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2026-06-19 10:08:57, Jamal

„Der Expressionismus ist keine Mode. Er ist eine Weltanschauung. Und zwar eine Anschauung der Sinne, nicht der Begriffe.“ Herwarth Walden

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„Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt.“ Die erste Rundfunksendung (29. Oktober 1923)

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„Die zunehmende Beschleunigung der Wahrnehmung führt zum Realitätsverlust.“  Heiner Müller

Minne auf Amerikanisch

In Austin, Texas, hatte ich eine Zeit mit einem weiblichen Vampir in der Nachbarschaft. Shauna behauptete, zu William Wallace' Zeiten (1270 - 1305) in einer schottischen Burggeboren worden zu sein. Daran konnte kein Zweifel bestehen. Shaunas geistige Spannweite war nicht abzumessen. Die Weltliteratur seit Boccaccio und Dante Alighieri hatte sie als Kleinigkeit für die Westentasche parat. Ja, Shauna trug Westernwesten, mexikanische Stiefel und Stetson. Sie liebte Saitenspielzeuge, am liebsten spielte Shauna Bluesrock im Stevie Ray Vaughan-Stil. Vaughan scheint allgemein ein Vampirfavorit zu sein. Einmal holte Lance Lopez Shauna auf die Bühne in einem Club am East Riverside Drive - „Antone's". Bestimmt kennt ihr den Laden, Lance servierte Shauna seine Gitarre. „The Killer Guitar from Texas" übergab das Instrument mit den Homeboy-Worten: „Blood in, blood out." Das war Minne auf Amerikanisch. 

Der Virus eines blinden Gerechtigkeitsverständnisses

Orson Welles kennt sie alle. Luciano, Costello, Capone - Im amerikanischen Schaugeschäft der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre sind Gangster unvermeidlich. Der Mob liebt das Kino und die Oper. „Capone kaufte immer die ersten vier Reihen bei jeder Premiere in Chicago. Du konntest nicht in einen Nachtclub gehen, ohne dass Costello eine Flasche Champagner an deinen Tisch schickte."

1958 nimmt es Welles zum letzten Mal mit Hollywood auf. Er inszeniert mit sich in der Rolle eines brummbärigen Sheriffs und mit Charlton Heston als einem gut Geföhnten des mexikanischen Establishments „Im Zeichen des Bösen". Marlene Dietrich spielt die kartenlesende Barchefin Tanja. Für Liebhaber der Schwarzen Serie lässt der Film nichts zu wünschen übrig. Er transportiert außerdem jede Menge Beat in der Art von Jack Kerouac. Vermutlich setzt Welles akute Stimmungen nur zu Illustrationszwecken ein. So gelingen Szenen, die sich einprägen, da sie nicht explizit sind. Die Lieder im Film kommen in den Fünfzigern aus jeder Jukebox.

Echte Gangster, weiß Welles, sind polierter als die Kinogangster. Sie machen mehr von sich her. In einem Film könnte diese Prunksucht leicht übertrieben wirken. Im „Zeichen des Bösen" beherrscht die Grandi-Gang den lokalen Drogenhandel. Dem Familienunternehmen steht Onkel Joe als Ersatzmann vor. Sein letzter lebender Bruder, der Pate, sitzt in Untersuchungshaft. Vargas ließ ihn festnehmen, der Grande stört die Kreise des Grandi-Clans. Onkel Joe sinnt auf Rache. Mehr noch interessiert ihn die Wiederherstellung einer beschaulichen Ordnung. Onkel Joe lamentiert und intrigiert.

Er scheint allenfalls mäßig durchtrieben. Onkel Joe sieht aus wie der geputzte Pflücker am Freitagabend in einem Roman von John Steinbeck. Regt er sich auf, verrutscht das Toupet. Akim Tamiroff spielt Onkel Joe wie einen anderen Onkel Tom. Er buckelt vor US-Instanzen. Seine von Haus aus kriminellen Neffen spuren kaum. Ständig sind sie stoned.

Massenhafte Verbreitung von Marihuana und Heroin gehören zu den Zeichen der Zeit als einer neuen Bedrohung der Mittelschicht. Drogen gelangen über die Grenzen ihrer angestammten Gebiete, das waren Außenseiterparadiese und Hobo-Höllen. Nun bedrohen sie das heile Amerika. Als Susan mit Rauschgift in Verbindung gebracht wird, wundert das keinen. Inzwischen kommt so was in den besten Familien vor.

