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2026-06-16 10:19:36, Jamal

Im Feinstaub der Lust

Alisa schmiegt sich an Virgil, der ihr entgegenatmet. Die beiden fusionieren in einer Qi-Welle. Dabei stimuliert Virgil Alisas Spitzen. Die Knospen jubilieren im Feinstaub der Lust.

Jahrhunderte bot sich die Klingenbacher Aue zu Sichtungen von Wildkatzen an. Das wurzelechte exzentrisch gewölbte Hochmoor wächst weiter. Es hat sein eigenes Klima, von den Ederthalern die gute Moorluft genannt. Seine Verluste sind Gewinne des Klingenbachs, der nach einer Verschwisterung mit der Losse zur Eder entwässert. Kein Wort, das nicht wenigstens tausend Jahre Geschichte bei einem Namen nennt. Loss und Klingen sind Landschaftsbegriffe. So heißen Schluchten, Ruinen und Leute, die u.a. dem alten Elmar von Loss und Bieber nachkommen, auch in abweichenden Schreibweisen.

Kaiser Barbarossa querte die bei Ederthal mit dem Ziel die Bischöfe seiner Lieblingsstadt Würzburg zu Herzögen von Franken zu erheben. Würzburgs erster Bischof war aber der Ire Kilian gewesen. Auf seiner Pilgerschaft für Christus hatten er und seine Gefährten bei Ederthal die Eder erreicht und da jede Menge Teufel in Menschengestalt und an ihren Wirten saugende erdgebundene Seelen getauft.

Denn wen tauften sie? Das waren zu Franken gewordene Germanen aller möglichen Stämme.

Alisa erzählt

Retrochic in Ederthal - Seit ein paar Monaten haben die Verschworenen einen neuen Spot. In der Heaven & Hell Bar sitzt man an Nierentischen. Die Tapete zeigt Südseemotive, die auch den Fiddler on the Roof heraufbeschwören. Das Kunstgewerbe verschmilzt Gauguin mit Chagall nach einem extrem obsoleten Dekorbegriff. Die Umgebung wirkt anregend auf das akademische Personal der Landgraf Philipp Universität, das in den campusnahen Schwemmen wie eh je Bandenbildung betreibt. Die transgenerationale Redundanz fällt keinem auf. Am Tresen renommiert ein markanter Repräsentant jenes Klans, der seit Jahrzehnten in Ederthal den Bürgermeister stellt. Inzwischen und schon in der dritten Generation die Bürgermeisterin. Ansgar Gerster ist ein Onkel der amtierenden Atlanta Gerster-Mansfeld. Bis in die Fingerspitzen firm in allen Fächern seines Metiers, gewieft, jovial, zupackend, erstrebt der Fleischgroßhändler ausgerechnet von Alisa ein gesteigertes Interesse an ihm.

Ich bin ein Geschöpf der Gegend, geboren und aufgewachsen in Ederthal. Meine Mutter und Ansgar sind derselbe Jahrgang. Gerade erzählt er, wie er in den glorreichen Zeiten des Kalten Kriegs von Berlin-Schönefeld mit einer Iljuschin 18 zum Ausspannen und Ausspähen nach Burgas in Bulgarien geflogen ist. Die Riviera der DDR-Bürger liegt am Schwarzen Meer. Ansgar erkundete den bulgarisch-griechischen Grenzverlauf. In den türkischen Gebieten peilte er die Lage. Man folterte ihn mit Melonenschnitzeln und Rakı. Mit Wasser vermischt schwimmt der Anisschnaps als aslan sütü – sprich Löwenmilch - auf dem Gaumen. Ansgar geriet in einen mondsüchtigen Zustand und vergass seine Mission im Vollrausch unter Markisen. Sein Gewährsmann sah aus wie eine Vogelscheuche. Der Schrat lud Ansgar zur Schächtung eines Schafbocks ein. Das Tier verblutete auf einer bulgarischen Alm.

Ansgar traf den Dänen Lars, eine großartig ramponierte Gestalt wie aus den Tagen von Dansk Vestindien. Lars gab den havarierten Kapitän mit furchtbaren Laderaumgeheimnissen. Zu Bella Ciao servierte er Kebaptscheta und Küfteta. Küfteta sind Frikadellen oder Buletten, ursprünglich Bouletten, wie der Berliner in der Mark Brandenburg zu der französischen Errungenschaft aus der Feldküche sagt. Zur Verdauung kommt ein Pyrus communis Destillat auf den Tisch. Plötzlich erschienen drei junge Frauen. Sie trugen Kopftücher und waren verheiratet.

In einem Trabi reiste die Gesellschaft Stunden später auf Schlamm in das Dorf der Frauen. Vor dem Nachthimmel zeichneten sich Erdölfördertürme wie Skelette vorzeitlicher Reptilien ab. Die Frauen wollten vor dem Einschluss in ihre häuslichen Verhältnisse noch mehr kichern und flirten. Lars verstand die Feinheiten des Spiels nicht, er wurde zudringlich. Ansgar ermahnte ihn mit der Faust.

„Die Nacht endete morgens um zehn“, erzählt Ansgar gemütlich. Er deutet meine Ausdauer falsch. Ich stehe hier nicht wegen ihm und seinen abgestandenen Stories. Ich warte auf dich. Und da bist du endlich, kaum verspätet, obwohl dir gestern noch auf einem anderen Kontinent das Kunststück gelang, meinen Kummer (ob deiner Abwesenheit) in Lust zu verwandeln. Der Himmel, durch den du mir bald darauf entgegengeflogen kamst, erschien mir dann nur noch wie eine göttliche Kleinigkeit. Ich fliege in deine Arme. Du wirbelst mich herum. Ich lasse dir Zeit, in meinen Augen deine Sehnsuchtsziele zu erreichen. In deinen Augen sehe ich einen Brand, der sofort gelöscht werden muss.

