Das Erbe der Kriegerinnen
Die Kriegerin als Archetypus übt eine besondere Faszination aus. Von den Reiterinnen der eurasischen Steppe über die nordischen Schildmaiden bis zu den japanischen Onna-musha und den Mino von Dahomey begegnen uns Frauen, die Waffen trugen, sich an Schlachten beteiligten und ihre Gemeinschaften verteidigten. Auf den ersten Blick erscheinen diese Beispiele wie Ausnahmen von einer männlich dominierten Militärgeschichte. Betrachtet man sie jedoch genauer, entsteht ein anderes Bild. Kriegerinnen traten stets dann besonders hervor, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen ihre Beteiligung verlangten. Insofern ist die bewaffnete Frau konstitutiv.
Die Geschichte des Krieges ist zugleich die Geschichte von Waffen, und Waffen verändern die Bedeutung körperlicher Unterschiede. Nomadische Steppenvölker bieten ein eindrucksvolles Beispiel für diese Differenz. Der Kompositbogen der Skythen und Sarmaten verlangte zwar Training und Kraft, doch seine Wirksamkeit beruhte vor allem auf Geschicklichkeit und jahrelanger Übung. Ein präzise abgeschossener Pfeil unterschied nicht zwischen dem Geschlecht der Person, die ihn abgefeuert hatte. Ähnliches galt für die japanische Naginata. Ihr langer Schaft erlaubte die Nutzung von Distanz, Hebeln und Schwung. Die Herdhüterin konnte die Dynamik der Waffe für sich arbeiten lassen.
Technologie allein erklärt die Existenz weiblicher Krieger nicht. Ebenso wichtig waren Geografie und Lebensweise. In vielen Gesellschaften konnten sich Frauen militärischer Verantwortung gar nicht entziehen, weil das Überleben ihrer Gemeinschaft davon abhing. Nomadische Formationen kannten keine Festungsmauern. Die Gruppe bewegte sich in einer deckungsarmen Landschaft. Kampftüchtigkeit war ein Alltagsaspekt.
In nordischen Gesellschaften des frühen Mittelalters spielte die Abwesenheit der Männer eine entscheidende Rolle. Frauen übernahmen wirtschaftliche Verantwortung, verwalteten Besitz und mussten gegebenenfalls auch dessen Verteidigung organisieren. Selbst wenn die sagenhaften Schildmaiden überlebensgroß geschildert wurden, spiegeln sie doch Konstellationen, in denen Frauen deutlich größere Handlungsspielräume besaßen als viele ihrer Nachbarinnen.
Die Bedeutung der schieren Notwendigkeit zeigt sich zumal in Zeiten demografischer Krisen. Geschichte wird oft mit Ideologien erklärt, doch häufig sind es Fragen des Überlebens, die Veränderungen erzwingen. Den Amazonen von Dahomey war jeder moderne Gleichheitsgedanke fremd. Es gab sie, weil das Königreich jede verfügbare militärische Ressource nutzen musste, um seine Macht zu behaupten. Die Notwendigkeit wirkte stärker als Konventionen.
Moderne Gesellschaften denken häufig zuerst in Kategorien des Geschlechts. Viele historische Gesellschaften dachten jedoch zunächst in Kategorien von Stand, Familie und Pflicht. Die Tochter einer Samurai-Familie gehörte der Kriegerkaste an. Traditionelle Vorstellungen weiblicher Zurückhaltung konnten trotzdem nicht einfach aufgegeben werden. Die Onna-musha kämpften nicht primär als Frauen, sondern als Angehörige einer Elite mit weitreichenden geschlechtsspezifischen Erwartungen.
Gesellschaften, die Kriegerinnen hervorbrachten, blieben vermutlich durch die Bank patriarchalisch. Als Japan während der Edo-Zeit eine lange Friedensphase erlebte, verlor die gesellschaftliche Figur der Onna-musha ihre Bedeutung.
*
Die Tradition der Onna-musha zeigt, dass das feudale Japan nicht nur ein männliches Militärsystem war. Frauen bildeten die letzte Verteidigungslinie und garantierten das Überleben ihrer Klans mitunter im Alleingang.
Das historische Paradigma ergibt sich in der extremen Ambivalenz ihrer Existenz. Sie waren perfekt in das patriarchale System integriert und erfüllten die Pflichten gegenüber ihrer Familie bis zur Selbstaufgabe – doch um diese Pflicht zu erfüllen, überschritten sie die Grenzen ihres Geschlechts mit der Waffe in der Hand. Sie waren keine Rebellinnen gegen das System, sondern dessen loyalste Verteidigerinnen.
Frauen wurden immer dann zu Kriegerinnen, wenn die dominierenden Waffen einer Epoche die biologischen Unterschiede in der reinen Muskelkraft (Oberkörperstärke) zwischen Mann und Frau neutralisierten.
Der Reflexbogen (Skythen)
Der Pfeil eines Kompositbogen tötet unabhängig vom Geschlecht.
Die Naginata (Japan)
Mit dem langen Schaft nutzten die Onna-musha Fliehkraft und Reichweite. Ihnen war eine Distanzwaffe an die Hand gegeben.
Schusswaffen (Dahomey)
Die Verbreitung von Musketen ab dem 18. Jahrhundert machte die physische Konstitution situativ zweitrangig.
Geografie und Lebensweise
In Gesellschaften, in denen die Männer über Monate oder Jahre hinweg abwesend waren, mussten Frauen die militärische Kontrolle übernehmen. Das Überleben der Gemeinschaft hing davon ab.
Wikinger
Waren die Männer im Sommer auf Raubzug (Viking), mussten die Frauen in der Lage sein, Angreifer abzuwehren. Wer sein Land verteidigt, bekommt automatisch eine respektable rechtliche und gesellschaftliche Stellung.
Die Steppennomaden
In einer nomadischen Kultur zog der gesamte Stamm mit den Viehherden. Es gab keine sicheren Festungsmauern. Jeder Mensch – egal ob Mann oder Frau – musste reiten, jagen und im Falle eines Angriffs den Kreis der Jurten verteidigen können.
Demografische Krisen und pure Notwendigkeit
Manchmal war das Aufbrechen von Geschlechterrollen eine Frage des Überlebens eines Kollektivs. Verlor eine Gruppe zu viele Männer, gab es zwei Optionen: Untergehen oder Frauen an die Waffe lassen.
Dahomey
Das Königreich lag im 18. und 19. Jahrhundert im Dauerkrieg mit Nachbarstaaten und europäischen Sklavenhändlern. Die männliche Bevölkerung war extrem dezimiert. Die Könige erkannten, dass sie es sich schlicht nicht leisten konnten, die Hälfte ihrer Bevölkerung vom Militärdienst auszuschließen.
Das Konzept von Klasse über Geschlecht
In vielen feudalen oder aristokratischen Systemen wog der soziale Status schwerer als das Geschlecht. Eine Tochter aus dem japanischen Schwertadel oder eine nordische Aristokratin erfüllte abstammungsbasierte Verpflichtungen gegenüber ihrem Klan. Ihre Identität definierte die milieubildende Kriegerkaste.