„Im Zeichen des Bösen" ist eine Borderline-Geschichte. Sie spielt in der amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt Los Robles. Zuerst sieht man ein Paar im Vergnügungsviertel auf der mexikanischen Seite. Es geht eine Liste der Vorurteile durch, voll verliebter Verve. Vargas' Frau stammt aus Philadelphia. Zwar schmachtet Susan (Janet Leigh) den Gatten an, doch zweifelt sie nicht an ihrer kulturellen Überlegenheit und am Wert nordamerikanischer Errungenschaften. Selbstverständlich übernachtet sie lieber in einem Motel auf texanischer Seite.

Das Thema wird wieder angespielt. Bei einem beruflichen Aufenthalt im mexikanischen Distrikt sagt Captain Hank Quinlan verdrossen zum subalternen Pete (Joseph Calleia): „Lass uns auf die zivilisierte Seite zurückkehren."

Das Ehepaar Vargas beobachtet eine Explosion, der reichste Mann am Platz fliegt in die Luft. Es begegnet Quinlan am Tatort. Der Sheriff schleppt sich, er lahmt seit einem Schusswechsel vor langer Zeit. Orson Welles spielt Quinlan übergewichtig, kurzatmig und eingeschnappt. Die Quintessenz von dreißig Jahren im Dienst: „Idealisten sind schlimmer als Gangster."

Quinlan hat das Trinken aufgegeben und sich auf eine Schokoriegelsucht verlegt. Der Witwer wohnt neben einem Bohrturm. Er lebt in Trauer um seine vor einer Ewigkeit ermordeten Frau. Sie wurde erdrosselt, der Mörder entkam. Bald wird Quinlan Onkel Joe den Hals zuschnüren, in einem obsessiven Akt. Den Mörder des hochgejagten Magnaten, Manelo Sanchez (Victor Millan), überführt er mit gefälschten Indizien. In jedem Fall hat er den richtigen Riecher.

Quinlan glaubt, die Intuition sei daheim in seinem lahmen Bein. Er erkundigt sich bei Marlene Dietrich: „Komm schon, sag mir meine Zukunft voraus." Tanja entgegnet: „Du hast keine."

In ihrer Bar steht ein Pianola, unwillkürlich denkt man an den „Blauen Engel". Den hat Welles nicht gesehen, so wie die Dietrichrolle auch nicht im Drehbuch steht. Die Dreharbeiten sind im Gang, als dem Regisseur einfällt, der Freundin ein paar Tage Arbeit zu verschaffen. Sie über ihn: „Wenn ich ihn gesehen und mit ihm gesprochen habe, fühle ich mich wie eine Pflanze, die soeben Wasser bekommen hat."

Quinlan bleibt mit seinem Rassismus in bester Gesellschaft. Es gibt Wichtigeres als Recht und Gesetz. Quinlan beschimpft Vargas als Ausländer, der den Virus eines blinden Gerechtigkeitsverständnisses einschleppt. Vargas fehlt bis zum Schluss der Sinn für die vor Ort effektiven Unterscheidungen. Der Film stellt dem mörderischen Bullen Quinlan keinen moralischen Bankrottbescheid zu.

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„Der Hildesheimer hat gesagt, daß er es für sinnlos hält, heute noch zu schreiben ... (da es keine Nachwelt mehr gibt.) Das ist etwas ganz Defätistisches. Wenn ich eine Arbeit mache, dann mache ich sie doch, weil ich diese Arbeit gern mache, weil ich sie so gut machen will, wie ich kann. Da ist es doch uninteressant, ob das fertige Produkt morgen in einem Museum steht oder wie eine Flaschenpost im Atlantik treibt." Heiner Müller

In der Flaschenpost steckt der Auftrag, Selbstermächtigung und Neubeschriftung. Heiner Müller vergleicht die eigene Gattung mit den Silberfischen in seinem Badezimmer. „Aber manchmal, morgens, wenn ich ins Bad komme, hat sich wieder einer die Wanne hochgearbeitet. Den spül ich dann weg; drei Tage später ist wieder einer da, wahrscheinlich nicht derselbe, die leben ja irgendwie kollektiver. Für den Silberfisch ist das, was sich da abspielt, Geschichte. Aus hinreichend astronomischer Entfernung ist unsere Geschichte auch nichts anderes als der Versuch, an den Rand der Badewanne zu gelangen. Was die Silberfische nie schaffen, solange die Wohnung bewohnt ist.

