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2026-05-28 13:21:26, Jamal

Turning Danger into Performance - Ghost Dog

Er stand mir im Weg und das war Absicht. Zweifellos stand er unter Drogen. Speichelfäden rannen über ein manisch mahlendes Kinn.

„Hab gehört", sagte er. Es war mehr ein Gurgeln.

Ich wollte gar nicht wissen, was er gehört hatte. Ich befand mich auf dem Rastplatz der Atchafalaya Sumpf Brücke aka Louisiana Airborne Memorial Bridge, einem besonderen Stück Interstate 10, ich wollte nach Lafayette, um mit Foreman zu reden. Inzwischen hielt ich auch ihn für einen ghost dog, ich plante eine Reportage zu diesem Thema. Ich war einer Version des Südens auf der Spur, von der man in Deutschland nichts wusste. Ich würde einmal wieder der Erste sein und diese Aussicht erhöhte das Jagdfieber.

Auf dem Platz stand ein Denkmal zu Ehren der 82. Airborne Division, ich ordnete dem Honk einen Dodge Pickup mit Käfigen auf der Ladefläche zu. Auf seiner Kappe stand Detroit. Er kam mir wie die Idealbesetzung eines Organisators von Hundekämpfen vor. In seinen Mundwinkeln schäumte Spucke wie Spüli. Ich war sicher, nicht zu ihm durchdringen zu können. Ich glaubte, dass er mich wie eine Halluzination wahrnahm. Wie hatte er es bis hierher geschafft? Die Brücke ist beinah dreißig Kilometer lang.

Er setzte erneut zum Sprechen an, aber eine innere Bewegung war stärker. Ich sah sie aufsteigen, sie sorgte für ein kindliches Erstaunen. Jemand rief einen Namen, ich bildete mir ein, Louis zu hören, ein Mädchen, es konnte nicht älter als zwöf sein, näherte sich. Es heftete seinen Blick auf mich, als ginge von mir eine Bedrohung aus. Es schien eine komplizierte Lage anzunehmen und mich für den Verursacher zu halten. Es erreichte den Honk, nahm ihn an die Hand und redete in français cadien auf ihn ein. Der Honk ließ sich widerstandslos abführen. Das Mädchen drehte sich um und bedachte mich mit einem tierisch wütenden Blick. Bei ihr daheim in den Wäldern hätte sie mich erschossen. Mit dem Dodge lag ich richtig. Das Mädchen kletterte auf den Fahrersitz. Es fuhr den Wagen vom Platz wie ein alter Honk.

Foreman war nicht glücklich, mich zu sehen. Ich nahm ihm die liebe Einsamkeit. Bestimmt redete er laut mit sich. Mein Interesse an ihm erschien ihm abwegig. Ihn erfüllte die Mission eines geräuschlosen Abgangs in absehbarer Zeit.

Doch gab es Spuren menschlicher Kontakte, die Foreman zu verschleiern trachtete; eine Höhlenmalerei der Zuwendung. Der Mann war nicht allein - zumindest nicht in einer engen Auslegung von allein. Auf einer Anrichte stand ein Apfelkuchen, nicht dass Foreman mir ein Stück angeboten hätte. Der Kuchen war keine Formalität. Den hatte jemand mit Familien- und Frohsinn gebacken. Wie gesagt, Foremans Verwandtschaft, Nachkommen der swamp people, schillerten in den Farben einer expandierenden Subkultur. Foreman stellte die Behauptungen eines verlorenen Schafs auf, doch der Zustand des Hofs erzählte eine andere Geschichte. Hier wirtschaftete nicht ein Mann allein.

„Wie man es erzählen kann", schreibt Christa Wolf, „so ist es nicht gewesen." Ich hätte Lance, vielleicht sogar Mortimer nach Foreman fragen können. Aber ich war nach Layafette gefahren, ohne Erkundigungen einzuziehen. Ich wollte gewisse Dinge zuerst von Foreman erfahren.

Eine Mund- oder Spielart - schlägt man den falschen Ton an, ist die Sache verdorben und man kommt nie hinter ihr Geheimnis. So wie ich Lance mit Schusswaffen identifizierte und Mortimer mit tödlich-leeren Händen, dachte ich bei Foreman an Messer und Schlingen. Foremans Totemtier war die Schlange. In seinem Wohnzimmer stand ein Schrein, der Foremans Armeezeit gewidmet war. Die Ausstellungsstücke waren alle auf Hochglanz poliert worden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Foreman je mit einem Poliertuch unterwegs war? Er hatte seine Zeit in Korea gehabt, ich kriegte immerhin einen Becher Malzkaffee mehr oder weniger vor die Füße geknallt. Es fiel Foreman verdammt schwer, freundlich zu sein. Als würde Freundlichkeit ihm den Rücken aufreißen.

