„Der Edle lässt das, was er nicht versteht, ... beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande." Konfuzius
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Das erzählende Kind taucht in den Seerosentümpeln des magischen Denkens. Es knüpft an die eigenen Vorstellungen hochgespannte Erwartungen. Die Wirklichkeitserträge der Erwachsenen erscheinen ihm lächerlich.
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"Do not try to fight a Puma if you're not one yourself." Linford Christie
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"Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic." Arthur C. Clarke
Alisa
Sina - barfuß, bauchfrei, bronziert - lachte aufreizend laut und beugte sich über das improvisierte Buffet, als wolle sie der Gemeinschaft ihren Hintern vorführen. Sie streifte Fruchtfleisch von einem Spieß und leckte sich die Finger. Alisa beobachtete sie mit einer Mischung aus Amüsement und Missbilligung.
„Süß, wie du isst“, sagte sie giftig. „Wie ein Kind mit Appetit auf Applaus.“
Sina grinste in ihr Dekolletee.
„Du bist bloß sauer, weil du weißt, dass Virgil sich sehr gern mit mir unterhält, obwohl ich doch so wenig zu sagen habe, wie alle wissen.“
Die Luft flirrte. Jemand drehte die Musik lauter. Kinder kreischten. Alisa nippte an einem alkoholfreien Drink, so wie die meisten Besucherinnen des Hofladenfestes. Kurz überließ sie sich einer sommerlichen Gedankenlosigkeit.
In unbegreiflichen Prozessen schwarmintelligenter Zuwendung war Sinas Hinterhofladen zur weit und breit beliebtesten Gemütlichkeitskeimzelle avanciert. Vor Jahren hatte jemand die Pergola, den Rosenbogen und einen Zaun in den Raum gestellt, das Gitterwerk mit einer Kletterhortensie basisbegrünt und mit einer durchblühenden Kletterrose gepimpt. Inzwischen dramatisierten Blaue Prunkwinden, Schwarzäugige Susannen (Thunbergia alata) und ostindische Kirschen das Arrangement. Die Kulisse diente vorläufig geklärten Verhältnissen mit Sandkasten, Hüpfburg, Schaukel, Windeltisch und Kinderwagenparkplätzen als Hintergrund.
Summend schalteten sich Lichterketten ein. Schon wieder Abend. Alisa assoziierte mit dem Arrangement elektrische Glühwürmchen. Sie trat unter die Ranken, das Smartphone in der Hand. Das Display schimmerte. Sie beobachtete das Feld der Verführung. In einem Augenblick verschwammen die Akteure in einem Wimmelbild. Alisa halluzinierte Spiralen, irisierende Muster. Sie evozierte Rotationen des Begehrens, das stete Spiel aus Nachahmung, Täuschung und Triumph.
In Sinas Küche rivalisierten Diana und Malia. Sie trugen kaum das Nötigste im ewigen Sommer. Der Hausherr saß wie ausgeladen auf der Fensterbank. Trotzdem behielt er den Überblick. Die Generationsbesten haben längst ihre zwei Kinder und noch immer den ersten Mann. Der körperliche Abbau tarnte sich mit Lässigkeit, die Röcke wurden kürzer mit jedem Jahr über dreißig. Zweiunddreißigjährige verkleinerten die Maschen ihrer Netze und schmissen nicht mehr jeden knurrenden Zwerggurami oder Erbsenkugelfisch oder Blutsalmler gleich zurück in die Rinnsteinpfütze.
Sie ergründeten die Hierarchien in den Regierungsbezirken ihrer Stammitaliener und Lieblingsgriechen. Sie flirteten mit dem Personal, spielten beflissen mit in Kellnerkomödien. Sie waren reif für die Schmiere und das Knallchargenprogramm. Ihre Männer kamen spät, Familien und Freunde tummelten sich abends auf glühend heißen Gassen. Man prostete sich vor Jonnas kindgerechter Kneipe zu oder traf sich auf einen Wein im kinderfreundlichen Biergarten des Esoterikers Halif. Oder man begegnete sich vor der malerischen Pissrinne von Gretes Schwarzburg Zweiundachtzig.
Malia
Die Herren von Loss vertraten Waldecker Interessen bis zur Fehde. Allerdings waren sie nicht bereit, sich gegen einen Landgrafen von Hessen aufzulehnen. 1408 öffnete Johann von Loss die Unterlossburg Hermann II. von Hessen als Zuflucht in arger Bedrängnis. Zum Dank erhielt er Ederthal zum Lehen und außerdem das Schloss Neukirchen, indem es seither spukt. Gerda von Loss war die letzte Mater des 1530 wegen Reformation abgesperrten Augustinerinnenklosters Fritzlar.
Malia meditierte in dem vertrauten Dōjō, in dem die Echos der Kommandos, Ermahnungen und Ermutigungen für sie in der Luft lagen. Eine andere hätte gewiss nichts vernommen in der Stille mit ihren Staubspiralen in Regenbogenfarben, aber für Malia war der Raum selbst eine Erfahrung. Hier hatte sie Disziplin gelernt und verstanden, dass ihr Verständnis für eine durchgreifende Entwicklung nicht ausreichte. Zeit ihres Lebens hatte sie einen Weg gesucht und nun war sie angekommen auf ihrem Weg, den Agravain vorzeichnete. Die Kombination von Lust und Lernen wirkte wie ein Treiber.
Dies war nicht nur ein Raum der Disziplin, sondern ein Zufluchtsort, an dem Malia wieder und wieder zu sich selbst fand. Plötzlich empfand sie ein Erwachen in sich wie noch nie. Ihr öffnete sich das Universum in einem Wahrnehmungsrauch.
Zum ersten Mal erlebte Malia ein Gefühl, das alle Grenzen auflöste und in einem einzigen überwältigenden Gefühl der All-Einheit kulminierte und explodierte. In einem Augenblick, in dem Zeit und Raum ihre gewohnten Formen verloren, fühlte sich Malia befreit. Ein Gefühl des reinen Seins überkam sie. Auch sie war gesegnet mit Schönheit und zu absoluter Erkenntnis befähigt. Dieses spirituelle Erwachen, erlebt auch als innerlich hochschießende Feuerlohe, verflüchtigte sich gleich wieder. Die Erinnerung an die Illumination brannte weiter im sinnlichen Dauerfeuer, das Malia in der Präsenz ihres Meisters empfand. War das die mystische Energie, freigesetzt in einer kosmischen Eruption, von der auf Spaziergängen schon die Rede war? Malia war, als ob ihre körperliche Leidenschaft den Weg freigemacht hätte für eine Einladung, ohne Angst und Zweifel die Unendlichkeit ihrer eigenen Essenz zur Kenntnis zu nehmen.