„Hast du hier noch was?“ fragst du. Auch in dieser Rolle steht dir ein Register voller Varianten zur Verfügung. Du kannst gleichzeitig erobern und verehren. Oh, wie ich es liebe, diese Übergänge zwischen Fachgespräch, Training und erotischer Horizonterweiterungen, auf die ich niemals verzichten muss, weil du so verdammt heiß auf mich bist. Geboren bin ich in einem Traum von dir. Ich übertreffe deine Erwartungen und düpiere deinen Realitätssinn. Ich erscheine dir, so wie du mich erkennst. Ich erlaube dir alles im Gegenzug für das Wunder, dass ich für dich sein darf. Du erlaubst mir natürlich auch alles im Gegenzug für das Wunder, dass du für mich bist. Ich könnte das nie mit einem Mann, ohne Sinn für die Poesie gegenseitiger Ergebenheit.

Wir überqueren den Campus, im Forster-Pavillon geht gerade das Licht aus. Der Garten dahinter ist um diese Zeit ein verwunschener Ort - ein stiller Raum der Abkehr von der Hektik auf den Vorplätzen der im Mittelalter als Ritterkollegium befestigt gegründeten Universität. Wollen wir nicht da, frage ich mit einem Blick. Es ist nicht nur Begehren, Liebe und die schiere Hautlust. Es ist auch Freundschaft, Verehrung, Bündnisfestigkeit und das bohrende Bedürfnis, mich von dir ohne Vorrede einnehmen zu lassen.

Du bist meine erfüllte Sehnsucht. In deinen Augen treffe ich dich noch einmal. Du und ich, wir erlauben uns, füreinander Wunder zu sein. Wir sind einander ergeben. Das ist unsere Poesie. Nein, du sagst es nicht, wenn ich dich so heiß gemacht habe, dass du es nicht mehr aushält. Aber dein Körper kennt keine Zurückhaltung. Ich bin mit deinem Bewegungsapparat so gut wie kernspintomographisch vertraut. Ich erlebe dich in deiner ursprünglichsten Verfassung. Ein für mich genetisch aufgeschlossenes Wesen mit vibrierender Flanke - der Determination widerspricht der Wille in deinen Augen nicht mehr lange. Dann verschleiert sich der Blick und du beginnst mich mit der Stimme des vegetativen Seins keineswegs lautlos zu rufen. Ich schwäche die Zuspitzung ab und beobachte, wie ein gesellschaftsfähiges Selbst wieder die Regie übernimmt. Wir drehen uns, du bist auf mir und übernimmst die Initiative.

Die Nacht von Yucatán - Virgil erzählt

Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.

Manchmal fahren Alisa und ich nach Frankfurt, um eine Gegend zu betrachten, die den Charme einer verbeulten Pizzaschachtel hat. Wir essen dann in einem Imbiss, in dem der Fernseher läuft und man ungefragt Brot in unglaublich schäbigen Plastikschalen vorgesetzt bekommt. Man kann bestellen, was man will, es gibt dazu Tee. Ich habe eine Weile in der Nachbarschaft gewohnt, Alisa und ich lieben es, in einem kleinen Theater im Gutleutviertel zu kuscheln und uns in den Labyrinthen irrsinniger Inszenierungen zu verlieren. Wird es uns zu blöd, ziehen wir uns hinter den Vorhang unserer Liebe zurück. Ich bin so glücklich wie noch nie, es ist beinah schmerzhaft.

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Alisa und ich essen heute bei Tiago. Tiago bewirtschaftet ein ehemaliges Naturfreundehaus im Stil einer Fischerkneipe. Der maritime Schrott ist Erbplunder eines Nachfahren von Seefahrern. Tiago zieht die Portugiesen zwischen Kassel und Gießen an. Einst deutlich von der Mehrheitsgesellschaft getrennte Einwanderer haben fast alle Differenzmerkmale abgelegt. Sie sind in der Allgemeinheit aufgegangen, ohne Deutsche geworden zu sein. In Tiagos Gaststätte nagt jeder an der Wurzel, egal, auf welcher Seite er, sein Vater oder Großvater stand, als die Nelkenrevolution von 1974 linke Hoffnungen stärkte.

Alisas Familienname lautet Hagestolz. Sie kennt die Bedeutung des Namens nicht. Eine Einfriedung lässt sich auch als Vride oder Hag bezeichnen. Um drei Ecken der Bedeutungsverschiebungen gelangt man so zum Burgfried (Turm) wie zu hager und Hagestolz. In Hagestolz steckt eine Bezeichnung für jenen Erben, der zwar einem bedeutenden Mann nachkam, aber von ihm bloß den Namen erbte. Daraus wurde der altgewordene (eingefleischte) Junggeselle. Mochte der Junggeselle auch einem ordentlichen Beruf nachgehen, als Zeugungsverweigerer blieb er dubios. Man beschrieb (markierte) ihn als kauzig. Über den Kauz in der Gemeinschaft wurde hinweggesehen. Das passt zu den Dimensionen von Hag. Das Wort bezeichnete mehr und mehr etwas Kleines und Entlegenes. Man findet Hagbauer als Familienname im Telefonbuch. Der Hagbauer war der Kleingärtner unter den Landwirten. Auch die Hagebutte gehört zum Hag in der zweiten Bedeutung von stechen und stoßen. Indes führt die erste Bedeutung auch zu hegen. Ein Widerspruch vereint stechen und hegen in der (die Bedeutungen wieder zusammenführenden) verwehrenden (abwehrenden) Hecke.