Immer deutlicher sah ich, dass er geachtet wurde. Es musste eine Gemeinde geben, in der Foreman eine Rolle spielte. Vielleicht riss er nachts Hühnern die Köpfe ab und versetzte Jünger in Ekstase, wer wusste das schon bei Tage. Plötzlich stand die entstellte Bedienung in der Tür.

Siehe hierzu: Genetischer Kurzschluss

Einmal kamen Foreman und ich uns so nah, dass wir gemeinsam Jambalaya aßen, während Ratten unter den Dielen Hochzeit feierten. Das Lokal stank wie ein alter Scheuerlappen. In nächster Nähe verweste gewiss ein gewaltiger Kadaver. Mir schmeckte es trotzdem. Die Bedienung war dramatisch vernarbt. Als hätte sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Ich fragte Foreman danach, zum ersten Mal antwortete er in vollständigen Sätzen: „Sie hat sich selbst verletzt. Das hat sie gemacht, um nicht verrückt zu werden. So wenig wie du das begreifst, begreifst du den Süden."

„Ich wusste nicht, dass du Besuch hast", sagte sie schlicht und ergreifend.

Foreman knurrte in ihre Richtung, die Frau stieß einen Laut des Entzückens aus.

„Ich werde mich wohl selbst vorstellen müssen", sagte sie urban. „Mein Name ist Martha, ich bin eine Freundin von Foreman."

„Haben Sie den Kuchen gebacken?" fragte ich.

„Er hat Ihnen nichts angeboten, stimmts? Warten Sie, ich hole Ihnen ein Stück."

Es war offensichtlich, dass Martha Foreman nicht nur nichts übelnahm, sondern ihn gerade heraus verehrte. Das verstärkte meinen Verdacht, dass Foreman eine Menge verbarg.

Martha trug einen Sorang, eine karibische Tracht. Gelb war die dominierende Farbe, ein einpeitschendes Gelb, das narrativ auf die Sinne wirkte.

Martha servierte mir ein Stück. Der Kuchen war ein Dementi der Isolation. Im Kuchen waren halbe, in Zimt gebadete Äpfel verarbeitet. Ein Zuckerdach brach beim ersten Stich ein.

Marthas Erscheinung erinnerte mich an eine Erzählung, die mir als Junge das Einschlafen schwer gemacht hatte. Die Erzählung handelt von einem Reisenden, der in einer Wüste in Gefangenschaft gerät. Man schneidet ihm die Zunge ab und legt einen Stein auf die Wunde. Der Mann verfällt dem Wahnsinn, aber die Wunde heilt. Man hält ihn in einer Kuhle, ab und zu wird er wie ein Hund herum geführt. Seine Entführer führen im Karst ein karges Höhlendasein. Es gedeiht kaum eine Distel. Sie halten Ziegen in einem äußerst traurigen Zustand, die Betreuung der Ziegen obliegt Sklaven. Die Sklaven tragen Glöckchen an eisernen Halsbändern. Sie sind schlankweg klein, so wie ihre Herren ohne Ausnahme an der Zweimetermarke kratzen. Von Beruf sind die Herren Räuber und dabei so effektiv, das man von höherer Stelle schon lange keine Strafexpedition mehr angeordnet hat. Eines Nachts zitiert man den Versehrten zu einer religiösen Veranstaltung in eine Höhle. Unser Held entdeckt an den Wänden Zeichnungen, die ein wasserreiches Leben mit Krokodilen und Stelzvögeln dokumentieren. Der Held erlebt bei der Zeremonie eine Verwandlung, die ihn zum stummen Austräger einer frohen Botschaft macht.

Ich fand das Ende der Geschichte stets zu optimistisch, aber das Motiv der Sonderstelle des Versklavten reizte mich. Exotische Herkunft bewahrt ihn vor dem Schicksal eines Ziegenhirten ohne Menschenrechte. Man kann sich das Leben dieser Hirten gar nicht trist genug vorstellen. Die Volksgemeinschaft demütigt sie. Manchmal werden sie von morgens bis abends erniedrigt. Das ist für die Herrenrasse so wie für uns Fernsehen. Es gibt so gut wie nichts zu tun. Also, was machen die Herrschaften? Sie hocken im Schatten, mastrubieren ihre Vorderlader und gucken dem Nachwuchs zu, wie der Sklaven quält. Die freien Männer haben keine anderen Funktionen als zu zeugen und zu töten. Und nun kam Martha um die Ecke und ich sah nicht nur meine Erinnerungen an diese Geschichte in Farbe, vielmehr war mir, als würde Martha denselben Film gucken.

„Möchten Sie noch ein Stück, es würde mich freuen", ermutigte mich Martha. Ihre Narben hatten rote Ränder, die in gewissen Stimmungen des Lichts wie Schmuckborten aussahen.

