Die Ostsee als baltische Badewanne
Im ‚Café Wiegand‘ ist nachmittags um drei kein Platz mehr frei. Ein Belagerungsring schließt die Terrasse ein. Chefin Carmen bewacht den Küchenpass. Die Sächsin ist mit dem adligen Ahrenshooper Waldemar von Tillwitz verheiratet. Im Augenblick reicht das, um an den Leuten vorbei in einen gesperrten Bereich geschleust zu werden. Man könnte die Wirtschaft dahin ausdehnen, müsste dann aber auch andere Bereiche erweitern. Auf einer kleinen, von Fliegengittern eingeschlossenen Veranda sind Elena und Marek nicht die einzigen Privilegierten. Die anderen grüßen betont beiläufig, als müsse eine Peinlichkeit überspielt werden. Elena interessiert der Verhaltensfirlefanz nicht. Sie hat Vorzugsbehandlungen gern, auch wenn sie nicht weiß, wie sie zu der Ehre gekommen ist.
Überall türmen sich Sachen. Die Wirtschaft wurde früher in einem viel größeren Stil mit viel mehr Schwung geführt. Damals war Kokosraspelkuchen der Renner. Nach 1990 verschwand er aus dem Angebot.
Jetzt ist er wieder da.
Marek rät Elena davon ab, weil er nicht glaubt, dass ihr Raspelkuchen schmeckt. Kokos ersetzte im realexistierenden Sozialismus großflächig die Mandel. Die Erinnerung an einen Mangel löst vermutlich immer noch Trotz aus. Trotzdem würde ich, huhu, es spricht der allwissende Erzähler, das jetzt gern erzählen. Ich lasse es.
Marek bestellt eine Mandelhonigschnitte, um sie kritisch mit dem Bienenstich seiner Kindheit zu vergleichen. Sein Westgeschmack lässt ihn mosern. Dabei ist Marek so borniert, dass er sich für vorurteilsfrei hält.
Der Nebentisch bricht auf. Elena fängt einen abschätzigen Blick auf. Sie ahnt eine Rüge. Das klassische Ahrenshooper Urlaubspaar tritt anders auf als Elena und Marek. Die Leute hier oben an der See (der baltischen Badewanne) kauen an abgenagten Verhaltensknochen herum.
Szenen im Flutlicht des Sommers. Elena sitzt vor ihrem Dell Precision 7540 auf der Terrasse des Cafés Boddenblick. Sie macht ihre Hausaufgaben, den Vorgaben ihres Schreibmeisters eifrig entsprechend. Marek wird gerade an einem besonders markanten Punkt gefilmt. Elena wollte nicht, und sei es aus Versehen, mitgefilmt werden. Sie geht gerade fremd, geplagt vom schlechten Gewissen, aber auch hingerissen von den Sensationen des Augenblicks. Erst jetzt bemerkt sie, was ihr wenigstens minutenlang entgangen ist. Halb verdeckt von einem Sonnenschirm sitzt Denis Scheck gerade mal einen Katzensprung entfernt. Hämisch fällt Elena dessen abgeklungene mediale Allgegenwart ein. Bis vor ein paar Jahren fand er ständig im Frühstücksfernsehen statt, man sah ihn in amerikanischen Serien. Er sprach mit Leichen über Literatur. Seine Ohren waren ein Ereignis. Den Ort eines Romangeschehens bezeichnete er als „Eroscenter des Geistes“. Der listige Schwabe bedient sich immer noch im Magazin der Verführungsrhetorik.
Du Stuttgarter Schwätzer, denkt Elena. In ihrer Phantasie fragt sich die TV-Nase gerade, woher sie die interessante Person am Nebentisch kennt.
So wirkt Elena nun mal. Von jeher. Auf beinah alle. Auch auf Bill Bazzuka. Seit den Tagen des kameradschaftlichen Wettpinkels der örtlichen Fischer- und Bauernsöhne stellt Bill Leuten nach. Während er die längste Zeit auf Stasi- Rechnung stalkte, verdient er nun an seinem Laster als Spion der Nord-Stream-Mafia. Die Stalinisten im Dunstkreis von Ex-HVA-Major Geronimo Mansfeld wissen Dinge, von denen keine Wessi auch nur das Leiseste ahnt. Die Sowjetunion so wie der ganze Ostblock existieren als tiefer KGB-Staatenbund fort. Ihre vollständige Restitution ist klandestines Staatsziel. Die westdeutsch-sozialdemokratische Wandel-durch-Handel-Macke wird perfide gegen den Klassenfeind eingesetzt.
Otfried Vrunt kreuzt auf. Der Bauunternehmer, Bürgermeister und Busenfreund von Geronimo Mansfeld dreht das große Rad am Bodden. Ich nenne das feudale Verhältnisse, und freue mich, wie gut es Elena gelingt, nichts davon mitzukriegen. Schon schlendert sie durch die Räume des Kunstvereins. Vor Wassili Nikolajewitsch Jakowlews Porträt des Marschalls der Sowjetunion Georgij Schukow zitiert sie den Kunsthistoriker Boris Groys: „Nach Stalins Tod und den Epochen der Ekstase (setzte) sofort eine allumfassende Langeweile ein.“
Die Ausstellung heißt „Traumfabrik Kommunismus“. Nach „Good Bye, Lenin“ kommt „Nackt für Stalin“. Elena hätte auch noch „Genosse Gott“ im Angebot.
„In Moskau aber erwartete der Diktator das Symbol des Sieges - so Stalin über Schukow. Ob er eigentlich das Reiten verlernt habe, fragte ihn Stalin, als sich Schukow bei ihm am 19. Juni meldete, Schukow verneinte. Stalin: Gut, Sie werden die Siegesparade abnehmen. Ich rate ihnen, nehmen Sie den Schimmel, den Ihnen Budjonny zeigen wird.
Schukow soll sich zunächst gesträubt haben, aber drei Minuten vor zehn Uhr am 24. Juni 1945 ritt er auf dem Roten Platz unter den Klängen von Glinkas Gloria-Marsch der Feier des Sieges entgegen - seines Sieges.“ Aus dem SPIEGEL vom 28.04. 1969
Von Brombeerranken durchzogenes Unterholz schließt den Garten des Künstlerhauses Johannes R. Becher zum Bodden ab.
Johannes R. Becher (1891 – 1958) gehört zu den widersprüchlichsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er war Expressionist, Kommunist, Antifaschist und DDR-Kulturminister. Er verfasste den Text der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“.
Das Gelände ist auf pflegeleicht getrimmt. Der Längssaum besteht aus Weiß- und Schlehdorn, Kartoffelrose und Berberitze. Ein paar Beete und Sträucher unterbrechen die Wiesenmonotonie. Dann gibt es noch eine Grill-Sitzecke in Gestalt einer Baumarktkomplettlösung. Das Arrangement ist weit und breit einmalig. Die von Berlinerinnen und Hamburgerinnen restaurierten Boddenhöfe links und rechts haben Obstgärten mit jeder Menge Kirschknorz und malerisch gebeugten Birken. Die Ernte, das Einkochen, Keltern und Brennen gehören für die Städterinnen zur Country-Side-Folklore.
Vor dem Haus erhebt sich der Rodelberg, auch unser Maulwurfhügel genannt. Auf halber Höhe steht Marek und winkt. Wie schön, denkt Elena.