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2026-05-29 19:01:33, Jamal

Liebe M., ich habe mir diesen Schauerschinken ausgesucht, weil mich ein Phänomen anlacht, das eher selten auftritt; dass der Grobschnitt vor der Blüte entsteht und schon vor dem Anfang so verbraucht wirkt wie die Emanationen einer sterbenden Epoche. Ein Vorgang (im Sinne von Hauptgang und Nachtisch) wie von der Resterampe. Das ist für mich der Witz dabei. Man findet dergleichen in der Regel epigonal. Aber ohne Ideal kein epigonal. Da ist ja auch keine fade Originalität, sondern bloß literaturindustrielle Tristesse. Das passt zu Nanas philologischen Steckenpferden. Und sie wird dafür auch noch bezahlt und genießt ihre Verstiegenheiten in einer erlesen-musealen Umgebung.

Nana überspringt einiges. Die Handlung vermag sie nicht zu fesseln, doch sind die Unzulänglichkeiten des Romans reizvoll genug, um die Lektüre nicht aufzugeben. Wir reden immer noch über Catherine Cuthbertsons erstmals 1813 anonym erschienenen Wälzer „Adelaide; or, The Countercharm“.

Noch mal kurz zur Produktionslogik. Das mehrbändige Machwerk reagierte auf ein System kommerzieller Leihbibliotheken (Circulating Libraries), die auf kontinuierliche Versorgung angewiesen waren. Bei der deutschen „Adelaide“-Ausgabe handelt es sich um eine freie Bearbeitung, den Bedürfnissen kontinentaler Konsumenten angepasst. Nana befindet sich in der Handbibliothek des Dekans im Englischen Seminar der Ederthaler Landgraf-Philipp-Universität. Sie trägt ein blütenweißes Sommerkleid, mini und ärmellos, in der Erwartung Vernon so besonders gut zu gefallen. Zu Vernon später mehr. Irgendwo sagt Jorge Luis Borges, er habe nie aus der Bibliothek seines Vaters in Buenos Aires herausgefunden. Er arbeitete auch als Bibliothekar in einer Zeit „soliden Unglücks“. Ab 1955 leitete Borges die argentinische Nationalbibliothek. In seinen Gesprächen mit Osvaldo Ferrari erwähnt er ein Bonmot, das Adam Zagajewski so lange für eine Erfindung des Argentiniers hielt, bis es ihm im Internet begegnete.

Unter dem programmatischen Titel Art Poétique verfasst Paul Verlaine im April 1874 ein Gedicht, das seither als symbolistische Manifestation kursiert. Auf den Symbolismus angesprochen, behauptet er, das Wort sage ihm nichts; es müsse wohl Deutsch (eine ihm nicht verständliche Sprache) sein - ça doit être un mot allemand.

Zagajewski dient die paradoxe Antwort als Hinweis auf den Hunger nach „individuellen und konkret-greifbaren Lösungen“ echter Künstler. Begeistert baut der polnische Poet die Polarisierung aus. Die Echten seien sogar Verächter jener Ismen, die sie selbst zur Welt gebracht hätten.

Das ist sehr weit weg von jener Dürftigkeit, mit der Catherine Cuthbertson im frühen 19. Furore und Kasse machte. Steigen wir in die Handlung ein.  

Ellen erfreut ihren Gatten mit einem Töchterchen (um im Duktus der Autorin zu bleiben), und sobald sie sich stark genug fühlt, schreibt sie Lord Roscoville. Sie erfleht Segen und Vergebung – den Segen für die Enkelin des Fürsten und Vergebung für seinen Sohn. Nie zuvor hat Ellen ohne Wissen und Bewilligung ihres Mannes einen solchen Vorstoß gewagt; und schon beginnt sie die Eigenmächtigkeit bitter zu bereuen, da Wochen ohne Antwort von Sr. Herrlichkeit ins Land gehen. Eines Tages jedoch kreuzt der alte Haudegen bei seiner Schwiegertochter auf. Der rührende Brief hat den Herzstein erweicht. Nicht bereit ist er gleichviel, den Abtrünnigen aus der Ächtung zu entlassen.  

„Theure Ellen!“ rief er endlich mit unterdrückten Thränen aus: „lassen Sie ab, mein Herz zu bestürmen. Sie können meine Gefühle nicht begreifen. Ich bin von meinem geliebtesten Kinde hintergangen, betrogen, mit Undank gelohnt worden. Die Wunde ist unheilbar, tödtlich.“

Botanisches Archiv

Nana entbindet sich Fortgang der fiktiven Ereignisse. Sie genießt die Aussicht auf den Fürstengarten. Der Blick ist einmalig und an Exklusivität nicht zu überbieten. Die Handbibliothek des Sprachmeisters bietet den größtmöglichen Kontrast zur Massenuni. Obwohl sie zur administrativen Sphäre im Seminar gehört und theoretisch allen ernsthaft mit der Philologie Befassten zugänglich sein sollte, bleibt sie beinah allen verschlossen. Dies entspricht einer Tradition, die seit zweihundert Jahren von jedem Dekan geachtet wurde. Das Zugangsprocedere hat etwas Kultisches. Brillanz reicht nicht. Man muss den amtierenden Sprachmeister mit akademischer Leidenschaft bestechen. Auch insofern genießt Nana Passionsfrüchte.

Sie öffnet das dreiflügelige Barockfenster. Die von Bleisprossen gehaltenen Scheiben sind voller Schlieren und feiner Luftblasen, in denen sich das Nachmittagslicht in den Farben eines Regenbogens wellig bricht. Das schmiedeeiserne Treibriegelschloss lässt Nana den Widerstand antiker Mechanik erspüren.

Der Garten ist ein botanisches Archiv - ein lebendes Herbarium der zweiten Weltumsegelung von James Cook. Es war Georg Forster, der als junger Mann an der Seite von Cook transkontinentale Naturstudien betrieb und mit ungeheurer Kunde aus den entlegensten Gegenden des Planeten heimkehrte. Ab 1778 wirkte Forster als Professor in Kassel (damals Cassel) am Collegium Carolinum. Er versorgte den Landgrafen mit exotischen Samen, die jener nicht zuletzt in seinem Ederthaler Refugium aussäen ließ. Unter dem Fenster dominieren neuseeländische Baumfarne (Cyathea dealbata). Ihre Kronen filtern das Sonnenlicht. Greift der Wind hinein, drehen sich die Wedel und offenbaren ihre kalkweiß schimmernden Unterseiten. Ihre filigrane, fraktale Geometrie verweigert sich den strengen, rechtwinkligen Linien der fürstlichen Beete. Trotzig im Halbschatten wächst der klobige Topffruchtbaum (Barringtonia asiatica), dessen Art Forster einst auf Tahiti beschrieb. Seine Blätter sind fleischig, ledrig und von einem fast unnatürlichen Grün. In der Dämmerung öffnen sich die Blüten. Sie verströmen den schweren Duft der tropischen Nacht, als gehorche die Pflanze noch immer dem pazifischen Rhythmus. An der bröckelnden Mauer rankt sich die Australische Porzellanblume (Hoya australis) empor. In der Mitte des Gartens steht die zähe Südseemyrte (Leptospermum scoparium) – jener Strauch, aus dessen Blättern Cooks Mannschaft einst Bier gegen den Skorbut braute.

Das verbotene Paradies ist ein epistemisches Gefängnis. Nana gestattet es geistige Grenzüberschreitungen. Sie nascht in diesem visuellen Feld die seltensten Wahrnehmungsfrüchte.