Turning Danger into Performance – Höhepunkte im Himmelreich der kosmischen Ekstase
Es verging kein Tag, an dem Aslan seinen Körper nicht abhärtete. Jederzeit hatte er einen Stock zur Hand, mit dem er seine Schienenbeine, seine Schenkel und seinen Brustkorb traktierte. Oft bat er Schüler, ihn so fest wie sie es nur vermochten zu schlagen, auch auf den Rücken und die Arme. Da er sich im Weiteren zu der Praxis nicht äußerte und Aiko auch nicht auf verschwiegenen Pfaden in diese Richtung führte, zügelte sie ihre Neugier und verkniff sich jede Frage. In ihrer Wahrnehmung gab es Aslan in zwei Versionen. Sie kannte ihn als offenherzigen und großzügigen Menschen sowie als unvergleichlichen, ja geradezu magischen Liebhaber, der Aiko Wonnen schenkte wie noch kein Mann vor ihm; mehr noch, der sie Höhepunkte im Himmelreich der kosmischen Ekstase erleben ließ. Es gab ihn aber auch noch ganz anders – verschlossen und missmutig. Doch war Aiko sich selbst gegenüber ehrlich genug, um sich nicht zu verhehlen, dass sie der mysteriöse Aslan mit seinem orientalischen Klan-Kult faszinierte - und auch erregte.
Seit ein paar Wochen konditionierte sich Aiko heimlich mit einem chinesischen Kampfstock. Wenn auch nicht heimlich genug. Eines Nachmittags ertappte sie Aslan. Er näherte sich lautlos. Aiko bemerkte ihn erst, als er sie ansprach.
„Aiko, im China der kaiserlichen Dynastien erachtete man den Gun als Vater sämtlicher Kampfkünste. Er ist kein Werkzeug der Gewalt; vielmehr ist er eine Verlängerung deines Atems. Lerne, mit dem Wind zu tanzen, nicht gegen ihn.“
Aslon nahm der Novizin den Stock ab und führte ihn in fließenden Bewegungen, großen Kreisbahnen und unfassbar schnellen Wirbeln.
„Das ist Shaolin Da Gun - die große Form“, erklärte er. „Wenn ich mich mit dem Stock erziehe, geschieht es in Liebe zur Form. Ich malträtiere mich nicht. Ich schöpfe mich aus und vergrößere mein energetisches Volumen. Das hat nichts Selbstverletzendes. Das ist keine Hornhaut, die ich hege wie einen Steingarten. Du darfst mir nicht vorgreifen, wenn du meine Schülerin bleiben willst.“
Aiko war erschrocken, ob der Eindringlichkeit, die Aslan nötig fand. Ein tiefer Kummer erfasste sie. Sie wollte sich entschuldigen, allein ihr fehlten die Worte. Sie war so froh, dass Aslan von allen weiteren Belehrungen absah und sie in einer gemeinsamen Meditation erlöste. Später präsentierte er einen Gun aus der Bodhidharma-Ära. Der indische Mönch gilt als Begründer der Shaolin-Kampfkunst im Wege der Yi Jin Jing - der Muskel- und Sehnentransformation. Der Khan besaß auch einen Gun aus dem Arsenal von Zhi Yuan, einem zum Anführer befähigten Kriegermönch der Ming-Zeit. Schon am nächsten Tag setzte er den Stock-Unterricht fort. Er präsentierte Alisa einen antiken japanischen Kampfstock von sagenhaftem Wert. Bōjutsu ist das japanische Wort für Stockkampf.
„Der Bō ist bescheiden, doch wandlungsfähig. Es geht um Distanzkontrolle. Wer den Abstand bestimmt, entscheidet über den Schaden.“
Aslan zählte zu den Adepten der Shintō Musō-ryū-Schule. Er erzählte Aiko mit den Mitteln des Stocks eine Geschichte. Sie handelte von einem Mönch, der den landauf, landab als Schwertkämpfer gefürchteten Schergen eines Tyrannen bezwingt. Die Essenz des Lehrstücks lautete: klug gesetzte Winkel, Tempowechsel und ein klarer Geist bieten mehr Stärke als eine martialische Bewaffnung.
„Die Kraft liegt im Moment der Entscheidung.“
Da war sie wieder - die absolute Geistesgegenwärtigkeit. Aiko war so hingerissen von ihrem Meister, dass sie kaum das Ende der Stunde abwarten konnte. Aslan genoss die hochschäumende Leidenschaft seiner Schülerin. Er trieb sie über jeden Punkt beherrschbarer Lust …