Ruhepunkt am Horizont

„Der Weise kennt keine Lebensmüdigkeit", weiß Maurice Maeterlinck. Der Autor pickt sich einen erhabenen Seelandbewohner heraus, dessen ganzes Glück sich in der Schönheit seines Gartens erschöpft. Der Besonnte weiß, dass Blau die Lieblingsfarbe der Bienen ist. Beobachten kann er seinen Bienenstand von der Küche aus, die typisch mit einem Porzellanbrett bestückt ist. Das Brett trägt „leuchtendes Zinn- und Kupfergeschirr". Das Haus liegt an einem stillen Kanal. Das Wasser spiegelt die häusliche Szene in einem Pappelsaum. Der Blick findet einen „Ruhepunkt am Horizont mit seinen Mühlen und Weidetriften".

Für Maurice Maeterlinck sind Bienenstöcke die Wahrzeichen irdischer Kleinparadiese. Wieder und wieder rafft er alles zusammen, was eine Idylle entstehen lässt ... Blumen, Stille, eine milde Luft, die Strahlkraft einer gnädigen Sonne.

Freuden sommerlicher Gartenlust

Bienen dienen Maeterlinck zur Illustration seines auf dem Sockel der Natur gründenden Staatsgedankens.

„Man lernt in der Schule der Bienen das geheimnisvolle Weben der Natur, die Fäden, die sich zwischen ihren ... Reichen knüpfen."

Die Selbstlosigkeit und der Fleiß „heroischer Arbeiterinnen lehren den Geschmack an der unbestimmten Süßigkeit der Muse". 

Das spricht Alisa an, so wie sie da sitzt in einem schwarzen Cocktailkleid; die Unterwäsche ein Geschenk von Virgil nach seinem Geschmack. Schauplatz des Stelldicheins ist eine Rumpelkammer im toten Trakt der Ederthaler Landgraf Philipps Universität, einem Bunker des Mittelalters. In diesem Raum waltete einst der Pedell mit seinen pädagogischen Instrumenten. Er exekutierte Urteile der akademischen Gerichtsbarkeit. Ihm oblag die Aufsicht über den Karzter, einer Arrestzelle in der Hochschule. Nach Maeterlinck unterstreichen die Bienen „mit ihren tausend kleinen Flügeln wie mit Feuerzeichen die fast unstoffliche Wonne ... jungfräulicher Tage“, ohne eine Spur zu legen, der die Erinnerung folgen könnte. Maeterlinck assoziiert Reinheit, Klarheit, Glück. 

Dieser Erzähleinfall kommt aus einem Traum von Alisa. Ich schiebe ihn kurz dazwischen. Ein junger Mann, mit mehr Ehrgeiz als Verstand, übersetzt Liebesschmalz, Erotik und Pornografie. Jedes Genre befolgt eigene Gesetze aufs Wort. Zwangsläufig ergibt sich ein Hypertext, wie im Überflug gewonnen oder aus einer Kehrmaschine herausgeschleudert. Alles driftet Richtung Nacht. Registriert werden verwirrte Verkehrsteilnehmer, kollabierende Konsumenten, stechende Gerüche, streikende Haut und fallengelassenes Pressfleisch. Teer siedet in der Hitze einer schwarzen Sonne. Alisa sieht den Prospekt auch noch in tagheller Erinnerung schwarzweiß. Eine Traumfrau schleppt einen Mann aus einer Kneipe ab. Es geschieht das Angestrebte, nun trennt die Frau ihre Gefühle nach Sorten. Einerseits hat ihr der Mann gutgetan, allein, dass er sie berührte. Andererseits fühlt sie sich benutzt und von Lieblosigkeit denunziert. 

Besser als viele versteht Virgil, was Wörter vermögen, wie sie uns konditionieren und zu abrufbaren Reaktionen verleiten. Alisas Zunge überstreicht die Unterlippe, wie unbewusst auch immer. Die kleinste Bewegung des wie ein sowjetischer Olympiaringer gebauten Virgil, fesselt ihre Aufmerksamkeit. Ihr Körper reagiert auf die Freiheit dieses Mannes, auf seine Unabhängigkeit, seine Gravitation. Die Anziehungskraft wirkt magnetisch. Sie erlaubt es Alisa nicht, in ihren Verhaltensverstecken auszuharren.  

Titanische Moves

Flüsternd beschwören Sina und Wyatt ihre Liebe. Das Paar küsst sich mit jener zärtlichen Dringlichkeit, die aus der Verehrung kommt. Ja, auch diese beide verehren sich und beten sich an, wenn auch nicht so obsessiv und dunkelgewaltig wie in den Adorationen, in denen Virgil die Apotheose an Alisa vollzieht. Aromen von Jasmin und Wacholder segnen die sanft-schwingende Verbindung.

