Die Eisprinzessin – Turning Danger into Performance – Seelische Anthropophagie
Elena beobachtete Marek. Er lümmelte auf dem Sofa und schmökerte in einer zerlesenen Schwarte. Ein Machwerk aus dem Drehständer vor einem Bahnhofsdiscounter für Druckerzeugnisse. Ein Mittel gegen die Langeweile im Zug. Ein Gegenstand zur Überbrückung von Zeit, die sich nicht besser nutzen lässt. Ein Retortenthriller, der den Namen Reiselektüre nicht verdiente. Elena überraschte Mareks Genügsamkeit. Sie war beinah enttäuscht. Sich selbst erlaubte sie keine billige Belletristik. Jedes Buch musste dem Anspruch genügen, der sich in ihr als Heranwachsende eingenistet hatte. Sie war gewiss keine Intellektuelle, aber niveaulos war sie deshalb noch lange nicht.
Elena rief sich zur Ordnung. Vielleicht verbargen sich in dem Schund narrative Kleinode, die nur ein Genie zu heben wusste. Für die Kriminalbeamtin auf Abwegen stand außer Frage, dass der Bestsellerautor Marek Lorenz in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung war. Er war jedes Risiko wert, einschließlich der Zerstörung ihrer Ehe in der Konsequenz ihrer Untreue.
Da lag ein Mensch, der ihr Herz schneller schlagen ließ, einfach weil er atmete. Das Verlangen meldete sich. Sie hatte schon so oft Liebhaber abgewimmelt, weil es ihr zu viel geworden war. Aber mit Marek wurde es ihr nie zu viel. Der Sex mit ihm war alles Mögliche, auch ein Atemgebet. Gemeinsam folgten sie Stimmungen, ließen sich treiben, gerieten in Strudel, genossen die Leichtigkeit in einer angenehmen Strömung. Es war so viel und es war nie genug. Jeder Höhepunkt war ein Vorläufer. Die Orgasmen unterschieden sich in ihrer Intensität. Elena badete gern noch eine Weile in einem Abklingbecken der Lust, wenn die Ekstase vorbei war. Sexualität und Erotik waren Kraftquellen. Sie bedurften der Kultivierung. Sex und Qigong bildeten für Marek eine Einheit. Er war wirklich ein außergewöhnlicher Liebhaber. Außergewöhnlich versiert. Beschlagen. Das waren Begriffe, die Elena bis eben nie mit der körperlichen Liebe in Verbindung gebracht hatte. Elena war sich sicher, nie wieder einen Mann zu finden, der sie so vollständig in sich aufnehmen konnte.
„Ich will dich in mir spüren“, sagte sie.
Marek musterte sie unverschämt. Er verhehlte ihr seinen Spott nicht. Sein Grinsen empfand sie wie einen Schlag. Er beschämte sie und sie litt schlagartig furchtbar unter ihrer Scham. Gerade entbehrte sie vollkommen die Souveränität der bürgerlichen Person, die sie war. Gut gewachsen. Gut ausgebildet. Gut verheiratet. Ausgestattet mit einer guten Herkunftsgeschichte. Sie musste sich von niemandem etwas bieten lassen. Wenn Marek von ihr schon genug hatte, dann wollte sie ihm keine Minute länger zur Last fallen. Sie wollte aufstehen und grußlos gehen. Aber sie war wie eingefroren. Brettsteif. Unfähig sich auch nur zu rühren.
„So, so“, sagte Marek, „das willst du also. Mich in dir spüren. Man könnte es natürlich auch anders formulieren.“
Die Gemeinheit hatte eine beinah räumliche Konsistenz. Sie wirkte so intensiv wie ein zu dick aufgetragenes Parfüm.