Ich wollte keinen Kuchen mehr, das bäurische Wohnzimmer mochte seine erste Einrichtung in den 1860er Jahren erhalten haben. Eine Jagdszene an der Wand traf noch den Geschmack widerwillig Wiedervereinter. Foreman war eingeschlafen. Ich fragte: „Weißt du, was ein ghost dog ist?"

„Was weißt du über ghost dogs?" fragte sie zurück.

„Ich kenne zwei und hoffe, Foreman ist der dritte, dem ich Fragen stellen kann. In Deutschland weiß man nämlich gar nichts über ghost dogs."

„Vielleicht kann ich helfen."

Ungesichert wie ein Liebender steige ich in das Bergwerk eines jeden.

Ich neige zu Leichtgläubigkeit. Ich glaube erst einmal alles. Das heißt, ich glaube nichts. Aber das weiß ich nicht. Erst Stunden nach der Begegnung fangen meine Zweifel an, die Bilanz zu orchestrieren. Während sich der Porträtierte immer noch im Besitz meiner Zustimmung wähnt, hackt mein System ihn schon klein. Er wundert sich dann, was er über sich lesen muss. Ich wundere mich auch, vermutlich bin ich sogar mir selbst gegenüber leichtgläubig.

Die Intimität mit Martha erschien unvermeidbar. Ich bewertete sie als Initiation. Martha erlebte den Vorgang als Dechiffrierung. Sie wollte mich in Erfahrung bringen. Natürlich konnte sie ihrem Alltag nicht die mythische Bedeutung geben, mit der ich meine Reportage aufladen wollte. Martha war eine Schwarze mit slawischen Züge, das Delta schwitzte die Emanationen einer Völkerwanderung aus. Sie griff nach einer Marlboro, das Bett hätte in einem Bordell um Neunzehnhundert stehen können. Über uns drehte sich der Ventilator, ich glaubte nicht, dass Foreman der Gang der Ereignisse entging.

Martha blieb unbesorgt. Vermutlich fand sie mich niedlich. Doch hatte mein Reptiliengehirn sie längst auf den Seziertisch verfrachtet. Sie holte mir ein Glas Wasser, mit dem Schwung der Siegerin. Da lag die Beute wie ein ahnungsloses Kind. (Ein Weißbrot mit einem Akzent wie Marmelade.)

Ich fuhr einen Ford-F-150 Pickup, das Modell war erst seit Wochen auf dem Markt. Die Sonne schlug auf die Windschutzscheibe, Martha hatte den Ausflug vorgeschlagen. Nun wusste ich schon einiges. Die ersten ghost dogs waren in den 1870er Jahren als ethnische und soziale Randerscheinung aufgefallen. Es könnte sie schon Jahrhunderte gegeben haben. In jeder Generation waren das Leute mit Anpassungsschwierigkeiten, die sich über feststehende Begriffe von Zugehörigkeit und Legalität hinweg setzten.

Der Ford stank nach Erstzulassung. Marthas breitgesessenen Schenkel öffneten sich zu einem einladenden Dreieck. Ich hielt sie für aufrichtig und doch zweifelte ich nicht an ihrer Bereitschaft, mich unter gewissen Umständen ans Messer zu liefern. Ich stand am vorläufigen Ende einer langen Kette erfolgreicher Omnivoren. Die Luft roch nach Abend, Salz und Kiefern. Wir passierten das Atchafalaya Basin, die Raffinerien im Marschland fackelten malerisch Gas ab.

„Lass uns umkehren", bat Martha.

Ich wendete bei der ersten Gelegenheit viele Meilen später. Noch einmal fuhren wir durch Lafayette. Bald bildeten Raffinerien eine illuminierte Kette an der Küste. Ich fühlte mich wie auf LSD. Plötzlich Prärie – nun war der Himmel so klar, dass er die Nacht erhellte. Wir unterbrachen die Fahrt, sobald wir die Staatsgrenze passiert hatten, um in einer Bar wie jedermann Lone Star-Bier zu trinken. Die Flagge der Konföderierten erschlaffte hinter dem Tresen, Martha sah in die Frettchenaugen von ca. fünfzig betrunkenen und bewaffneten Honks. „An armed society is a polite society", lautete ein Slogan dieser Gegend. Bei unserem Eintritt lief „Highwayman", ich hörte sehr zu meinem Vergnügen Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson. Die Männer wandten sich bald wieder den Billardtischen zu. Jemand blockierte die Jukebox, um sicher zu gehen, dass nicht die einzigen drei Soultitel im Angebot aufgerufen wurden. „Come and take it" - Ich war wieder in Texas und in einer großzügigen Betrachtung immer noch auf der I-10.