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2026-06-20 17:18:12, Jamal

Sandelholz-Setting und rituelle Fusion

Elena und Marek trafen sich im Künstler-Pavillon am Weg zum Hohen Ufer. Elena atmete den Duft ätherischer Öle und vernahm rieselnde Meditationsklänge. Leidenschaftliche Anhänger der Qi-Erotik weihten sich der kollaborierenden Körper- und Seelenpflege. Das Erwecken und Harmonisieren der Lust verstanden sie als Lebenskraftgeschenke. Angeleitet wurden sie von einer angeblich international renommierten Expertin namens Park Seo-Yoon. Die Yogini bestand auf die förmliche Anrede Park Sabu-nim – Meisterin Park. Sie war in ihren Vierzigern und sah aus wie Anfang dreißig.  

Das war kein hysterischer Aussteigerkult, sondern eine exklusive und im Übrigen auch verschwiegene Gemeinschaft; Macher und Macherinnen im Stadium der abfallenden Leistungskurve, 50 plus, gut situiert, rational im Alltag, die sich der spirituellen Führerin unterwarfen, sie wie eine Göttin anbeteten und sie ehrfurchtsvoll in ihren Häusern empfingen – für einen energetischen Extraschnapp. Meisterin Parks Spezialität war die Heilung von Erektionsstörungen. Mit ihrer Hilfe erlebten die Probanden vollmundig-jugendliche Orgasmen. Die Vitalisierung war eine legale Droge.    

Die Adoranten wollten sich ihre Jugend zurückkaufen und merkten nicht, dass sie ausgesaugt wurden.

Park Sabu-nim, im Folgenden nenne ich sie Seo-Yoon, besaß die Aura einer Erleuchteten, die ihre irdische Tüchtigkeit nicht verloren hatte. Es war die Ausstrahlung einer Shuttle-Pilotin, der man sich ohne Zögern bei einem Weltraumflug anvertrauen würde.  

Die Kriminalbeamtin Elena hielt sich für eine Verbrecherin. Sie ging fremd, wie sie glaubte, aus freien Stücken, während sie in Wahrheit von einem Dämon in Besitz genommen worden war. Schritt für Schritt wiederholte sie das Schicksal ihrer vor vielen Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Zwillingsschwester – dirigiert von einem Psychopathen in der Maske des mehrfach ausgezeichneten Bestsellerautors. Er tat, was er tat, nicht um darüber zu schreiben. Die ungemein überzeugenden Detailschilderungen waren ein Surplus.    

Ahrenshoop bot Marek die perfekte Kulisse. Der semi-mondäne Badeort an der Ostsee hatte eine sagenhafte Vergangenheit und eine vage Gegenwart als Künstlerkolonie. Der Pavillon mit Meerblick, das Schreibworkshopgewese in einem ehemaligen FDGB-Ferienheim – all das tarnte Mareks monströse Natur perfekt. Seo-Yoon und Marek waren Komplizen. Perfekt camoufliert als Illuminierte, fischten sie einvernehmlich im Trüben. Die Meisterin nahm sich der Neuen vorgeblich fürsorglich an. Sie absolvierte den Parcours einer zuverlässigen Überwältigungsroutine. Es ging doch immer nur darum, jemanden zu entriegeln und ihn in den Raum der eigenen Lust zu führen. Seo-Yoon erfasste bei jedem Menschen intuitiv den sexuellen Knackpunkt. Sie wusste, was im Weiteren zu tun war. Das war also keine Scharlatanerie. Marek beobachtete Elena, mit dem Blick eines Prädators, der zusieht, wie seine Beute sich freiwillig ihrer Mittel zur Gegenwehr entledigt. Das war ein magischer Vorgang und ganz bestimmt der spannendste Moment des Spiels. Elenas polizeilicher Kontrollinstinkt versagte auf der ganzen Linie.

Seo-Yoon und Marek waren Raubtiere derselben Gattung. Zwei Vampire, die sich mit fremder Lebenskraft mästeten. Elena war die ultimative Trophäe. Gewohnheitsmäßig und zugleich merkwürdig benommen prägte sie sich die Züge der Heilerin ein. Ein ovales Gesicht, ein kunstvoll-locker gesteckter, schwarzseidiger Dutt, der von einer Jadenadel gehalten wurde. Seo-Yoons Kleidung entsprach einer modernen und luxuriösen Interpretation asiatischer Ästhetik. Ein fließendes Ensemble aus Seide und Leinen in Salbeigrün.  

Sie begannen mit kontemplativem Aufwärmen. Sie atmeten synchron und dehnten sich gegenseitig mit einem erotischen Fokus. Alles diente einer zunächst verhaltenen Lust, die ihre Körper in einen Zustand gesteigerter Wahrnehmungsfähigkeit versetzte. Ihre Blicke begegneten sich in Augenblicken der Stille. In ihrem stummen Dialog nahmen sie einander als Seelenspiegel wahr. Während der Asanas verschmolzen ihre Bewegungen. Sie erlebten (in der Konsequenz einer Suggestion) die stärkste Verbundenheit, die sie jemals mit anderen Menschen erlebt hatten. Jeder Atemzug, jedes behutsame Strecken und Beugen richtete ihre Aufmerksamkeit tiefer auf das, was ihnen die gemeinsame (vermeintliche) Qi-Ernte gewährte.

Schließlich führte ihre Begegnung sie in einen Zustand, den sie als Auslese ihrer gemeinsamen Qi-Produktion empfanden. Der Liebesschlaf war nie bloß körperliche Vereinigung, sondern stets mythische Intimität und rituelle Fusion von Körper, Geist und Seele. 

Marek achtete darauf, dass seine Geliebte vom allgemeinen Partnertausch nicht erfasst wurden. Wieder und wieder entzog er die somnambule, wenn nicht hypnotisierte Elena den handfesten Avancen diskret enthemmter Silverager. Widerstandslos akzeptierte sie den halböffentlichen Rahmen.

„Ihr dürft alle nach Herzenslust kommen“, rief Seo-Yoon wieder und wieder. „Ihr seid im Himmel eurer Lust, lasst euch bitte alle gehen.“