Es ist einer jener Abende, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Ein letzter goldener Glanz liegen auf der niederhessischen Savanne ... Sina und Wyatt liegen auf der geblümten Decke aus dem Haushalt einer Ahne, die sie stets mit in den Garten nehmen, wenn ihnen danach ist, sich unter freiem Himmel zu lieben - ganz beieinander, fern von allem. Rehen ästen in Rufweite. Sina dreht sich zu Wyatt, streichelt seine Wange. 

Sie zieht ihr Lumberjack Shirt über den Kopf, ohne Eile. Ihre Bewegungen sind weich, wie von innen geleitet. Die Liebenden betrachten sich. Das ist das Augenspiel. Sie lieben es, sich anzusehen. Da ist ein elementares Verstehen. Ihre Körper finden sich, vertraut und doch immer wieder neu. Sie lieben sich ohne Eifer, mit einem leisen Staunen. Danach liegen sie aneinandergeschmiegt da, Haut an Haut, und genießen das Nachglühen, das jederzeit zum Vorglühen werden kann. Erste Sterne zeigen sich. Marienkäfer erklimmen schwankende Halmgipfel, ein Kauz ruft.

„Was war das für ein Tag...“ murmelt Wyatt. 

Sina schließt die Augen, lächelt. 

„Der schönste.“

Und dann – Schritte. Lachen. Stimmen. Sina richtet sich auf. Wyatt folgt ihrem Blick. Durch das Gartentor fließt Alisa, barfuß, mit Wind im Haar und einem Korb am Arm; gefolgt von Virgil. Beide lachen unverschämt herzlich.

„Ach, verzeiht!“ ruft Alisa, „wir wollten euch nicht stören.“ 

Sina und Wyatt haben da kein Problem. Sie leben nicht in der Tristesse vergessener Göttlichkeit. Sina sagt: 

„Erst sind wir gekommen und jetzt kommt ihr. Das ist doch perfekt. Und der Abend... ist noch jung.“

Sina und Wyatt empfangen die Gäste in ihrem Paradies. Wer wirklich liebt, kann sich zeigen, wie er ist – ohne Fassade, ohne Scheu.

„Aaaaah.. wie schön... das ist eine sehr berührende, sehr schöne Episode, lieber …!“ M.

Werfen wir noch mal einen anderen Blick auf die Szene. Der verwilderte Garten wird zum leuchtenden Zwischenraum – nicht nur zwischen Tag und Nacht, sondern auch zwischen Alltäglichem und Magischem. Eine Feuerschale knistert leise, als Alisa mit geschickten Händen ein paar getrocknete Kräuter in die Glut streut. Ein Duft von Rosmarin, Salbei und Lavendel steigt auf. Die Luft ist lind, im warmen Wind wiegt sich das Zirpen der Grillen.

Wyatt platziert eine Hand auf Sinas Oberschenkel. Da ist nichts Besitzergreifendes, nur ein ruhiger Kontakt, der sagt: Ich bin hier. Sie lehnt an seiner Schulter, ihr Haar noch offen. Nackt unter dem Kleid. Die Art, wie sie mit den Zehen wackelt, zeigt Wyatt an, dass sie ihn gleich noch mal haben will. Alisa sitzt im Schneidersitz auf der Decke, die Füße im Gras. Neben ihr Virgil – wuchtig, gelassen, mit der Präsenz eines bekifften Bären.  

„Wisst ihr“, verkündet Virgil, „in meiner Heimat erzählt man sich, dass jede Nacht, in der Menschen gemeinsam am Feuer sitzen, einen alten Geist weckt. Ich sehe ihn förmlich vor mir.“

Alisa lächelt und legt den Kopf an die Schulter ihres Liebsten.

„Was für ein Geist denn?“

„Der, der sich erinnert“, sagt Virgil. „Er hört, was ihr sagt, und merkt sich, was ihr verschweigt.“

Es entsteht Stille ohne Unbehagen. Menschen sitzen beieinander, die mit Kraft gesegnet sind. In einem anderen Jahrhundert hätte man ihre Schwerter gesehen.

„Und was merkt er sich bei uns?“, fragt Wyatt amüsiert.

„Dass ihr liebt, ohne euch zu verstecken. Und dass ihr längst Teil eines großen Spiels seid.“

Sina hebt den Kopf, mustert Virgil. „Du meinst – wir vier?“