Hartplatzerotik
Laras Oma las jeden Sonntag ein Buch aus der katholischen Leihbibliothek, obwohl sie evangelisch war. Sie unterbrach sich dabei auch beim Hühnerfüttern nicht. Angeblich hatte die Oma nichts, woran sie sterben konnte. Sie starb trotzdem. Man hielt Hühner und freute sich über jedes Ei. Man freute sich, dass kein Krieg war. Dass keiner die Hühner klaute. Die eigenen Eier schmeckten nicht nach Fischmehl, so wie die Eier aus der Kaufhalle.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot dir erarbeiten. Laras Schweiß riecht wie Lübecker Marzipan. Der Geruch ist mein stärkster Helfer bei dem Großprojekt, mir Ariane aus dem Kopf zu schlagen.
Wir treffen uns vor dem Institut für Leibeserziehung, die terrassenförmige Anlage ist moderner Tempelbau - geweiht dem Körperkult. Das Sakrale lässt sich vom säkularen Zeitgeist nicht entthronen. Lara zupft an ihren Shorts. Die Kombination von wippendem Schopf und schönen Beinen lässt sich nicht überbieten - jedenfalls nicht für jemanden, dessen sexuelle Initiation auf Sportplätzen und in Umkleiden anfing. Wie Abebe Bikila 1960 in Rom tritt Lara barfuß an.
Abebe Bikila! Erinnert ihr euch an Abebe Bikila? Der siegte vollkommen ausgeruht und bewies das mit Gymnastik. Ich könnte immer noch vor Begeisterung im Dreieck hüpfen, wenn ich an Abebe Bikila denke.
Holbeinsteg
Lara redet über Fußball. Sie vermisst Stadionerlebnisse und diese heimatliche Hartplatzerotik mit dem Spiel als Vorspiel und dem Vollzug manchmal schon im Auto oder in dem Verschlag hinter der Vereinskneipe. Man selbst ist auf Größeres aus, man hat was vor im Leben, aber die zurückgebliebenen Gefährten sind einem recht als Zeugen einer aufrechten Jugend. Bundesligagucken gehört zu Laras Wochenendprogramm.
Wir starten zu einem Triumphlauf auf den Magistralen des Frankfurter Schaulaufens. Alles, was Frankfurt in meinen Augen geil macht, konzentriert sich im Rahmenprogramm der Mainpromenaden. Architektonische Hypertrophie. Ein Lichtsturm wie auf dem Times Square. Lara und ich dehnen uns auf dem Holbeinsteg in einer filmreifen Szene. Wir berühren uns, wie Trabanten sich verfehlen. Ich suche den großartigen Augenblick, Lara ihre Leichtigkeit. Ich folge ihren Regungen, sie auch.
Lara will mit Abstand genießen. Ab und zu kehrt sie der Lage gedanklich den Rücken. Mein Geruchssinn fleddert die Taschen ihres Körpers. Die Nase trennt den Weizen vom Spaß. Alles eine Frage der Haut, sagt Heiner Müller.
*
Lara trägt Nylonstrümpfe mit Zierbünden, sie war eine Modenschauschönheit. So sind die Beine. Eine Offenbarung.
„Du bist so gut geraten“, sage ich.
„Das glaubst du von dir.“
Der weiße Kragen ist ein Ufer am schwarzen Kleiderfluss, Lara sticht als jungfräuliche Pastorentochter ins Leben. Das Kleid fesselt mich. Ich möchte damit spielen. Zur Ablenkung erzähle ich von meinem beschichteten Pubertätsschlachtfeld. Kein Plakat an der Wand, ich war Purist. Meine Schreibmaschine hatte Macken. Manche Typen sprangen nach dem Anschlag nicht zurück in ihren Typenkranz. Ich stand unter dem Einfluss von Fritz Steubens Tecumseh, der fliegende Pfeil. Meine Sympathie gehörte französischen Trappern, die sich nicht als Avantgarde des Siedlerunwesens verstanden. Das waren zähe Einzelgänger, das Kleid fliegt in die Ecke. Lara trägt Nylonstrümpfe mit Zierbünden, sie war eine Modenschauschönheit. So sind die Beine. Eine Offenbarung. Schlimm wie nasses Pulver waren die Schreibhemmungen der Maschine. Ich saß daran mit schwarzen Pfoten. Lara wehrt mich ab.
„Ich will nur den Bauch küssen.“
„Nennst du das auch Bauch.“
Lara hörte nicht auf, einen humoristischen Vorsprung zu beanspruchen.
„Kannst du bitte aufhören zu lachen.“
„Kannst du bitte aufhören, dich lächerlich zu machen.“