Das will ich jetzt ganz bestimmt nicht mehr, wollte Elena entgegen. Sie bekam kein Wort heraus. Stumm und steif saß sie fest in ihrer Peinlichkeitsfalle. Sie dachte an die letzte Nachricht ihres Mannes. Elena hatte sie so ignoriert wie man einen unerwünschten Anruf wegdrückt, mit einem bösen, wenn auch lautlosen Kommentar. Jetzt bin ich dir plötzlich wieder wichtig, nach all den Gleichgültigkeiten der letzten Jahre. Ihre eigenen Gleichgültigkeiten und betrügerischen Liebesverirrungen waren ihr gerade entfallen.
Ich setze Jörgs Nachricht an diese Stelle:
Ich schreibe dir das in meiner Not. Ich entbehre dich, als könnte ich ohne dich nicht atmen. Du hast versprochen, gegen neun mit mir zu skypen. Ich fiebere dem Termin entgegen und verlasse mich auf deine Pünktlichkeit.
Elena hatte die Verabredung verstreichen lassen. Sie absichtlich vergessen; so wie sie in ihrer Kindheit und Jugend Unangenehmes aus dem Gedächtnis zu streichen gelernt hatte. Ein Achselzucken als Entschuldigung. Wieder und wieder war in dieser Weise ein Kelch an ihr vorbeigegangen. Man konnte ihrer Niedlichkeit einfach nicht böse sein. Niederträchtige Absichten mochte ihr niemand unterstellen. Doch jetzt war sie siebenunddreißig und Polizistin im gehobenen Dienst. Sie teilte mit Jörg gemeinsames Eigentum und das Schicksal der unfreiwilligen Kinderlosigkeit. Das war also alles nicht angemessen. Im nächsten Augenblick war nichts mehr übrig von Scham und Reue. Ich will euch das nicht ausmalen. Marek war ein Magier der infamen Sorte. Es fiel ihm leicht, Elena in seinen Armen vergessen zu lassen, wie fies er eben noch gewesen war.
„Meine Worte schwimmen auf tiefen Atemströmen zu dir, Liebster. - Wir liegen nach unseren Schwimmrunden tief atmend und herrlich erfrischt nebeneinander. Meine Finger spielen auf deinen Armen, du wendest dich zu mir, ich liebe deinen begehrenden Blick. Du beugst dich an mein Ohr und flüsterst mit unser Fickwort so unverschämt fordernd wie zärtlich zu, während du mein Bikinioberteil um den Nacken löst und meinen Busen freilegst. Deine Fingerspitzen wecken meine Knospen, wandern zu meiner Mitte und wecken den Puls, der meine Hüfte an dich drängen lässt. Meine Hand taucht in deine Badehose, mein warmer Herzschlag umhüllt deinen Schwanz und ich spüre deine Lust wachsen. Ein wellendes Willkommen benetzt deine Fingerspitzen in meiner Bikinihose. Ich drehe mich, du schiebst den Stoff zur Seite und beschenkst mich kurz darauf mit deinem Kommen. Die Sonne glitzert ungefiltert auf der Eder. Salzige Liebesperlen auf unseren Lippen.“ M.
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Die körperliche Vereinigung ist in der daoistischen Praxis kein Ziel. Sie ist ein Weg. Eine Kommunion der Energien. Kann man sein Qi bewusst auf den inneren Bahnen zirkulieren lassen, spricht man vom Öffnen des Mikrokosmischen Orbits. To open your body is the first. Im freien Fluss der Lebenskraft entsteht ein Gefühl von Wärme, Klarheit, oft auch von subtiler Lust. Einschlägige Erlebnisse stellen sich zunächst zufällig ein. Es geht darum, sie willkürlich herbeiführen zu können. Elenas erotischer Radius wächst in den immer besser ausgesteuerten Fusionen von Qi und Libido. Mit Marek genießt sie Sex in einer Weise wie noch mit keinem Mann zuvor. Ohne innere Widerstände erweitert sie (erweitert sich) ihr Repertoire. Ich dachte eben das Wort erotische Konfektionsgröße. Aber es passt gerade nirgendwo hin.