MenuMENU

zurück

2026-06-14 15:20:33, Jamal

Turning Danger into Performance - Narrative Dialektik

Die katholische Imagination ist größer als der katholische Glaube. Für Bernanos ist der Katholizismus die Wirklichkeit.  Für Mauriac … das Gewissen. Für Hofmannsthal … die Form. Für Werfel … die Sehnsucht. Für Julien Green … Heimat und Nicht-Heimat.  Für Graham Greene … ein Paradox. Für Joyce … säkularisierte Epiphanie. Für Bataille … Schwarze Mystik. 

Bei Bernanos ist die Überschreitung der Weg zu Gott. Bei Bataille ist Gott verschwunden, aber die Überschreitung bleibt. Bataille verwirft die katholische Struktur nicht einfach. Ein rationalistischer Atheist des 19. Jahrhunderts hätte vielleicht gesagt: Es gibt keine Transzendenz, also erledigt sich die Frage. Bataille hält an der Erfahrung extremer Intensität fest – Ekstase, Opfer, Verausgabung, Grenzüberschreitung –, entleert sie aber ihres theologischen Zentrums.

Deshalb wirkt er wie ein Aushilfsmystiker nach dem Tod Gottes.

Bei Bernanos verläuft die Bewegung diametral entgegengesetzt. Die extremen Erfahrungen interessieren ihn ebenfalls – Verzweiflung, Versuchung, Heiligkeit, Opfer. Aber sie erhalten ihren Sinn in der Gnade. Bei Bernanos begründet die Transzendenz die Erfahrung. Bei Bataille ersetzt die Erfahrung die Transzendenz.    

Katholische Imagination trifft auf Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und die beiden Green(e)s weitaus besser zu als das Etikett katholischer Schriftsteller. Bei den französischen Kern-Katholiken François Mauriac und Georges Bernanos ist der Glaube kein Thema, sondern die kosmische Infrastruktur. Das metaphysische Koordinatensystem erscheint so gesichert wie das Periodensystem der Elemente. Die göttliche Gnade ist so real wie die irdische Schwerkraft. Hugo von Hofmannsthal nutzt das Katholische als Kulturträger und ästhetisches Prinzip. Nach der Sprachkrise im „Brief des Lord Chandos“ sucht er Heilung in der Form. Das barocke Welttheater, die Liturgie und das Ritual sind für ihn Mittel, um der modernen Fragmentierung eine Totalität entgegenzusetzen. Er blickt als Kulturkonservativer und Ästhet auf das Rettende. Franz Werfel konvertierte nicht zum Katholizismus. Seine Faszination für das Katholische ist eine ekstatische Sehnsucht nach Erlösung und universaler Brüderlichkeit. Für ihn ist das Katholische das stärkste Symbol für Transzendenz in einer materialistischen Welt. Er bleibt ein hingerissener Gast. Julien Green war Konvertit und wechselte zeitlebens zwischen puritanischer Schuldangst und katholischem Verlangen nach Fülle und Fest. Für Graham Greene ist der Katholizismus der perfekte Resonanzraum für menschliche Grenzerfahrungen. Ihn interessieren nicht die Gescheiterten – die Whisky-Priester. Er nutzt die katholische Dogmatik für narrative Dialektik. Bei ihm ist der Glaube ein existenzialistischer Seiltanz.

Ästhetisierung der Liturgie/Epiphanien statt Sakramente

Weil Werfel das katholische Haus von außen betrachtet, sieht er seine Architektur viel deutlicher als die im Glauben Eingelullten. Für Bernanos und Mauriac ist das Haus so selbstverständlich, dass sie die Wände nicht extra beschreiben müssen. Sie leben darin. Georges Bataille und James Joyce sind Paradebeispiele für eine negative katholische Imagination. Sie beweisen, dass man den Katholizismus zwar intellektuell ablehnen kann, seine psychologischen und ästhetischen Prägungen aber niemals verliert. Joyce wurde von Jesuiten erzogen, wandte sich radikal von der Kirche ab („Non serviam“) und verbrachte sein Leben im Exil. Dennoch ist sein Werk ohne den Katholizismus undenkbar. In „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ beschreibt Joyce Schmerzen des Schismas. Er profaniert die katholische Dogmatik. Seine berühmten „Epiphanien“ – plötzliche Momente spiritueller oder ästhetischer Offenbarung im Alltäglichen – sind säkularisierte Sakramente. In „Ulysses“ wimmelt es von theologischen Analogien, Verweisen auf Thomas von Aquin und liturgischen Rhythmen. Bataille hatte in seiner Jugend eine Phase tiefen katholischen Glaubens, dachte sogar daran, Priester zu werden, bevor er sich zum radikalen Atheisten und Exzess-Impresario wandelte. Das Katholische bleibt konstitutiv, denn seine Theorie der Transgression funktioniert nur, wenn es ein unumstößliches Verbot gibt.

Das Haus Europa und die katholische Imagination

Zu schnell wird die Debatte auf Fragen der Konversion, der Herkunft oder – im Falle von Franz Werfel und Hugo von Hofmannsthal – auf ein vermeintliches Phänomen „gescheiterter Assimilation“ reduziert. Eine solche Lesart verfehlt jede Relevanz. Sie verkennt, dass der Katholizismus in der europäischen Geistesgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts keine bloße Konfession war, sondern eine ontologische und ästhetische Matrix. Er war, um es in einer Raummetapher zu fassen, das Haus Europa. Es war jener geistige Ur-Raum, in dem sich jeder Intellektuelle – ob gläubig, suchend, zweifelnd oder abtrünnig – verorten musste.