mit über 60 nicht noch mal richtig fit werden kann. Nicht nur gemessen am Geburtsjahr. Ich habe meine Kindheit und Jugend auf dem Sportplatz verbracht. Für mich gehört Training zum Lebensstil. Ich glaube, der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Altern liegt in den Muskeln. Ich denke über Beweglichkeit und Muskelaufbau nach und setze meine Einsichten in meinem Programm um. Wenn ich daran denke, wer sich in meiner Jugend alles Trainer geschimpft hat, wird mir übel. Alles erschöpfte sich in der Gelobt-sei-was-hart-macht-Ideologie. Eine Binse lautete: Eisen macht langsam. Genauso gut kannst du sagen: Eisen macht blind. Ich erinnere nur Plattitüden. Echtes biomechanisches und physiologisches Wissen fehlte den meisten Spielfeldrandexperten. Stattdessen hieß es: Der war mal Deutscher Meister, also weiß er, wie es gut. Vielleicht schreibe ich einen Sportroman, aber im Augenblick reizt es mich mehr, zu gucken, wie stark ich noch werden kann. Ich will auf jeden Fall vor Ablauf meiner Lebensspanne 120 Kilo auf der Bank gedrückt haben.